5-10-2016 Gedruckt am 25-05-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/16979

Interview

Mit Oracle schrittweise in die Cloud

Kürzlich ging in San Francisco die OpenWorld, die Jahreskonferenz von Oracle, über die Bühne. Das große Thema der Veranstaltung war die Cloud: Das Unternehmen möchte sich vor Mitbewerber wie Amazon, Microsoft oder Salesforce an die Wolken-Spitze setzen. Um darüber zu sprechen, was die Ankündigungen für die (österreichischen) Kunden und auch das Unternehmen selbst bedeuten, und wie es in Zukunft weitergeht, traf sich monitor.at mit Managing Director Martin Winkler und Marketing-Chef Johannes Dobretsberger von der heimischen Dependance.

Rudolf Felser

Johannes Dobretsberger (l.) und Martin Winkler (r.) von Oracle (c) Rudolf Felser

Oracle konzentriert sich jetzt stark auf sein Cloud-Geschäft. Die letzten Zahlen waren ganz in Ordnung. Beim Lizenzgeschäft sieht die Sache mittlerweile weniger rosig aus. Wie sehen Sie die Zukunft? 
Martin Winkler: Da würde ich wiedersprechen. Wir sind im Lizenzbereich im letzten Quartal um zwei Prozent gewachsen. Im Cloud-Bereich haben wir rund 80 Prozent Wachstum, sowohl bei Software-as-a-Service (SaaS) als auch bei Platform-as-a-Service (PaaS). Das Lizenzgeschäft ist also stabil. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass wir eine riesige Installed Base an Kunden haben, über 400.000 weltweit, davon sehr viele im Highend-Bereich, also große Unternehmen. Die großen Unternehmen investieren sowohl in bestehende, herkömmliche Infrastruktur, als auch in neue Lösungen. Die Public-Cloud-Umsätze wachsen viel stärker, sind aber in absoluten Zahlen noch deutlich kleiner als unser Geschäft mit Lizenzen.
 
Wie hoch ist der Cloud-Anteil?
Winkler: Der Anteil der Cloud am Gesamtumsatz des Unternehmens liegt derzeit bei acht Prozent. Dieser Anteil wächst aber stark. So stark sogar, dass wir auf der OpenWorld verkünden konnten, dass wir das am schnellsten wachsende Cloud-Unternehmen der Welt sind – wenn wir uns mit Größen wie Amazon, Microsoft oder Salesforce vergleichen. Das finde ich bemerkenswert für ein Unternehmen, das traditionell aus einem anderen Geschäftsmodell kommt. 
 
Das könnte man so interpretieren, dass Ihre Bestandskunden mit Ihnen in die Cloud "mitwachsen". 
Winkler: Es ist ein genereller Trend, dass Unternehmen sich wenige strategische IT-Partner ins Haus holen und mit denen versuchen mehr zu machen. Natürlich schwingt da das Versprechen mit, dass diese Lösungen besser aufeinander abgestimmt sind. Was der Kunde honoriert sind einfachere und stärkere Systeme, die ihm Integrationsaufwand abnehmen und im Betrieb mehr Stabilität und Performance liefern. Die Kunden vertrauen unseren Fähigkeiten und Lösungen. Es geht um unternehmenskritische Daten und Prozesse – in den Datenbanken liegen schließlich die Kronjuwelen. Eine Datenbank muss sicher sein, skalieren, performant sein, an viele Systeme andocken können und mitwachsen. Genau dieselben Ansprüche haben die Kunden auch, wenn es um Cloud Computing geht. Es muss sicher sein, skalieren und muss mit meiner bestehenden Infrastruktur zusammenpassen. Die Kunden können mit uns schrittweise von On-Premise in die Cloud gehen. 
 
Was meinen Sie mit schrittweise genau? 
Winkler: Kunden können mit uns beispielsweise einen Public-Cloud-Vertrag auf Subskriptionsbasis abschließen. Die Rechner stehen aber nicht in unserem Rechenzentrum, sondern wir betreiben diese im Kunden-Rechenzentrum, hinter seiner Firewall als Cloud Service. Dieses Angebot hat sonst keiner – und das wird honoriert. Der Kunde wird nicht gezwungen, in die Cloud zu gehen. Uns ist es sehr wichtig, ihm die Wahlfreiheit zu lassen: Er kann die Technologie im eigenen Rechenzentrum nutzen, in unserem Rechenzentrum oder in Zwischenstufen. Diese Bandbreite bietet kein anderes Unternehmen. 
Johannes Dobretsberger: Die Kunden suchen verstärkt nicht einen Anbieter, sondern einen Partner auf ihrer "journey to the cloud". Das sehen wir in unserer Konversation mit den Kunden. 
 
Das ist in gewisser Weise eine "neverending journey", oder?  
Winkler: Absolut richtig. Die geht auch schon eine Zeit lang. Jetzt bekommt sie sicher einen Boost mit neuen Technologien, vor allem auf der Software-Seite. Aber de facto läuft das schon eine Zeit und beschleunigt sich immer mehr. Dazu passt auch der Relaunch unseres Infrastructure-as-a-Service-Angebots (IaaS), eine Ankündigung von der Oracle OpenWorld. Wir nennen es "generation2". Unser Anspruch ist es, performanter, sicherer und skalierbarer als unser Mitbewerber Amazon Web Services zu sein. Wir belegen das mit Benchmarks und bieten einen Preis, der rund 20 Prozent unter Amazon liegt. Das ist durchaus ein Novum, denn wir haben nicht den Anspruch die Günstigsten zu sein, sondern ein Premium-Produkt zu einem Premium-Preis zu bieten. Da greifen wir jetzt sehr direkt an. Wir wollen unseren Unternehmenskunden ein besseres Angebot in diesem Bereich bieten – und das tun wir auch. 
Dobretsberger: IaaS ist ein Teil auf der journey to the cloud. Die Infrastruktur ist als erster Part zu sehen. Aber das Gesamtheitliche ist wichtig. 
 
Amazon hat früh den Markt "gut erwischt" und dadurch einen ziemlichen Vorsprung. 
Winkler: Amazon ist gut gestartet. Ich persönlich sehe sie aber primär nicht im gleichen Kundensegment. Sie sind stark bei Startups, im Mittelstandsbereich und im privaten Umfeld – wenn Sie Dropbox verwenden, werden Sie in der Amazon-Cloud enden. Wir bewegen uns mit unseren Lösungen im klassischen Enterprise-Bereich. So wie sich unsere Lösungen bisher an den Bedürfnissen der Enterprise-Kunden orientiert haben, müssen auch unsere Cloud-Lösungen enterprisetauglich sein. 
 
Skalierbarkeit funktioniert aber in beide Richtungen. So wie Ihre Kunden mit Ihren Lösungen hinaufskalieren können, können Sie doch auch hinunterskalieren und kleinere Kunden ansprechen. 
Winkler: Absolut. Es gibt dafür spezielle Partnerprogramme. Der Kunde nutzt eine Anwendung unserer Partner, die in der Oracle-Cloud laufen kann. Dieses Ökosystem an Softwareentwicklern und Partnern anzusprechen ist extrem wichtig. Da gehen wir besonders die Java-Community an, die uns sehr nah ist, an. Mit diesem Konzept gehen wir mit unseren Cloud-Lösungen automatisch stärker in den Mittelstand. Unsere angekündigte Akquisition von Netsuite ist auch in diesem Zusammenhang zu sehen.  
Dobretsberger: Das Portfolio ist auch auf den Midmarket-Bereich ausgerichtet. Im Hardwarebereich haben wir etwa die Oracle Database Appliance, die für den Midmarket konzipiert ist. 
 
Was ist also das Ziel? Nummer 1 Cloud-Anbieter weltweit zu werden? Quasi als One-Stop-Shop alle Interessen aus der Cloud bedienen zu können? 
Winkler: Im Unternehmens-Bereich die Nummer 1 in der Cloud zu werden, genau. Diesen Anspruch haben wir. Der größte Cloud-Anbieter ist derzeit Amazon mit 10 Mrd. Dollar Umsatz jährlich. Wir liegen derzeit bei 2 Mrd. jährlich. Das wird nicht von heute auf morgen gehen, aber alle Anstrengungen und Investments des Unternehmens gehen in diese Richtung. Wir sind uns sehr bewusst, dass das Erreichen dieses Ziels auch entsprechend Zeit benötigen wird. Es wird Lösungen brauchen um unseren Kunden diesen Weg schrittweise zu ermöglichen. Das haben wir in den letzten 30 Jahren immer so gemacht. 
Dobretsberger: Es ist spannend, diese Transformation zu beobachten. Junge Firmen wie Uber oder Airbnb zeigen hohes Wachstum. Diese Digitalisierungs-Thematik kann Oracle helfen. Was beispielsweise während der OpenWorld zu beobachten war: es gab quasi keine Taxis mehr, nur Uber-Fahrzeuge. Diese Gamechanging-Mentalität ist wichtig für Oracle. 
 
Heißt das, man kann von Oracle in Zukunft vermehrt Zukäufe wie NetSuite und Palerra erwarten, um das Cloud-Portfolio weiter zu stärken? 
Winkler: Ja. Die Akquisitionen in letzter Zeit waren alles Cloud-Anbieter – auch daran sieht man, welcher Fokus gelegt wird.
 
Was bedeutet das für die Bestandskunden des Unternehmens? Welche Unterstützung bekommen sie, um diesen Wandel – man sagt heute ja gerne die "Digitale Transformation" – zu meistern?  
Winkler: Digitalisierung und Cloud Computing gehen sehr oft Hand in Hand und unterstützen sich gegenseitig. Wir gehen mit dem Kunden Schritt für Schritt, ohne "Cloud-Zwang", in diese Transformation und prüfen zuerst, welche Transaktionsvolumina oder Geschäftsapplikationen am besten geeignet für das Cloud-Computing-Model sind. Es wird kaum Situationen geben, wo unsere Kunden mit einem Big Bang Approach dieses Thema angehen. Unser umfangreiches Portfolio von Iaas-, PaaS- und SaaS-Lösungen ermöglicht eine schrittweise, situationsgerechte Vorgangsweise, wo der Kunde immer die Kontrolle über die Optimierungsschritte hat. Wir sehen weiters bei völlig neuen Anwendungslösungen, dass unsere Kunden in vielen Fällen eine "Cloud first"-Strategie wählen. So zum Beispiel im Customer-Experience-Bereich, wo durch die Digitalisierung die Marketing- und Vertriebs-Prozesse völlig neu strukturiert werden können. Das Versprechen von Cloud-Lösungen, rasch "up and running" zu sein, ist hier oft der entscheidende Faktor für diese Entscheidungen. Wichtig in diesem Zusammenhang scheint mir aber auch zu sein, dass On-Premise-Lösungen und Cloud-Lösungen einfach und ohne großen Aufwand integriert werden müssen. Vor allem im Iaas- und PaaS-Bereich muss es auch einen Weg zurück ins eigene Rechenzentrum geben, sollte dies erforderlich sein. Oracle unterstützt auch dieses Szenario.
 
Wollen Ihre Kunden diesen Wandel überhaupt? 
Winkler: Unterschiedlich. Es hängt sehr von den Unternehmen selbst ab, welche Unternehmenskultur gelebt wird. Zum Beispiel gibt es in Österreich international stark aufgestellte Unternehmen, Weltmarktführer die global vertreten sind. Diese Internationalität gepaart mit einer globalen Unternehmensstruktur fördert die Akzeptanz von "as a Service"-Modellen deutlich stärker, und somit auch das Cloud-Computing-Modell.
Aber es gibt auch weiterhin Kunden, die derzeit noch nicht daran glauben. Ich glaube aber nicht, dass Österreich da international heraussticht. Was in Österreich vielleicht anders ist: Es wird gut und gründlich überlegt, bevor Entscheidungen getroffen werden. Schnellschüsse gibt es hier weniger. 
Dobretsberger: Oracle hat beispielsweise eine Studie zu Industrie 4.0 unter knapp tausend Unternehmen in EMEA durchgeführt, die zeigen möchte wie stark das ein Thema ist. EMEA-weit zeigt sich, dass der Transfer zur Digitalisierung voll von statten geht. Deutschland ist, wie auch Österreich, eher konservativ in diesem Bereich. Aber das Bewusstsein ist schon hier. Ob und in welcher Form es umgesetzt wird, ist eine andere Sache.  
 
 
Zu den Personen: 
Johannes Dobretsberger hat an der WU Wien BWL mit Schwerpunkt Marketing studiert. Er kam 2010 zu Oracle Austria und ist heute als Director Systems Marketing Eastern Europe & CIS tätig. Zuvor bekleidete er verschiedene leitende Marketingfunktionen bei SAS und SUN Microsystems. 
Martin Winkler ist seit Juli 2009 Managing Director von Oracle Austria, war aber schon seit September 2007 im Unternehmen. Seine Karriere begann der Absolvent der Montan-Universität Leoben bei IBM, wo er über einen Zeitraum von 15 Jahren die verschiedensten Positionen innehatte. Dann wechselte er für zwei Jahre zu Xerox Austria, zuletzt als Direktor Xerox Global Services, Austria + Switzerland, bevor er bei Oracle Österreich anheuerte.