18-5-2017 Gedruckt am 25-05-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/17285

Gastkommentar - Peter Lieber, VÖSI

Es scheint so, als wollte man IT verbieten

Ein Kommentar von Peter Lieber, Präsident des Verbandes Österreichischer Software Industrie (VÖSI), zur Presseaussendung des Europaabgeordneten Paul Rübig „Cyber-Attacken: Rübig fordert Haftung der Softwarefirmen“ vom 16. Mai 2017.

Peter Lieber, Präsident des VÖSI. (Bild: Rudolf Felser)

Software-Systeme sind komplex und vielfältig. Die Frage nach der Verantwortung für kritische Fehler ist daher nicht einfach zuzuweisen. Jeder der mit Software zu tun hat – egal, ob als Anwender, Hersteller, Betreiber, Verkäufer etc. – hat Verantwortung. Jeder Hersteller von Hardware, die mit Software betrieben wird, hat Verantwortung. Der Staat hat Verantwortung, der es jahrelang verabsäumt hat, sich auf diese Thematik einzustellen. Eltern haben Verantwortung, die ihren Kindern uneingeschränkten Zugang zu Software gibt.
 
Ich kann mir nicht vorstellen, dass mit der Presseaussendung des Europaabgeordneten Paul Rübig vom 16. Mai gemeint sein soll, dass z.B. die knapp 35.000 österreichischen Software/IT Unternehmen (davon 78 Prozent Ein-Personen-Unternehmen), die offiziell Software herstellen, adaptieren oder in Betrieb nehmen, alleine haftbar gemacht werden sollen.
 
Es geht hier meiner Ansicht nach um den völlig ungeeigneten Versuch der Politik, etwas durch Strafen zu regulieren, was letztlich nur durch eine Rückkehr in die Zeit vor IT und Software gelingen könnte. Es scheint so, als wollte man IT und Software einfach verbieten, weil diese potentiell gefährlich sein können. Aber im Zeitalter der umfassenden Digitalisierung ist letztlich überall Software anzutreffen, da moderne Produkte und Services ohne Software nicht die Leistungen erbringen können, die die Gesellschaft von ihnen erwartet. Dann könnten wir gleich auch Strom, Gas oder vielleicht sogar Essen und Trinken verbieten, denn auch dort lauern Gefahren.
 
Im Hinblick auf eine rationale und sinnvolle Problemlösung sollte vielmehr an Normen gearbeitet werden, die verifizierbar sind und die bei Einhaltung nicht nur ein Gütesiegel, sondern auch eine Bestätigung dafür sind, dass alles Menschenmögliche getan worden ist, damit Fehler vermieden werden. Das ist ja in vielen Industriebereichen bereits Standard und sollte nun endlich auch für IT und Software umgesetzt werden. Der Verband Österreichischer Software Industrie (VÖSI) steht dafür sehr gerne mit seiner Expertise zur Verfügung.
 
Darüber hinaus ist es nicht mehr zeitgemäß, dass Software immer noch manuell erzeugt wird. Wir sind inzwischen längst bei grafischen, normativen, domänenbasierten, modellbasierten Sprachen angekommen, die die nachweisbare Qualität von Software auf ein ganz anderes Niveau heben können. Aber auch hier gibt es Nachholbedarf: Ich glaube, das immer noch 80% der Softwareentwickler nicht mit diesen modernen Methoden der nächsten Generation arbeiten.
 
Fakt ist übrigens auch, dass die meisten für Endanwender sichtbaren Softwaresysteme längst nicht mehr von Softwareentwicklern weiterentwickelt und angepasst werden. Diese Aufgabe haben z.B. gerade im Bereich der beliebten Online- und Mobil-Anwendungen vor allem auch Marketing-Agenturen übernommen. Moderne Entwicklungswerkzeuge machen es nämlich letztlich möglich, dass jedes Kind Software herstellen kann. 
 
Was Politik in diesem sich rasch bewegenden und verändernden Umfeld ebenfalls sinnvoll beitragen kann, ist die breite und vehemente Förderung der Vermittlung digitaler Kompetenzen. Und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt. Auch hier ist der VÖSI bereits aktiv und steht als Ansprechpartner mit seinen Erfahrungen sehr gerne zu Verfügung.
 
Peter Lieber ist Präsident des Verbandes Österreichischer Software Industrie.
 
Unseren Artikel zur Forderung des Europaabgeordneten Paul Rübig finden Sie hier.