Die Hoffnung vieler Politiker auf einen Geldregen für den Staatshaushalt wurden Anfang November zerstört: Die Versteigerung der UMTS-Lizenzen (Universal Mobile Telecommunications System) in Österreich brachte "nur" 11,443 Mrd. Schilling (832 Mill. Euro). Im Vergleich zu den Auktionen in anderen Ländern ein eher bescheidenes Ergebnis. Für die erfolgreichen Bieter (Mobilkom Austria, max.mobil, Mannesmann, Connect Austria, Hutchison, 3G Mobile) sind die erworbenen Frequenzpakete trotzdem keine preiswerten Schnäppchen. Denn zusätzlich zu den Lizenzgebühren müssen die Unternehmen für die neue Mobilfunkgeneration jeweils mehrere Milliarden Euro investieren, um die erforderliche Infrastruktur aufzubauen.
Da sich an diesen Ausgaben nichts ändern lässt, wird zur Reduzierung der Gesamtkosten vor allem nach Möglichkeiten zur Senkung der laufenden Betriebsaufwendungen gesucht. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist dabei das Konfigurationsmanagement. Schon heute gibt es in den großen Mobilfunknetzen täglich mehrere tausend Änderungen. Die rapide wachsenden Teilnehmerzahlen, zusätzliche Services und neue Abrechenmodelle erfordern ständige Neukonfigurationen auf den verschiedenen Netzebenen.
"Mit der Hand und einfachen Hilfsmitteln ist das auf Dauer nicht mehr zu schaffen", weiß Manfred Mackert, Leiter OSS Consulting im Geschäftsfeld Telco der deutschen Bull GmbH in Langen. Denn konsistente Änderungen der Netzparameter sind heute sehr zeitaufwendig und oft fehlerbehaftet. Die Folge sind unter anderem Verbindungsabbrüche, über die vor allem Mobilfunkkunden, die ihr Handy häufig im Auto oder im Zug nutzen, klagen. Zu solchen Verbindungsabbrüchen kommt es meistens, wenn der Teilnehmer von der Reichweite einer Basisstation in die einer anderen wechselt.
Die heutigen Mobilfunknetze nach dem GSM-Standard (Global System for Mobile Communications) sind hierarchisch gegliedert und integrieren verschiedene Netzelemente: Die Handys - Mobile Stations (MS) - kommunizieren mit den Funkstationen, den sogenannten "Base Transceiver Stations" (BTS). Eine Basisstation hat dabei eine theoretische Reichweite von maximal 37,8 Kilometer, entsprechend dem Radius einer Funkzelle. In der Praxis werden jedoch durch geeignete Konfiguration insbesondere in Ballungsräumen Zellen mit kleineren Radien realisiert. Denn eine Vielzahl kleinerer Zellen kann mehr Endgeräte versorgen, als wenige große Zellen.
Wenn ein Mobiltelefonierer ein Gespräch führt und sich gleichzeitig von einem Funkzellenbereich in den anderen bewegt, wird das Gespräch normalerweise automatisch an die nächste Basisstation übergeben ("Hand-over"), so dass die Gesprächsteilnehmer von dem Wechsel nichts merken und ohne Unterbrechung weiter sprechen bzw. hören können. Doch keine Regel ohne Ausnahmen. Und so ist gerade bei diesem Hand-over die Störanfälligkeit besonders hoch, da beispielsweise jede Frequenzveränderung in einer der mehreren zehntausend Funkzellen auch entsprechende Umkonfigurationen der Nachbarzellen berücksichtigen muss, damit ein laufendes Telefongespräch beim Wechsel von Zellen ohne Abbruch der Verbindung weitergegeben werden kann. Angesichts dieser Komplexität sind alle Netzbetreiber an der Schaffung eines möglichst durchgängigen automatisierten Workflows interessiert, der von der Konsistenzprüfung ihrer Planungsdaten bis zur Einbringung der Konfiguration in die einzelnen Netzelemente reicht. Mackert: "Die Automation der Arbeitsabläufe verbessert die Dienst-Qualität -und stellt damit ein wirksames Element für die Kundenbindung dar".
Unterschiedliche Technologie erhöht die Komplexität
Da die GSM-Netze meist nicht nur mit der Technologie eines einzigen Herstellers realisiert werden, erhöht sich die Komplexität für eine konsistente Parametrierung der Netzelemente weiter. "Im T-D1-Netz sind im Funkbereich bereits heute drei verschiedenen Lieferanten eingesetzt, um im weiteren Ausbau die Typenvielfalt der verschiedenen Hersteller möglichst flexibel nutzen zu können", berichtet beispielsweise Michael Berberich, Projektleiter bei T-Mobil, der deutschen Schwestergesellschaft des österreichischen Netzbetreibers max.mobil. Bei den anderen Mobilfunkcarrierern ist die Situation ähnlich. Und jeder Hersteller liefert zu seiner Hardware ein eigenes Überwachungssystem mit - den so genannten "NE-Manager". Um die Konsistenz der Hand-over-Parameter in einer solchen Multivendor-Umgebung sicherzustellen, gibt es bisher kein lieferantenübergreifendes Produkt. Deshalb müssen die Netzbetreiber dieses Manko mit einem hohen Personaleinsatz und zusätzlichen Applikationen ausgleichen.
Mit dem Aufbau der neuen High-Speed-Mobilfunknetze der dritten Generation auf Basis des UMTS-Standards wird sich diese Problematik weiter verschärfen. Denn die Unternehmen werden ihre neuen UMTS-Netze zunächst in den Ballungsgebieten aufbauen und das GSM-Netz wird in den nächsten Jahren auch weiterhin funken, so dass über viele Jahre eine parallele Infrastruktur betrieben werden muss. Das bedeutet, dass der Mobilfunkkunde beispielsweise im Großraum der Stadt Innsbruck vermutlich schon in ein bis zwei Jahren die schnelle Multimedia-Datenübertragung des neuen Standards nutzen kann. Fährt er jedoch weiter in die Stubaier oder Tuxer Alpen, wird sich sein UMTS-Handy automatisch auf die GSM-Übertragung umstellen, die jedoch dann dank neuer Techniken wie GPRS wesentlich höhere Übertragungsdaten als heute ermöglicht. Dafür ist ein Hand-over von den GSM- auf die UMTS-Funkzellen notwendig. Da bei deren Aufbau voraussichtlich ebenfalls Technologie unterschiedlicher Hersteller zum Einsatz kommt, wird das Gesamtsystem immer komplexer.
Ziel ist die Automatisierung des Workflow
Um das Konfigurationsmanagement dieser komplexen Multivendor-Netzinfrastruktur zu vereinfachen und zu automatisieren, wäre eine Applikation mit einer direkten Schnittstelle zu den "Netzelementmanagern" der verschiedenen Lieferanten wünschenswert. Mannesmann Mobilfunk, Düsseldorf startete deshalb Anfang des Jahres im Rahmen des TeleManagement Forum (TMF) eine entsprechende Initiative, die auch von T-Mobil und Orange unterstützt wird. An diesem sogenannten Catalyst-Projekt "Mobile Common Configuration Management" (MCCM) sind neben den drei Carriern, die Systemintegratoren Bull, PSI und Compaq Computers, die Softwarehersteller Cramer Systems, Evidian und ILOG sowie die Techniklieferanten Ericsson Radio, Motorola, Nokia Networks und Siemens Information and Communication Networks (ICN) sowie in Phase 2 des Projektes auch Alcatel SA und Lucent Technologies beteiligt.
Das TeleManagement Forum wurde 1988 als globales Gremium für Fest- und Mobilnetzbetreiber sowie Ausrüster gegründet, um praktikable Lösungen zur Unterstützung der im Alltag der Telekommunikationsgesellschaften relevanten Geschäftsprozesse zu entwickeln. Ziel sind integrierte Operations-Support-Systeme (OSS) und eine Automatisierung der Kernprozesse der Netzbetreiber auf Basis von allgemein anerkannten Standards. Die Mitgliederliste des TeleManagement Forum liest sich - von A wie Alcatel bis Z wie Zaffire Inc. - wie das Who's Who der weltweiten Telekombranche. Viele Service Provider, alle großen Techniklieferanten, Universitäten und zahlreiche Unternehmensberatungen, Systemintegratoren und Softwarefirmen sind dabei. "Wir arbeiten als Systemintegrator aktiv im TMF mit, weil wir in den Diskussionen mit Netzbetreibern und Lieferanten sehr viel über die Bedürfnisse unserer Kunden lernen und durch die frühzeitige Beschäftigung mit den Themen natürlich auch einen Wettbewerbsvorteil haben", unterstreicht Jürgen Hien, Leiter der Division Consulting und Systemintegration von Bull-Zentraleuropa in Langen.
Im MCCM-Projekt hat der Dienstleister den "Development Lead" übernommen und bezieht Mitarbeiter aus Frankreich, Italien und Deutschland in dessen praktische Tätigkeit ein. Um die Funktionsfähigkeit der zu entwickelnden gemeinsamen Konfigurationsmanagement-Lösung zu demonstrieren, wurden verschiedene Business-Szenarios festgelegt. So etwa die Installation neuer Basisstationen und die Einrichtung der erforderlichen Nachbarschaftsbeziehungen zwischen GSM- und UMTS-Zellen. Oder die Veränderung des Frequenzplans mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Dienstebereitstellung. "Anhand dieser Szenarien kann dann getestet werden, ob die gefundene Lösung auch tatsächlich zur Zufriedenheit aller Beteiligten funktioniert", erläutert Hien. Denn erklärtes Ziel sei nicht die Erarbeitung von bloßen Spezifikationen auf dem Papier, sondern die Vorstellung von getesteten Prototypen als sogenannter "Proof of Concept". Der Marketingaspekt ist deshalb bei den Catalyst-Projekten sehr wichtig, denn die vereinbarten Standards müssen einer breiten Branchenöffentlichkeit nahe gebracht werden. Auf der "TeleManagement World" (TMW) fand darum auch eine Präsentation der Ergebnisse der ersten Projektphase statt, der Abschluss ist dann für die TMW im Mai 2001 in Nizza vorgesehen.
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Proprietäre Lösungen sind nicht gefragt
Ohne gemeinsame Standards und eine offene Systemlandschaft kann heute - angesichts der kurzen Time-to-Market-Spannen und enormen Investitionen - die gesamte Informations- und Kommunikationstechnikbranche nicht mehr existieren. Bestes Beispiel ist die IMT2000-Norm der International Telecommunications Union (ITU), in der die Anforderungen an ein Netz für die dritte Mobilfunkgeneration festgelegt sind und an der sich auch der europäische UMTS-Standard orientiert. Ziel war es, ein System zu definieren, das sich Schritt für Schritt zu einem einheitlichen weltweiten Netz entwickelt. Für die Carrier ist die Integration von UMTS in die bereits existierenden Mobilfunknetze der zweiten Generation eine der zentralen Herausforderungen der nächsten Jahre. Um die Übertragungsqualität zu sichern und in Zukunft nicht deutlich mehr Personal für das Netzwerkmanagement beschäftigen zu müssen, ist die Schaffung einer Common-Configuration-Management-Architektur, von Objektmodellen mit entsprechenden Attributen und standardisierten Schnittstellen unerlässlich. Auf der Basis des gemeinsam festgelegten einheitlichen Datenmodells, der standardisierten Interfaces und den von den Equipment-Herstellern implementierten Schnittstellen in ihren "Netzelementmanagern" können dann individuelle Applikationen der einzelnen Netzbetreiber für ihr Konfigurations- und Servicemanagement aufsetzen. Berührungsängste sind hier fehl am Platz, denn eine Standardisierung des Konfigurationsmanagements berührt nicht den wettbewerbsrelevanten Teil des Geschäfts. Die Standardisierung liegt vielmehr im gemeinsamen Interesse der Carrier, denn um den Return-of-Invest der immensen Ausgaben für den Aufbau der UMTS-Infrastruktur zu erreichen, sind alle Anbieter auf eine möglichst zügige Installation, die Optimierung der Prozesse und die Senkung der Betriebskosten in den noch lange Jahre parallel existierenden Mobilfunknetzen der zweiten und dritten Generation angewiesen. Gleichzeitig führt eine schnellere Bereitstellung der gewünschten Dienste, eine höhere Qualität der Sprach- und Datenübertragung und eine bessere Betreuung aber auch zu einer höheren Kundenzufriedenheit. Und daran haben die Mobilfunkcarrier angesichts des starken Wettbewerbs ebenfalls ein großes Interesse. |


Kommentar
von Jürgen Hien, Leiter der Division Consulting und Systemintegration
von Bull-Zentraleuropa in Langen.

1/2012
8/2011
7/2011


Mag. Dominik Troger gehört seit 1992 zum MONITOR-Team. Er begann als News-Redakteur und betreute viele Jahre die MONITOR Weiterbildungsbeilage "Job Training". Seit dem Jahre 2000 war er als Chef vom Dienst tätig, mit Dezember 2009 übernahm er die Chefredaktion. 