7-10-2016 Gedruckt am 28-03-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/16984

Interview - Karl-Heinz Streibich, Software AG

Digitalisierung ist wie eine Naturgewalt

30 Jahre Software AG in Österreich, jetzt an einer neuen Adresse. Grund genug, um Kunden und Partner einzuladen und das Jubiläum zu feiern. Für die Veranstaltung kam selbstverständlich auch der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, Karl-Heinz Streibich, nach Wien angereist. Monitor.at traf den gelernten Radio- und Fernsehtechniker hoch über den Dächern der Bundeshauptstadt zu einem tiefgründigen Gespräch über das derzeit allgegenwärtige Thema Digitalisierung.

Rudolf Felser

Karl-Heinz Streibich im Gespräch mit monitor.at (c) Melzer PR

Seit 30 Jahren Software AG in Österreich, 45 Jahre insgesamt – wie stehen Sie persönlich zum Schlagwort "Digitale Transformation" oder "Digitalisierung"? Machen Sie das nicht schon seit vier Jahrzehnten?  
Karl-Heinz Streibich: Was ist Digitalisierung und was ist IT? Dass Daten digital vorliegen, um sie elektronisch verarbeiten zu können, war der Beginn der Digitalisierung. Der springende Punkt ist nicht die präzise Definition, was Digitalisierung ist und was man mit IT beschreiben kann. Die IT war die Long-Tail-Vorbereitung für die Digitalisierung. Im Prinzip ist durch den technologischen Fortschritt, den wir heute haben, eigentlich der Durchstich im Tunnel geschafft worden. Heute können riesige Datenmengen in Echtzeit verarbeitet, gemessen, analysiert und automatisiert Entscheidungen davon abgeleitet werden. Das war bisher nicht möglich und hat eine explosionsartige Erweiterung der Anwendungsfälle gebracht.  
  
Es geht also bei Digitalisierung um dieses "Echtzeit-Element", aber im Kern doch auch um neue Geschäftsmodelle – wie bei Uber oder AirBnB?  
Die neuen disruptiven Geschäftsmodelle haben eines gemeinsam. Sie treiben einen Keil zwischen die klassische Verbindung der Firmen zu den Konsumenten. Sie absorbieren die Konsumenten und geben Ihnen ein ganz neues, Echtzeit-bezogenes Informationsgefühl. Sowohl bei der Information, was das richtige Produkt für sie ist, als auch über das schließende Fulfillment.  
  
Das klingt ein bisschen negativ, wenn Sie von einem Keil sprechen.  
Für die etablierten Firmen ist das negativ. Was heißt denn disruptiv? Es heißt, dass die vorhandenen Strukturen, Kundenverbindungen und Geschäftsmodelle unter die Räder kommen. Fragen Sie mal Nokia, ob das ein bisschen negativ war, dass Software so leistungsfähig geworden ist, dass man große Teile der Hardware nicht mehr braucht. Das ist ein disruptives, gewaltig negatives Wettbewerbsrisiko für jede Firma, die glaubt es geht an ihr vorbei.  
  
Das bedeutet, dass Firmen, die diesen Keil nicht rechtzeitig gesehen haben, etwas verschlafen haben?  
Vermeidbar oder nicht vermeidbar – klar, im Einzelfall immer verschlafen. Aber, dass es AirBnB gibt, das ist wie höhere Gewalt für Hotels. Mittlerweile gehen wahrscheinlich Millionen Betten über diese Plattform. Oder wie bei Uber, wo Fahrten privat anstatt über Taxiunternehmen organisiert werden. Oder dass Alibaba 15 Millionen kleine Firmen von 600 Millionen Konsumenten trennt. Haben die kleinen Firmen etwas verschlafen? Nein, das ist wie eine Naturgewalt.  
  
Wo stehen wir jetzt eigentlich auf der Digitalisierungs-Welle? Werden wir irgendwann alles "ausdigitalisiert" haben?  
Das Thema wird uns sehr lange begleiten, Jahrzehnte. Wenn Firmen in Zukunft voll digitalisiert sind, erst dann beginnt die Geschäftsmodell-Kreativität – dann haben sie keine analogen Schranken mehr. Dann können Sie Dinge mit der Software und der Analyse der Daten machen, die vorher undenkbar waren.   
  
Wie gut ist das Verständnis der Unternehmen für das Thema Digitalisierung und was sie für sie bedeutet?  
Da stehen wir ganz am Anfang. Früher sind technologische Innovationen mit den Generationswechseln in den Führungseinheiten von statten gegangen. Heute gibt es drei oder vier Technologiewechsel innerhalb einer Führungs-Lebensspanne. Das ist die Problematik. Noch vor zehn Jahren haben Vorstände damit kokettiert, das sie keinen Laptop oder PC auf dem Schreibtisch stehen haben. Das ist heute das Kokettieren mit dem Tod einer Firma. Nicht weil er keinen Laptop auf dem Tisch hat, sondern weil er ignorant gegenüber den Möglichkeiten und Chancen der Digitalisierung ist. Die Digitalisierung zu verstehen ist Allgemeinwissen, egal wo Sie arbeiten. Wenn Sie die Möglichkeiten der Digitalisierung nicht verstehen – ich meine nicht die Bits und Bytes – dann verstehen Sie nicht, was heute das Business treibt, beeinflusst und nach vorne bringt.  
  
Wie sehen Sie die Chancen, dass alteingesessene Firmen beginnen diesen Begriff zu verstehen und nicht von jungen Startups, die Digitalisierung verstehen, aus dem Geschäft gedrängt werden?   
Jede Branche wird von Startups attackiert. Jede Branche wird von digitalen Geschäftsmodellen attackiert. Deshalb wird jede Branche sich disruptiv verändern müssen. Entweder jeder tut das für sich selbst, oder er fliegt aus dem Markt.  
  
Wie gut wird das gehen? Gerade größere Unternehmen sind oft immer noch sehr behäbig.  
Sie haben gesehen: Nokia hat es nicht geschafft. Die waren einmal Weltmarktführer. So geht es jeder Firma, die sich nicht darauf einstellt.  
  
Wenn ich als Geschäftsführer einer Firma zu Ihnen komme und Sie um drei Tipps bitten würde, wie ich anfangen soll mein Unternehmen zu digitalisieren – was würden Sie mir raten?  
Erstens: Beginnen Sie an der Kundenschnittstelle, das ist nie verkehrt. Ermöglichen Sie an der Kundenschnittstelle eine Kommunikation in Echtzeit mit potenziellen Kunden, wie es die großen "Digital Player" können. Der zweite Punkt ist, dass die internen Prozesse und Abläufe automatisiert werden. Denn wenn zwischen der digitalen Kommunikation mit dem Kunden und der internen Abwicklung nur Menschen stehen, dann funktioniert es auch nicht. Der dritte Punkt ist, dass man als produzierendes Unternehmen klar differenziert, welche Produkte man zu Smart Products machen muss, die jene Daten liefern, die man braucht um neue digitale Geschäftsmodelle davon abzuleiten.  
  
Im Endeffekt geht es doch für die Unternehmen darum, das Thema einfach mal anzupacken bevor es zu spät ist, oder?  
Ganz genau. Man muss die Weitsicht haben zu erkennen, dass man beginnen muss – und den Mut zu beginnen.  
 

Zur Person:

Karl-Heinz Streibich ist seit Oktober 2003 Vorstandsvorsitzender der Software AG. Zudem ist er für die Konzernfunktionen Global Human Resources, Global Legal, Global Information Services (IT), Corporate Communications, Global Processes, Audits & Quality and Corporate Office zuständig. Im Laufe seiner Karriere hatte Streibich diverse Führungspositionen in der IKT-Branche inne. Unter anderem war er Leiter Marketing Operations der ITT Europe in Großbritannien, Vorsitzender der Geschäftsführung der debis Systemhaus GmbH sowie stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung der T-Systems GmbH. Karl-Heinz Streibich studierte an der Hochschule für Technik Offenburg und erlangte dort den Abschluss Diplom-Ingenieur (FH) für Nachrichtentechnik. An den Universitäten Stanford, Harvard und der School of Marketing in London nahm er an postgraduierten Kursen teil.  
Er ist Mitglied des Aufsichtsrates der Deutschen Telekom AG, der Dürr AG und der Deutschen Messe AG, sowie ehrenamtlich tätig im Präsidium des deutschen IT–Verbands BITKOM und hält den Co-Vorsitz der Plattform "Digitale Verwaltung und öffentliche IT" des nationalen IT-Gipfels der deutschen Bundeskanzlerin. Zudem ist er Mitbegründer des deutschen Exzellenzclusters für Software.