6-3-2017 Gedruckt am 25-03-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/17152

Interview - Michael Zettel, Accenture & Christiane Noll, Avanade

Microsofts & Accentures "Geheimwaffe" Avanade

Avanade kennt sich so gut mit Microsofts Produkten aus, dass die Redmonder manchmal sogar selbst anklopfen und sich Unterstützung holen. Das kommt nicht von ungefähr, ist das Unternehmen doch ein Joint Venture von Accenture und Microsoft. Wir haben mit dem österreichischen Accenture-Chef Michael Zettel und der Österreich-Chefin von Avanade, Christiane Noll, gesprochen – auch über Spaß, einen der laut Noll meistunterschätzten Erfolgsfaktoren. Das hat Spaß gemacht.

Rudolf Felser

Der "Erfolgsfaktor Spaß" kam auch beim Interview mit Christiane Noll und Michael Zettel nicht zu kurz. Gut, dass Sie nicht sehen auf was für eine wacklige Konstruktion sich der Fotograf für diesen Schnappschuss begeben hat. (Bild: Rudolf Felser)

Avanade ist ein im Jahr 2000 gegründetes Joint Venture von Microsoft und Accenture. Ursprünglich gehörte es zu 51 Prozent Accenture und zu 49 Prozent Microsoft, seit 2007 hält Accenture 95 Prozent der Anteile. Die österreichische Dependance ist im Juni 2015 aus der KCS.net Solutions GmbH entstanden, einer KCS.net-Tochter. KCS.net, ein großer Microsoft Dynamics Partner im DACH-Raum, und seine Tochtergesellschaften wurden im April 2015 übernommen.
 
Seit 1. Oktober 2016 steht in Österreich Christiane Noll an der Spitze des Unternehmens. Sie war zuvor Mitglied der Geschäftsführung von Microsoft Österreich, wo sie insgesamt sechs Jahre in führenden Positionen tätig war. Davor hat sie unter anderem das international agierende Software-Unternehmen update AG mit aufgebaut.
 
Michael Zettel sitzt seit Juni 2016 als Country Manager auf dem österreichischen Chefsessel von Accenture. Mit Unterbrechungen, unter anderem lebte und arbeitete er auch eineinhalb Jahre in Los Angeles, ist er seit 2001 bei dem Beratungs- und Technologiedienstleister.
 
Wir haben mit dem gemischten IT-Doppel über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Joint Ventures gesprochen, aber auch darüber, wie das Dreigestirn aus Accenture, Avanade und Microsoft seinen Kunden auf der Digitalisierungs-Reise unter die Arme greift.
 
Als das Unternehmen 2000 gegründet wurde war der Begriff Digitalisierung noch nicht in der Form geläufig wie heute. Damals, rund um das Platzen der Dotcom-Blase ging es hauptsächlich um das Internet. Was war die ursprüngliche Aufgabe des Joint Ventures? Die Pressemitteilung zur Gründung liest sich ein bisschen wie eine Werbeveranstaltung für Windows 2000.
Christiane Noll: Die Kernidee war, zwei Welten zu vereinen: Die Welt der Strategie und die von Microsoft, die im Jahr 2000 noch sehr produktorientiert war – was sich mittlerweile geändert hat. Das Ziel war, die Strategie auf den Boden zu bringen und dadurch Mehrwert zu erzeugen. Dafür haben sich einige Leute von Microsoft, Accenture und dem freien Markt zusammengeschlossen, um für die Kunden aus den Produkten von Microsoft einen Mehrwert zu schaffen, und zwar schnell.
Michael Zettel: Der zweite Aspekt war, dass Microsoft damals in den Großunternehmen nicht stark im Kerngeschäft vertreten war, eher im Office-Bereich und auf der Betriebssystemebene. Da hat sich die Kombination mit Accenture, die stark aus dem Kerngeschäft des Kunden kommen, angeboten.
Noll: Auch das bessere Verstehen des Kunden und seiner Bedürfnisse zählte dazu.
 
Herr Zettel, sie kamen ja ein knappes Jahr nach der Gründung des Joint Ventures bei Accenture in Österreich an Bord. War diese Partnerschaft damals in Österreich ein Thema?
Zettel: Es war schon ein großes Thema für uns. Traditionell haben wir viele Partnerschaften mit Technologie-Anbietern. Aber wir sind prinzipiell ein technologieunabhängiger Dienstleister. Deswegen war das von Anfang an etwas Besonderes, denn es ist immer noch unser einziges Joint Venture mit einem Technologieunternehmen.
 
Man liest, zu Beginn waren Avanades Kunden hauptsächlich große Microsoft-User aus dem Enterprise-Bereich, die quasi aus Redmond zu Ihnen "weitergeleitet" wurden. Seit 2014 versucht Avanade aus dem Schatten seiner "Eltern" zu treten, sehe ich das richtig?
Noll: Über die Zeit vor 2014 kann ich nicht viel sagen. Heute versuchen wir, den Mehrwert bei den Kunden zu positionieren und ihnen zu helfen, in die digitale Welt zu kommen. Aus dem Schatten von Microsoft heraustreten? Ich weiß nicht. Das ist die Kerntechnologie, auf die wir aufsetzen. Wichtig ist, die Selbständigkeit zu sehen und mit den Kunden zusammenzuarbeiten. Wir kooperieren natürlich eng mit Microsoft, was auch Sinn macht. Wir haben sehr viel Microsoft-Know-how. Das hilft unseren Kunden, weil wir einen anderen Blick darauf haben als der Produkthersteller. Das schätzen sie sehr. Wir haben eine gute Vertrauensbasis.
Zettel: Alle drei Seiten ergänzen sich gut: Microsoft hat jemanden gewonnen, der seine Technologie beim Kunden richtig einsetzt und Accenture hat mit Avanade einen auf Microsoft spezialisierten Dienstleister. So können wir als Accenture gegenüber unseren Kunden unsere Unabhängigkeit glaubwürdig vertreten.
 
Wer sind Ihre Kunden heute – verglichen mit den Anfangsjahren?
Noll: Da gibt es keinen Unterschied. Wir konzentrieren uns vielleicht noch mehr auf den Enterprise-Markt und gehen nicht nur in die Breite, sondern auch in die Tiefe. Microsoft hat sich anders aufgestellt: Es gibt viel mehr als Office. Auch durch Microsofts Cloud-Strategie gibt es heute viel mehr Themen, auf die wir aufsetzen. Das Portfolio ist wahnsinnig breit und inhaltlich tiefer, weil sich die Produktpalette verändert hat. Dadurch können wir viel stärker den Kunden adressieren, ihn an die Hand nehmen und die Themen durchgehen. Wir hören nirgendwo auf. Weil das Werkzeug dafür da ist.
 
Wie können Sie Ihren Kunden konkret helfen?
Noll: Das hängt vom Kunden ab. Das Kernthema, was uns ausmacht und den Unterschied macht, ist, dass wir den Kunden und seine Prozesse verstehen wollen. Wie können wir ihm helfen den Schritt zu machen und zu verstehen, was Digitalisierung für ihn bedeutet? Nicht nur die technische Implementierung, sondern vor allem das Begleiten bei der Prozessveränderung. Da arbeiten wir eng mit Accenture zusammen, um den Kunden über die beratende Schiene besser zu unterstützen.
Zettel: Um es an Beispielen greifbar zu machen: Zusammen mit Microsoft und Avanade setzen wir für einen Kunden in Österreich bei der Digitalisierung nach außen Artificial Intelligence für eine Recommendation Engine in einem Webshop um. In einem anderen Fall ermöglichen wir einem Unternehmen die 360-Grad-Sicht auf seine Kunden – früher hat man das CRM genannt. Ein weiteres Beispiel ist die Digitalisierung nach innen bei einer großen österreichischen Versicherung. Mittels Workflow-Steuerung für die Mitarbeiter werden da Geschäftsprozesse perfekt in den Arbeitsplatz integriert, sodass viel effizienter gearbeitet werden kann als früher.
 
In einem US-Artikel aus 2014 – der auf der Avanade-Seite zu finden ist - wird das Unternehmen die "Geheimwaffe" von Microsoft genannt. Wie stehen Sie zu dieser Bezeichnung?
Noll: (lacht) So geheim wollen wir gar nicht sein. Aber wir haben natürlich eine unglaubliche Stärke und Kompetenz, mit 29.000 Mitarbeitern weltweit, die sich ausschließlich mit Lösungen basierend auf Microsoft-Technologie auseinandersetzen. Dadurch kommt Microsoft selbst bei bestimmten Themen auf uns zu und wir positionieren gemeinsam Lösungen beim Kunden. Wir sind in der realen Welt ganz nah beim Kunden und müssen das Geschäft verstehen. Wenn wir es nicht verstehen, können wir nicht von Digitalisierung reden. Aber Geheimwaffe finde ich gut, das gefällt mir. Geheim will ich trotzdem nicht sein. Manche Kunden sind sich nicht bewusst, welches Spektrum von Produkten sie haben. Wir schöpfen das aus.
 
Frau Noll, als Sie 2016 zu Avanade gewechselt sind war das Ziel, das damalige Österreich-Team zu verdoppeln. Das ist noch nicht lange her, aber ist das schon gelungen? Die Mitarbeitersuche wird ja nicht gerade leichter seit einigen Jahren.
Noll: Das Ziel ist unverändert. Es wäre auch eigenartig, nach fünf Monaten sein Ziel zu verändern. Wir sind auf einem sehr guten Weg, es läuft wesentlich schneller als geplant. Die richtigen Leute zu finden ist dennoch eine Herausforderung – vor allem wegen der Punkte, auf die wir achten. Technologisch die richtigen Leute zu finden ist das eine, aber gepaart mit sozialer Kompetenz und dem Lösungsansatz ist etwas anderes. Aber wir sind am richtigen Weg und ich bin überzeugt, die richtigen Leute ziehen die richtigen Leute an. Wir wollen Top-Arbeitgeber bleiben, speziell was die Familienfreundlichkeit und das Arbeitsumfeld betrifft. Ich glaube, da kann man sich gut positionieren. Abgesehen davon, dass Spaß einer der meistunterschätzen Erfolgsfaktoren ist. Wir haben die Positionierung eines Startups, weil wir noch jung am Markt sind. Das ist ein toller Rahmen.
 
Was sind die Pläne für die österreichische Niederlassung, abgesehen von der Verdopplung der Mitarbeiter?
Noll: Wir werden unsere Zentrale, die momentan noch in Linz ist, nach Wien verlegen – sehr nah an unserem Partner Accenture. Von unserer Positionierung wollen wir uns auf die richtigen Kunden konzentrieren. Die Zielsetzung ist, unseren Kunden auf der Digitalisierungs-Reise den größten Mehrwert zu liefern und Ihnen in einem Jahr Top-Referenzkunden zu präsentieren.
 
Wie sieht die Zusammenarbeit von Accenture und Avanade in Österreich aus? Accenture hält ja 95 Prozent der Anteile. Sind Sie der Chef von Frau Noll?
Zettel: Wir sind ein Team und arbeiten als Team zusammen, sowohl auf der Führungsebene als auch auf der Mitarbeiterebene. Auch gegenüber dem Kunden treten wir als ein Team auf. Es steht immer der Teamgedanke im Vordergrund. Letztendlich zählt für den Kunden nur, dass er die Leistung bekommt, die er sich wünscht. Jeder bringt seine Stärken ein.
 
Die österreichische Avanade-Niederlassung ist ja nach der Übernahme der KCS.net 2015 aus der hiesigen Tochter hervorgegangen, deswegen auch der Hauptsitz in Linz. Wie war Avanade in Österreich vorher aufgestellt?
Zettel: Vor der Akquisition haben wir den Avanade-Bedarf aus Deutschland heraus bedient, was am lokalen Markt immer schwierig war. Insofern war die Akquisition ein großer und wichtiger Schritt für uns, der uns weitergebracht hat, und wir sind superglücklich, wie sich das entwickelt hat. Einerseits, wie KCS weiterhin sehr stark im Microsoft-Dynamics-AX-Markt agiert und andererseits, wie wir gemeinsam die Enterprise-Themen vorantreiben.
 
Gibt es KCS.net als Unternehmen in Österreich noch?
Noll: Ja, bis 1.9.2016 gibt es den Namen noch. Avanade geht sehr behutsam, sorgfältig und respektvoll mit den Unternehmen um, die integriert werden. Wir sind also nach wie vor in der Integrationsphase.
 
Wie geht es in Österreich mit der Zusammenarbeit von Avanade und Accenture weiter?
Zettel: Wir haben ein gemeinsames Ziel: Wir bringen Innovation zu unseren Kunden. Die Microsoft-Technologie hilft dabei an vielen Stellen, sei es Cloud Computing oder Artificial Intelligence, was auch eines der strategischen Top-Themen von Accenture ist, oder sei es mit innovativen Devices wie zum Beispiel der Microsoft HoloLens. Wir werden mit unserem Future Camp, das wir im Mai eröffnen, gemeinsam mit Avanade einen Schwerpunkt auf Innovationen mit Microsoft-Technologie legen. Das Future Camp ist ein Raum, in dem gemeinsam mit unseren Kunden digitale Innovation erlebbar machen. Wir werden an zukunftsweisenden Geschäftsmodellen von morgen arbeiten und diese mit neuen Technologien unterfüttern – ein weiteres wichtiges Feld ist das schnelle Erstellen von Prototypen (Rapid Prototyping), um erste Ideen zu veranschaulichen und zu testen.
Noll: Wichtig ist, dass wir das richtige Format haben, um das zu beleben. Es soll ein sehr lebendiger Bereich sein, wo man auch out of the box denken kann. Nicht nur betrachten, was Innovation heute bedeutet, sondern auch, was es in fünf Jahren bedeutet. Ein bisschen Unordnung muss auch sein, um Ideen zuzulassen.