"Ja, hallo, äh, ich melde mich zur Beichte an."
"Herzlich willkommen, beim elektronischen Beichtstuhl. Was liegt dir am Herzen?"
"Also, meine letzte Beichte war am..., also das war vor einem halben Jahr..."
"Deine letzte Beichte war am 14. Januar um 15.46 Uhr."
"Das kann stimmen."
"Sicherlich stimmt es. Was hast du nun am Herzen."
"Aber damals war ich doch noch in einem echten Beichtstuhl. Woher weißt du dann, wann ich das letzte Mal..."
"Hör mal, mein Junge, du sprichst mit einem Vertreter Gottes. Ich weiß so einiges."
"Und woher weißt du, dass ich ein Junge bin? Ich könnte genauso gut... ist ja egal. Ich möchte etwas beichten."
"Nur zu. Ich bin ganz Ohr."
"Ich habe bei meiner Freundin den -"
"Wußte ich es doch, dass du ein Junge bist."
"Wie? Na klar bin ich ein Junge. Aber lass mich mal ausreden. Also: Ich habe am Computer meiner Freundin herumgepfuscht."
"Du hast den Computer deiner Freundin ruiniert?"
"Nein, er geht noch. Ich habe ihn nur etwas manipuliert."
"Warum?"
"Weil ich - am besten ich fange von vorne an. Ich bin mit meiner Freundin seit vier Jahren zusammen. In letzter Zeit allerdings regte sich bei mir der Verdacht, dass sie fremd geht. Ich hatte keine konkreten Beweise, nur ihr Verhalten hat sich irgendwie geändert."
"Du warst also eifersüchtig."
"Eifersüchtig? Ich? Wie kommst du denn darauf?"
"Versuche nicht, mir etwas vorzumachen."
"Also gut, ich gebe es zu, ich war ein wenig eifersüchtig. Ist das schon eine Sünde?"
"Das ist schwer zu sagen. Neid, Eifersucht - in der Bibel wird das irgendwo als eine der Todsünden aufgelistet. Aber so einfach ist das nicht. Es kommt wohl eher darauf an, was du in deiner Eifersucht unternommen hast. Berichte einmal weiter."
"Nun, ich wollte Gewissheit erlangen. Ob sie sich mit einem anderen Mann trifft oder so etwas in der Art. Zuerst dachte ich daran, einen Privatdetektiv zu engagieren, aber das war mir zu teuer. Also manipulierte ich den Computer meiner Freundin, so dass von allen E-Mails, die sie abschickte, auch eine Kopie zu meinem Gerät umgeleitet wurden."
"Du hast also ihre Post durchgelesen? Das ist allerdings schon eine Sünde."
"Du glaubst gar nicht, was die alles schreiben kann. Es war ein Haufen Arbeit, alle ihre elendslangen E-Mails durchzulesen."
"Nun, da muss ich dir ernsthaft ins Gewissen reden. So etwas geht nicht."
"Aber das ist noch nicht alles. Irgend etwas muss ich falsch gemacht haben, weil nicht nur ich Kopien ihrer E-Mails erhielt, sondern auch alle Arbeitskollegen in ihrem Büro. Vor allem auch ihr Chef. Und nachdem sie über den Chef immer wieder herzieht, weil sie ihn nicht leiden kann, und der Chef das aber mitbekommen hat, hat er sie gefeuert."
"Du bist also Schuld daran, dass deine Freundin ihre Stellung verloren hat?"
"Ja."
"Das ist etwas Schwerwiegendes. Ich muss sagen, ich bin enttäuscht von dir. Weiß sie, dass du daran Schuld bist?"
"Noch nicht. Ich habe mich noch nicht getraut, es ihr zu sagen."
"Hat sich deine Eifersucht als begründet erwiesen? Ich meine, hast du Beweise gefunden, ein bestimmtes E-Mail entdeckt, das darauf hindeutet, dass sie einen anderen Freund hat?"
"Auch noch nicht. Aber das kommt noch."
"Dir würde es also nicht in den Sinn kommen, dass dein Verdacht vielleicht unbegründet ist?"
"Nun ja, vielleicht..."
"Und dass nur durch deine krankhafte Eifersucht, deine Freundin ihren Job verloren hat, du Idiot?"
"Deshalb komme ich ja auch zur Beichte. Und warum nennst du mich Idiot?"
"Du hast also ein schlechtes Gewissen, du Volltrottel. Und um es zu erleichtern, gehst du zum elektronischen Beichtstuhl. So etwas Blödes kann ja auch nur von dir kommen."
"Aber..."
"Elektronischer Beichtstuhl! Dass ich nicht lache. Nicht nur du kannst Computer manipulieren. Da gibt es andere auch noch. Zum Beispiel deine Freundin."
"Was? Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr. Was hat meine Freundin gemacht?"
"Sich an deinen Computer rangemacht, du Blödmann. Sie hat ein Programm namens 'Elektronischer Beichtstuhl' bei dir installiert, mit dem du in Wirklichkeit mit ihr chattest."
"Äh - soll das heißen - also - bist das - jetzt du?"
"Na klar. Und nicht nur ich. Es sind noch ungefähr 120 andere User angemeldet, die mitbekommen, was wir hier für eine Unterhaltung führen. Die amüsieren sich köstlich. Übrigens: Ich hätte gerne, dass du bis heute abend aus der Wohnung ausgezogen bist."o



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8/2011
7/2011


Mag. Dominik Troger gehört seit 1992 zum MONITOR-Team. Er begann als News-Redakteur und betreute viele Jahre die MONITOR Weiterbildungsbeilage "Job Training". Seit dem Jahre 2000 war er als Chef vom Dienst tätig, mit Dezember 2009 übernahm er die Chefredaktion. 