Auch Microsoft drängt jetzt ins Internet. Unlängst stellte das Unternehmen Dot-Net vor. Was soll das sein - ein Produkt, eine Strategie?
Beides. Dot-Net ist unsere wichtigste Produktoffensive der künftigen Jahre. Ziel ist es, die Nutzung des PCs und des Internets zu erleichtern. Dot-Net erlaubt es beispielsweise, bequem Informationen zwischen verschiedenen Computern auszutauschen.
Die Anwender benutzen heute eine Reihe von Endgeräten - vom Büro-PC über den Laptop bis zum Pocket-PC - zwischen denen sich bislang nur mit großem Aufwand Daten transferieren lassen. Wenn ich künftig eine neue Telefonnummer in meinen Büro-PC eingebe, dann wird diese Information mit Dot-Net automatisch in alle meine anderen Geräte übertragen. Dot-Net unterstützt die Mobilität der Computernutzung, den großen neuen Trend der Informationstechnik.
Dies war ein Beispiel aus der privaten Computernutzung. Was aber haben Unternehmen von Ihrer Internetstrategie?
Mit Dot-Net lassen sich beispielsweise unterschiedliche Systeme von Business-Software miteinander koppeln, etwa die Enterprise-Resource-Programme von SAP, Baan oder J. D. Edwards.
Wann kommt Dot-Net auf den Markt?
Die einzelnen Produkte werden im Lauf der kommenden zwei Jahre entwickelt. Als erstes sind die Entwicklungswerkzeuge verfügbar, damit unsere Partner ihre heutigen und zukünftigen Softwareprodukte als Softwareservice über das Internet verfügbar machen können.
Was kostet die Entwicklung von Dot-Net?
1999 wandte Microsoft insgesamt 3,1 Milliarden Dollar, also knapp 40 Milliarden Schilling, für die Forschung und Entwicklung auf. Für das Jahr 2000 waren 4,4 Milliarden Dollar geplant. Der Zuwachs ist größtenteils auf die Arbeit an Dot-Net zurückzuführen. Wir suchen derzeit 6000 Software-Entwickler.
Der weitaus größte Teil der Entwicklungsarbeiten findet aber gar nicht bei Microsoft statt, sondern bei Ihren Partnerunternehmen.
Wir arbeiten weltweit mit mehreren Millionen Entwicklern zusammen. Auch in Österreich arbeiten viele Unternehmen an der Zukunftstechnologie von Microsoft.
Die Entwicklung von Dot-Net dürfte eines der kompliziertesten Projekte sein, die in der Industriegeschichte jemals gestartet wurden. Haben Sie keine Angst, dass das Vorhaben an seiner Komplexität zerbricht?
Dies ist für uns kein Thema. Wir sehen die Chancen, die sich damit verbinden. Eine gute Voraussetzung dafür, dass Dot-Net kein Fehlschlag wird, ist unser Chairman Bill Gates. Er hat ja kürzlich die Verantwortung für das operative Geschäft an Steve Ballmer abgegeben, um sich ganz auf die Entwicklung unserer Internetstrategie zu konzentrieren. Gates verfügt über ein ungeheuer breites Wissen. Er hat genau jene ganzheitliche Perspektive, die nötig ist, um Dot-Net zum Erfolg zu führen.
Von der Internetstrategie hängt ja schließlich die Zukunft Ihres Unternehmens ab. Welches Wachstum erwarten Sie für die kommenden Jahre?
Dot-Net wird in der Tat in den kommenden drei bis sieben Jahren das Fundament für weiteres Wachstum sein. Microsoft ist allerdings längst kein Startup mehr, sodass unsere Wachstumsraten in den kommenden Jahren nicht mehr so hoch sein können wie in der Vergangenheit.
Die Zukunft unseres Unternehmens ruht auf drei Säulen: erstens den angestammten Produkten, zweitens Dot-Net und drittens neuen Geschäftsfeldern, die teilweise auf den ersten beiden aufbauen. Wir müssen immer weiter entwickeln, denn im Internetzeitalter überleben langfristig nur die absoluten Marktführer.
Mit dem Überleben dürfte Microsoft kaum Probleme haben.
Unsere starke Stellung auf dem Markt bedeutet keineswegs, dass wir uns auf unseren Erfolgen ausruhen dürften. Unser Vorteil besteht in dem technologischen Vorsprung gegenüber den Produkten der Mitbewerber. Technischer Vorsprung ist bei immer kürzeren Innovationszyklen nur durch ständige Verbesserung der Produkte und der Orientierung an den Kundenbedürfnissen zu halten.
Vielen Dank für das Gespräch.




1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. 