14-10-2016 Gedruckt am 25-05-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/16993

Interview - Benoit Jouffrey, Gemalto

eSIM: Die reprogrammierbare SIM-Karte

Langsam zeigt sich das Konzept der "embedded SIM-Karten" (eSIM) auch in realen Anwendungsfällen. Eines ist sicher: Sie wird in der Telekommunikationsbranche einiges verändern. Aber auch bei ihren Zulieferern.

Rudolf Felser

Benoit Jouffrey, VP On-Demand Connectivity bei Gemalto

Man möchte meinen, ein SIM-Karten Produzent müsste laut zu fluchen beginnen, wenn das Thema eSIM zur Sprache kommt. Gemalto ist einer der weltweit größten Lieferanten von SIM-Karten. Doch Benoit Jouffrey, VP On-Demand Connectivity des Unternehmens, warf im Interview mit monitor.at nicht mit Kraftausdrücken um sich – ganz im Gegenteil.
 
Was steckt hinter dem Konzept eSIM, das derzeit in aller Munde ist?
Hinter Embedded Universal Integrated Circuit Card (eUICC), auch eSIM genannt, steckt ein Bauteil, das die Telekommunikationsbranche aktuell stark beschäftigt. Es besitzt die Möglichkeit, die auf der SIM-Card gespeicherten Daten über die Luftschnittstelle ("over the air”) herunterzuladen und zu verändern, das sogenannte Remote Provisioning, ohne eine neue Karte beschaffen zu müssen.
Den ersten Schritt machte 2010 das European Telecommunications Standards Institute (ETSI) mit der Standardisierung eines neuen Machine-to-Machine Form Factor (MFF2). Es handelt sich dabei um eine auf Geräte-Platinen verlötete SIM-Karte, die tief im Geräte verbaut und damit nur schwer zu erreichen war. Wer früher solche SIM-Karten ändern wollte, musste einen hohen finanziellen Aufwand in Kauf nehmen. Netzbetreiber und Industrie suchten deshalb nach einer Lösung, um dennoch einen Wechsel des Mobilfunkbetreibers zu ermöglichen. Die SIM-Karte sollte sich ändern lassen, ohne physisch darauf zugreifen zu müssen. Ende 2013 stellte die Industrievereinigung der GSM-Mobilfunkanbieter (GSMA) dann die erste Version eines neuen Standards bereit, der ein Over the Air Provisioning (OTA) ermöglicht, sprich die Möglichkeit, remote ein Netzbetreiber-Profil herunterzuladen. Gemalto hat als Associate Member an der Entwicklung des Standards für eingebettete SIM-Karten mitgewirkt.
 
Was bedeutet die eSIM für den Markt bzw. die Industrie?
eUICC stellt die Weichen für zahlreiche neue Anwendungsfälle: Das Bauteil versorgt Geräte mit Mobilfunkkonnektivität, die ursprünglich keine besaßen, beispielsweise Wearables. Auch lässt sich der Anbieter over-the-air und ohne Kartenaustausch wechseln, sofern es der Anwendungsfall erfordert. 
Für die Kommunikation von Maschine zu Maschine (M2M), etwa für die Anbindung von Stromzählern oder Autos, gibt es seit Ende 2013 den bereits erwähnten eSIM-Standard. Er erleichtert den Zugang zu Geräten, Kästchen und Zählern, die bisher komplett verborgen waren. Telekommunikationsanbieter können beispielsweise in vernetzten Fahrzeugen mit eingebetteter eSIM jedes angeforderte Netzbetreiberprofil bereitstellen. Im März 2015 kündigte die GSMA eine entsprechende Norm für Konsumelektronik-Geräte wie Tablets, Wearables und Smartphones an.
 
Was werden klassische Anwendungsfelder für die eSIM sein?
Beim so genannten Initial Provisioning dreht sich alles darum, ein Gerät erstmals mit Mobilfunkkonnektivität zu versorgen. Wearables wie beispielsweise die Samsung Gear Watch benötigen unabhängige Verbindungsmöglichkeiten, sprich das Gerät erhält seine Konnektivität nicht mehr via Bluetooth oder ein Primary Device wie ein Smartphone. Stattdessen kann das Wearable selbst Profile runterladen und sich unabhängig von anderen Geräten verbinden. Beim Joggen beispielsweise ist der User dann nicht mehr auf sein Smartphone angewiesen, denn er kann über das Wearable Anrufe annehmen und Nachrichten empfangen.
 
 
 
Ein zweiter Anwendungsfall ergibt sich bei Aufenthalten im Ausland. Wer dort ohne passende Konnektivität unterwegs ist, kann sich für die Dauer seines Aufenthalts ein Profil von einem lokalen Anbieter runterladen. Auch aus gesetzlichen Gründen kann es notwendig sein, Profile flexibel zu ändern:
Russland hat ein Gesetz verabschiedet, wonach dort ab 1. Januar 2017 alle neuen Fahrzeuge mit einem auf eCall basierenden ERA-Glonass-System ausgestattet sein müssen. Die eCall-fähige Telematikeinheit des Autos muss folglich zwei Profile unterstützen, um im Falle eines Unfalls von Profil A eines bestimmten Netzbetreibers zum ERA-Glonass-Profil wechseln zu können. Auch das ist mit der eSIM-Technologie möglich. Bei eUICC können zwei Profile gleichzeitig in der Karte angelegt sein, was es ermöglicht, unkompliziert den Provider zu ändern. 
Denkbar ist zudem mehr Flexibilität für Geräte, die zehn, 15 oder gar 20 Jahre lang benutzt werden. Sie verfügen aktuell über Konnektivität auf Basis eines bestehenden Vertrages, der aber oft nur drei bis sechs Jahre läuft. Die eSIM-Technologie verschafft dem Anwender die Möglichkeit, wenn nötig später von seinem aktuellen Anbieter zu einem anderen Provider zu wechseln.
 
Welche Chancen bieten sich für die Marktteilnehmer?
Vor allem in puncto Digitalisierung eröffnen sich Möglichkeiten, insbesondere für Netzbetreiber, die auf den Vertriebskanal "Internet" setzen. Wer auf einem Internetportal ein Handy ordert, kann seine Bestellung gleich mit einem Profil verbinden. Es wird keine Hardware in Form einer SIM-Karte mehr ausgeliefert.
Die ersten Gehversuche sind gemacht. Einige Netzbetreiber nutzen die Technologie schon sehr engagiert, andere sind kurz davor ihre Idee zur Marktreife zu bringen. Die nächsten Monate und Jahre werden zeigen, mit welchen Geräten die Technologie am besten funktioniert.
 
SIM-Karten gehören zum Kerngeschäft von Gemalto. Wie verändert sich Ihr Portfolio vor dem Hintergrund der Entwicklung? 
Die Funktion Over-the-Air-Provisioning darf nicht mit einem Formfaktor verwechselt werden. Sowohl lötbare Karten als auch traditionelle Plug-In-Formfaktoren haben diese Möglichkeit. Wir bieten unseren Kunden heute schon beide Formfaktoren an und werden das auch morgen noch tun. 
 
 
 
eUICC erfordert jedoch eine neue Rolle auf dem Markt, nämlich die des Subscription Managers. Plattformen, die diverse Profile zum Download anbieten, müssen betreut werden. Vorher gilt es, die Profile zusammen mit den Netzbetreibern zu kreieren und zu validieren. Hier spielt Gemalto heute eine aktive Rolle: Mit rund 450 Netzbetreibern als Kunden verwalten wir zahlreiche Profile in unserer Datenbank. Das passt sehr gut zu unserem traditionellen Geschäft – bereits 30 Prozent unseres Umsatzes erzielen wir heute mit Services. Unser Geschäftsmodell erweitert sich folglich: Einerseits liefern wir wenn gewünscht die Hardware. Auf der anderen Seite bieten wir unseren Kunden Services, um die Profile herunterzuladen. Für unser bestehendes Geschäftsmodell bringt die Technologie also eine sinnvolle Weiterentwicklung.
 
 

Zur Person:

Benoît Jouffrey, Vice President On-Demand Connectivity, ist verantwortlich für die Subscription-Management-Aktivitäten der Gemalto GmbH.
Von 2010 bis 2013, als Vice President M2M Value Added Services, war er zuständig für Karten und Services im Bereich Machine-to-Machine (M2M)/IoT-Markt. Von der Gründung bis Dezember 2011, war Benoît zudem Vorsitzender in der SIMalliance M2M Arbeitsgruppe. Ziel war es, die Rolle von SIM-Karten in der M2M-Umgebung, vor allem bei Telekom-Betreibern, Anwendungsentwicklern und Herstellern zu verbessern und zu fördern.
In den Jahren 2009-2010 verantwortete Jouffrey die Gemalto Digital Life Management Software-Aktivitäten (Overath, Germany). Von 2008 bis Juli 2009 koordinierte er als Vice President Strategy & Development des Telecom Business Unit die Gemalto Telekom-Strategie und deren langfristige Planung. Zuvor hatte Benoit verschiedene Positionen im Vertriebsmanagement der Gemplus GmbH (jetzt Gemalto GmbH) inne. In den Jahren 1993 bis 1999 war Benoît bei Credit Agricole Indosuez (ehemals Banque Indosuez).