Newsfeed abonnieren
Moniskop

Schach im Internet

Garry Kasparov geht online

Der unangefochtene Schachweltmeister Garry Kasparov sieht im berühmten Londoner Savoy Hotel ein wenig fehl am Platz aus - das Haus wird vorwiegend von Leuten wie britischen Politikern und reichen amerikanischen Touristen in grell gescheckten Hosen frequentiert.

Jonathan Webster

(Aus dem Amerikanischen von Reinhard Gantar)

Fernab von dieser umtriebigen Schar haust der menschliche Schachdynamo in der ruhigen Oase seiner Suite mit Blick auf die Themse und muss zur Äußerung von publizierbaren Material nicht lange ermuntert werden. Kasparov deckt im Gespräch ein weites Gebiet ab - vom Schmuggel von Computerspielen während des kalten Kriegs bis zur Verteidigung seines Titels gegen IBMs Supercomputer Deep Blue.

Garry, gab es während der Epoche der Nomenklatura in Russland Computerspiele?

Kasparov: Nein, wenigstens nicht offiziell - und es hatte mit dem simplen Umstand zu tun, dass es gar keine Computer gab. Nur wenige konnten sie in begrenzten Stückzahlen unter strenger staatlicher Aufsicht bekommen.

Natürlich gab es Schmuggler, die Geräte über die Grenze schafften, und Leute wie ich brachten Spiele und andere Software in den Geheimfächern ihrer Koffer mit nach Hause.

Ich glaube, ich hatte das erste private Faxgerät in Russland. Das war im Jahr 1988, offiziell nicht gestattet, aber ich war der Weltmeister, und so drückten die Behörden ein Auge zu.

Was war ihr erstes Computerspiel?

Kasparov: 1983 spielte ich in einem Semifinale gegen Viktor Kortschnoi, das von Acorn Computers gesponsert war. Sie zeigten mir einen Computer, der mehrere primitive Spiele mit der Hardware gebundelt hatte. Wenn ich mich richtig erinnere, dann waren das Arcade Games wie Space Invaders oder Pong.

Ich erinnere mich auch, dass ich damals auf den Gedanken kam, dass, sobald Computer mehr Kapazität erreichen würden, sie sehr wichtige Fortschritte in mein Spiel bringen könnten - Schach. Und dann, Peng, innerhalb von scheinbar nur einem Augenblick auf den nächsten, übte ich schon die meisten meiner Manöver auf PCs und mit Software, als Ergänzung zu meinen Coaches.

Es sieht für unsere Leser vielleicht nicht plausibel aus, dass etwas wie Schach vom Weltmeister am Computer gespielt wird. Von welcher Hardware und Software sprechen Sie?

Kasparov: Seit der Mitte der 80er habe ich so viele Computer gehabt; es ist vielleicht am besten, zu offenbaren, was ich heute verwende. Ich habe einen Toshiba 4080-Laptop, und mein Desktop-PC in meinem Hauptsitz in Moskau ist ein Hewlett Packard. Als Software verwende ich regelmäßig Hierarchy, Fritz und Junior. Heute kann ich mit einem Computer in einer Stunde alleine mehr machen als vor 10 Jahren mit 3 Coaches in fünf.

Coaches verwenden Sie aber immer noch?

Kasparov: Das tue ich natürlich, besonders während der Vorbereitungen auf ein großes Spiel. Mein typisches Team besteht dann aus einer Reihe von Coaches und wenigstens zwei Computern. Ich sitze an meiner Desktop-Maschine, während die Coaches mit den Laptops arbeiten. Wenn ich unterwegs bin, kehrt sich das um.

Einer der Coaches hat eine Datenbank, in der alle meine Spiele und Strategien gespeichert sind, während ein anderer alle meine Züge für die spätere Analyse aufzeichnet. Früher war es schwierig, gegen Sparringpartner zu spielen, weil ich immer wesentlich schneller war als meine Gegner. Heute, mit Hilfe der Computer, können mich meine Sparringpartner aber so richtig schleifen.

Mein ganzes Hardware-Setup ist vollkommen portabel und ich spaße gern mit der Bemerkung, es sei ein Space Command Center auf Rädern.

Sie haben vorher über die plumpen Arcade Games des Pleistozäns gesprochen. Spielen Sie auch moderne Computerspiele wie Tomb Raider, Quake, Resident Evil oder Civilisation?

Kasparov: 1986 verwendete ich viel Zeit mit solchen Spielen. Ich entschied aber, dass sie süchtig machten und dadurch gefährlich wurden. Sie absorbierten zuviel Aufmerksam vom Schach weg.

Ich möchte nicht irgendwie spießig oder wie ein Spielverderber klingen, aber ich muss sagen, dass die heutigen Kinder unter dem schädlichen Einfluss von unnötig gewalttätigen Spielen stehen; ich finde das besorgniserregend. An sich ist bei Spielen wie Tomb Raider ja nichts dabei, wenn sie nur in Maßen gespielt werden. Eine Überdosis an blutrünstiger Unterhaltung wie Resident Evil oder Quake ist aber in seiner Wirkung auf junge und noch beeindruckbare Geister sehr fragwürdig.

Sie würden es also lieber sehen, dass Teenager anspruchsvollere Spiele wie Civilisation und natürlich Schach spielen?

Kasparov: Na klar! Besser Schach als Civilisation, aber so eine Antwort haben Sie von mir sicher erwartet [lacht]. Immer wieder belegen Studien, dass Schach auf junge Menschen eine wohltuende Wirkung hat. Es verbessert die Konzentrationsfähigkeit und die Gabe zu analysieren. Man wird auch ausgeglichener und geduldiger. Obwohl Schach natürlich kein Allheilmittel ist, bin ich fest davon überzeugt, dass es, wie der deutsche Großmeister Tarrasch das vor über hundert Jahren ausdrückte: "die Kraft hat, Menschen glücklich zu machen."

Künstliche Intelligenz ist ein chancenreiches Gebiet für Informatiker, Firmen und Science Fiction-Autoren. Denken Sie, dass Maschinen jemals Schachweltmeister werden, oder, noch schlimmer, die Weltherrschaft übernehmen?

Kasparov: Trotz all des Geredes über das Moorsche Gesetz - Prozessorleistung verdoppelt sich alle 18 Monate - glaube ich, dass auch die Menschheit immer besser wird und weiterwächst. Ich bin also nicht besonders in Sorge.

Wenn es aber um künstliche Intelligenz im besonderen geht, muss ich den sogenannten Experten widersprechen, die behaupten, dass KI in der Form eines quasi-menschlichen Gehirns auftreten muss. Sie halten eine Maschine, die nicht in derselben Weise denkt wie wir, für nicht intelligent. Wenn ich eine Entscheidung aufgrund von 5 Prozent Berechnung und 95 Prozent Intuition treffe, und ein Computer zum selben Schluss durch 5 Prozent Intuition und 95 Prozent Berechnung kommt, dann ist es immer noch künstliche Intelligenz, obwohl sie natürlich in einer anderen Form auftritt. Intelligenz ist es aber.

Wenn so ein Resultat erzielt wird, dann müssen wir zugeben, dass neben uns noch etwas anderes denken kann, wenn vielleicht auch mit anderen Ansätzen. Ich möchte auch deponieren, dass Schach ein ideales Medium für den Test neuer Entwicklungen auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz ist.

1996 und 1997 hatten Sie eine unmittelbare Erfahrung mit künstlicher Intelligenz. Das war, als Sie ihr legendäre Serie von Spielen gegen IBMs Deep Blue hatten, die viel Presse rund um den Erdball bekamen. Machte es Sie nervös Ihren Titel gegen eine Maschine verteidigen zu müssen?

Kasparov: Das gute an menschlichen Gegnern ist, dass man sie abschätzen und austricksen kann. Bei einem Supercomputer ist das enervierendste aber, dass man weder in seine Augen sehen kann, noch fühlen kann, wie er unter der Anspannung schwitzt. Die Maschine hat keine Seele, und das kann, gelinde gesagt, sehr irritierend sein.

Ich bin aber stolz darauf - obwohl Deep Blue die Serie 3.5 zu 2.5 gewonnen hat - dass die Maschine während des zweiten Spiels 1997 drei mal abstürzte. Sie ist also nicht unfehlbar.

Kommen wir aber zu Ihrer ursprünglichen Frage nach der von Computern und Robotern beherrschten Welt zurück. Ich würde sagen, solange es um Schach geht, sollte die Menschheit als unbesiegt gelten, bis die Maschinen jedes einzelne Spiel gewinnen. Und das halte ich für die nächsten 50 Jahre für ausgeschlossen.

Verraten Sie uns, welchen Einfluss das Internet auf Sie und die weltweite Gemeinde der Schachspieler genommen hat.

Kasparov: Das Internet ist wie geschaffen für Online-Schach. Durch die Macht des Internets kann man Schach rund um die Welt spielen, Lektionen von Großmeistern erhalten, live Spiele verfolgen - einfach alles! Und über meine neue Website haben wir Gelegenheit, Schach jenen 100 Millionen Menschen nahezubringen, die zwar interessiert sind, aber in ihrer unmittelbaren Umgebung niemanden finden können, der ihre Passion teilt.

Nach Fußball ist Schach die beliebteste Freizeitbeschäftigung der Welt, und Sites wie KasparovChess.com sind Orte, wo Schachspieler und Schachfans einander treffen können.

Sie haben diese Website für Fans jetzt schon seit einiger Zeit, aber wann haben Sie entschieden, dass Sie auf den Zug zum Internet-Reichtum aufspringen und Ihr eigenes Online-Business haben wollten?

Kasparov: KasparovChess Online, Inc. wurde im Juni 1999 gegründet. Es war aber anders als bei anderen Unternehmen, die mit einer prominenten Gallionsfigur ins Rennen geht, die nichts tun muss, außer Geld zählen und in die Kamera grinsen. Ich bin ganz richtig Chairman of the Board und packe mit an. Das Unternehmen ist meines Geistes Kind und ich spiele bei der Gestaltung der Firma eine sehr zentrale Rolle.

Wie bei jeder dot.com kann aber zwischen erstem Geistesblitz und Stapellauf eine lange Zeit vergehen. War das bei Ihrer auch so?

Kasparov: Das ist richtig. Die sechs Monate von Mitte 99 bis Ende letzten Jahres verbrachten wir mit der Rekrutierung einer internationalen Mannschaft von circa 70 Leuten, und wir eröffneten Niederlassungen in 4 Ländern. New York ist das Büro für Management, Tel Aviv liefert die Technik und ist die Zentrale für Web-Entwicklungen, Moskau ist das kreative Schach-Büro. Und wir haben gerade ein Büro in London eröffnet, um von dort unseren europäischen Marketingfeldzug zu starten.

Können Sie in kurzen Worten beschreiben, welche Erfahrung Sie Online-Schachspielern auf KasparovChess.com vermitteln möchten?

Kasparov: Wir wollen die Intimität eines Schachclubs erzeugen und das breite Informationsspektrum eines CNN, das aus jeder Pore einer Site dringt, die 24 Stunden pro Tag und 7 Tage in der Woche im Hochenergiebetrieb läuft.

Traditionell gesehen, ist Schach eine Sache zwischen zwei Spielern. Denken Sie, dass die elektronische und computerisierte Version davon den Schwerpunkt mehr in Richtung Multi-Player Online-Gaming verschiebt?

Kasparov: Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, dass sich die Balance von der Auseinandersetzung Mann gegen Mann wegbewegt hat. Es gibt aber keinen Zweifel, dass das Computerzeitalter neue Möglichkeiten für Fassungen mit mehreren Spielern geschaffen hat. Ich kenne viele Beispiele für diese interessante Entwicklung. Einige der besseren Schachsites bieten Spielern die Möglichkeit, simultan an bis zu dreißig Brettern zu spielen. Ich selbst habe 1998 Advanced Chess eingeführt: Mensch und Computer gegen Mensch und Computer. Und 1999 hatte ich ein gigantisches, vier Monate dauerndes Turnier: ich sagte beim ehrgeizigen Projekt Gary Kasparov gegen die ganze Welt auf der Microsoft Gaming Zone zu.

Ich weiß zwar, dass viele Leute vor so großen Zielen zurückschrecken werden - aber es gibt Multiplayer-Online Turniere für jene mit Appetit auf die große Herausforderung. Mein Rat an Ihre Leser lautet daher: trauen Sie sich. Denn was wäre das Leben ohne ein bisschen Risiko!

http://KasparovChess.com

weitersagen: drucken
Termine

18. Juni - 22. Juni

In ganz Österreich

SAP Mittelstandstage

Print-Archiv
Folgen Sie uns
Leser empfehlen
MONITOR-Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter!

E-Mail:
Die von Ihnen angegebene E-Mail Adresse wird von MONITOR Online weder an Dritte weitergegeben noch zu anderen Zwecken verwendet.
MONITOR-Autoren
Dipl.-Hdl. Ing. Ernst Tiemeyer

bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen, war nach dem Studium der Wirtschafts- wissenschaften, Organisation und Informatik zunächst mehrere Jahre als Gruppen- und Projektleiter an einem Institut für angewandte Informatik beschäftigt. Heute ist er in vielfältiger Form als freiberuflicher Management- und Organisationsberater sowie in der Weiterbildung tätig. Schwerpunktmäßig geht es dabei um die Einführung, Entwicklung und Beratung für den praxisgerechten Computereinsatz. ..mehr..

Die neuesten Artikel:

© Copyright 1983-2012 by MONITOR / Bohmann Druck und Verlag Gesellschaft m.b.H. & Co. KG (www.bohmann.at)

Add to Google  | Abo | Themenvorschau | Mediadaten | Inserate buchen | Kontakt | Impressum