Evan Mahaney (evan@reporters.net)
Aus dem Amerikanischen
von Reinhard Gantar (reinhardgantar@hotmail.com)
Es war also keine Überraschung für mich, als die Leprechauns mit ihrem Spott und ihren Tiraden über die Ludditen im amerikanischen Bundesstaat Maine begannen. Es gab eine lange Reihe scharfer Bemerkungen über Maine, als sich die Leprechauns auf meiner Tastatur versammelten und unser monatliches Meeting begannen.
Mr. Blade, ein brillantes Genie, das seine Leprechaunkollegen kaum sehen konnten, so dünn war er, fiel kopfüber in die Ritze zwischen der ö- und der ä-Taste. Nach seiner Rettung durch eine Handvoll weiblicher und kichernder Leprechauns saß Mr. Blade sicher auf dem "#" und lieferte mir eine kurze Zusammenfassung der Situation im Bundesstaat Maine.
"Der Gouverneur von Maine ist ein vorrausschauender, fortschrittlicher Mann. Er hat den Antrag gestellt, dass jeder Unterstufler in Maines öffentlichen Schulen einen Laptop geschenkt bekommen soll. Er hofft auf 15 Millionen Dollar vom Bund und aus privaten Spenden, um die 50 Millionen vom Land zu ergänzen. Er will eine Stiftung einrichten, die dann für jeden erfolgreichen Schüler der dritten Klasse einen Computer finanziert. Der Gouverneur hofft, qualitativ hochwertige Laptops für nur 500 Dollar zu bekommen. Immerhin werden sie jedes Jahr Tausende davon kaufen."
Mr. Blade machte eine Pause, blickte in die Runde und fügte hinzu: "Ich persönlich glaube, der Preis könnte sogar um die 300 Dollar liegen, und das mit viel RAM, hoher Taktrate, Modem, großer Festplatte und sogar einer Soundkarte." So seltsam es klingen mag, sogar unter der Schar high-tech-versierter Leprechauns gibt es den einen oder anderen Ludditen. Von einem sind wir dessen ganz sicher: Mr. Hachit antwortete augenblicklich: "Das ist Zeit- und Geldverschwendung. Die Kids werden die Dinger ruinieren und die Reparaturkosten werden atemberaubend sein. Auf so einen Nonsense kann nur ein Politiker kommen."
Fräulein Donner, unsere hochgewachsene, polternde Feministin, durchdrang Mr. Hachit mit einem ihrer Laserblicke: "Komm schon, alter Nörgler. Natürlich wird es Reparaturen und Austauschgeräte geben müssen. Der Bundesstaat Maine ist darauf aber vorbereitet und erwartet Unterstützung durch die Privatwirtschaft. Ihr Mr. Hachit, sieht hier den Wald vor lauter Bäumen nicht. Man muss dafür erst einmal den Hardwareherstellern auf die Schulter klopfen. Laptops sind über die paar Jahre extrem robust geworden. Man schmeißt sie in Flugzeugen herum, in Autos, Kofferräumen und Hotelzimmern. Laptops sind viel stabiler als Tower-PCs."
Fräulein Donner holte tief Luft und fuhr dann fort, auf Mr. Hachit herumzutramplen, der schon ziemlich in der Defensive war. "Ich hoffe, Ihr denkt nicht, dass der Gouverneur diese Idee am Montag geträumt und am Dienstag verkündet hat. Tatsächlich stellte er ausgiebige Nachforschungen an und zog eine Reihe namhafter Hersteller und Konsulenten aus der Industrie zu Rate. Sie alle wiesen sofort darauf hin, dass Maine in wenigen Jahren eine astronomische Anzahl von computerversierten Bürgern haben würde. Alle Schüler über zwölf würden über einen eigenen Laptop verfügen; sie und ihre Eltern wären dann Internet-belesen; Lehrer könnten Laptops zum halben Preis erwerben, und auch Schulungen, um das Internet in den Stoff zu integrieren."
Nach Gouverneur Kings Plan kann dieses Unternehmen durch eine öffentlich/private Stiftung von 65 Millionen Dollar finanziert werden, die immer weiter wachsen und eine reichhaltige Schaltstelle zwischen Technologie und Bildungswesen hervorbringen würde. Maine wäre erster Einsteiger in ein Rennen um die Zukunft.
Es war das geistesgegenwärtige Fräulein Klug, die sich durch den Zwischenruf "Und dieser Umstand beunruhigt die anderen 49 Bundesstaaten!" in die Konversation einschaltete. Sie wandte sich an mich und sagte: "Das löst Euer Problem, Euren Lesern von einem neuen Trend berichten zu müssen. Denk an meine Worte, oh Freund der braunen Zuckerplätzchen: diese Idee wird den Siegeszug um die Welt antreten. Tatsächlich könnte sie in Europa noch eher einschlagen als in Amerika. Dort sind die Vorbehalte gegen Regierungsprogramme geringer, aber auch hier in den USA wird sich die Idee verbreiten wie ein Buschfeuer. Die Menschen werden diese Idee sehr mögen und die Vorzüge dieses Projekts sind geradezu schwindelerregend. Da kann Herr Hachit meinen, was er will."
Inzwischen hatte sich Mr. Hachit auf die F1-Taste zurückgezogen. Er hatte erkannt, dass zwei eloquente Frauen ihn demontiert hatten, weil ihr Standpunkt Hand und Fuß hatte. Mr. Hachit kannte aber auch die grundlegende Zauberformel aller Politiker, auf die sie in die Enge getrieben, zurückgreifen: einfach das Thema wechseln. "Das ist alles schön und gut" sagte er also, "ich glaube immer noch, dass die Idee mit den Gratiscomputern nicht durchführbar ist, aber ich habe etwas Wichtigeres zu berichten. Die Banken fallen wieder einmal unangenehm auf." Er arbeitete sich von der Peripherie der Tastatur zurück und keuchte: "Wieder und wieder Déjàvu..."
Unter den Bewohnern der Erde zeichnen sich die Leprechauns dadurch aus, dass sie für Bankdienstleistungen nicht die geringste Verwendung haben; trotzdem ist eines ihrer Lieblingsthemen das internationale Bankwesen. Mr. Hachit fuhr in seiner neuen Tirade fort: "Manche Dinge ändern sich nie. Wir haben das Euren Lesern früher schon einmal mitgeteilt; jetzt aber fürchten wir uns vor wildgewordenen Hackern und haben Schlagzeilen über ausgespähte Kreditkartennummern und deren Missbrauch. Aber begegnen die Banken diese Schauergeschichten mit dem Umstand, dass der Eigentümer einer Karte für Belastungen nach dem Diebstahl der Nummer nicht haftet? Natürlich nicht."
Er fuhr mit dem Hinweis fort, dass die Banken die Kreditkartenbesitzer auffordern, ihre Karten bei "ungesicherten" Websites nicht zu verwenden. (Die neueren Versionen von Netscape und Internet Explorer lassen den Benutzer wissen, ob eine Site sicher ist oder nicht, üblicherweise taucht in der rechten Ecke des Fensters eine Nachricht auf.) "Die Frage ist" dozierte Mr. Hachit, "warum die Kreditkartenfirmen es manchen ihrer Händler überhaupt gestatten, Kreditkartenzahlungen über ungesicherte Verbindungen entgegenzunehmen. Das liegt nicht in der Verantwortung der Öffentlichkeit. Die Bank ist verantwortlich. Die aber laufen herum und erzählen Geschichten vom schwarzen Mann, um Benutzer vom Gebrauch des Internet abzuschrecken. Schon komisch, diese Banken. Und hier eine Prophezeiung für die Zukunft: sie werden dieser Wahrheit nie entsprechen und werden sich niemals ändern."
Nach diesem Schlusswort verschwanden Mr. Hachit, Mr. Blade, Fräulein Klug, Frau Donner und all die anderen Leprechauns in die Tastatur und ließen wie immer ihre augenblicklich liebsten Zitate zurück.
Das Zitat: "Unsere Absicht ist es, das erste wirkliche Gratis-Internetservice zuerst einmal in den UK anzubieten. Dann werden wir prüfen, ob wir es auch in anderen Teilen Europas auf die Beine stellen können.
Die Umstände: Ein Altavista-Sprecher erklärt, dass die für ihre Suchmaschine bekannte Firma Gratis-E-Mail in England und anderen Ländern Europas anbieten wird.
Die Übersetzung: Wir sind eigentlich pleite und kommen mit dieser Idee etwas spät auf den Markt... seufz... ich wünschte, wir wären als erste darauf gekommen...
Das Zitat: "Es ist klar... dass ich mit meinem Plan, ansonsten anonym gebliebene Webaktivitäten mit den Namen anderer Sites zu verknüpfen, einen Fehler gemacht habe."
Die Umstände: DoubleClicks CEO Kevin O'Connor verlautbarte, dass seine Firma von dem Vorhaben wieder abgekommen sei, durch Kombinieren von Online- und Offline-Daten in einer Marketing-Datenbank in die Intimsphäre von Benutzern einzudringen.
Die Übersetzung: Verdammt, ich hoffe, wir können uns davon in aller Deutlichkeit distanzieren, bevor die Öffentlichkeit merkt, was passiert ist. Zum Glück habe ich noch eine andere Idee, ich arbeite ja gerade an...
Das Zitat: "Anders als andere Firmen, die sich in ihren Verlusten suhlen, managt Priceline ihr Wachstum sehr sorgfältig."
Die Umstände: Heidi Miller - neuer Chief Financial Officer bei Priceline, also jener Firma, die voriges Jahr noch das liebste Kind der Finanzmärkte war, aber seither dramatische Kursverluste hinnehmen musste.
Die Übersetzung: Wir haben keine Verluste in Myriadenhöhe. Ja, es ist wahr, Gewinn haben wir noch keinen gemacht. Auf der anderen Seite managen wir unser Wachstum sehr sorgfältig.
Das Zitat: "Die XBox bietet mehr als die doppelte Leistung jeder bisherigen Plattform."
Die Umstände: Bill Gates verkündet das wohlbekannte Geheimnis, dass Microsoft mit einer Konsole in das Spielegeschäft einsteigen wird, die noch keinen offiziellen Namen hat, aber von den Entwicklern als XBox bezeichnet wird.
Die Übersetzung: Vor 2001 gehen wir damit sicher nicht auf den Markt, aber wir brauchen Software-Entwickler, die uns an diesem Ding zur Hand gehen; und wir hoffen, dass wir immer noch doppelt so gut sind wie alle anderen, wenn wir damit - ehrlich jetzt - in ein paar Jahren herauskommen.




7/2011
6/2011
5/2011


Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. 