Evan Mahaney
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Gantar
Wie immer erschienen sie wie durch Zauberei, und das ausgerechnet am ersten Tag nach meinem ersten Versuch jemandem zu helfen, der noch nie zuvor Computer verwendet hatte. Es war der forsche Mr. Snyde, der nach meinem einleitenden Kommentar erklärte: "Und ich wette, sie war es, die den Computer aufgesetzt hatte." Plötzlich erkannte ich, dass die Leprechauns alles über das Thema Computer-Neulinge wussten. Ich sagte, ja, genau so war es, sie hatte den Computer zusammengebaut und die Software installiert. Sie konnte Bilder ihres Enkerls betrachten und E-Mail mit ihrer Familie austauschen.
Mr. Snyde fuhr fort: "Ich hoffe, Ihr habt nicht versucht, der Nachbarin etwas beizubringen, was über das simple Verschicken von E-Mail hinausgeht. Und ich hoffe auch, Ihr habt leicht verständliche Instruktionen für sie aufgeschrieben." Mein schuldbewusster Gesichtsausdruck verriet mich - ich brauchte gar nichts zu erwidern.
Die gutmütige Frau Short, die wegen des rechtzeitigen Ausstiegs aus ihren Wertpapieren in Bestlaune war, erklärte mir den Fall: "O Feinschmecker der Basler Leckerli, Ihr hättet Euch schon die Zeit nehmen sollen, alles genau aufzuschreiben. Natürlich nicht in der Art und Weise, wie so etwas in den Online-Hilfen erklärt wird. Schreibt jeden Schritt auf, der für das Verfassen und Versenden einer E-Mail notwendig ist. Geht die Instruktionen einzeln durch. Ihr werdet zwei Dinge beobachten. Nummer Eins - wieviele Schritte braucht es genau, um mit der Maus und der Tastatur etwas auszuführen, was Ihr als 'watscheneinfach' bezeichnen würdet. Nummer Zwei: Wie schrecklich kompliziert Ihr Menschen den Computer erschaffen habt. Eure ältere Nachbarin hat ganz recht: Der übliche PC, oder sogar Mac, ist ein sehr kompliziertes Gerät und sehr schwierig zu meistern."
Ich kommentierte, dass bei der massiven Ansammlung an Superhirnen in der Computerindustrie doch wohl ein Weg zu finden sein müsste, das Monster zu zähmen. Frau Short räumte ein, dass "mehr und mehr Software-Entwickler sogenannte 'Assistenten' schaffen". Sie hatte die Vision von drei verschiedenen Assistenten - einen für Anfänger, einen für Fortgeschrittene und einen für Profis, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte und Möglichkeiten bieten würden. "Das Problem", erklärte Frau Short, "ist, dass so viele Assistenten notwendig sind, dass man auch bei so einer Lösung schnell den Überblick verlieren wird."
Aus der Gegend der "NumLock"-Taste hörte man herzhaftes Lachen. Es kam von meinem Lieblingsleprechaun, Mister Contrarian. "Ich sehe es jetzt deutlich vor mir - und das solltet Ihr Euren Lesern wirklich nicht vorenthalten - eine Schlagzeile im Monitor: 'Das Comeback der Menüs'. Worüber Ihr hier sprecht, ist nichts anderes als das gute altmodische Menü. Ihr erinnert Euch doch an die Prä-Windows-Tage, als jede Applikation ihre eigene Benutzerschnittstelle hatte. Und wenn man auf einen Menüpunkt klickte, erschien ein weiteres Menü mit noch mehr Menüpunkten. Es war richtig lustig, sich durch die vielen Menüs zu arbeiten, um etwas zu erledigen."
Dann plusterte sich Mister Contrarian ein wenig auf, ein untrügliches Zeichen dafür, dass jetzt gleich eine Prophezeiung käme. "Tatsächlich ist es so, dass es durchaus zu einem Problem werden könnte, den Computer für jedermann leicht nutzbar zu machen. Die Baby Boomer altern schnell und zuverlässig, und jene unter ihnen, die den Anschluss bisher verpasst haben, werden sich in Zukunft überfordert fühlen. Daher sage ich voraus, dass hochspezialisierte Menü-gesteuerte Schnittstellen geschaffen werden müssen, die jemanden buchstäblich an der Hand nehmen und durch ein Projekt geleiten: E-Mail, Briefe schreiben, derlei Dinge. Anders wird es nicht gehen."
Microsoft reißt sich ein weiteres Monopol unter den Nagel
Auf der F1-Taste sitzend meldete sich ein weiterer geschätzter Leprechaun zu Wort, die liebe Frau Süß: "Wie ich sehe, O Kenner der deutschen Neet-Waffeln, testet Ihr gerade die Betaversionen von Office XP und Windows XP." Ich nickte zustimmend - offenbar war sie in meinem Computer Tauchen gewesen und hatte das System gescannt.
Frau Süß lächelte verschwörerisch und sagte: "Ihr wisst natürlich, dass Ihr einem weiteren Microsoft-Monopol Vorschub leistet?" Ich erinnerte mich plötzlich, dass Frau Süß und einige andere Leprechauns 1995, also kurz nachdem Microsoft Office ein ernstzunehmender Marketing-Faktor geworden war, vorhergesagt hatten, dass Microsoft Office praktisch ein eigenes Betriebssystem werden würde, genauso mächtig wie Windows selbst.
Frau Süß konnte nicht nur meinen Computer scannen, sondern auch meine Gedanken. Sie nickte heftig mit dem Kopf und sagte: "Ihr erinnert Euch also? Nun, XP macht unsere Hypothese zur Tatsache. Tatsächlich haben wir mehrere Computer besucht, die Office in einem Corporate Environment, in kleinen Firmen oder für den Hausgebrauch fahren. Es ist überall die selbe Geschichte: Würde man ihnen Microsoft Office wegnehmen, bräche die Geschäftswelt zusammen."
"Folgendes ist passiert. Die einzelnen Pakete der Office Suite sind so integriert und so abhängig voneinander, dass keines davon für die anderen entbehrlich ist. Würde man zum Beispiel Excel wegnehmen, würde das gesamte Projekt, an dem man arbeitet, augenblicklich zum Stillstand kommen. Noch furchterregender als bisher ist, dass die neue Version von XP bewusst das Internet miteinbezieht."
Diese Idee ließ mich kaum merklich zusammenzucken, aber Frau Süß konnte sehen, wie über meinem Kopf ein Licht aufging: Microsoft hatte das Internet sehr eng mit einem Office Web verwoben, dass bald rund um die Welt genutzt werden würde. Dieses Vorgehen wird die Welt Microsoft noch mehr ausliefern - Office wird zum zentralen "Betriebssystem" und rückt Windows aus dem Zentrum des Geschehens.
Mir kam der Gedanke, XP wieder zu löschen und meine Arbeiten wie bisher ohne Office zu verrichten. Mir dämmerte, dass das nicht mehr möglich war. Ich hatte bereits zu viel in die Möglichkeiten und in die fabelhafte Integration investiert, die Office bietet - speziell in die Integration des Internet in Office. Mit Beginn von Office 95 war das Ausmaß dieser Integration verblüffend, aber sechs Jahre später konnte ich sehen, dass Microsoft sie so weit getrieben hatte, dass es praktisch unmöglich geworden ist, Microsoft Office zugunsten von beispielsweise Corel Office zu kübeln.
Frau Süß hatte - schon wieder - meine Gedanken gelesen. "Ihr seht", sagte sie sanft, "Microsoft fürchtet sich vor gar nichts. Sie wurden bereits schuldig gesprochen, ihren Internet Explorer mit Windows zu bündeln - jetzt gehen sich dazu über, das Internet in Word, Excel, Access und alle anderen ihrer Applikationen zu bundlen. Es gibt jetzt zwei Betriebssysteme, die unter die Definition 'Monopol' fallen."
Mister Snyde ergriff das Wort: "Für uns ist es Zeit zu gehen. Wir lassen Euch mit einem Denkanstoß zurück - das Leben ist zyklisch, oder doch nicht?" Und so schnell sie gekommen waren, so schnell waren die Leprechauns verschwunden. Natürlich hatten sie wieder ihre Liste mit Phrasen und ihren Übersetzungen zurückgelassen.
Phrasen, die übersetzt werden müssen
Das Zitat: "Wir sind entschlossen, Firmen- und Vertriebspartnerschaften für Unternehmen wie AltaVista auszubauen, um Geschäftsbeziehungen zu haben, die für sichere und nachhaltige Erträge sorgen."
Die Umstände: CMGI ist die Muttergesellschaft von AltaVista. Ein Sprecher der Firma machte dieses Statement als Antwort auf die Frage, ob AltaVista zu verkaufen sei. CMGI ist eine Holding mit mehreren E-Business-Firmen im Portfolio und sucht Cash und Liquidität.
Die Übersetzung: Wir würden AltaVista sofort für Cash an jemanden mit Cash verkaufen.
Das Zitat: "DirectHit bietet relevante Suchergebnisse und stetige Erträge. Wir suchen nach der perfekten Balance zwischen Relevanz und Monetarisierung."
Die Umstände: Joshua Stylman, Vizepräsident für Syndication and Partnerships für die Suchmaschine Ask Jeeves verlautbart, dass man bei Ask Jeeves jetzt bezahlte Suchergebnisse schalten kann.
Die Übersetzung: "Geld her, was wir unter Relevanz verstehen, klären wir später."
Das Zitat: "Setup könnte einfacher sein, speziell wegen neuer Benutzer."
Die Umstände: "Der letzte Satz in einer 55-wortigen Besprechung der Philips ToUcam Pro Web-Cam, im PC Magazin vom 8. Mai.
Die Übersetzung: Falls Sie ein neuer Benutzer sind, müssen Sie wahrscheinlich ihren freundlichen und technisch versierten Nachbarn besuchen, um das komplizierte Teil in Betrieb zu nehmen.
Das Zitat: "In Zeiten des rasanten Wachstums sind wir noch schneller gewachsen als der Rest der Industrie. Im heutigen nachgebenden Markt wachsen wir immer noch. Es gibt Nachfrage nach unseren Produkten. Aber im Augenblick kann niemand genau sagen, was die Zukunft bringen wird. Service Provider geben ihr Geld sehr vorisichtig aus."
Die Umstände: Juniper Networks' CEO Scott Kriens verlautbart, dass Juniper sein Ziel für dieses Quartal erreicht hat, für das nächste Quartal aber sehr konservativ ist.
Die Übersetzung: In einem Markt wie diesem sind wir froh, überhaupt noch zu leben. Wir sind sehr sehr vorsichtig beim Planen des Morgen und Übermorgen. Wir wollen weiterleben.
Das Zitat: "Da gibt es keine Ausreden. Wir sollten das ernst nehmen. Wir haben unsere Hausübungen nicht gemacht."
Die Umstände: Apples CEO Steve Jobs räumt ein, dass die Beschwerde beim jährlichen Meeting, dass Apple keine Frauen im Vorstand hat und auch keine Angehörigen von Minderheiten zutrifft.
Die Übersetzung: Das ist wirklich peinlich. Sie können Ihren letzten Dollar darauf verwetten, dass wir beim nächsten jährlichen Meeting Frauen und Angehörige von Minderheiten im Vorstand haben werden.




1/2012
8/2011
7/2011


Mag. Christoph Weiss, i2s consulting, Leiter Büro Österreich: Magister und Textil-Fachingenieur. Führungserfahrung als IT-Leiter im Bereich technischer Grosshandel. Mehrfach Linien- verantwortlicher für ERP-Einführungen. Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Technikum Wien. Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft für Datenverarbeitung (ADV) 