9-5-2017 Gedruckt am 29-05-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/17259

Interview - Richard Wein, nic.at

Wie kommt man vom Bier zum Internet?

Richard Wein, Geschäftsführer der österreichischen Domain-Registry nic.at, war zwar immer schon Internet-affin, ist aber kein "gelernter Techniker". Das merkt man ihm nicht an, wenn er im Interview über die Organisationsstruktur des Internets sowie Domain-Trends spricht.

Rudolf Felser

Richard Wein ist ist kaufmännischer Geschäftsführer von nic.at. (Bild: nic.at)

Der ursprünglich aus Bad Reichenhall stammende Betriebswirt Richard Wein hat im Verlauf seiner Karriere berufliche Erfahrungen in den Bereichen Controlling, Organisation und kaufmännische Leitung in Deutschland und Österreich gesammelt. Unter anderem führte ihn sein Weg zu Agfa-Gaevert, der Brauerei Sigl, Wiberg und der Brauerei Bürgerbräu. Seit Sommer 2000 hat er sich einer "nüchterneren" Branche zugewandt und ist als kaufmännischer Geschäftsführer für die Agenden Finanzen, Administration, Organisation und IT der heimischen Domain-Registry (Registrierungs- oder Vergabestelle) nic.at zuständig. Wir haben ihn unter anderem zu Änderungen in der Organisationsstruktur des Internets sowie Domain-Trends befragt – und natürlich darüber, wie man vom Bier zum Internet kommt.  
 
Seit Ende 2016 liegt die Aufsicht über die ICANN nicht mehr bei der US-Regierung, sondern wurde an die Internet-Community übergeben, in einem Multi-Stakeholder-Modell. Welchen Unterschied macht das in der Praxis? 
Da muss man etwas ausholen: Für gTLD, also generische Top Level Domains wie .com, .net, .org, aber auch die neuen wie .wien, .tirol oder .hamburg, ist ICANN der sogenannte "Policy Body", der Entscheidungen über Vergaberichtlinien und ähnliche Dinge trifft. Bei ccTLD, Country Code Top Level Domains wie .at oder .de, entwirft in der Regel die Registry oder lokale Internetcommunity die Policy und Vergaberichtlinien, dort ist der Einfluss von ICANN beschränkt. 
Generell ist die wichtigste Funktion von ICANN die IANA-Funktion. Das ist eine Datenbank, in der sämtliche TLDs verwaltet werden. Diese Funktion ist extrem kritisch. Wenn man die beeinflussen könnte wäre man an sich der Herr über das Internet. Den Amerikanern wurde oftmals vorgeworfen, sie könnten den Stecker ziehen. Man könnte beispielsweise im Kriegsfall eine TLD aus der Root-Zone nehmen und damit das Internet in diesem Bereich komplett abschalten. Kein Bankomat, keine Mail mit dieser Endung würde mehr funktionieren. Das war der Hauptkritikpunkt an der Machtposition der US-Regierung. Sie hätte die Macht gehabt, diesen Einfluss geltend zu machen. Es ist aber nie vorgekommen. 
Jetzt läuft es so: Bisher ist jeder Antrag einer Änderung oder Neueintragung in der IANA-Datenbank über einen Schreibtisch im Wirtschaftsministerium der US-Regierung gelaufen. Das ist seit dem 30.9.2016, als der Vertrag zwischen IANA und dem US-Department of Commerce ausgelaufen ist, anders. Es gibt verschiedene Kontrollgremien, es gibt die PTI (Public Technical Identifiers), eine neue Organisation die diese Aufgabe wahrnimmt und mit neuen Kontrollmechanismen von extern versehen wurde. Es gibt neuinstallierte Gremien, die sowohl die Vorgaben – sprich SLAs – definieren, aber auch die Performance kontrollieren und der Community – und da ist die Definition durchaus weit zu sehen – quartalsmäßig Reports zur Verfügung stellen. Das ist der große Unterschied seit dem 1. Oktober.  
Das wurde alles von der Community erarbeitet und war auf gut wienerisch eine "Mörderhacken". Da waren sehr viele Leute zwei Jahre lang Tag und Nacht beschäftigt, um die beiden Wege – die IANA-Transition und die ICANN-Accountability – zu erarbeiten. Man hat beschlossen, man muss ICANN transparenter, kontrollierbarer machen und gleichzeitig die IANA, diese wichtige Funktion von ICANN, auf eigene Beine stellen. Diese beiden Workstreams liefen parallel. Man hat zum Beispiel auch festgelegt, wie ein ICANN-Boardmember abbestellt werden kann und welche Voraussetzungen dafür gegeben sein müssen – viele Dinge, die vorher nur vage oder zum Teil gar nicht reglementiert waren.  
 
Aber das sogenannte "Gastland" bleiben die USA, der Sitz von ICANN ist in Kalifornien. Theoretisch könnte über die dortige Gesetzgebung also weiterhin Druck ausgeübt werden? 
Das ist ein langdiskutierter Punkt. Im Moment ist es so, dass ICANN und auch die IANA-Nachfolgeorganisation PTI ihren Sitz in Los Angeles haben und damit unter kalifornisches Recht fallen. Es ist immer noch ein Diskussionspunkt, wie dort die Gesetzeslage ausgelegt werden kann. Die Trump-Regierung könnte zum Beispiel massiven Einfluss nehmen. Aber man muss auch ein Stück weit Vertrauen in die amerikanische Gerichtsbarkeit haben. Es herrschen dort Verhältnisse, die einem Rechtsstaat mehr als gerecht werden. 
 
Da haben Sie natürlich Recht. Irgendeiner Gerichtsbarkeit untersteht man immer. 
Es gab Überlegungen, das alles in die Schweiz zu verlegen. Da gab es massive Bedenken anderer Art, in Richtung des eidgenössischen Abstimmungsgesetzes. De facto gibt es keinen perfekten Platz, an dem man eine neutrale Bottom-up-Organisation juristisch und gesellschaftspolitisch gesehen etablieren könnte. Aber über diesen Punkt besteht in Zukunft sicher noch Diskussionsbedarf.
 
Ein anderes Thema: Wie sieht es aktuell mit der Nachfrage nach den seit letztem Jahr verfügbaren ein- und zweistelligen Kurz-Domains aus? 
Die Nachfrage sieht so aus, dass sie nicht da ist, weil alle Domains prinzipiell vergeben sind (Anm.: siehe auch Ergänzungen unter dem Interview). Die Nachfrage war überraschend hoch. Insgesamt standen knapp 5.000 Domains zur Vergabe – deutlich mehr als man annimmt durch die möglichen Kombinationen mit den 34 zusätzlichen IDN-Zeichen (internationalisierte Domainnamen; auch "Umlautdomain" oder "Sonderzeichendomain"), wie zum Beispiel Buchstaben mit Hatschek aus osteuropäischen Sprachen. Die wurden allerdings nicht sehr häufig nachgefragt. Die Nachfrage bei den "normalen" ASCII-Domains war aber sehr hoch. Wir haben auch bei einer Versteigerung, die wir durchgeführt haben, insgesamt sehr hohe Verkaufserlöse erzielen können, was für eine sehr hohe Nachfrage und einen hohen Bedarf im Markt spricht. Die Domain c.at hat zum Beispiel einen Auktionserlös von 56.0000 Euro erzielt, was für eine .at-Domain sehr erfreulich ist. 
 
Wissen Sie vielleicht, wer diese Domain ersteigert hat und was damit geschehen wird? 
Es war niemand aus Österreich, sondern aus dem asiatischen Raum. Aber was damit passiert, ob ein Katzenportal entsteht oder ob der Käufer die Domain wie es so schön heißt projektiert und dann weiterverkauft, das entzieht sich meiner Kenntnis. In den nächsten ein bis zwei Jahren kann man beobachten, welche Verkäufe und Transfers in diesem speziellen Bereich passieren. 
 
Auch bei den Kurzdomains waren Umlaute dabei, oder? 
Die Umlaute sind aufgrund der deutschen Sprache sehr beliebt. In Österreich sind sie sehr nachgefragt. Das sieht man auch bei "normalen" IDN. Wir haben unter .at rund 25.000 IDN-Namen über die Jahre vergeben, davon sind über 95 Prozent mit Umlauten versehen. Für anderes ist wenig Bedarf da. Das spiegelt sich auch bei den ein- oder zweistelligen Domains wieder. Es gibt viele Marken wie Ö3, die ihre Marke mit Umlauten gesichert haben. 
 
Prinzipiell sind Domains mit Umlauten schon etwas länger verfügbar. Man findet sie aber "in freier Wildbahn" immer noch selten. 
Das stimmt. Wir haben die IDN vor ca. zehn Jahren eingeführt. Der Hauptgrund warum sich IDN nicht durchsetzen ist die Ungleichbehandlung von vor und nach dem @-Zeichen. Die meisten Mailclients können Umlaute oder IDN weiterhin nicht verarbeiten. Wenn Sie beispielweise die Domain "müller.at" haben, dann müssten Sie als E-Mailadresse "mueller@müller.at" verwenden. Das versteht niemand und ist deswegen ein Teil des Problems, warum IDN-Domains nicht denselben Nutzen haben und nicht visuell wahrgenommen werden wie normale Domains.  
Das zweite ist die internationale Nutzung. Umlaute sind primär im deutschsprachigen Raum bekannt. Ein Amerikaner kann damit wenig anfangen, hat auch keine Umlaute auf der Tastatur. Deswegen ist die Nutzung und Verbreitung von IDNs nicht so hoch, wie man sich das vielleicht erwartet oder gewünscht hat. 
 
Was kommt in Sachen Domains noch auf uns zu? Welche Trends sind zu erwarten? Durch die Buchstaben sind wir ja langsam durch. 
Ich glaube, dass das nächste große Ding die zweite Runde bei den "new gTLD" ist, auf die alle warten. Wir müssen wahrscheinlich noch ein paar Jahre warten, ich glaube man kann nicht vor 2020 mit einer neuen Runde rechnen. Was aktuell ein Thema ist, das ist wie Brands, große Firmen ihre TLD nutzen. Es ist noch fast gar nicht der Fall, wie eine .bmw, .volkswagen, .ikea ihre Marken anders positionieren und damit das Thema Domains generell anders sehen, bewerten, ihre Kommunikation anders aufbauen. Das ist weniger technisch, es geht mehr um die Nutzung, Verbreitung und Kommunikation. Wie gehe ich mit dem Thema um? Im Moment ist die Nutzung von ".brands" sehr schwach ausgeprägt. 
 
Haben sich die Nutzer vielleicht an die Domains die man kennt – .com, .at, .net – gewöhnt? Ist es eine Sache des Vertrauens? 
Das zweite große Thema daneben ist glaube ich die Awareness. Wenn man im Bekanntenkreis fragt, ob jemand, der nicht aus unserer Branche ist und täglich mit dem Thema konfrontiert ist, schon einmal gehört hat, dass es eine .wien, eine .bmw, eine .versicherung, eine .voting gibt, werden Sie in der Regel Stirnrunzeln und große Augen sehen. Denn die Wahrnehmung, dass es so etwas gibt, ist sehr schwach ausgeprägt. Das Thema Awareness wird bei den Registry-Betreibern in den nächsten Jahren einen Schwerpunkt bilden müssen. Sonst wird das auf Dauer keine Erfolgsgeschichte werden können. 
 
Zum Abschluss noch eine persönliche Frage, wenn Sie erlaubt ist. Sie haben neben anderen Unternehmen auch für zwei Brauereien gearbeitet. Wie kommt man vom Bier zum Internet? Und welche Aufgabe ist spannender? 
Durch ein Zeitungsinserat, auf das man sich bewirbt. Ich wusste damals ehrlich gesagt nicht, was eine Registry ist. Ich war immer schon Internet- und EDV-affin, bin aber kein gelernter Techniker. Das hat aber einen gewissen Vorteil in vielen Bereichen, weil man sehr nüchtern auf EDV-technische Dinge blickt. Was spannender ist? Das ist schwer zu beantworten. Für ein Unternehmen das ein Produkt herstellt zu arbeiten, das man gerne mag, das riecht und schmeckt, so wie Bier, hat einen gewissen Charme. Was aber die Arbeit bei nic.at besonders macht sind die Internationalität, die besondere Stellung am Markt, die Komplexität und die Geschwindigkeit. Das sind extreme Gegensätze. Die Lebensmittelindustrie und speziell Brauereien sind extrem lang historisch gewachsen und langsam unterwegs. Genau das Gegenteil ist in der IT-Branche der Fall: Sie ist jung und agiert mit hoher Geschwindigkeit und Dynamik. Ich habe es nie bereut, diesen Schritt zu gehen. 
 

Ergänzung: Die letzten Kurz-Domains

11 Kurzdomains mit der Endung .at sind noch zu haben. Sie wurden zwar ersteigert, sind aber von den Auktionären nicht bezahlt worden und gelangen deswegen wieder in den Verkauf. Sie werden über die holländische Firma Undeveloped im Zeitraum vom 5. bis 26.5. versteigert. Es wurde für jede der folgenden Domains eine Landingpage gebaut, über die man direkt zur Versteigerung der Domain kommt:
  • 26.at
  • 39.at
  • ck.at
  • 4d.at
  • j.at
  • 6.at
  • 5.at
  • 29.at
  • 32.at
  • g3.at
  • f.at