Evan Mahaney
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Gantar
Es war der urbane Gutmensch Mister Cavalier, der mir folgende Information steckte: "Die Marketingfuzzis zittern wie Espenlaub weil sie den Kontakt zur sogenannten jungen Generation verloren haben. Um diese jungen Menschen zu erreichen werden Milliarden ausgegeben, und jetzt stellt sich heraus, dass das viele Geld zum Fenster hinausgeworfen ist."
Ich ließ Mister Cavalier wissen, dass nun wohl einige Jobs im Marketingbereich auf sehr wackeligem Posten stünden. "Das stimmt zwar", antwortete er, "aber..." Diese Phrase höre ich von Leprechauns öfter bevor sie eben Gesagtem widersprechen.
"Ihr seht, O Feinschmecker der Gewürzplätzchen, dass, obwohl die CEOs und Top-Manager sich wegen der Situation große Sorgen machen, es wohl nicht das Marketing ist, das die Schuld trägt. Das Blatt hat sich vollständig gewendet, und es gibt einen gewaltigen Widerspruch in den Studien, die gerade erschienen sind. Ich liebe Marketingleute - sie leben von Studien und Erhebungen. Sie wissen, wie man die Ziffern bis hin zur letzten Dezimalstelle lesen muss. Aber die letzte Studie von Forrester Research, die auf mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen basiert, zeigt, dass man die jungen Leute in ihrem Lieblingsmedium am schlechtesten erreicht - und das ist das Internet."
"Ihr kennt doch diese Banner-Ads, über die Ihr Euch laufend beschwert? Die haben sich jetzt als die am wenigsten vertrauenswürdige Form der Werbung unter jungen Leuten herausgestellt. Nur 13 Prozent aller Jugendlichen trauen ihnen, sagt Forrester (http://www.forrester.com/Home/) . Darüber hinaus gibt es keine Relation zwischen den Marken, denen sie trauen und wie sie deren Websites betrachten. Beispielsweise ist der unter Kindern am beliebteste Markenname Coca-Cola. Sie gehen aber nur selten zur Coca-Cola-Website. Es gibt dort so gut wie keinen Traffic von Kids. Umgekehrt lieben sie die Website von America Online, aber ihre Bereitschaft, dort einzukaufen oder AOL auch nur zu vertrauen, ist so gut wie Null."
Mit einem trockenen Lächeln auf seinem Gesicht - was auf Schadenfreude über das Leiden anderer hindeutet - schloss Mister Cavalier: "Unsere lieben Freunde in der Werbebranche werden also in naher Zukunft ein paar schlaflose Nächte haben, um herauszufinden, warum sie die junge Generation nicht in ihre Krallen bekommen. Seid darauf gefasst, dass Ihr in nächster Zeit merkwürdige Einschaltungen bemerken werdet, wenn die Werbeleute versuchen, über Plakate, Zeitungen, Radio und Fernsehen - aber nicht das Internet - die Aufmerksamkeit der 14-22jährigen auf sich zu ziehen, die sie im Augenblick völlig verloren haben."
Dankbarkeit erfüllte mich, als Frau Schaum, unsere überschäumende und immer fröhliche Leprechaunin, das Thema abrupt wechselte. "Das lange Warten auf deutlich schnellere Computer hat vielleicht bald ein Ende. Ich rede hier nicht über geringe Steigerung der Megahertz, die wir jetzt schon seit einigen Jahren beobachten. Ich spreche über eine bahnbrechende Neuerung, Supercomputer in relativ kleinem Gehäuse." Sie sah uns erwartungsvoll an. Frau Schaum genießt Aufmerksamkeit sehr.
Schließlich war ich es, der nachhakte und nach Details fragte. War dieser wunderbare neue Computer Realität oder gab es ihn bloß als Entwurf auf einem Reißbrett?
"Oh, er ist sehr real", sagte Frau Schaum. "Tatsächlich wird er gerade vom Langley Research Center getestet - eines der vielen Laboratorien der NASA. Gleich die nächsten in der Warteschlange sind das San Diego Supercomputer Center und das Department of Defense, deren Labors den neuen Durchbruch prüfen werden."
Sie machte wieder eine Pause, und ich fühlte mich, als müsse ich einen Brunnen bohren, um mehr aus ihr herauszubekommen. Schließlich, nach Schnorren von noch mehr Rampenlicht, fuhr Frau Schaum fort. "Alle News, die man bereit ist, herzugeben, liegen auf der Website von Star Bridge Systems, Inc. Sie haben diesen Computer gebaut, wollen aber noch ein wenig leisetreten. Das bedeutet, dass die Kosten für den neuen Computer für Normalverbraucher nicht erschwinglich sind, nicht einmal für große Firmen." Frau Schaum machte eine dramatische Pause und fügte dann ein effektheischendes "noch nicht" hinzu.
Die erwähnte Website (http://www.starbridgesystems.com/) bietet wirklich alle Information und ist wirklich verblüffend. Dort steht, wie Star Bridge ihre neuen Computer definiert: "Die Hypercomputersysteme evolvieren in massiv parallele, rekonfigurierbare, durch Dritthersteller programmierbare, eng gekoppelte, linear skalierbare, weiter evolvierbare, asymmetrische Multiprozessoren, die bedeutende Leistungsgewinne, Einsparungen beim Design, mehr Flexibilität, geringeren Stromverbrauch, mehr Zuverlässigkeit, geringere Kosten und mehr Benutzerfreundlichkeit bieten."
Frau Schaum tummelte sich, zu erklären: "Die Computer haben keine CPU. Was diese Leute in Midvale in Utah geschafft haben, ist, die traditionellen CPUs durch spezielle Chips zu ersetzen, die sich Hunderte oder sogar Tausende mal pro Sekunde umkonfigurieren können." Sie wiederholte es: "Hunderte oder sogar Tausende mal pro Sekunde. Das ist das Geheimnis."
"Das System, das gerade getestet wird, heißt HAL-15." erklärte Frau Schaum, und sie lächelte bei "HAL". "Ihr erinnert Euch doch, O Kenner des Käsekuchens, an den Computer HAL in Odysse im Weltraum 2001? Nun, Star Bridge spielt auf sein Image an und gibt HAL als das Acronym von Hyper Algorithmic Logic an. Und natürlich braucht man da auch eine Nummer, wie etwa HAL-15." Wieder machte sie eine dramatische Pause, und fügte dann hinzu: "Und es ist ein Desktop Computer".
Ich sah mir die Website natürlich sofort an - HAL-15 ist wirklich ein Desktop Computer. Er ist 30 cm hoch, 15 cm breit und 45 cm lang. "Hab ich's nicht gesagt?" triumphierte Frau Schaum.
Die Website nennt natürlich keinen Preis. Aber ich stimmte Frau Schaum zu, die kommentierte: "Die Wahrheit ist, es gibt da keine Komponenten, die hohe Preise lange rechtfertigen können. Die ersten Exemplare werden sehr teuer. Irgendwann aber werden diese Supercomputer ein Massenprodukt. Ich prophezeie das für innerhalb der nächsten 18 Monate."
Ich teilte Frau Schaum mit, dass ich mir eine Notiz in meinen Kalender für 2003 machen würde, um die Qualität ihrer Vorhersage zu prüfen. Sie lächelte verschwörerisch und verschwand mit dem Rest der Leprechauns, die unsere üblichen übersetzten Phrasen zurückließen. Sie rücken Microsoft wieder einmal in ein schlechtes Licht - aber das machen die Leprechauns nun einmal gern - den 800-Pfund-Gorilla zu necken und zu reizen.
Phrasen, die übersetzt werden müssen
Das Zitat: "Die Konsumenten müssen sich darüber im Klaren sein, dass diese Software keine offizielle ist und wahrscheinlich nach der Installation Probleme machen wird."
Die Umstände: Microsofts Lisa Gurry, Product Manager für Office, gibt zu, dass ein Hacker zwei VeriSign-Zertifikate gestohlen hatte. Die Hacker konnten dann als Microsoft Corp. unterzeichnen und eine Beta-Version von XP aufs UseNet stellen, die leichter zu installieren und zu aktivieren war als Microsofts eigene Beta-Version.
Die Übersetzung: Wer eine Gratis-Version des XP Betas hat, hat das wirkliche XP Beta. Wir hoffen, dass diese Leute Probleme damit haben, aber wahrscheinlich wird sich diese Hoffnung nicht erfüllen.
Das Zitat: "In dieses Business kann man nicht halbherzig einsteigen. Man muss sich ihm mit aller Kraft widmen."
Die Umstände: Microsofts CEO Bill Gates kommentiert die Kosten für das heuer kommende Debüt der Xbox. Microsoft hat es geschafft, durch sanften Druck 11 Sega-Spiele zusammen mit der Xbox herauszubringen.
Die Übersetzung: Wer sich durch muskulöse Ellbogen in einen 10-Milliarden-Dollar-Markt arbeiten will, kann ruhig die eine oder andere Milliarde investieren.
Das Zitat: " Das ist sogar für uns eine große Investition."
Die Umstände: Noch einmal Bill Gates, in einem Kommentar über die 500 Millionen Dollar Werbeausgaben, die für das erste Jahr des Xbox-Feldzugs budgetiert sind. Ab August wird sie gegen Sonys Play Station 2 ins Feld geschickt.
Die Übersetzung: Hier eine halbe Milliarde, da eine halbe Milliarde - sogar für uns läppern sich langsam nennenswerte Beträge zusammen.
Das Zitat: "Wir kennen Organic und arbeiten seit Jahren mit ihnen zusammen. Wir reden mit sehr vielen Leuten, weil in diesen Tagen sehr viele Leute mit uns reden wollen."
Die Umstände: BBDO Chairman und Chief Executive Allen Rosenshine bei der Erörterung der Hoffnung seiner Agentur, eine strategische Allianz mit der beinahe bankrotten Organic auszuarbeiten. Organic ist eine Internet Consulting-Firma, deren Aktie von 38.5 Dollar letzten März auf 50 Cents gefallen ist.
Die Übersetzung: Wir wollen Deine Fachkenntnis - und wenn wir sie nicht über eine strategische Partnerschaft bekommen, kaufen wir Dich einfach.




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Christian Henner-Fehr schreibt als freier Autor für den MONITOR und arbeitet als Trainer und Berater in den Bereichen Projektmanagement und Kommunikation. Sein Interesse gilt dem Web 2.0 und den Einsatzmöglichkeiten von Social Media in Organisationen und Unternehmen. 