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Moniskop

Evan Mahaneys Leprechauns

Die Leprechauns warteten schon darauf, zu unserem monatlichen Meeting zu erscheinen. Das überraschte mich, denn für gewöhnlich kommen sie erst, wenn ich mindestens drei Seiten Text in den PC geklopft habe. Und alle Leprechauns redeten durcheinander, um meine Aufmerksamkeit zu erlangen.

Evan Mahaney
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Gantar

"O Feinschmecker der Mandel-Halbmonde" sagte der urbane Mr. Cavalier, "wir sind höchst interessiert an Eurer Meinung zum Wahldienstag."

Ich sagte ihm, wir müssten unsere Leser erst über den Hintergrund ins Bild setzen. Es war zwei Tage nach den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten. Sogar ich muss zugeben, dass unsere Weise den Präsidenten zu wählen, ein Unikum ist. Die direkte Wahl hat keine Bedeutung - jedem der 50 Staaten wird eine Zahl X von Stimmen zugeteilt, proportional zum Umfang der Bevölkerung. Diese Stimmen werden das Electoral College genannt. Alaska beispielsweise hat verhältnismäß wenige Einwohner und bekommt nur drei elektorale Stimmen. Der Staat New York aber, mit Millionen von Einwohnern, bekommt 33 elektorale Stimmen. So ist eigentlich die Gewichtung der Staaten entscheidend für die Wahl des Präsidenten.

"Ein verwirrendes System oder etwa nicht?" fragte Mr. Cavalier. Ich stimmte zu, nicht aber ohne den Hinweis: "Wir sind es aber gewöhnt, denn so wählen wir seit 230 Jahren." Mr. Cavalier antwortete nichts als ein verächtliches Schnauben.

Da saßen wir also, zwei Tage nach der Wahl, und es gab keine Entscheidung darüber, ob Mr. Gore oder Mr. Bush unser Präsident werden würde. Ich fragte Mr. Cavalier, was die Leprechauns denn wissen wollten.

"Nun, wir haben all das genau beobachtet, und wir haben eine Theorie. Bevor wir Euch aber einweihen, wollen wir hören, wie Ihr reagiert habt - immerhin kommt Ihr viel herum im Internet." Ich grinste ihn an - es kommt selten vor, dass mir die Leprechauns ein Kompliment machen.

"Es war - und ist - sehr spannend", sagte ich.

"Das ist richtig," sagte Mr. Cavalier, "aber wart Ihr nicht frustriert über die Langatmigkeit der Berichterstattung, frustriert mit den Nachrichtenmedien, die zuerst das eine und dann das andere erklärten, frustriert über die Tatsache, dass die Medien der Auszählung der Stimmen Stunden hintennach waren? Hat Euch das nicht die Wand hochgehen lassen?"

Plötzlich erkannte ich, worauf die Leprechauns hinauswollten. Es ging ihnen um die Verheiratung des Internets mit der Übermittlung des Wahlergebnisses.

"Wir sind frustriert", erklärte Frau Schaum. Sie verfügte nicht nur über die allen Leprechauns eigene Gabe des Gedankenlesens, sondern war auch eine ausgesprochene Optimistin.

Der große Denker Mr. Skillin riss die Konversation an sich. "Wählen und die Verlautbarung des Wahlergebnisses sind wie geschaffen für das Internet", sagte er. "Wenn es irgendetwas gibt, das gut zusammenpasst, dann sind es Internet und Wahlen. Das mag eine drastische Simplifizierung sein, O Kenner der Pinienkernkekse, aber jeder der Staaten hätte die elektronische Information ihrer lokalen Ergebnisse direkt am Internet veröffentlichen können - es hätte alle diese bombastischen Nachrichtensprecher umgangen und jedem im Land - und in der ganzen übrigen Welt - sofort die Ergebnisse wissen lassen.

"Wir haben uns selbst den ganzen Prozess angesehen. Wir mussten fast kotzen, als wir diese sich dauernd wiederholenden Kleiderständer ansehen mussten, die ununterbrochen die gleichen Fragen stellten und die gleichen Propaganda-Antworten bekamen. Alles sehr langweilig, besonders, wenn man gleichzeitig eine nervenzerfetzende Wahl laufen hat. Das Internet kann diese Situation sicher stark verbessern."

Die Leprechauns sind bei ihren Denkprozessen nicht anders als wir Menschen. Es gibt immer jemanden, der anderer Meinung ist. Mr. Konter war anderer Meinung und ging auf Kollisionskurs mit Mr. Skillin.

"Eines Tages", begann Mr. Konter, "wird es sicher so weit sein, aber das wird noch lange dauern. Es gibt Dutzende von Problemen. Das wichtigste ist das Wahlgeheimnis und garantierte Geheimhaltung. Da der beste Weg zu wählen der elektronische ist, und die Wahlen am besten via Internet und Datenbanken gezählt werden, sollte jeder über das Internet wählen können - mit wenigen Ausnahmen, wie jenen Leuten, die auf einer anderen Art bestehen oder aufgrund gesundheitlicher Verhinderung das Internet nicht verwenden können. Zugeständnisse und Verfahren für diese Personengruppe lassen sich sicher einrichten. Aber 95 Prozent aller Stimmen würden direkt von den Wählern kommen, die dazu das Internet verwenden."

"Und das", fuhr Mr Konter fort, "wird nicht über Nacht passieren. Das erste, was man am Internet in Zusammenhang mit Wahlen beobachten können wird, ist mehr direkter Wettbewerb mit den Fernsehstationen. Die Nachrichtenabteilungen - und einige Tageszeitungen - haben es gerade sehr schwer mit der Entscheidung, ob sie Ihre Nachrichten per Internet verbreiten oder das Internet als Konkurrenten sehen sollen. Der Grund für diese Kniffligkeit ist, dass ihre News-Sites gleichzeitig Teil ihrer Organisation und eine Konkurrenz sind."

Das allgegenwärtige Fräulein Donner tummelte sich, Mr. Konter recht zu geben. "Das ist alles ganz richtig. Lange bevor wir direkte Wahl und unmittelbare Nähe zu den Resultaten haben werden, wird jede von Massenmedien unterhaltene Website mit ihrer jeweiligen Muttergesellschaft voll konkurrenzfähig sein. Langsam - für Internetmaßstäbe langsam - werden diese Internet-Kinder besser werden und mehr Publikum anziehen als ihre Schöpfer. Ab da werden wir eine Bewegung Richtung direkter Wahlen und sofortiger Auszählung beobachten. Vorher aber müssen die Fernseh- und Zeitungszaren ausschnapsen, wer bei Internet-Nachrichten die Hosen anhat."

Und Mr. Konter fügte hinzu: "Und glaubt nicht, dass das Internet Fernsehen schlagen kann. Wir wissen, dass sich das Internet gerade in eine großartige Ergänzung und einem wichtigen Verbündeten von Print-News verwandelt. Obwohl die Zeitungsleute nicht wussten - und teilweise noch immer nicht wissen - was sie da eigentlich tun, sind sie doch länger mit dabei als die Fernsehgesellschaften mit ihrer Internetpräsenz.

"Das Problem mit Internet gegen Fernsehen ist aber viel dramatischer. Fernsehen bietet das rasche, sofortige und unmittelbare Interview. Und Fernsehen ist Echtzeit. Ich stimme zu, dass die meisten interviewenden Nachrichtensprecher eine Katastrophe sind. Aber das wird sich ändern, sobald jüngere Nachrichtenleute vor die Kamera rücken. Ich bin nicht sicher, ob das Internet da mithalten kann, auch wenn es Verbesserungen bei Streaming Video und Streaming Audio gibt."

Fräulein Donner sagte: "Das ist ein guter Einwand, aber es wird wundervoll werden, den Wettbewerb zu beobachten. Fernsehen gegen Internet - ich setze immer noch auf das Internet, denn es kann prinzipiell besser verbinden als das Fernsehen."

Die meisten der Leprechauns nickten mit ihren Köpfen und stimmten Fräulein Donner zu. Und um der Wahrheit die Ehre zu geben, sie hatte auch mich überzeugt.


Phrasen, die übersetzt werden müssen

Das Zitat: "Die Quintessenz dieses Mergers sind drei Dinge. Erstens: Zusammenlegen der einzelnen Nischen. Zweitens: Größere Hebelwirkung beim Lukrieren von Gewinnen in den einzelnen Nischen. Drittens: Synergien, die Einsparungen ergeben."

Die Umstände: Thomas Rogers, CEO von Printmedia, beim Sprechen über die Akquisition von About.com und warum der Merger so attraktiv ist.

Die Übersetzung: About.com blutete Geld, About.com gabs billig. Das Leben ist schön.

 

Das Zitat: Wann immer es einen Takeover durch Reed Elsevier gibt, muss die Gemeinde nachher mehr für das Produkt zahlen.

Die Umstände: Duane Webster, Executive Director der Association of Research Libraries, in einem Kommentar zu Reed Elseviers Kauf seines US-Rivalen Harcourt General, Inc.

Die Übersetzung: Es gibt nichts besseres als ein Monopol, um der Geldgier zu ihrem Recht zu verhelfen.

 

Das Zitat: "Letztes Jahr verlautbarten wir eine neue Politik für die jährliche Erhöhung der Preise für Journalabonnoments. Bei diesem Arrangement wird die alljährliche Preiserhöhung weniger als 10 Prozent betragen."

Die Umstände: Statement im Web von Derk Haank, Chief Executive von Elsevier Science, bei der Erörterung seiner Preise für Services und Inhalte.

Die Übersetzung: Zehn Prozent Zuwachs pro Jahr ist gar nicht schlecht für Gewinne - überhaupt wenn man bedenkt, dass sie wie Zins und Zinsenszins funktionieren.

Das Zitat: Diese fixe Abmachung repräsentiert die erste nationale Einigung mit einer ansonsten nicht involvierten Partei über das Bieten einer Auswahl für Kunden über ein nationales Kabelnetz."

Die Umstände: Ein EarthLink-Executive bei der Erörterung von Time-Warners Entscheidung, EarthLinks High-Speed Web-Service auf Time-Warners Kabelnetz zu gestatten.

Die Übersetzung: America Online-User werden jetzt die Wahl haben zwischen Time-Warners Internet-Kabel oder EarthLinks Internet-Kabel - und das bedeutet, dass der Time-Warner-Merger mit AOL wahrscheinlich doch genehmigt werden wird. Beinah-Monopole lassen sich immer sehr leicht arrangieren.

Das Zitat: "Wir sind sehr zufrieden mit dem Urteil und den konstruktiven Empfehlungen im heutigen Bericht."

Die Umstände: Statement des FBI-Assistant Director Donald Kerr in einem Kommentar zum Bericht, der vom Illinois Institute of Technology über die E-Mail-Schnüffelei des FBI ("Carnivore") herausgegeben wurde. Der Bericht segnete praktisch ab, wie das FBI Carnivore verwendet hat - und enthält nur den Hinweis, dass man vielleicht irgendeine Form von Kontrolle einrichten sollte.

Die Übersetzung: Alles bleibt, wie es ist. Das FBI gewinnt wieder und die Privatsphäre am Internet verliert wieder etwas Boden unter den Füßen.

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Dunja Koelwel

Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. ..mehr..

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