21-2-2017 Gedruckt am 25-03-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/17135

Gastartikel - Philipp Hamid, Supertrumpf

Web Brutalism: Total brutal!

Können Sie sich noch an die 1990er Jahre erinnern? Und vor allem an die Computer und das Internet dieser Zeit? Wenn man sich die Entwicklung des Internets ansieht, könnte man annehmen, zwischen 1995 und 2017 liegen zwei Jahrhunderte und nicht nur etwas mehr als zwei Jahrzehnte.

Screenshot: milliondollarhomepage.com - Alex Tew

Damals wählte man sich noch mit einem Modem ein und wartete gefühlte Ewigkeiten, bis Websites und Bilder geladen waren. Begriffe wie Usability, Social Media oder Web Standards gab es noch nicht. In dieser Zeit, in der HTML-Tags noch fast frei erfunden wurden und noch keiner so genau wusste, wohin die Reise des Internets gehen soll, hatten Websites noch ihren eigenen Look. Keiner wollte seine Seite aussehen lassen wie jene der anderen. Deswegen gab es damals einige "Hingucker", von blinkenden Texten über grelle Farben bis zum Maus-Cursor, der von Sternen verfolgt wurde.
 

Back to the future

Doch zurück in die Zukunft. Im Jahr 2016 war Web Brutalism ein Riesen-Trend im Webdesign, wenn nicht der Trend des Jahres. Frei nach dem Motto "back to the roots" erschienen einige Websites wieder im rauen, simplen Stil der 1990er. Keine Web-2.0-Richtlinien, keine Usability, keine Frameworks für HTML/CSS oder JavaScript Libraries wie jQuery. Die motherfuckingwebsite.com beschreibt es vielleicht am eindeutigsten: "This is a motherfucking website. And it‘s fucking perfect. Seriously, what the fuck else do you want?"
 

Screenshot: motherfuckingwebsite.com

Bei dieser Website handelt es sich um eine Seite, die nur die Basic-HTML-Tags verwendet, ohne CSS (Cascading Style Sheets dienen zum Beispiel dazu, Texte zu formatieren) oder JavaScript, und trotzdem den heutigen Ansprüchen wie beispielsweise den User schnell zur Information zu leiten, Fluid/Mobile Responsive Design (die Website passt sich an die Breite des Devices an), kurze Ladezeit oder Suchmaschinen-Optimierung gerecht wird. Im Quellcode der Site findet sich dann noch ein kleiner Scherz für Developer: Denn natürlich wurde auch bei dieser Seite Google Analytics verwendet und mit den Worten „yes, I know... wanna fight about it?“ wird dann auch diese Verwendung von JavaScript gerechtfertigt.
 
Web Brutalism soll und will aber nicht ein reines Retro-Technik-Konzept sein. Es geht vielmehr darum, die nativen Mittel des Webs in den Vordergrund zu stellen und auf bequemen Schnickschnack zu verzichten. So erleben "animated GIFs" gerade eine unvergleichliche Renaissance, die wir wohl noch lange erleben und noch länger nicht vergessen werden.
 

Dada, Punk & Brutalismus

Stellt sich nur noch die Frage, wie das Ganze denn aussehen soll. Das Design des Web Brutalism lässt sich gut mit Dada oder Punk vergleichen, lehnt sich aber auch eindeutig an die Architektur des Brutalismus der 1960er an. Dieser wurde abgeleitet vom französischen Begriff "béton brut" (roher Beton) und verweist auf die Materialsichtbarkeit. Vereinfacht also "rohe Betonklötze", was wiederum sehr gut mit Websites des Web Brutalism vergleichbar ist. Auf brutalistwebsites.com erstellt Pascal Deville einen Index mit Vertretern des Web Brutalism. Eine Unzahl von Beispielen für diesen Design-Trend ist dort zu finden. Man ist erstaunt, wie viel Zeit man damit verbringt, sich durch die Auflistung zu klicken – der Überraschungs­effekt ist bei manchen Seiten so groß, dass man wirklich "hängen bleibt". Zwischen Webdesign-Portfolios, Künstlern & Co. findet man auch politische Beispiele wie www.saveamericafromtrump.com oder www.okhillary.com.
 

Screenshot: brutalistwebsites.com - Pascal Deville

Wohin die Reise des Web Brutalism gehen wird, bleibt spannend. Handelt es sich dabei doch ganz klar um eine Art Protest-Bewegung der "Next Generation" im Internet: Webdesigner und ­Developer auf der Suche nach den "roots" des Internets, mit einem klaren Fokus auf Einfachheit und Funktion, die ihren "point of view" mit dem "look & feel" der 1990er ausdrücken. Und solange es auch lukrative Beispiele wie www.milliondollarhomepage.com (leider nicht auf brutalistwebsites.com angeführt – ich nehme an, die Seite ist zu alt) gibt, gibt es auch absolut eine Daseinsberechtigung für diesen außergewöhnlichen Trend.
 
Philipp Hamid ist Digital Mastermind der Supertrumpf GmbH.