12-5-2017 Gedruckt am 25-05-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/17269

Interview - Markus Neumayr, Ramsauer & Stürmer

Wir haben uns für Österreich entschieden

Ist ERP aus der Cloud für den Mittelstand in Österreich relevant? "Die Cloud-Thematik ist für ganz große Lösungen relevant, oder für ganz kleine. Und wir stecken dazwischen, wo das kein Thema ist", erklärt Markus Neumayr, Geschäftsführer der Ramsauer & Stürmer Software GmbH. Das Salzburger Unternehmen forscht an einem übergeordneten ERP-Cloud-Modell und setzt auf Entwicklung in Österreich.

Rudolf Felser

Markus Neumayr, Geschäftsführer der Ramsauer & Stürmer Software GmbH (Bild: timeline - Rudi Handl)

Die 1984 gegründete Ramsauer & Stürmer Software GmbH wird von einer Doppelspitze geführt: Gründer Helmut Ramsauer ist für Unternehmensstrategie und Personal verantwortlich, Markus Neumayr kümmert sich um das operative Geschäft, den Vertrieb, die Softwarelösungen und Marktexpansion. Neumayr ist seit 1990 im Unternehmen und seit 1999 geschäftsführender Gesellschafter. Der Hauptsitz des ERP-Anbieters und Beratungsunternehmens mit Mittelstands-Fokus ist in Salzburg, wo auch die Softwareentwicklung passiert.
 
Vom Erfolg des Unternehmens und der Beliebtheit seiner Lösung "rs2" zeugten letztes Jahr eine Auszeichnung beim Bewerb "Austria´s Leading Companies" sowie die Top-Platzierung in der Trovarit-Studie "ERP in der Praxis".
 
Wir haben Markus Neumayr im Interview unter anderem zum Thema ERP in der Cloud und die Entscheidung für den Standort Österreich in der Softwareentwicklung befragt.
 
Bisher bietet Ramsauer & Stürmer kein Cloud-Angebot seiner ERP-Software. Warum nicht? 
Da stellt sich immer die Frage: Was ist Cloud, und was nicht? Wir machen mit vielen unserer Kunden Private-Cloud-Systeme, In-house-Rechenzentrumslösungen beziehungsweise Rechenzentrumslösungen in einem segmentierten Bereich in der Cloud. Aber wir bieten kein offenes Cloud-Modell, wie man es zum Beispiel bei Office 365 von Microsoft sieht, also keine Cloud Services im klassischen Sinn.
 
Das war doch sicher eine bewusste Entscheidung. Welche Gründe gibt es gegen ein Cloud-Angebot?
Das liegt daran, dass die Kunden das bis jetzt zwar sondiert haben, aber nicht aktiv mit uns in diesen Prozess eingestiegen sind. Natürlich haben wir darüber nachgedacht, gerade wenn man hört welche Cloud-Umsätze die großen Unternehmen generieren. Aber alle unsere Kunden sind in der Private Cloud gelandet, nie in der Public Cloud.
 
Ist also schlicht der Bedarf nicht da?
Der Markt hat es von uns zumindest nicht angefordert. Warum nicht, das habe ich auch noch nicht herausgefunden.
 
Kann das vielleicht mit Ihrem Kundensegment zu tun haben? Sie adressieren ja klar den Mittelstand.
Das ist auch meine Vermutung: Die Cloud-Thematik ist für ganz große Lösungen relevant, oder für ganz kleine. Und wir stecken dazwischen, wo das kein Thema ist.
 
Das soll sich scheinbar ändern, denn Ramsauer & Stürmer arbeitet an dem EU-geförderten EFREtop Projekt ERP4Cloud. Seit wann läuft das Projekt und warum geht es dabei?
Im Grunde wurde das Projekt gerade erst gestartet, die Kooperationsvereinbarungen mit den Universitäten sind geschlossen. Jetzt wird mit der Arbeit begonnen. Das Projekt ist auf vier Jahre angelegt. Es geht nicht um ein klassisches ERP in der Cloud, sondern im Grunde um den Nutzen eines übergeordneten Cloud-Modells im ERP-Bereich.
 
Was heißt das konkret?
Es gibt sehr viele Prozesse, die einerseits interne Prozesse im Unternehmen darstellen, aber andererseits auch aus dem Unternehmen heraus in einen fremden Unternehmensbereich eingreifen, etwa bei Lieferanten. Das Problem in unseren heutigen Arbeitsprozessen ist, dass wir, wenn der Prozess das Unternehmen verlässt, keine Informationen in den eigenen Systemen erhalten. Wenn sich die Cloud durchsetzt und das monolithische Prozessdenken wegfällt, ist die Idee dahinter diese Cloudservices anzapfbar zu machen und damit die Information ganz anders im Unternehmensprozess verfügbar zu machen. Das versuchen wir mit diesem neuen Architekturmodell zu erschließen. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Wenn man das hinbekommen kann, wachsen die monolithischen Systeme in ein Gesamtsystem zusammen. Im Grunde – ich will nicht sagen wie Facebook – aber ein System das die Welten verbindet.
 
Sie haben 120 Mitarbeiter und bekennen sich zum Standort Österreich, auch was die Softwareentwicklung betrifft. Ist das nicht ein Wettbewerbsnachteil?
Grundsätzlich ja. Wir haben uns trotzdem für Österreich entschieden, weil wir uns in einem extremen Core-Business bewegen. Wir haben natürlich auch überlegt, zu günstigeren Entwicklern ins Ausland zu gehen. Aber wir haben festgestellt, dass uns die Entwicklung in Österreich einen klaren Wettbewerbsvorteil bringt. Dank der direkten Kommunikation zwischen den Entwicklern, Consultants und Support Mitarbeitern reagieren wir sehr schnell auf die Wünsche unserer Kunden. 
Deswegen versuchen wir das in Österreich zu halten und bündeln die Kapazitäten an unseren beiden Standorten. Wir bauen auch den Standort in Wien aus, um nicht nur die Betreuung, sondern auch Infrastruktur in der Software-Entwicklung in Wien aufzubauen. Bisher hatten wir uns für die Software-Entwicklung auf den Standort Salzburg konzentriert.
 
Was gibt es sonst noch Neues von R&S?
Wir haben uns zu einer strategischen Änderung entschlossen und werden in Kürze mit einer Eigenentwicklung für Personal-Recruiting und Personal-Management – im Grunde das gesamte HR-Management inklusive Lohnverrechnung – auf den Markt kommen. Bisher haben wir diesen Bereich bewusst nicht abgedeckt. Aber die Kunden fordern immer stärker Komplettlösungen. Außerdem beschäftigen wir uns massiv mit Plattformlösungen für B2B und B2C. Auch das wird von den Kunden gefordert.