25-4-2017 Gedruckt am 29-05-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/17233

Home is where your WIFI connects

Der digitale Nomade

Seit es Laptops, Smartphones und vor allem Internetzugänge rund um den Globus gibt, ist für einige Berufsgruppen die Notwendigkeit eines fixen Lebens- und Arbeitsmittelpunktes dramatisch gesunken. "Digitale Nomaden" haben ihr Büro in der Tasche und arbeiten dort, wo es ihnen gefällt.

Rudolf Felser

Solange es WLAN gibt und der Akku noch Saft hat, kann man arbeiten. (Bild: CC0 Public Domain - pexels)

1997 schrieb Hitachi-Manager Tsugio Makimoto das Buch "Digitaler Nomade", das diesen Begriff geprägt hat. Er sagte darin eine Revolution der Arbeitswelt voraus: Millionen von Menschen würden sich von den Office-Jobs mit Anwesenheitspflicht befreien, ihre Häuser verkaufen und in Gegenden mit günstigen Lebensbedingungen und schnellem Internet ziehen. Das Buch floppte. Zur "Bibel" der Bewegung wurde ein anderes Buch, nämlich das zehn Jahre später erschienene "The Four Hour Week" ("Die 4-Stunden-Woche") von Timothy Ferriss, das in mehr als 35 Sprachen übersetzt wurde.
 
Heute, 20 Jahre nach Erscheinen des Buches von Makimoto, ist die Vision Wirklichkeit geworden. Viele Menschen, hauptsächlich Wissensarbeiter, arbeiten zumindest teilweise remote, einige davon ausschließlich. Nicht wenige haben sich auf die Reise gemacht und tauschen ihr Wissen auf  Portalen, Blogs, Büchern, Facebook-Gruppen und Foren aus. Mittlerweile widmen sich sogar Veranstaltungen, wie die Ende Mai in Berlin stattfindende "DNX – Digitale Nomaden Konferenz", diesem Thema.
 

Herausforderungen im Alltag

Der Österreicher Roland Kissling ist mit seiner Familie seit zehn Jahren als Freelancer und digitaler Nomade unterwegs. Seine Stationen waren Ägypten, England, Italien und Spanien. Aktuell arbeitet er an der Fertigstellung seines Buches "Digitale Nomaden: Lebensstil, Erfolgsrezepte, Tools", das im Mai 2017 erscheint (Info auf www.kissling.at). Er ist durch Zufall zu dieser Lebensweise gekommen und hat rasch Gefallen an ihr gefunden. Sie eignet sich aber nicht für jeden. "Natürlich geht das Fernarbeiten nur dann, wenn man hauptsächlich über den Computer arbeitet und wenig Kunden-Kontakte braucht, z.B. als Übersetzer, Redakteur, Grafiker, Planer, Programmierer. Ich habe im Laufe der Zeit einige Kollegen kennengelernt, von denen sich einige selbständig gemacht haben, meistens mit einem eigenen Produkt. Ein nomadischer Freund von mir hat eine mobile App herausgebracht und ist damit sehr erfolgreich geworden", erzählt Kissling.
 

Roland Kissling ist Freelancer und digitaler Nomade aus Leidenschaft. (Bild: Rudolf Felser)

Auch sollte man nicht Hals über Kopf aufbrechen. Kissling rät dazu, sich vorher einen Polster an regelmäßigen Jobs anzulegen, denn: "Was man im Ausland oft findet, ist günstige Unterkunft und geringe Lebenserhaltungskosten. Was man hingegen schwer findet, sind Jobs." Seiner Erfahrung nach liegen die Herausforderungen besonders im Alltag: Wie komme ich zu schnellem Internet? Wo kann ich wohnen? Wo bekomme ich ein Visum? Wo ist der nächste Supermarkt oder Arzt?
 
Das digitale Nomadentum ist sicher nichts für Jedermann. Es ist gespickt mit Hürden und Unsicherheiten. Aber für Kissling steht fest: "Für mich ist diese Art des Lebens einfach unschlagbar. Ich kann meinen Tag fast frei einteilen und viel Zeit mit meinem Sohn verbringen. Ich muss nicht ins Büro fahren und jedes Wartezimmer wird für mich zum Büro, wo ich Arbeit erledigen kann. Arbeit und Freizeit sind vollkommen verschmolzen, und ich persönlich mag es so."