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Moniskop

Evan Mahaneys Leprechauns

Obwohl mich die Leprechauns niemals zu einem bestimmten, genauen Termin besuchen - wie etwa dem dritten Donnerstag jedes Monats - sind sie doch recht zuverlässig alle vier bis sechs Wochen zur Stelle. Das gibt mir die Möglichkeit, für ihr relativ zuverlässiges Erscheinen Fragen vorzubereiten.

Als sie also wieder einmal selbstbewusst und energiegeladen erschienen, hatte ich eine brennende Frage für die Leprechauns:

Was wurde eigentlich aus Microsoft? Wie ich beobachtet hatte, waren alle Berichte seit des Schuldspruchs von Bundesrichter Jackson von den Titelseiten und aus den Schlagzeilen verschwunden. Nicht einmal die Computermagazine hatten über die Firma und ihre Produkte viel zu sagen. Die Berichterstattung beschränkte sich auf das Minimum - und Microsofts Aktien waren um 30 Punkte gefallen, ohne, wie gewohnt, bald danach wieder auf ihren alten Stand zurückzukehren.

Meine Frage an meine übernatürlichen Freunde war also: Was ist los mit Microsoft?

Ich hätte wissen können, dass es der scharfzüngige Mister Schneid sein würde, der als erster eine Antwort gab. "Nun, was für dumme Fragen Ihr stellt, o Kenner der Apfelpfannkuchen. Microsoft tut, was sie immer in Krisenzeiten getan hat - sie erfindet sich neu, sie orientiert sich neu, sie etabliert sich neu. Und sie schwimmt nach wie vor im Geld.

"Seht her, Microsoft-Beobachter übersehen immer wieder zwei wesentliche Eigenschaften von Bill Gates. Zum einen ist er sehr hartnäckig. Er feilt solange an einer Idee oder einem Produkt und probiert es solange immer wieder, bis er erfolgreich ist. Windows ist das beste Beispiel dafür. Microsoft steckt Berge von Geld in das Betriebssystem, um neue Ideen durch Marktforscher zu testen, um Windows weiter zu verbessern. Während Ihr Medienleute auf Windows herumtrampelt und an Windows herumnörgelt, kaufen die Anwender es wie verrückt.

"Die letzte Ausgabe von Windows Millenium, die rührenderweise Windows Me heißt, ist dafür ein ausgezeichnetes Beispiel. Fast jedes Computermagazin der Welt gab dem neuen Betriebssystem schlechte Kritiken. Es sei nichts als ein Update zu Windows 98, hieß es. Was aber begann regelrecht von den Regalen der Händler in die Hände und auf die Festplatten der Menschen zu fliegen? Richtig, Windows Me. Und konnte Windows Me die Computerhersteller wie Gateway, Dell, IBM und ihre Mitbewerber kalt lassen? Nicht für eine Sekunde. Me ist im Augenblick das Standardsystem, das von fast allen Computerherstellern installiert wird.

"Meiner Zählung nach ist es die 11. Version von Windows. Und alle davon schöpften riesige Geldmengen für die Microsofties. Meine Frage an Zweifler ist: Wieviele Versionen von UNIX hat es bisher gegeben? Wie viele Versionen und Verbesserungen von Linux gibt es? Und verdienen sie Geld, wie die Windowsse für Microsoft?"

Fräulein Lockjaw, deren Zunge fast so spitz ist wie die von Mister Schneid, konnte sich nicht länger beherrschen. Sie sprang mit beiden Füßen in unser aller Aufmerksamkeit, und rief: "Was Ihr Journalisten auch dauernd vergesst, ist Microsofts Virtuosität beim Umstrukturieren. Seht Euch Ihre Geschichte an, sie ist mit Kratern und Narben übersät - Fehler, die Gates und sein Management gemacht haben. Wann immer so etwas geschah, organisierte er die gesamte Firma um. Gates rochierte persönlich seine Executives, erfand neue Divisions, sperrte alte zu, verteilte Kompetenzen neu - für gewöhnlich blieb kein Stein auf dem anderen. Und es funktionierte. "Also lässt sich die Frage so beantworten: Microsoft ist noch immer Microsoft. Sie melken weiterhin ihre Cash Cow - Windows. Nach dem Urteilsspruch ein Monopolist zu sein machte Gates einige seiner bedeutendsten Personalumstellungen seines Lebens. Heute regiert Gates wie ein Staatsoberhaupt. Er hat das Tagesgeschäft an seinen alten Freund und Mitmilliardär Steve Ballmer abgetreten.

"Aber nun haben sie den Laserstrahl ihrer Aufmerksamkeit auf Microsoft.NET gerichtet. Alles Gute, so Microsoft, wird aus dem Internet kommen. In Folie eingeschweißte Software wird zur vagen Erinnerung einer vergangenen Epoche werden. Alles - Programme, Content, Applikationen, Support, Personal Data Assistants, digitale Telephonie, der Dialog mit dem Eisschrank - wird über das Netz fließen. Und die Jungs in Redmond sind sich ihres Erbes und ihrer Fähigkeiten so sicher, dass sie Microsoft.NET einfach als "Dot.Net" bezeichnen."

Was die Leprechauns unmissverständlich sagten, war, dass Microsoft und ihre Bunkermentalität und ihre unermesslichen Geldvorräte und ihr wohldurchdachtes Dot.Net für eine Dekade Krieg vorbereitet wären, falls es notwendig werden sollte. In der Zwischenzeit agiert Bill Gates wie der Präsident eines Landes: Er flitzt um die Welt, besucht Regierungsmitglieder und potentielle Verbündete. Auf seiner Zwischenstation in Indien wurde Gates in schamloser Weise dazu eingeladen, seine philantropischen und wirtschaftlichen Aktivitäten in Indien zu beheimaten. Ganz ähnliche Dinge erfuhr er in Australien und Dutzenden anderen Ländern, durch die er tingelte.

Mister Snyde wollte natürlich seinen Senf dazugeben: "Microsoft kann es sich leisten, sich wie ein Murmeltier auf einen langen, kalten Winter vorzubereiten und Vorräte anzulegen. Microsoft streckt seine vielen langen Tentakeln aus - wie etwa die XBox, die, ehrlich gesagt, sehr sehr gut aussieht. Gamers lieben sie. Windows dringt über Windows CE in den Markt für Taschencomputer vor. Es ist eine weitere Goldmine für "mobile devices" und "embedded devices".

Gates spielt bei Hunderten von "kleinen" Deals mit. Beispielsweise redet er mit Firmen wie DirecTV in den USA und allen von Rupert Murdochs Satelliten- und Kabelunternehmen in anderen Ländern - Star, BskyB, Australian Nine Network. Er ist immer noch ein bedeutender Investor in den amerikanischen Satellitenservice Teledesic und Partner von Telephonie-Mogul Craig McCaw. Ich würde nicht zögern zu sagen, dass Microsoft im Augenblick 200 verschiedene Bälle jongliert. Das sind 200 Wesenheiten, von denen jedes einzelne für die allermeisten Leute ein Geschäft mit gewaltigen Aussichten bedeuten würde," schloss Mister Snyde.

Und mit diesem Schlusswort verschwanden die Leprechauns von meiner Tastatur, wie es eben ihre Art war. Nach ihrem Verschwinden dämmerte mir aber, dass es Microsoft gleichgültig ist, ob sie vom Gericht zerlegt wird oder nicht. Wir haben es hier mit einer Firma von absurder Größe zu tun, die ganze Eisenbahnwaggons voll Geld scheffelt, und das in einem Markt, der sich für die nächsten 30 Jahre immer weiter verändern wird. Was für einen Unterschied macht es, ob Microsoft eine große Firma ist, oder zwei große Firmen?

Falls die Firma zerlegt wird, so schadet das den Aktionären nicht. Die Angestellten werden darüber sogar begeistert sein - doppelt so viele Stock Options. Gates wird plötzlich doppelt so reich sein. Was Microsoft seit dem Urteil getan hat, war nichts Anderes als eine Familie in ihrem Haus an der Küste wahrscheinlich tun würde, wenn es eine Sturmwarnung gibt. Wie die Leprechauns richtig gesagt haben, bei Microsoft herrscht Bunkermentalität, und sie basteln dort an ihrer Ausrüstung, ihren Cashreserven und ihren neuen Plänen. Microsoft ist bereit für was auch immer geschehen mag. Wie es geschieht, ist gleichgültig.


Phrasen, die übersetzt werden müssen

Das Zitat: "Wir haben unsere Advanced Research Group vor acht Jahren ins Leben gerufen, und über Dot.Net wird diese Forschung auf den Markt kommen."

Die Umstände: Bill Gates in Australien, beim Erklären, dass 80 Prozent von Microsofts Forschungsbudget von vier Milliarden Dollar in Dot.Net investiert werden.

Die Übersetzung: Die Namen Dot.Net und Microsoft werden innerhalb der nächsten zwei Jahre synonym werden. Und Ihr habt geglaubt, wir wären ein bisschen spät dran am Internet. Ätsch.


Das Zitat: "Es wäre ein bedeutender Anreiz und eine Gelegenheit für die großen Plattenstudios, sich auf dem Musikmarkt in Richtung wettbewerbsverzerrender Absprachen zu bewegen."

Die Umstände: Nur ein Satz aus einem 40-seitigen Dokument der EU, das gegen die geplante Fusion von Time Warner und EMI Group PLC und America Online Einspruch erhebt.

Die Übersetzung: Es gibt keine Übersetzung. Das ist reiner Müll - wer Müll sät, wird Müll ernten.


Das Zitat: "Wir glauben, dass das Geschäft mit Suchmaschinen gerade eine Renaissance erlebt, denn es handelt sich nicht um eine Commodity, wie es uns der Zeitgeist von vor einem Jahr weismachen wollte. Durch die wachsende Komplexität und Vielfalt der Information am Web und in den Unternehmen hoffen wir, als eine hochfokussierte Firma mit klaren Zielen den Markt führen zu können."

Die Umstände: Alta Vista-Sprecher bei der Erklärung, dass AltaVista zu seinen Wurzeln zurückkehrt und in Zukunft eine Suchmaschine und kein Portal mehr sein will.

Die Übersetzung: Wir wissen nicht, wer oder was wir sind. Wir sind zu haben. Wir haben kein Geld. Wir brauchen Anweisungen.


Das Zitat: "Wir werden eine Erklärung über den Ausgang dieser Review zu einem späteren Zeitpunkt abgeben. Wir legen uns noch nicht auf den genauen Termin fest."

Die Umstände: Ein Sprecher der British Telecom (BT) in einem Kommentar zu den Gerüchten, dass BT und AT&T bald eine neue Tochterfirma zum Börsengang schicken würden, um Geld aufzutreiben.

Die Übersetzung: Wir werden ein Spin-Off an die Börse schicken. Wir brauchen Moneten, Moneten, Moneten. Bald, bald, bald.

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Dunja Koelwel

Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. ..mehr..

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