Werner A. Leeb
Es vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht in der Zeitung von immer neuen Fusionen auf der einen Seite, Ausgliederungen und Outsourcing auf der anderen liest. Immer schneller dreht sich das "Rad des Wandels", immer unglaublicher sind die Übernahmebeträge, die kolportiert werden, immer zahlreicher die Anzahl der Mitarbeiter der entstehenden Konzerne.
Die unterschiedlichsten betrieblichen Strukturen und Kulturen prallen solcherart aufeinander. Vormals Konkurrenten, sollen sie von heute auf morgen in "innigster Umarmung" am gleichen Strang ziehen. Dass hierbei Probleme vorprogrammiert sind, das leuchtet ein. Dass diese oftmals nicht mehr nur durch "Interne" geklärt werden können auch - kein Wunder, dass der Ruf nach dem Berater erschallt. Sehen wir uns an, was namhafte Berater dazu zu sagen haben.
Beratung morgen und übermorgen
Wie schon eingangs erwähnt, erhöht sich das Tempo der Veränderung permanent, was auch entsprechende Auswirkungen auf die Beratung haben wird und "damit auch eine Zeitverknappung für jede Form von "Change-Projekt" bedeuten muss" meint der INFORA-Chef Manfred Höfler. In dieselbe Kerbe schlägt auch Franz Biehal, Mitgründer und Gesellschafter der TRIGON-Entwicklungsberatung, wenn er meint, "dass die Wünsche der Kunden in Richtung kürzerer Beratung, präziser und weniger aufwendiger Diagnosen sowie punktgenauer Interventionen mit großer Hebelwirkung mit anschließender Erfolgsmessung" gehen. Seines Erachtens nach, muss es gelingen "umfangreiche Beratungserfahrungen in ausgereiften Prototypen von Beratungsdesigns und -inhalten zu komprimieren und diese dann an die jeweiligen Kundenbedürfnisse individuell anzupassen".
Einig waren sich alle befragten Berater, dass an der Informationstechnologie (IT) keiner mehr vorbei kommen wird. Dies aus mehreren Gründen: erstens, weil die IT wesentliche Veränderungen in den Organisationen hervorgerufen hat, was Struktur, Informationsfluss und -verhalten, etc. anlangt, zweitens, weil auch die Beratung auf virtuelle Strukturen und neue Medien verstärkt zurückgreifen wird, sei es im Einsatz beim Kunden oder aber innerhalb der eigenen Unternehmen und Netzwerke. Dazu kommt natürlich noch die eigene Informationsbeschaffung und deren Austausch sowie der Einsatz der IT im Bereich der Vermarktung der eigenen Leistung und der Klienteninformation.
Das Team von PEF Consulting sieht nicht zuletzt "auch im IT-Bereich, im Personalmanagement und der Organisationsberatung eine weitere Ausdifferenzierung auf die Berater zukommen, sowie das Entstehen ständig neuer Beratungsfelder". Die verkürzt ablaufenden Veränderungszyklen "werden es notwendig machen, den Menschen in den Mittelpunkt des Beratungsinteresses zu stellen, da ohne diese Fokussierung der Beratungserfolg nicht nachhaltig sein wird. Wenn die Menschen, also Mitarbeiter wie Führungskräfte, nicht verstehen, nicht mittragen und Beiträge leisten, kann Veränderung nicht geschehen." Um diesen Anforderungen gerecht werden zu können, "wird es auch zu einer Intensivierung von persönlicher Managementberatung in Richtung regelmäßigem Coaching kommen müssen" ist PEF Consulting überzeugt.
Ähnliche Ansichten äußert auch Walter Häfele vom MCV (Management Center Vorarlberg), wenn er "in der Führungskräfteentwicklung und allen Feldern der Organisationsentwicklung einen starken Wachstumsmarkt für die Beratung" sieht. Großunternehmen werden sich verstärkt in autonome, vernetzte Unternehmenseinheiten gliedern und auch Kleinbetriebe in ihr "business networking" miteinbeziehen, was diesen erhöhte Wettbewerbsfähigkeit verspricht. Walter Häfele sieht "in der "Netzwerkfähigkeit" eine der Schlüsselqualifikationen für Personen und Organisationen der Zukunft", wobei hier vor allem Führungskräfte hinsichtlich ihres "Kooperationsmanagement", sowohl innerhalb als auch außerhalb der eigenen Unternehmenseinheit, gefordert sein werden. Eine Konsequenz aus dem daraus entstehenden Beratungserfordernis wird sein, dass ehemalige Stabstellen von Konzernen oder Großbetrieben selbst als outgesourcte Unternehmenseinheiten in den Beratungsmarkt drängen.
Das neue Beraterprofil
Bei all dem, was wir bisher über die Anforderungen an Unternehmer, Manager und Mitarbeiter der Zukunft gehört haben, stellt sich natürlich die Frage, welchen Kriterien der zukünftige Unternehmensberater gerecht werden muss. Gerade beim Berater zeigt sich der dialektische Anspruch der Zukunft in besonderem Maße. "Der Berater/die Beraterin neuen Typs hat ein T-Profil" ist Franz Biehal von TRIGON überzeugt "große Breite im Überblickswissen und damit Anschlussfähigkeit an viele Themen und Branchen einerseits, steht Tiefgang und Spezialistentum auf einem oder einigen wenigen Gebieten gegenüber".
Da in Zukunft "ganzheitliche Problemlösungen anstelle produktorientierter Beratungsleistungen immer mehr in den Vordergrund rücken werden", sieht Manfred Höfler; INFORA, "immer höhere Anforderungen hin zu dialogisch-partnerschaftlicher Beratung gemeinsam mit dem Kunden" auf die Berater zukommen. Die Bereitschaft zur uneingeschränkten Beratergläubigkeit nach dem Rezept "Berater wissen immer alles!" wird damit der Vergangenheit angehören. Da auch die Einkäufer von Beratung zunehmend besser darüber Bescheid wissen werden, was Berater leisten können und sollen, werden es die "Juniors" in der Beratung ebenfalls zunehmend schwerer haben, wollen doch alle das Know-how, die persönliche Professionalität und Energie des langgedienten Top-Beraters erwerben. Da sich diese nicht multiplizieren können, stoßen klassische Konstruktionen internationaler Beratungskonzerne an ihre Grenzen und es werden zunehmend schlagkräftige, hoch professionelle Netzwerke entstehen müssen um dem Wunsch der Unternehmen nachkommen zu können.
Auch die Berater des Management Center Vorarlberg sehen eine rosige Zukunft für kleine und mittlere Beratungsunternehmen mit funktionierenden Netzwerken, da diese "einerseits über Beratungsprofis mit genügend Manpower verfügen, um auch große und komplexe Beratungsprojekte begleiten zu können, andererseits aber auch für einzelne Berater sowie Gruppen ausreichende Spezialisierung in bestimmten Kompetenzfeldern möglich ist". Daraus lässt sich wiederum die Forderung ableiten, dass der Berater der Zukunft sowohl über spezifisches Fachwissen verfügen muss, als auch über fundiertes Beratungs-Know-how, um Prozesse auch wirkungsvoll gestalten zu können.
Gerd Prechtl, Gründer und Chef der Bartberg Beratung, stellt zusätzlich die Forderung "nach einer Qualifizierungsoffensive bei Beratern" auf. Ihm geht es im Wesentlichen um "die Sicherstellung einer beraterischen Basiskompetenz, um freiwillige Zertifizierungssysteme, die dem Markt Orientierung geben können und Qualität gewährleisten sollen". Seiner Ansicht nach ist die Fachkompetenz der Berater meist vorhanden, kommen diese doch aus den unterschiedlichsten Fachgebieten, in welchen sie jahrelang gearbeitet haben. Woran es jedoch manchmal krankt, ist die "Beratungskernkompetenz", die Fähigkeit also Gruppenprozesse zu steuern, Konflikte zu managen, Prozessanalysen durchzuführen, in großen Systemen und Zusammenhängen zu denken und dergleichen mehr.
Rückläufige und wachsende Beratungsfelder
Hier nochmals einen kurzen Überblick darüber, welche Beratungsfelder von den befragten Unternehmensberatern als eher rückläufig, welche als wachsend eingestuft wurden, wobei keine Reihung vorgenommen worden ist:
Rückläufig:
- "08/15"-Fachberatung, wird eine zu schlechte Umsetzungsquote haben
- ISO-9000 Zertifizierung
- Einführung von Standard-Management-Instrumenten
- Klassische Trainings
- Prozessberatung ohne Fachbezug, kann inhaltlich nicht mithalten
Wachsend:
- Post-Merger-Integration, Verschmelzung von Firmenkulturen
- Neues Lernen, lernende Organisation
- Wissensmanagement
- Revitalisierung von alten Organisationen
- E-Business-Geschäftsmodelle
- Schaffung eigenverantwortlicher unternehmerischer Einheiten
- Alles rund um den IT-Bereich
- Neue gruppendynamische Ansätze mit Fokus auf den Menschen im Mittelpunkt
- Internationale und damit oft interkulturelle Beratungsprojekte
Zusammenfassung
Mehr oder weniger lose Beraternetzwerke, die im Wesentlichen auch die zukünftigen Wirtschaftsstrukturen abbilden (Flaggschiff mit zahlreichen Begleitschiffen), scheinen die Zukunft zu sein. Der Berater von morgen ist Generalist auf der einen Seite (Überblickswissen), Spezialist auf der anderen (Spezialthemen) und steht unter dem Druck der permanenten Fort- und Weiterentwicklung.
Gerade in einer hochtechnisierten, von Informationstechnologie beherrschten Zeit, wird sich die Konzentration auf den Menschen, Führungskraft wie Mitarbeiter, als unumgänglich erweisen. Das gemeinsame Erarbeiten von Lösungsansätzen fordert sowohl Unternehmen wie Berater neu heraus. Der Berater als permanenter Wegbegleiter sowohl von ganzen Unternehmen als auch von Personen wird das Bild der Beratermarktes von morgen prägen.
Mag. Werner A. Leeb ist Unternehmensberater mit Sitz in Wien und Krems.




1/2012
8/2011
7/2011


bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen, war nach dem Studium der Wirtschafts- wissenschaften, Organisation und Informatik zunächst mehrere Jahre als Gruppen- und Projektleiter an einem Institut für angewandte Informatik beschäftigt. Heute ist er in vielfältiger Form als freiberuflicher Management- und Organisationsberater sowie in der Weiterbildung tätig. Schwerpunktmäßig geht es dabei um die Einführung, Entwicklung und Beratung für den praxisgerechten Computereinsatz. 