3-4-2017 Gedruckt am 27-05-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/17197

Interview – Thomas Seyfried, Avnet/Tech Data

Bedarf an virtuellen Trainings wächst

Das klassische Trainings-Setting in einem realen Klassenraum hat weiterhin viele Vorteile. Trotzdem wächst mit den technologischen Möglichkeiten auch das Angebot an alternativen Formen, wie Thomas Seyfried, Leiter von Tech Data Azlan + Technology Solutions in Österreich, zu berichten weiß.

Rudolf Felser

Auch nach der Übernahme durch Tech Data bleibt Thomas Seyfried an Bord, er hat sogar Verantwortung dazubekommen. (Bild: Rudolf Felser)

Seit 28. Februar 2017 ist die Übernahme von Avnet Technology Solutions durch Tech Data abgeschlossen. Thomas Seyfried, der zuvor bereits die Avnet-Organisation in Österreich geführt hat, bleibt Chef der vorläufig unter dem Namen Azlan  + Technology Solutions unter dem Dach von Tech Data weitergeführten Unternehmens-Sparte und hat damit zusätzlich die Verantwortung für Tech Data Azlan übernommen. Am endgültigen Branding wird derzeit noch gearbeitet.  
 
Mitübernommen hat Tech Data damit auch die Academy, die IT-Trainings- und Zertifizierungs-Sparte von Avnet. Wir haben mit Seyfried unter anderem über Trends im Ausbildungs-Bereich gesprochen – und darüber, wie man als Distributor auf die Idee kommt eine Trainings-Organisation zu gründen.
 
Wie kommt man als Distributor auf den Gedanken zur Gründung einer eigenen Unit für Aus- und Weiterbildung?
Das ist aus dem Need nach Hersteller-Zertifizierungen entstanden - in erster Linie auf der Partnerseite. Manche Hersteller haben Bedarf an einer gut ausgebildeten Partnercommunity. Je besser ein Systemhaus ausgebildet ist, desto eher kann man davon ausgehen, dass die entsprechenden Lösungen und Produkte verkauft werden. Das ist der Grundgedanke eines Herstellers, um Zertifizierung anzubieten. Wir haben dann nach und nach unser Portfolio mit Herstellern aufgefüllt, die gemeinsam mit uns den Gedanken der qualitativ hochwertigen Ausbildung weiterführen wollen. Das ergänzen wir mit technischen Workshops, bei denen wir den Businesspartnern Technologieupdates geben. 
Auf der anderen Seit bedienen wir in manchen Segmenten auch den Endkundenmarkt. Auch das ist eine Anforderung der Hersteller: Wenn sie mit einem Distributor einen Trainings-Contract abschließen, soll er für sie den gesamten Markt bedienen.  
 
Seit wann gibt es die Academy? 
Über die Akquisitionen der letzten Jahre hinweg wurde der Vorläufer der heutigen Academy 2005 bei Magirus gegründet, ging dann über zu Avnet Technology Solutions und jetzt zu Tech Data. Wir legen nach wie vor einen Fokus darauf, diese Trainings anbieten zu können. Ein enormer Vorteil für uns ist unsere Nähe zu den Herstellern und zu den Business Units, die diese Produkte verkaufen. Verglichen mit einem Trainingscenter, das nur auf Trainings fokussiert ist, bieten wir die gesamte Abwicklung und Konfiguration. 
 
Bieten Sie nur Trainings zu den Produkten und Lösungen Ihrer Partner?  
Unser Hauptfokus liegt auf den Herstellern, mit denen wir auch Trainings-Contracts haben. Wir versuchen das auszubauen. Aber im Unterschied zu den etablierten Trainingshäusern wollen wir fokussiert bleiben. Wenn bei unseren Kunden der Bedarf nach anderen Trainings da ist, die wir nicht anbieten, leiten wir das an unsere Kooperationspartner weiter. Unser Hauptfokus liegt beim IBM-, Lenovo, VMware- und Veeam-Portfolio.
 
Welche Arten von Trainings bieten Sie an? 
Wir bieten verschiedenste Varianten an. Beim klassischen Classroom-Training wird ein Klassenraum befüllt, Teilnehmer und Instruktor sind in einem Raum. Außerdem bieten wir individuelle Customized Classrooms an – meistens für Kunden, die ein spezielles, individuelles Training wollen. Wir bieten auch E-Learning an, also Trainingseinheiten die rein Online zur Verfügung gestellt werden. Der Teilnehmer hat einen bestimmten Zeitraum dieses Training selbständig abzuschließen. Dieser Bereich und unser Angebot wachsen stark. 
Bei virtuellen instructor-led Trainings kooperieren wir in Österreich mit einem Trainingshaus, dessen Infrastruktur wir nutzen können. Die Teilnehmer sitzen teilweise in der Klasse, aber werden teilweise auch Remote per Videostream hinzugeschaltet. Der Instruktor sieht den externen Teilnehmer und der Teilnehmer den Instruktor. Es ist wesentlich, dass der Trainer die Schulungsteilnehmer sieht, sonst wird man leicht abgelenkt. Das soll nicht passieren. Der Trainer soll Sichtkontakt zum Teilnehmer haben. Nur so kriegt er mit, ob er abdriftet oder eine Frage hat. Dieses Konzept kann man bis zu einem komplett virtuellen Training ausreizen. 
Eine Prüfung muss man nie, kann man aber machen. Man kann sie auch bei uns ablegen, wir bieten ein Testcenter im Haus an. Da können fast alle Zertifizierungen abgelegt werden. Man kann sich im Vorhinein registrieren, bezahlen, kommt zum vereinbarten Zeitpunkt und macht seine Prüfung. 
 
Dafür muss man aber weiterhin persönlich und nicht virtuell auftauchen? 
Ja. Man darf ja nicht schummeln oder unerlaubte Hilfsmittel verwenden. 
 
Welche Angebote werden am meisten nachgefragt? Sind es Präsenztrainings, oder doch eher E-Learning? Hat sich das in den letzten Jahren geändert? 
Bei uns sind es nach wie vor die Classrom Trainings und da die Customized Trainings. Aber wir sehen einen stärkeren Trend in Richtung der virtuellen Angebote. Ich weiß von einem Kooperationspartner, dass er einen erheblichen Anteil seines Umsatzes mit virtuellen Trainings macht. Wir sind in Österreich im Verhältnis zu anderen Ländern seit Jahren hinterher. Dabei wäre in Österreich schon allein geografisch durchaus ein Markt da – aber die Vorarlberger und Tiroler fahren wohl eher nach Deutschland oder in die Schweiz, um ein Training zu machen, als um Beispiel nach Wien. 
Das Feedback vieler Teilnehmer ist nach wie vor, dass sie ein Classrom Training machen wollen. Sie sind dabei raus aus dem Arbeitsalltag, sind vor Ort und müssen mit dem Kopf dabei sein. Wir reden hier von Trainings, die Tage dauern, nicht Stunden. Wenn man da nebenbei im Büro etwas arbeitet ist das nicht gut. 
Der Bedarf an virtuellen Trainings wird aber sicher wachsen. Viele Firmen sind nicht bereit die Mitarbeiter aus Kärnten nach Wien zu schicken, Hotel und Transport zu zahlen. Für diese Unternehmen bieten wir solche Möglichkeiten auch an. 
 
Für solche Fälle bieten Sie auch Trainings vor Ort beim Kunden an? 
Das sind die Customized Trainings, die wir auch direkt beim Kunden anbieten, wenn er die entsprechende Infrastruktur hat. Da sind wir sehr penibel, denn wenn ein Training beispielsweise mit schlechter Internetanbindung auskommen muss ist das nicht gut. Wir nutzen modernstes Equipment, weil wir remote auf die Instanzen, die wir für Trainings brauchen, zugreifen.  
 
Haben Sie vielleicht einen internationalen Vergleich? Sind Österreichs ITler eher Bildungsmuffel oder Musterschüler? 
In UK und Holland zum Beispiel gibt es unglaublich viele Schulungsteilnehmer. Ob das an den einzelnen Personen liegt, weiß ich nicht.  Es hängt sicher auch mit der Mentalität des Unternehmens zusammen. Ist es bereit seine Mitarbeiter ausbilden zu lassen? Da sind andere Länder ein bisschen fortschrittlicher. 
 
Nehmen Sie auch Trainings-Credits an? 
Wir schaffen für Unternehmen sogar im Vorhinein die Möglichkeit, Trainings-Credits zu kaufen. Auch im Produktgeschäft kaufen manche Kunden Credits vom Hersteller, die sie dann bei uns einlösen können. Der Hersteller verkauft zum Beispiel im Softwarebereich Professional Service Credits zu seinem Produkt, die man auch für Trainings verwenden kann. Wir versuchen Kunden und Partner zu überzeugen, diese Credits auch für Trainings einzusetzen. 
 
Dabei geht es aber nicht darum, dass Sie Ihren Kunden Credits "andrehen" wollen, sondern darum, dass bereits gekaufte Credits verfallen, wenn sie nicht rechtzeitig verwendet werden, oder? 
Genau. Wir gehen aktiv auf Kunden zu, wenn wir mitbekommen, dass sie Credits gekauft haben, damit sie auch eingesetzt werden. Die sind schließlich bezahlt und sollten auch sinnvoll eingesetzt werden. 
 
Was haben Sie für den Ausbildungsbereich in naher Zukunft geplant? 
Wir wollen mit den Herstellern im Bereich Cloud, Marketplace, IoT, Analytics und Security tätig werden. Wir sind sehr bedacht darauf, hier ein eigenes Portfolio aufzubauen und Hersteller davon zu überzeugen, mit uns zusammenzuarbeiten. Nachdem es generell die Strategie des Unternehmens ist, den Next-Generation-Technologies-Bereich auszubauen, wollen wir im Trainingsbereich da mitziehen.