Von Tim O'Reilly - Aus dem Amerikanischen von Reinhard Gantar
Anmerkung des Herausgebers: Das folgende ist die Niederschrift einer Rede, die Tim O'Reilly kürzlich vor einer Gruppe von Fortune 500 Executives gehalten hat.
Wenn man sich die Entwicklergemeinden um die meisten Open Source-Projekte ansieht, dann sieht man ein sehr großes Kontingent von Leuten, die Open Source-Projekte finanzieren, weil sie die Software bei ihrer Arbeit verwenden wollen oder einen anderen Weg gefunden haben, damit Gewinne zu machen.
Ich habe vorher erwähnt, dass das Apache-Projekt von einer Gruppe von Anwendern des NCSA-Servers gegründet wurde. Das ist nicht ganz richtig, denn einige dieser "Anwender" waren Web-Design- und Hosting-Firmen, die ihre Services weiterverkauften. Zugriff auf den Server-Code zu haben, war für ihr Geschäft lebenswichtig und deshalb war es sinnvoll, die Weiterentwicklung zu bezahlen. Durch Kooperation bei den Verbesserungen waren sie in der Lage, sofort Wettbewerbsvorteile zu erzielen und ihren Kunden neue Features zu bieten. Und da ihre Dienstleistungen in der Regel ortsgebunden waren, machte es sogar Sinn, mit Firmen im selben Business zusammenzuarbeiten.
Die Key Developers der meisten heutigen Open Source-Projekte sind eine Mischung aus Universitätsforschern, Entwicklern in Firmen, die ein bestimmtes Open Source-Paket bei ihrer Arbeit verwenden, unabhängigen Consultants, die von der erhöhten Aufmerksamkeit profitieren, die ihre Teilnahme bewirkt, und Entwicklern, die von Firmen gesponsert werden, die mit diesem Projekt Umsatzerwartungen verbinden.
Mythos Nr. 10. Open Source kann nur imitieren, was Microsoft und die kommerzielle Welt erfinden.
Zwar ist es richtig, dass es bedeutende Anstrengungen in der Linux-Welt gibt, Äquivalente des Windows-Desktops und der üblichen Office-Applikationen zu schaffen, aber das sind nicht die wichtigsten Schauplätze des Open Source-Phänomens.
Denke Sie für einen Moment an die aufregendsten neuen Computeranwendungen für Konsumenten. Das sind nicht mehr länger Desktop-Anwendungen (man kann ohne weiteres behaupten, die letzte bedeutende derartige Anwendung wäre der Internet-Browser gewesen, seine Einführung ist aber schon sechs Jahre her). Die spannendsten Applikationen sind heute alle Web-basiert Amazon, EBay, E*Trade, maps.yahoo.com. Neue Funktionalität wird über das Web geliefert. Ich würde behaupten, dass sogar im Back Office das Web gerade alles verändert.
Wenn ich noch einmal die Geschichte der frühen Tage des IBM PCs betrachte, meine ich, dass es IBMs größte Leistung war, die Eintrittshürden in den Computermarkt zu senken. Sobald die Spezifikation für den PC öffentlich war, konnte jeder einen PC bauen. Und als Folge davon passierten zwei Dinge: Erstens entstand ein "Commondity Hardware Business"; viele Anbieter traten in Wettbewerb, um den Computer mit dem niedrigsten Preis. Der Einstieg wurde so leicht, dass Michael Dell sein heutiges Multimilliarden-Dollar-Business in seinem Zimmer im Studentenheim starten konnte.
Vielleicht noch wichtiger war aber der Auftrieb, den die offene Hardware-Plattform der Software-Industrie gab. Plötzlich waren auch hier die Eintrittshürden sehr niedrig. Statt wie bisher bloße Satelliten der Hardware-Hersteller zu sein, wurden die Softwarefirmen selbst zu einer eigenständigen Kraft. IBMs großer Irrtum beruhte auf der falschen Annahme, dass Hardware mehr zähle als Software, was Microsoft die Gelegenheit gab, die Pole Position in der Computerindustrie zu übernehmen.
Ich behaupte, dass "Commodity Software" einer neuen Klasse von Applikationen zum Aufstieg verhelfen wird, die ich "Infoware" nenne.
Wenn man diese "Applikationen" betrachtet, sieht man, dass sie eher Prozesse als Produkte sind. Microsoft kommt mit neuen Versionen alle 12 bis 18 Monate heraus. Yahoo!, Amazon und E*Trade bringen ihre Produkte unentwegt auf einen neuen Stand. Hinter den Kulissen sieht man Open Source-Scripting-Sprachen wie Perl, Tcl und Python (oder kommerzielle Produkte, die ihre Funktionalität imitieren) als wichtigsten Teil des Entwicklungs-Mixes. Der Grund dafür war, und das haben sowohl Microsoft mit Active X als auch Sun mit klientenseitigen Java verpasst, war, dass diese "Applikationen" nicht von Programmierern gemacht werden, sondern von Autoren, Redakteuren, Katalogisierern und anderen Content-Spezialisten. Manche dieser Programme erzeugen ein "ad hoc"-Mapping von dynamischen, textbasierten Inhalten wie etwa Nachrichtentickern. Perls Fähigkeit, Text durch mächtige Regular Expressions zu parsen, stellte sich als wichtiger für die Applikationen der Zukunft heraus als objektorientiertes Recycling von Code.
Für mich ist das die wirkliche Bedeutung der Open Source-Bewegung. Wenn man die Eintrittshürden senkt, erhöht man die Wahrscheinlichkeit von Überraschungen. Wie Alan Kay einmal sagte: "Es ist einfacher, die Zukunft zu gestalten, als sie vorherzusehen." Open Source gibt uns ein besseres Werkzeug für Innovationen in die Hand; nicht weil es eine magische Entwicklungsmethode ist (obwohl die Vorzüge verteilter Kritik durch Kollegen gewaltig sind), sondern weil mehrere Mitspieler unerwartete Wendungen hineinbringen können. Software-Firmen konnten das Web nicht erfinden, weil sie zuviel zu verlieren hatten und versuchten, ihre engstirnigen Produktauffassungen, die mit ihren existierenden Ertragsmodellen kompatibel waren, in die Welt des vernetzten Multimedia zu pressen. Es war die Verfügbarkeit von freier Software und offenen Standards, die Leute außerhalb dieser Industrie in die Lage versetzte, das nächste große Paradigma zu schaffen.
Das wirkliche Geheimnis der Open Source ist, dass sie der neueste Technologie-Durchbruch ist, einer der die existierenden Anbieter entmachtet und neue Ideen hereinlässt. Das letzte Mal waren die "Barbaren" (um Philippe Kahns Ausdruck zu verwenden) kleine Software-Firmen. Heute hat Microsoft den Software-Markt erobert und würgt alle Innovation ab, aber schon kommt die "Commoditization" der Software durch die Impulse der Open Source-Bewegung herein und ermöglicht eine völlig neue Klasse von Anwendungen.
Heißt das, die Software-Industrie, wie wir sie kennen, ist irrelevant geworden? Ganz und gar nicht. Sie wird weiterhin blühen und gedeihen, so wie es ja auch den Hardware-Herstellern in einer von Software-Firmen dominierten Epoche gut gegangen ist. In einer Hinsicht ist es irrelevant, ob das Web bei seinen offenen und freien Wurzeln bleibt; seine Mission hat es bereits erfüllt. Ich erwarte sogar, dass viele Applikationen, die ursprünglich in der Open Source-Gemeinde entwickelt wurden, irgendwann in den nächsten paar Jahren proprietär werden, weil sich viele Hersteller von Web-Applikationen, die ihren Wohlstand auf einem offenen Fundament aufbauen, sich selbst schützen werden wollen. Sogar Microsoft war einmal ein Outsider, eine kleine Firma, die die Welt verändern wollte.
Ich glaube, dass es zu einer erfolgreichen Industrie gehört, die richtige Balance zwischen offen und proprietär zu bieten. Im Kern der offenen PC-Hardware-Plattform steckt eine proprietäre CPU und eine Reihe von proprietären Geräten. Im Kern des offenen Internet stecken proprietäre Cisco-Router, und zu jedem Open Source-Programm gibt es ein proprietäres Gegenstück. Es ist keine Entscheidung entweder-oder.
Nach alle dem Gesagten glaube ich, dass wir aus unseren Fehlern lernen können. Es ist nicht nötig, dass wir periodisch durch Zyklen von Offenheit und gesundem Wettbewerb gefolgt von Stagnation durch einige wenige dominierende Hersteller gehen, die uns zentral nach ihrem Master Plan managen. Die Geschichte lehrt uns, dass, wenn es um Innovation geht, offen proprietär immer schlägt. Man muss sich nur Unix ansehen, um diesen Effekt zu beobachten. Viele der Innovationen, die in kommerzielle Unix-Systeme Eingang fanden (wie auch die grundlegenden Technologien des Internets) wurde ursprünglich von den Universitäten als Erweiterungen zur Arbeit bei Bell Labs entwickelt. Als AT&T Unix unter einer restriktiven Lizenz verkommerzialisierte, hörten diese Entwicklungen auf und fingen erst wieder an zu blühen, als Linux, eine freie Implementation, zum Unix-Marktführer wurde.
Mein Schlusswort an Sie ist daher, dass wenn Sie Wettbewerb und Innovation schätzen, es in Ihrem Interesse ist, die Gemeinde der Open Source-Entwickler zu fördern und zu unterstützen. Sie sollten nicht nur mit Open Source-Produkten experimentieren, sondern auch von den zugrundeliegenden Prozessen lernen. Mein Traum ist, dass wir das Beste aus beiden Welten haben können: Eine lebendige kommerzielle Industrie, die dort, wo das sinnvoll ist, auf Offenheit und Kooperation basiert, und Wettbewerb und proprietäre Privilegien, wo sie Sinn haben.




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8/2011
7/2011


Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. 