17-1-2017 Gedruckt am 29-05-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/17087

Gastartikel - Gerhard Over, Hirschmann Car Communication

Working on the Road

Wer außerhalb des Büros arbeiten will, muss dafür sorgen, dass er das auch kann: Stabiles Internet, Zugriff auf Daten und Anwendungen oder die Möglichkeit Telefon- und Videokonferenzen abzuhalten. Das alles im Home Office sicherzustellen ist relativ einfach. Doch auch das Auto wird zunehmend zu einem mobilen Büro. Was kann und muss das zukünftige "Mobile Office" leisten und welche technologischen Voraussetzungen sind dafür unabdingbar?

Viele Menschen wollen ihre Arbeit während der Reise- und Wartezeiten nicht unterbrechen. (Bild: CC0 Public Domain - pixabay.com)

In den letzten Jahren hat sich die Art wie wir arbeiten gravierend verändert. Soziologen und Ökonomen sprechen dabei von der "Entgrenzung der Arbeit" – ein sperriger Begriff, der jedoch ziemlich genau das beschreibt, womit heute immer mehr Menschen konfrontiert sind. Nicht nur die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit, auch die geografischen und räumlichen Grenzen der Arbeit verschwimmen. Möglich wird diese Entwicklung durch neue Technologien: Wenn man von jedem Ort der Welt, jederzeit und von jedem mobilen Gerät aus auf relevante Daten zugreifen und mit Geschäftspartnern und Kollegen kommunizieren kann, verlieren sowohl klassische Arbeitszeiten als auch klassische Arbeitsräume an Bedeutung.
 

Office – Home Office – Mobile Office

Im Gegenzug steigen allerdings auch die Anforderungen an die "externen Räume" der Arbeit: Wer außerhalb des Büros arbeiten will, muss dafür sorgen, dass er das auch kann: Stabile und ausreichend dimensionierte Internetverbindungen, Zugriff auf Daten und Anwendungen in VPNs und Clouds oder die Möglichkeit, in guter Qualität Telefon- und Videokonferenzen abzuhalten, sind unabdingbar. Das alles im Home Office sicherzustellen ist relativ einfach. Doch einerseits kann und will man sich heute an den heimischen Schreibtisch ebenso wenig binden, wie an denjenigen im Büro. Andererseits wollen viele Menschen ihre Arbeit während der Reise- und Wartezeiten nicht unterbrechen und diese Zeit produktiv nutzen. Gerade das Auto wird damit zunehmend zu einem Mobile Office und muss sich nahtlos in die gewohnten Arbeitsprozesse einfügen.
 
Was also kann und muss das zukünftige "Mobile Office" leisten und welche technologischen Voraussetzungen sind dafür unabdingbar? Bereits heute steht uns im Fahrzeug eine Fülle an Technologien der digitalen Vernetzung und des personalisierten Fahrens zur Verfügung. Zu den wichtigsten Features eines "Mobile Office" wird aber auch in Zukunft die vollständige, reibungslose Vernetzung von Fahrzeug und persönlichen Smart Devices zählen. Das beginnt beim schlüssellosen Türöffnen mit dem Smartphone und geht über die automatische Integration von Terminen und Adressen in die Routenführung bis hin zum persönlichen elektronischen Sprachassistenten. Doch das wird nur der Anfang sein. Denn die Weiterentwicklung der Infotainment-Systeme im Auto und die Vernetzung mit der Online-Welt werden weitere Vorteile mit sich bringen:
  1. Sicherheits-Plus dank Sprachassistent - Mit Hilfe eines personifizierten Sprachassistenten kann der Fahrer jederzeit auf Dokumente, Datensätze, Mails, Chats und Listen in seiner Cloud zugreifen. Gleichzeitig werden neue Emails ständig aktualisiert und können mit Hilfe des digitalen Sprachassistenten während der Fahrt elektronisch vorgelesen werden. Im Gegenzug kann der Fahrer Emails oder SMS sogar mündlich beantworten: ähnlich wie bei Sprachassistenten auf dem Smartphone wird die Audiodatei via Mobilfunk zu einem Server übertragen, dort transkribiert und als Text wieder zurück ins Fahrzeug gesendet. Da die Handhabung nur per Sprachsteuerung stattfindet, richtet sich die Aufmerksamkeit dorthin, wo sie hingehört – auf den Straßenverkehr.
  2. Ein Auto, das mitdenkt - Die Automobilhersteller werden darüber hinaus die "Intelligenz" des Autos mit jedem neuen Modell weiter optimieren. Schon beim Einsteigen identifiziert das Auto seinen Fahrer und kann ihn mit Hilfe der persönlichen Cloud-Daten in Echtzeit an Geschäftstermine erinnern oder eine automatische Verbindung zu einer bevorstehenden Voice-Konferenz herstellen. Somit stehen dem Fahrer eines Mobile Offices immer mehr Services und Funktionen eines "realen Büros" zur Verfügung, ohne aber vom Straßenverkehr abzulenken. Des Weiteren werden zukünftige Fahrzeuggenerationen beispielsweise auch selbstständig erkennen, dass der Tank bald leer ist und gleichzeitig eine Tankstelle an der Fahrstrecke mit dem günstigsten Preis vorschlagen. Gerade auf einer Geschäftsreise, in der die Zeit oft gut einkalkuliert sein muss, sind solche Funktionen überaus hilfreich.
  3. Navigation nach Foto-Koordinaten - Die WLAN-Verbindung im Auto erlaubt bereits heute bei einigen Fahrzeugmodellen eine uneingeschränkte Einbindung von Google Earth in die Kartendarstellung des Navigationssystems. Fotos, die man mit dem Smartphone schießt, lassen sich dann zukünftig direkt im Navigationssystem abspeichern. Das Fahrzeug "erinnert" sich also an ein besonders schönes Café, für das während der Geschäftsreise die Zeit fehlte und das man so beim nächsten Besuch über die Koordinaten des Fotostandortes problemlos wiederfindet.
 

Das Auto 4.0: Schnittstelle mobiler Technologien

Damit das mobile Büro im Auto mit diesen und weiteren Funktionen in Zukunft "erfahrbar" wird, müssen Automobilhersteller und Zulieferer momentan unterschiedliche Herausforderungen lösen. Technologisch sind vor allem drei Aspekte wichtig: 
  • Sicherheit – sowohl für den Fahrer als auch für seine Daten und das Umfeld;
  • ein leistungsfähiges WLAN oder Bluetooth Low Energy zur einfachen und vor allem kabellosen Vernetzung der verwendeten Geräte; 
  • eine durchgängig hohe Sende- und Empfangsqualität mit ausreichender Bandbreite im Mobilfunk.
 
Ein Beispiel für eine Sende- und Empfangstechnologie, die die entsprechende Basis für das Mobile Office schafft, ist die Smart Antenna von Hirschmann Car Communication. Diese führt verschiedene Kommunikationstechnologien wie Radio, GPS, Mobilfunk, eCall, TV und Car-to-X außerhalb der Head-Unit an einer zentralen Stelle zusammen. Mit technischen Features wie WLAN, 4G/LTE, 3G/2G, Bluetooth und Bluetooth Low Energy ist die Smart Antenna zudem für den automatisierten Datenfluss geeignet. Genau dies sind wichtige technologische Voraussetzungen, um die bereits beschriebenen Anwendungen eines Mobile Offices umsetzen zu können und um zukünftig einen automatischen Informations- und Datenaustausch herzustellen. Auch Verkehrsflüsse sind mit Car-to-X situationsspezifisch steuerbar – beispielsweise um Staus über Ampelschaltungen zu entschärfen oder Mautbeträge an Tageszeit und Verkehrslage anzupassen. Eine besondere Herausforderung wird zukünftig darin bestehen, eine konstant gute Empfangsqualität mobiler Daten auch bei unterschiedlichen Geschwindigkeitsniveaus zu gewährleisten. Beim (teil-)autonomen Fahren kommt die Notwendigkeit hinzu, die wachsende Menge an Informationen in Echtzeit, also störungsfrei im Millisekunden-Bereich zur Verfügung zu stellen.
 
 

Auch Verkehrsflüsse sind mit Car-to-X situationsspezifisch steuerbar – beispielsweise um Staus über Ampelschaltungen zu entschärfen oder Mautbeträge an Tageszeit und Verkehrslage anzupassen. (Bild: Hirschmann Car Communication)

Die Anbindung des mobilen Arbeitsplatzes an die Verkehrsinfrastruktur und die Sicherstellung der hohen Sende- und Empfangsqualität ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Die Herausforderung liegt darin, das Auto zu einem Ort zu machen, an dem unterschiedliche Anwendungen parallel möglich sind. So müssen neben den für das Mobile Office technisch notwendigen Lösungen auch Infotainment-, Sicherheits- und Tolling-Systeme für teilautonomes Fahren integriert werden, die auf stark unterschiedlichen Technologien und Kommunikationsstandards basieren. Dies gelingt über eine elektronische Systemarchitektur, die möglichst viele elektronische Steuergeräte (ECU = Electronic Control Unit) im Fahrzeug bündelt oder ersetzt, um die Komplexität zu reduzieren.
 

Vorausschauend handeln

Flexibilität statt Komplexität wird in Summe auch das Leitmotiv für die weitere Entwicklung des Autos zum "Mobile Office" sein. Schließlich wird der Markt der Consumer-Devices weiterhin einen extrem dynamischen Takt vorgeben, an dem sich die Automobilhersteller und Zulieferer bei der Entwicklung ihrer Produkte und Dienstleistungen orientieren müssen. Das ist nur zu bewältigen, indem man schon heute technologische Architekturen für Prozesse und Anwendungen schafft, die ausreichend flexibel und skalierbar sind.
 
Die Fahrzeuginsassen werden im mobilen Büro auch weiterhin vor allem Flexibilität erwarten – sei es hinsichtlich intuitiver Bedienkonzepte, mit denen die zahlreichen Funktionalitäten leicht steuerbar sind, der Vernetzbarkeit mit "Smart Devices" oder der Erreichbarkeit an jedem Ort zu jeder Zeit. Dies erfordert wiederum eine hohe Flexibilität auf Seiten der Fahrzeughersteller und Technologieanbieter: sowohl bei der Gestaltung der notwendigen Systemarchitekturen als auch in der Bereitschaft zum Vorausdenken.
 
Gerhard Over ist Business Unit Manager Automotive bei der Hirschmann Car Communication GmbH.