7-12-2016 Gedruckt am 25-03-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/17060

Blockchain

Eine Kette verändert die Welt

Immer öfter hört und liest man von einem Begriff, der gemeinsam mit der Kryptowährung Bitcoin aufgetaucht ist: die Blockchain. Glaubt man der Einschätzung vieler Experten, hat die "Block-Kette" das Potenzial, nicht nur die Finanzwelt zu revolutionieren.

(c) istockphoto.com - the-lightwriter

 Was ist so besonders an dieser Blockchain? Im Prinzip ist es nur eine lange, chronologische Liste von Vorgängen, eine Datenbank oder ein Protokoll, wenn man so will. Allerdings mit ein paar entscheidenden Unterschieden: Erstens wird sie dezentral, also auf vielen verteilten Systemen verwaltet. Zweitens basiert jeder der Einträge auf den vorangegangenen, ist mit ihnen verbunden und lässt sich deswegen nicht ohne Weiteres fälschen. Alle späteren Einträge – oder Blocks – stehen in Verbindung mit dem ersten, dem sogenannten "Genesis-Block". Technisch betrachtet enthält jeder Block eine Prüfsumme des vorhergehenden Blocks sowie eine Prüfsumme der gesamten Kette.
 
Die dezentrale Struktur und die ebenso dezentrale Validierung der Einträge sorgen dafür, dass nicht eine einzelne Person oder Organisation die Macht über diese Datenbank und ihre Einträge hat. Alle Teilnehmer haben die gleichen Zugriffsrechte und Möglichkeiten. Es gibt keinen zentralen Verwalter, der bestimmt, was wahr und was falsch ist. Wenn die Mehrheit zu dem Schluss kommt, der Eintrag ist richtig, dann ist er das auch. Eine Manipulation ist nur dann möglich, wenn der Angreifer mehr als 50 Prozent des gesamten Netzwerkes kontrolliert.
 
In den einzelnen Blocks der Blockchain werden Transaktionen gespeichert. Eine Transaktion muss nicht unbedingt finanzieller Natur sein, im Prinzip kann es sich dabei um beliebige Informationen handeln. Jede gespeicherte Transaktion kann jederzeit von jedem Teilnehmer nachvollzogen werden. Die Teilnehmer einer auf Blockchain basierenden Lösung können außerdem untereinander direkt Transaktionen durchführen, ganz ohne Mittelsmänner, die für Vertrauen sorgen. Schließlich ist jede Transaktion nachvollziehbar, transparent und nicht manipulierbar.
 

Smarte Verträge

Ein Anwendungsfall sind beispielsweise Smart Contracts. Das sind legal bindende Vereinbarungen, die ähnlich wie traditionelle schriftliche Verträge auf einer Reihe von vereinbarten Geschäftsbedingungen beruhen. Im Unterschied zu den physischen Schriftstücken sind sie elektronisch als Software "programmiert" und werden auf dezentral geführten Kontobüchern verwaltet. Diese Struktur befähigt die Vertragsprogramme dazu, Aktionen wie Zahlungen automatisch auszuführen, sobald die vereinbarten Vertragsbedingungen erfüllt sind, ohne, dass eine unabhängige Prüfung oder manuelle Verwaltung notwendig wird. Naheliegend, dass Banken und andere Finanzunternehmen sehr interessiert an dieser Entwicklung sind. Laut aktuellen Studien von IBM werden kommerzielle Blockchain-Lösungen derzeit bei Banken und Finanzmarktunternehmen mit hohem Tempo eingeführt, teilweise drastisch schneller als ursprünglich erwartet. 15 Prozent der 200 von IBM befragten globalen Banken und 14 Prozent der 200 ebenfalls befragten globalen Finanzmarkt-Institutionen beabsichtigen, umfassende, kommerzielle Blockchain-Lösungen schon im Jahr 2017 einzuführen. Eine noch breitere Einführung ist unmittelbar danach zu erwarten – rund 65 Prozent der Banken rechnen laut der Studie mit einem ­produktiven Einsatz ihrer Blockchain-­Lösungen in den nächsten drei Jahren.
 
"Es bringt viele Vorteile, Early Adopter von Blockchain-Technologie zu sein", sagt Likhit Wagle, Global Industry General Manager, IBM Banking and Financial Markets. "Zunächst einmal setzen die First Mover Business-Standards und schaffen neue Modelle, die durch künftige Nutzer von Blockchain-Technologie übernommen werden. Wir sehen auch, dass diese Early Adopter besser in der Lage sind, potenzielle Disruptionen besser zu antizipieren und dabei auch neue Wettbewerber auf dem Weg besser abzuwehren."
 
Die Studie zeigt, dass entgegen den Erwartungen gerade größere Banken führend sind bei der Adaption von Blockchain-Technologie. Institutionen mit mehr als hunderttausend Angestellten sind dabei zweimal so stark vertreten wie kleinere Institute. Darüber hinaus sind 77 Prozent dieser größeren Banken Retail-Banking-Organisationen. Die Vorreiter-Banken sehen Blockchains als Mittel, neue Geschäftsmodelle zu schaffen und neue Märkte zu erschließen.
 
Außerhalb dieser Early-Adopter-Gruppe sehen viele Banken Hindernisse für den erfolgreichen Einsatz von Blockchains. Laut den Befragten gehören zu den größten Barrieren für den Erfolg regulatorische Rahmenbedingungen (56 Prozent), unreife Technologien (54 Prozent) und das Fehlen von klaren Return-on-Investment-Vorstellungen (52 Prozent).
 

Was habe ich davon?

Die Banken versprechen sich also neue Geschäftsmodelle und neue Märkte. Aber was haben ihre Kunden davon? Laut dem Smart-Contracts-Report des Digital Transformation Institute von Capgemini könnten Verbraucher pro Kopf künftig bis zu 450 Euro an Banken- und Versicherungsgebühren im Jahr einsparen, wenn beispielsweise Versicherungs- oder Kreditverträge mittels Distributed-Ledger-Technologie (quasi ein Überbegriff für Blockchain-artige Technologien) als Smart Contracts elektronisch abgewickelt würden. "Die Gestaltung und Abwicklung von Verträgen ist bis heute noch nicht vollständig digitalisiert. Deswegen müssen Verbraucher einen Großteil der finanziellen Last einer noch immer manuellen Abwicklung tragen. Mittlerweile sind wir aber an einem Punkt angelangt, an dem die Distributed-Ledger-Technologie das gesamte Vertragswesen revolutionieren kann, und dies auch tun wird. Die Risiken werden geringer, die Kosten sinken und die Effizienz wird steigen. Davon profitiert nicht nur die Industrie, sondern insbesondere Verbraucher sparen Zeit und Geld durch kostengünstige und reibungslose Prozesse", erklärt Bernd ­Bugelnig, Vorstandsvorsitzender bei Capgemini in Österreich. Die Studienautoren prognostizieren, dass solch intelligente Verträge beginnend mit dem Jahr 2020 im Massenmarkt breite Akzeptanz finden werden. "Wer bis dahin nicht in der Lage sein wird, Smart Contracts anzubieten und abzuwickeln, läuft massiv Gefahr, Geschäftsvolumen zu verlieren", warnt Bugelnig. Bis dahin seien allerdings noch einige Fragen zu klären, etwa das Thema Datenschutz, die Sicherheit der Blockchain-Technologie allgemein sowie die regulatorischen Rahmenbedingungen für den Einsatz von Smart Contracts.
 
Trotzdem ist Bugelnig überzeugt: "Die Finanzdienstleistungsbranche muss umgehend beginnen, sich mit der Thematik zu befassen und sowohl ihre Applikationslandschaft als auch ihre Prozesse dafür vorzubereiten sowie mit der neuen Funktionalität zu experimentieren. Sie müssen den zu erwartenden Geschäftsnutzen sehr genau evaluieren und sich dem Thema mittels einem strategischen Ansatz nähern sowie eine Reihe von partnerschaftlichen Zusammen­arbeitsinitiativen mit Innovationslabors, Inkubatoren und Startups initiieren."
 

Blockchain für Storage

Wie erwähnt, ist der Einsatz von Blockchain-Technologie und Smart Contracts in der Finanz- und Versicherungswelt naheliegend, aber nicht das einzige Einsatzfeld. Es gibt auch Ansätze, die Technologie beispielsweise für die automatisierte Rechteverwaltung von Künstlern, bei Auto-Verkäufen oder bei öffentlichen, anonymen und manipulationssicheren Wahlen zu nutzen.
 
Noch gibt es wenig Konkretes, der Boom steht aber vor der Tür. Auch IKT-Unternehmen machen sich Gedanken. So hat Storage-Spezialist Acronis ein Produkt angekündigt, eigenen Angaben zufolge das erste Software-Defined-Storage-Produkt, das Blockchain-basierende unveränderliche Datenauthentizität gewährleistet. Die Lösung erstellt von gesicherten Daten einen Hash-Wert mit einem Zeitstempel und speichert diesen in Ethereum, einer öffentlichen Blockchain-basierenden verteilten Computing-Plattform. Acronis Storage soll mittels eines Vergleichs zweier Fingerabdrücke des gleichen Datensatzes die Unveränderbarkeit, Authentizität und Integrität der gespeicherten Daten verifizieren können.
 
"Acronis ist das erste Data-Protection-Unternehmen, das Blockchain für Datenbeglaubigung oder -verifizierung integriert", bekräftigt Vitalik Buterin, Chief Scientist der Ethereum Foundation. "Wir sind begeistert, mit Acronis zusammenzuarbeiten, und freuen uns, gemeinsam das Ethereum Ecosystem so weiterzuentwickeln, dass alle Anwender davon profitieren können." Man darf gespannt sein, welche Anwendungen in Zukunft noch auf den Markt kommen. Manche Experten bescheinigen der "Block-Kette" ähnliches Potenzial wie dem Internet in den 1990er-Jahren.