Evan Mahaney
Aus dem Amerikanischen von Reinhard
Gantar
Die Leprechauns waren ganz in ihre Gespräche vertieft, als ich mich für unser monatliches Meeting in den Sessel fallen ließ. Sie ignorierten mich gänzlich, so absorbiert waren sie in ihre Unterhaltung über - Sie ahnen es schon - den Ausgang von Microsofts berüchtigter Anklage durch das Justice Department.
Es bietet Gesprächsstoff für jeden - für den Junior mit 100 Aktien der Firma, die er vom spendablen Opa bekommen hat, für den Wall Street-Analysten, der jetzt einige schwere Entscheidungen treffen muss, und für die Millionäre, die für Microsoft arbeiten und die ihre Millionen den Stock Options ihres Brötchengebers verdanken. Und dass sich Computer-Kolumnisten auf die Saga stürzen wie hungrige Schakale auf frisches Aas, das versteht sich wohl von selbst.
Mr. Kontra war ganz sein einschüchterndes Selbst und verkündete lautstark: "Ich sage, lasst das Justice Department die Firma zerstückeln. Jedem mit Anteilen an Microsoft wird es nachher besser gehen als vorher."
Fräulein Donner, die gleichermaßen einschüchternd sein kann, starrte Mr. Kontra an und entgegnete: "Das bedeutet, die Gans zu schlachten, die goldene Eier legt, du Eierkopf. Niemand - absolut niemand - wird das zulassen."
"Ihr wisst nicht, was Ihr da redet." sagte Mr. Kontra. "Microsoft in wenigstens zwei Firmen zu zerlegen ist machbar und brauchbar und wird von der Regierung gerade untersucht. Lasst mich Euch eine kurze Lektion in Geschichte geben, Fräulein Donner. Bei Eurem zarten Alter könnt Ihr nicht wissen, was 1984 geschah - vor 16 langen Jahren. Damals entschied dasselbe Department of Justice, dass die American Telephone and Telegraph Company die Öffentlichkeit neppte und zerteilt werden sollte. Es gibt Leute, die an jedem Tag der Woche Golf spielen und mehr Geld haben, als sie je verbrauchen können. Sie waren 1984 Aktionäre von AT&T und brauchten nur ihre Anteile zu behalten, die sie an den neu entstandenen "Baby Bells" für die Anteile an der Ex-AT&T bekamen."
"Das wichtige hier ist, mein liebes Fräulein Theater-Donner, dass die Aktionäre abzocken werden wie die Raubritter, sobald das Justice Department Microsoft zerlegt. Und Bill Gates wird sogar noch reicher werden, obwohl das bei ihm schon egal ist. Noch wichtiger ist aber, dass sich sonst gar nichts ändern wird. Innovation und das Bundling von Software, Autos, Flugzeugen, Zahnpasta, was auch immer, wird fortgesetzt. Das ist, wie Marketing-Leute Geschäfte machen. Die Regierung und das Gericht können aufatmen und erklären, sie hätten ein Problem gelöst. Dabei hat es nie ein Problem gegeben, und die Lösung hat keine Konsequenzen - nur reichere Aktionäre und dieselben alten Regeln des Marketings, auch wenn sie hier etwas exzessiv befolgt werden."
Zerstückelung wird es keine geben. Niemals.
Ein Schweigen ging durch die Schar auf meiner Tastatur. Nicht einmal Fräulein Donner sagte etwas. Es war das gelehrte und beliebte Fräulein Lieblich, das die Stille durchbrach. "Nun, Mr. Gates und die anderen Aktionäre wären wahrscheinlich besser dran, wenn Microsoft in Baby Bills zerlegt werden würde. Ich glaube aber nicht, dass das geschehen wird; an Microsofts bisherigem Verhalten sehen wir eine ganz andere Zukunft."
"Microsoft ist eine recht sperrige Firma. In der Geschichte vom Hasen und dem Igel wäre sie der Igel. Sie nehmen ein Programm her und bewerfen es in Form von Programmierern, Entwicklern und Ingenieuren mit Geld. Sie machen es wieder und wieder und wieder, so lange, bis schließlich ein ganz gutes Programm herauskommt. Die Firma lernt aus ihren Fehlern und aus Anregungen von der Öffentlichkeit. Diese Tradition gibt es dort seit den ersten Tagen, als Microsoft ein existierendes Betriebssystem kaufte und zu MS-DOS machte."
Mr. Rupfer, der wegen seiner abgehackten, abrupten Art nur wenige Freunde hatte, mischte sich ein: "Was zum Teufel hat das mit der Zersplitterung Microsofts zu tun? Bleibt beim Thema, Fräulein Lieblich!"
Fräulein Lieblich lächelte nur - ein unfehlbarer Weg, aufdringliche Personen dumm aussehen zu lassen, sogar wenn es sich um Leprechauns handelt. Dann fuhr sie fort: "Bill Gates wird mit einer so lautenden Entscheidung von Richter Thomas Penfield Jackson folgendes machen: er wird die Wege in Washington und einigen Bundesstaaten vergolden. Vor 18 Monaten, als das Verfahren eröffnet wurde, begann er Geld an Politiker zu spenden. Er wird gerade zum Experten für Lobbying. Und, sehen wir den Tatsachen ins Auge: Geld, das er verschenken kann, hat er ja genug."
"So bin ich sehr zuversichtlich bei der Voraussage, dass er solange jede Einigung verhindern wird, bis alle politischen Kräfte und alle Richter, darunter die zweite Instanz, die Zeichen an der Wand verstehen. Dann könnt Ihr Euch schon auf eine Entscheidung des Justice Departments freuen, die für Microsoft vollkommen unschädlich ist. Stellt Euch eine Größenordnung von einer Milliarde Dollar Geldstrafe und das Abnehmen einer Handvoll Versprechen vor, die keinerlei Bedeutung haben. Aber Microsoft zerstückeln? Das wird niemals passieren. Niemals."
e-Commerce in Schwierigkeiten
Fräulein Spott durchbrach die Stille. Sie ist etwa so scharf wie Mr. Scathe, hat aber eine höhere Trefferquote bei ihren Vorhersagen. Sie sah mich an und sagte: "Nun, oh Feinschmecker des gedünsteten Stachelbeerpuddings, ich möchte das Thema wechseln. Ihr wollt immer Prognosen über die Zukunft, und ich habe da eine, die geradezu danach schreit, gehört zu werden. Um es grob zu formulieren: e-Commerce ist in Schwierigkeiten. Die technisch veranlagten Leute, die mit ihren Köpfen in den Wolken durch die Gegend marschieren und von der "New Economy" reden und auf die "Old Economy" herabsehen - sollten sich für die nächsten 18 Monate auf stärkere Turbulenzen vorbereiten. Kurz gesagt, meine Prognose lautet, daß Hunderte von ihnen, wenn nicht sogar Tausende, bald pleite machen werden."
Ohne jemandem die Chance gegeben zu haben, sie zu unterbrechen, fuhr Fräulein Spott fort: "Zunächst einmal ist es so, daß am Anfang von allen neuen Entwicklungen zu viele da sind und ein Ausmustern unvermeidlich ist. Bei den e-Commerce-Leuten gibt es aber noch ein anderes Problem. Sie verkaufen physische, harte Güter - Dinge, die man zum Beispiel herumtragen kann, oder, bei großen Gütern wie Autos, wenigstens anfassen kann. Sie alle haben aber etwas vergessen: sie müssen diese Güter auch transportieren. Sie haben vergessen, daß physischer Vertrieb genauso wichtig ist wie elektronisches Ordern."
"Und das wird sie umbringen. Diese Cyber-Genies wissen einfach nicht, wie man in der schmutzigen, verschwitzten "alten Welt" agiert. Sie wissen nicht, wie man die Gewerkschaften der Fernfahrer über den Tisch zieht. Wie man Verkehrsprobleme umgeht, sei es am Highway oder in den Boondocks. Sie haben keine Ahnung, wie man durch Commodity Trading die Spekulanten das Risiko von Preisschwankungen für Treibstoff absorbieren läßt. Sie wissen einfach nicht, wie man Vertrieb abwickelt. Sie müssen also erst lernen, wie man mit Gewerkschaftern Frieden schließt oder in riesigen Halden aus Gütern ertrinken, die sie nicht verschicken können. Mit einem Wort, der neue e-Commerce braucht die Fertigkeiten für den physischen Vertrieb von Gütern - oder er wird aussterben."
Und nachdem sie dieses Wissen mit mir geteilt hatten, gaben mir die Leprechauns noch schnell die Übersetzungen von den Äußerungen der letzten paar Wochen und zogen sich in die Eingeweide meines Computers zurück.
Phrasen die übersetzt werden müssen
Das Zitat: "Im Augenblick sind die Amateure am Ruder und alle diese Händler müssen zugeben, dass sie im Dunklen tappen. Keiner von ihnen hat es geschafft, ausreichende Betreuung von Kunden vorzusehen."
Die Umstände: Kommentar von Bob Chatham, Analyst bei Forrester Research, zur neuen Forrester-Studie, die zeigt, dass nur 30 Prozent der e-Commerce-Häuser vorhaben, Kundenbetreuung in ihr Unternehmen zu integrieren.
Die Übersetzung: Ruft die Banken an, einige große Internet-dot.coms gehen gerade ohne Retour-Ticket den Bach runter.
Das Zitat: "Es gibt da diesen einen riesigen Wirtschaftsmotor, das Internet und die damit verbundene Kultur, und der wächst am schnellsten. Und es gibt da immer weniger Frauen, die diesen Motor in Gang halten können. Das ist schlecht."
Die Umstände: Kommentar von Sherry Turkle, Dozentin für Soziologie am Massachusetts Institute of Technologie, zu einem neuen Bericht, der zeigt, dass immer weniger Frauen sich als Programmierer oder Informatiker mit der technischen Seite von Computern befassen.
Übersetzung: Die Technologie versagt dabei, auf den großen Pool an Arbeitskraft und Intelligenz zurückzugreifen, der an der Hintertür schlummert.
Das Zitat: In den USA mögen diese Auktionen nicht illegal sein, aber sobald man damit die Grenze nach Frankreich überschreitet, sind sie total verboten."
Die Umstände: "Marc Knobel, Researcher von der französischen LICRA, kommentiert das Verfahren gegen Yahoo, die eine Auktion von Nazi-Devotionalien beherbergt.
Die Übersetzung: Wenn man in Frankreich ist, muss man mit den Franzosen heulen. Das gilt wohl auch für Internet-Sites.
Das Zitat: "Wir müssen also die Leistung jenes Mannes anerkennen, der für die Computer auf unserer aller Schreibtische verantwortlich ist. Damit meine ich nicht den Innovator, der die schönsten Fonts entworfen hat oder den Mann, der das coolste Super Bowl-Inserat geschalten hat - sondern den Mann, der die Werkzeuge geschaffen hat, die die Menschen für ihre tägliche Arbeit brauchen und die auch erschwinglich sind. Dieser Mann war Bill Gates."
Die Umstände: Kommentar von James Freeman, Herausgeber von The TechnoPolitics, in einer kürzlich erschienen USA Today-Kolumne.
Die Übersetzung: Klar, Mann, und Bill Gates hat auch das Internet erfunden, und Fußball, und die Mondrakete. Und er hat der Welt den Frieden gebracht.




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