28-11-2016 Gedruckt am 30-05-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/17046

Monitor Round Table "Digitalisierung"

Digitale Transformation: Von analogen Altlasten zum digitalen Dilemma?

Die "Digitalisierung" ist aktuell in aller Munde. Unternehmen wie die strapazierten Beispiele Uber, AirBnB oder Tesla mit ihrer disruptiven Wirkung auf ganze Märkte und althergebrachte Geschäftsmodelle sind ihre Botschafter. Aber was bedeutet dieser Begriff tatsächlich? Wie kann man als bestehendes Unternehmen mit "analogen Altlasten" die Digitale Transformation angehen und selbst zu einem digitalen Unternehmen werden? Wir haben Experten aus der österreichischen IKT-Branche, die das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten, an den runden Tisch geholt, um darüber zu diskutieren.

Rudolf Felser

Mario Zimmermann (veeam), Matthias Fiegl (T-Mobile), Klaus Schmid (NTT DATA) und Christian Cerny (free-com) beim Monitor Round Table. (c) timeline – Rudi Handl

 Auch wenn die Digitalisierung gerne als technisches Thema gesehen wird, stehen die Technologien dabei eigentlich im Hintergrund. Sie sind quasi das Vehikel der Veränderung. In Wahrheit geht es vor allem um Prozesse. Klaus Schmid ist seit Februar 2016 Geschäftsführer von NTT DATA in Österreich. Für ihn bedeutet Digitalisierung im Grunde, die Geschäftsprozesse aus dem analogen ins digitale Zeitalter zu transformieren, oder genauer "sie auf einer Prozess-Ebene fit zu machen für die Digitalisierung und für die Anforderungen des Internets und der Endgeräte des Internets und damit auch für die Anforderungen der Kunden, die am Ende als Nutznießer der Wertschöpfungskette dastehen sollen." 
 
Etwas weiter ins Detail ging bei unserem Round Table Christian Cerny, Geschäftsführer der free-com solutions gmbh, einem Spinoff der Mayr-Melnhof Karton AG. Er unterscheidet zwei große Aspekte: "Das eine ist der Geschäftsprozess selbst, das eigene Core Business. Hier ist Digitalisierung ein sehr wichtiges strategisches Thema. Das andere ist die Digitalisierung von supportenden Prozessen rundherum, also administrative Prozesse, ERP- und Dokumentenmanagement-Systeme, der ganze Betrieb des Unternehmens. Da geht es hauptsächlich darum, das Unternehmen durch Digitalisierung effizienter zu gestalten." 
 

Ein neuer Zugang 

Wenn es nur um das digitale Abbilden von Prozessen des Unternehmens ginge, wäre das freilich nichts Neues und hätte nicht die Auswirkungen, die man heute auf den Märkten beobachten kann. Das betonte in der Diskussion auch Matthias Fiegl von T-Mobile Austria. Er ist verantwortlich für das Business Marketing des Telekom-Unternehmens, hat aber auch eine eigene Unit unter sich, die sich mit dem Internet der Dinge auseinandersetzt. Wie er anmerkte, geht es nicht nur um die Digitalisierung von Prozessen, sondern auch um die Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen. "Das wird sehr oft weggelassen. Es gibt sehr viele und gute Beispiele die zeigen, dass man mittels der Digitalisierung ein neues Geschäftsmodell aufmachen kann und etwas komplett anderes anbieten kann, als man bis dato angeboten hat", so Fiegl. Mit einem Beispiel illustrierte er, was er damit meint: "Kaeser Kompressoren wollte nicht nur Kompressoren verkaufen, sondern auch Wartung und dergleichen. Im Zuge dessen sind sie draufgekommen, dass sie digitalisieren müssen. Heute verkaufen sie komprimierte Luft. Sie haben ihr Geschäftsmodell einfach komplett umgestellt."
 

Matthias Fiegl – T-Mobile: "Österreich hinkt nicht nur im Breitbandausbau, sondern auch in der Digitalisierung hinterher." (c) timeline – Rudi Handl

 Aber warum werfen Unternehmen wie Kaeser überhaupt ihre funktionierenden Geschäftsmodelle über den Haufen und erfinden sich neu? Warum beschäftigen sich Firmen, Medien und die Gesellschaft derzeit so intensiv mit diesem Thema? Schließlich tut die IT-Branche seit es sie gibt nichts anderes, als Geschäftsprozesse und Businessmodelle zu digitalisieren. Wozu wird also jetzt überhaupt "digitalisiert"? Mario Zimmermann, Country Manager Austria von veeam Software, einem IT-Anbieter der sich vor allem mit der Verfügbarkeit von Daten und Applikationen beschäftigt, beantwortete diese Frage folgendermaßen: "Damit wir auf der einen Seite neue Geschäfte und neue Märkte erschließen, und auf der anderen Seite competetive bleiben. Unternehmen wie Uber haben die Welt nicht neu erfunden, sondern nur mit Digitalisierung einen neuen Zugang zu diesem Thema geschaffen. Uber gehört kein einziges Taxi, trotzdem sind sie ein Riesen-Unternehmen. AirBnB gehört kein Hotel, aber sie sind ein Riesen-Unternehmen. Das heißt, der Prozess ist gleich geblieben, der Zugang dazu ist allerdings ein anderer geworden."  
 

Startups müssen nicht transformieren 

Beispiele wie diese, oder auch der in diesem Zusammenhang gerne erwähnte Automobilhersteller Tesla, der in Sachen Elektromobilität jetzt Marktführer ist ohne je zuvor ein Auto gebaut zu haben, haben Bewegung in die Märkte gebracht – und zwingen ihre alteingesessenen Mitbewerber nachzuziehen, wenn sie nicht den Anschluss verlieren wollen. Zimmermann: "Tesla ist genau so ein Beispiel: Ein Unternehmen das keine Altlasten hatte und von Null weg loslegen konnte und deswegen extrem erfolgreich ist." Diese neuen Unternehmen haben einen großen Vorteil gemeinsam, denn sie mussten nicht erst transformieren. Die Unterschiede verdeutlichte Branchenkenner Schmid: "Gehe ich als Neueintreter in den Markt hinein und habe keine Altlasten zu transformieren, dann geht es nur um die Anwendung der digitalen Technologien die heute existieren. Aber habe ich ein Unternehmen, dass schon seit 30 oder 40 Jahren am Markt ist und sich einen sehr guten Namen mit Produkten oder Lösungen geschaffen hat, dann stehe ich jetzt vor der Herausforderung, dass ich meinen Mitarbeiterstab in ein neues Zeitalter der Digitalisierung und in eine neuen Kommunikations- und Vernetzungskette führen muss. Die Technologie ist die gleiche, aber die Herausforderung für den Geschäftsführer ist eine ganz andere."
 

Klaus Schmid – NTT DATA: "Ich glaube, dass sich Österreich durch seine traditionell gut verarbeiteten Produkte in der europäischen und globalen Wirtschaft eine gute Position erarbeitet hat und diese auch halten kann." (c) timeline – Rudi Handl

 Auch Christian Cerny sieht diesen Unterschied deutlich: "Wenn man von Null weg startet, kann man sich an den Lean-Ansatz halten und genau das, was der Kunde braucht, sehr gut machen – aber sehr schmal. Das ist genau das, was der Markt braucht, und lässt sich mit wenigen Leuten umsetzen. Das ist der Startup-Ansatz: Weil die Ressourcen limitiert sind habe ich keine andere Wahl, als so in den Markt zu gehen. Wenn ich sehr viele Altlasten habe und sehr komplexe Prozesse, die ich nicht von heute auf morgen umdrehen kann, ist das ein Nachteil gegenüber Startups. Für ein älteres Unternehmen ist es allein schon schwierig, in diese Denke zu kommen und sie zu verstehen. Oft ist die Gefahr, dass das Geschäft nicht so schlecht läuft und eigentlich alles gut aussieht, sodass man es gar nicht kommen sieht, dass hier disruptive Technologien am Start sind. Bis es zu spät ist, man die Kurve nicht mehr kriegt und vom Markt verdrängt wird." 
 

Wer stehenbleibt verpasst den Anschluss 

Aber muss sich wirklich jedes Unternehmen mit dem Thema beschäftigen? "Wer stehenbleibt verpasst den technologischen Anschluss. Die Digitalisierung wird gern verglichen mit der Industriellen Revolution vor 200 Jahren. Nichts anderes ist passiert: Neue Techniken und Technologien sind gekommen, die Produktivität hat sich verändert. Genau das gleiche bietet Digitalisierung heute an. Es werden neue Werkzeuge zur Verfügung gestellt und man kann neue Produkte auf neue Art und Weise an den Mann bringen. Das trifft jedes Unternehmen, egal wie groß, ob der Bäcker einen Online-Semmel-Lieferservice zur Verfügung stellt oder ob es ein großer Konzern ist, der anders an seine Kunden herantritt. Ich sehe Digitalisierung als enorme Chance und natürlich als Umbruch, weil wir etwas ändern und aus unserer Komfortzone heraus müssen", ist Mario Zimmermann überzeugt. 
 

Mario Zimmermann – veeam: "Wer stehenbleibt verpasst den technologischen Anschluss." (c) timeline – Rudi Handl

 Stellt sich nur die Frage, was man ändern muss, um mit den neuen Firmen konkurrieren zu können. Wie beginnt man als etabliertes Unternehmen seine Digitale Transformation? Für Matthias Fiegl ist ein möglicher Ansatzpunkt, sich von eben jenen Startups inspirieren zu lassen: "In der Initiative DigitalCity.Wien gibt es einige Projekte, an denen beispielsweise T-Mobile, Infineon, SAP, aber auch andere Unternehmen, die nicht so namhaft sind, zusammen mit Startups beteiligt sind. Beim Projekt "Industry meets makers" geht es darum, dass wir als T-Mobile mit den Makers und der Startup-Szene zusammenzukommen. Aber nicht vordergründig, um Produkte und Services von ihnen zu übernehmen, sondern vielmehr ihren Spirit, ihr Engagement und die Leichtigkeit dieser kleinen Unternehmen – und vielleicht später auch ihre Technologie und Entwicklungen." Es geht also darum, erst in das "Mindsetting" solcher Unternehmen hineinzukommen, bevor man sich an die Arbeit macht. 
 
Klaus Schmid brach in diesem Zusammenhang aber eine Lanze für die etablierten Unternehmen, die in dem derzeit hierzulande herrschenden Startup-Hype – so erwünscht und notwendig er auch sein mag – unterzugehen drohen: "Ich finde es schade, dass man gerade Traditionsunternehmen, die zum Teil seit mehreren Generationen tolle Produkte herstellen, kein Angebot macht, wie sie in die Digitale Transformation gehen können. Die könnten genauso von so einer Wertschöpfungskette profitieren. Natürlich tut man sich als Traditionsunternehmen leichter, wenn man auch mit Startups zusammenarbeitet, aber was ist der Wert für den Kunden? Ich glaube, dass sich Österreich durch seine traditionell gut verarbeiteten Produkte in der europäischen und globalen Wirtschaft eine gute Position erarbeitet hat und diese auch halten kann. Wenn wir uns nur auf Digitalisierung und Startups konzentrieren, bin ich mir nicht sicher ob Österreich 'Number One' sein kann. Da gibt es andere Länder mit anderen Rahmenbedingungen. Unsere Anschlussfähigkeit als Wirtschaftsstandort Österreich ist, dass wir nicht vergessen die bestehenden Unternehmen in die digitale Wertschöpfungskette einzubeziehen. Da passiert zu wenig." 
 
T-Mobile hat sich in Rahmen seines Projektes "IoT-Box" genau mit diesem Punkt beschäftigt, wie Matthias Fiegl bei unserem Round Table erklärte: "Vor drei Jahren haben wir uns Gedanken darüber gemacht, wie wir die Digitalisierung in Österreich vorantreiben können – weil wir weit hinten sind. Unser Ansinnen war, die Digitalisierung in den Unternehmen zu treiben. Dafür muss man aber Unternehmen die Möglichkeit geben, den Einstieg zu schaffen. Wir haben also etwas simples, einfaches produziert, damit die Unternehmen herumspielen und ein Gefühl dafür bekommen können, was Digitalisierung eigentlich bedeutet. Das war die IoT-Box. Diese Box kann man bei uns zwar sehr günstig kaufen, sie ist aber primär ein Sales-Toolkit, das der Vertriebler beim Kunden lässt. Wenn es dem Kunden gefällt, kommt er mit seinen Ideen zu uns. Das funktioniert." 
 

Digitalisierung ist keine Spielerei 

Auch wenn der Zugang spielerisch geschieht, darf nicht der Trugschluss aufkommen, die Digitalisierung sei eine Spielerei. Sie ist herausfordernd und greift tief in die Unternehmen ein. "Man kann nicht einfach sagen 'Ich mach jetzt IT-Digitalisierung', arbeitet im stillen Kämmerlein und ist dann fertig. Es geht um strategische Themen, der Core-Businessprozess verändert sich um Mehrwert für den Kunden zu liefern. Es kann sich über Monate oder Jahre ziehen, um so ein neues digitales Businessmodell zu schaffen. Ich will niemanden abschrecken, auch wenn das sicher das Gegenteil von dem ist, was man hören möchte. Aber die Realität sieht so aus. Wenn ich mein Unternehmen im Kern verändere und Richtung Digitalisierung bringe, dann muss ich Themen angreifen, die sehr komplex sind. Dafür muss man auf oberster Ebene Bewusstsein schaffen und beim Geschäftsführer ansetzen, nicht in der IT-Abteilung", warnt Christian Cerny. 
 

Christian Cerny – free-com: "Wenn ich sehr viele Altlasten habe und sehr komplexe Prozesse, die ich nicht von heute auf morgen umdrehen kann, ist das ein Nachteil gegenüber Startups." (c) timeline – Rudi Handl

 So etwas geht nicht von heute auf morgen. Der erste Schritt ist der, sich bewusst zu werden, dass man in der Digitalisierung schon mittendrin steckt. Der nächste Schritt ist, sich auf Basis dessen zu überlegen, wie man den Weg vernünftig weitergeht, anstatt ohne Strategie "herumzuwurschteln". Leichter ist es natürlich, wenn die Chefetage den Sinn dahinter erkennt. Fiegl brachte ein Beispiel: "Wo CEO bereitwillig aufspringen ist, wenn das Projekt Mehrwert in Richtung Kunden bietet. Die produzierende Industrie in Österreich zum Beispiel hat Geschichte und läuft gut. Viele mittelständische Unternehmen, etwa im Maschinenbau, machen weltweit Geschäfte. Diese Unternehmen sehen, dass die Anforderungen der Kunden nach SLAs sehr groß ist. Sie sehen aber gleichzeitig, dass sie entsprechende SLAs in Australien oder Indien nicht anbieten können, weil sie viel zu weit weg sind. Sie brauchen etwas, um diese Maschinen zu digitalisieren. Dann beginnt die Diskussion über eine Lösung, die den möglichen Ausfall einer Maschine 14 Tage im Voraus erkennt. Da werden CEO plötzlich hellhörig und steigen gerne in die Digitalisierung der Maschinen ein. Solche Projekte werden dann größer. Das bleibt nicht bei einem Anwendungsfall, sondern sie fangen an die Maschinen komplett zu digitalisieren – und auch die Zulieferprozesse dahinter. Peu à peu wird dann ein Prozess nach dem anderen digitalisiert." 
 

Österreich hat Luft nach oben 

Die aktuelle Lage in Österreich in Sachen Digitalisierung sahen die IKT-Experten alle ähnlich: Es gibt noch Luft nach oben. Matthias Fiegl: "In einzelnen Branchen funktioniert Digitalisierung gut. Der Automotive-Zweig in Österreich entwickelt sich zum Beispiel sehr gut. Aber es gibt sehr viele Branchen, zu denen die Digitalisierung noch nicht durchgedrungen ist. Österreich hinkt nicht nur im Breitbandausbau, sondern auch in der Digitalisierung hinterher. Das ist sehr traurig."  
  
Auch Mario Zimmermann sieht große Unterschiede, macht sie aber eher an Menschen als an Branchen fest: "Es gibt keine Branchen, die weit vorne oder weit hinten sind, sondern es geht meistens um die handelnden Personen. Je nachdem, wie ihr persönlicher Zugang zu IT, ihre Awareness oder auch die Bereitschaft in neue Möglichkeiten zu investieren sind, desto mehr Digitalisierung finden wir dort vor. Wo wir Gefahren sehen, egal ob der Digitalisierungsgrad vorangeschritten oder noch ausbaufähig ist, ist beim Schützen der Daten und beim Verfügbarkeits-Thema. Da stoßen wir auf offene Ohren, weil das Konzept nicht fertiggedacht ist. Es gibt in den Prozessen immer wieder Lücken. Das muss man aber zu Ende denken und sich vorstellen was passiert, wenn dieser eine Service für zehn Minuten, eine Stunde oder einen Tag nicht funktioniert." 
 
Christian Cerny sieht die aktuelle öffentliche Diskussion positiv: "Grundsätzlich finde ich es gut, dass Digitalisierung in aller Munde ist. Das gibt die Chance, dass die Leute sich damit beschäftigen und das wir hier aufholen. Denn ich glaube auch, dass die österreichischen Unternehmen hier einen Rückstand haben. Man sieht das auch daran, dass zum Beispiel das Thema Cloud, über das in anderen Ländern nicht mehr diskutiert wird, hier sehr skeptisch beäugt wird. Zum Teil mit gutem Grund, zum Teil ist man aber auch übervorsichtig. Deswegen ist es gut, dass es vorwärts geht. Was ich auch gut finde ist, dass es in Österreich in der Zwischenzeit eine einigermaßen gute Startup-Szene gibt – auch wenn sie aktuell ein bisschen gehypt ist – und das die Zusammenarbeit zwischen traditionellen Unternehmen und Startups vorangetrieben wird." 
 
"Lassen Sie mich mit einem positiven Statement schließen: Ich glaube wir haben extrem viele Möglichkeiten allen Industrien in Österreich mit mittlerweile erprobten Beispielen aus anderen Ländern Starthilfe zu geben", fand Klaus Schmid zum Abschluss einen Weg, der Situation, die wir in Österreich in Sachen Digitalisierung derzeit vorfinden, eine gute Seite abzugewinnen. Wir finden, das ist die richtige Perspektive um an die Sache heranzugehen.