27-9-2016 Gedruckt am 24-03-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/16970

Monitor Round Table "ERP"

Features, Flexibilität – was macht ERP modern?

Was macht heute ein zeitgemäßes ERP aus und wie erkenne ich, dass es an der Zeit wäre, mein System zu modernisieren oder zu wechseln? Gerade in Zeiten von Schlagworten wie Digitalisierung oder Industrie 4.0 sind das Fragen, die sich viele Unternehmen stellen – ist doch das richtige ERP-System der Dreh- und Angelpunkt in der Optimierung von Business-Prozessen. Um diese und weitere Fragen für seine Leser zu beantworten, hat der Monitor namhafte Experten zu einem Gespräch am runden Tisch eingeladen.

Rudolf Felser

ERP-Experten und Monitor-Chefredakteur Rudolf Felser im Gespräch (c) timeline – Rudi Handl

 Dabei wurde einmal mehr klar, dass es nicht unbedingt die "Fancy Features" sind, die für oder gegen das eine oder andere System sprechen. Godelef Kühl, Vorstand des ERP-Anbieters godesys AG, bringt es auf den Punkt: "Die Frage ist schon lange nicht mehr: Kann das ERP-System A das oder das ERP-System B? Die Frage lautet: Wie macht es A und wie macht es B?" Die wichtigen Funktionen muss heutzutage jede der angebotenen Lösungen beherrschen. Der Unterschied liegt im Zugang: ­Sowohl bei der Entwicklung des Tools, als auch vom Hersteller, Integrator und nicht zuletzt vom Anwender. Eine gute Wahl trifft, wer alle diese Punkte im Auge behält.
 
Zudem "menschelt" es in der ERP-Auswahl und -Implementierung. Denn es sind Menschen, die miteinander sprechen, die Auswahl treffen, Projekte umsetzen und nicht zuletzt mit der Software arbeiten. Auch wenn es zu Problemen in der Projektumsetzung kommt, liegt die Ursache dafür meist in der Beziehung der Beteiligten zu- und der Kommunikation miteinander. Oder wie es Oliver Krizek, Eigentümer und Geschäftsführer des auf Microsoft-Technologien fokussierten Systemintegrators NAVAX, ausdrückt: "Schwierigkeiten in den Projekten entstehen weniger wegen Technologien. Es haben Menschen mit Menschen zu tun. Eingekauft wird primär über die Emotion. Menschen kaufen von Menschen, und wenn ein Projekt Schwierigkeiten hat, dann ist es meistens auf der menschlichen Seite der Projektverantwortlichen."
 

Oliver Krizek – NAVAX: "Der ERP-Markt ist für mich der konservativste IT-Bereich, den es gibt." (c) timeline – Rudi Handl

Herztransplantation ist Routine

Wie die Diskussion außerdem einmal mehr gezeigt hat, sollte man bei der Auswahl eines ERP-Systems besonders wohlüberlegt vorgehen. Johann Wolfgang von Goethe hätte sich in diesem Zusammenhang wahrscheinlich selbst zitiert, und zwar mit der bekannten Zeile "Drum prüfe, wer sich ewig bindet". Michael Schober, als "ERP-Tuner" und Leiter des Österreich-Büros des Analystenhauses Trovarit ein ausgewiesener Experte, findet zeitgemäßere Worte: "Wenn Sie heute ein ERP-System austauschen, machen Sie nicht mehr eine Herztransplantation – das ist schon Routine. Die Metapher ist, Sie machen eine Rückgrats-Transplantation. Das tut sich keiner an, wenn er nicht muss." Das ist auch der Grund, warum die meisten ERP-Systeme – einmal eingeführt – so lange wie möglich ihren Dienst versehen. "Vor einem Jahr habe ich meinen Studenten noch gesagt, dass die Lebenserwartung eines ERP­Systems, wenn man es heute aussucht, bei 17 Jahren liegt – und das geht weiter nach oben", so Schober.
 

Michael Schober – Trovarit Österreich: "Der ERP-Anwender will seine Buchungen machen. Dem ist Technologie ziemlich wurscht." (c) timeline – Rudi Handl

Hier kommt das Thema Updatewillen der Anwenderunternehmen und Updatepolitik der Hersteller ins Spiel. Wer nimmt schon gerne die Mühen und die, seien es auch noch so kleine, Risiken eines Updates oder Releasewechsels gerne auf sich, wenn der Nutzen für sein Business in Frage steht? Hier müssen die Hersteller noch lernen, findet Markus Neumayr von Ramsauer & Stürmer Business Software: "Wie schaffen wir es, unsere ERP-Komplexitäten an den Endkunden zu bringen? Updaten heißt nicht nur, dem Unternehmen schnell in zwei Tagen das System zur Verfügung zu stellen. Wie schaffen wir es, den Wissenstransfer, die neuen Technologien zum User zu bringen, damit er mit dem Update etwas gewonnen hat? Wenn er fünf Updates gemacht hat, ohne einen praktischen Nutzen daraus ziehen zu können, dann wird er irgendwann das System stehen lassen – und hat dann einen Super-GAU vor sich. Dann kann die Releaseupdatepolitik, egal von welchem System, nicht mehr funktionieren." Hier sieht er sich und andere Anbieter in der Pflicht: "Der Kunde muss verstehen, dass er diesen Updateprozess mit uns mitgeht, um mehr Nutzen zu erhalten und dann auch das System nicht zu verlieren. Unsere Aufgabe ist es, das besser zu kommunizieren."
 
Werner Hehenwarter, der Geschäftsführer von HeliumV IT ­Solutions, bedient mit seiner Open-Source-Lösung zumeist kleinere Kunden. Zwar ist er mit seiner Updatepolitik sehr nahe an ihnen dran und ist in der Lage, monatlich neue Releases mit neuen Features herauszubringen, aber: "Das Verständnis für die Notwendigkeit von Updates haben viele von ihnen nicht, denn ‚Software nutzt sich ja nicht ab‘. Aber das ERP-System steht eigentlich auf einer wackeligen Oberfläche, sprich dem Betriebssystem, das auch regelmäßig aktualisiert wird. Die Kunden dazu zu bringen, Releasewechsel mitzugehen, kostet einen enormen Überzeugungsaufwand." Für manche Unternehmen ist dann irgendwann der Punkt gekommen, wo sie so weit mit den Updates oder Releases hinterher sind, das sich ein Modernisieren nicht mehr lohnt, sondern ein Wechsel des Systems billiger ist. Es gibt aber auch andere Gründe, umzusteigen, weiß Godelef Kühl: "Immer, wenn Sie im Unternehmen feststellen, dass um das ERP herum Subsysteme implementiert wurden – mobile Lösungen oder BI-Auswertungen, was auch immer – und neue Datensilos wachsen, dann ist es an der Zeit, über einen wirklichen Wechsel und nicht nur eine Modernisierung nachzudenken. Dann müssen Sie sich mit ­Ihrer Architektur beschäftigen. Wenn Sie das nicht rechtzeitig machen, dann wird die Digitalisierung deutlich schwieriger."
 

Werner Hehenwarter – HeliumV: "Die heute 35-jährigen oder jüngeren Unternehmensnachfolger haben andere Ansprüche." (c) timeline – Rudi Handl

Zukunftsfähiges ERP – ERP der Zukunft

Wer an diesem Punkt angelangt ist und in den sauren Apfel beißen muss, will natürlich wissen, worauf er bei einem modernen ERP-System achten muss. Laut Günther Cerwenka, bei Atos verantwortlich für Consulting und System­Integration im ERP-Bereich, müssen ERP-Systeme in der Lage sein, "in Zukunft den Datenstrom, der da draußen ist – Stichworte IoT und M2M – verarbeiten zu können und in einer sinnvollen Art und Weise dem Anwender zur Verfügung zu stellen". Offenheit, Flexibilität und Schnelligkeit in der Datenverarbeitung heißen für ihn die Herausforderungen dabei. "Der Nutzer muss in der Lage sein, Daten schnell und mit großer Sicherheit zu analysieren – fast in Real Time – und damit unternehmerische Entscheidungen zu treffen", sagt Cerwenka.
 
Auch für Godelef Kühl ist in diesem Zusammenhang Schnelligkeit ein Thema: "Wir werden technologisch bessere Antworten darauf finden müssen, wie wir mehr Dynamik in die Prozesse kriegen und wie wir sie schneller machen können. Wie wir dem Anwender mehr Autarkie ermöglichen, damit er eigenständig Prozesse verändern kann. Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen." Das eigenständige Verändern und Anpassen von Prozessen ist heute eigentlich die Aufgabe hochqualifizierter Berater. Doch in Zukunft sollen die Anwender selbst mehr Einfluss nehmen können. "Wir nennen das den ‚digitalen Handwerker‘, weil wir sagen, das muss auch möglich sein, ohne ein Ingenieurstudium abgeschlossen zu haben. Aber in einem komplexen Anwendungsszenario wird das immer schwierig bleiben", erklärt Godelef Kühl.
 

Godelef Kühl – godesys: "Die besten Ideen entstehen durch die Kunden, die unsere Werkzeuge einsetzen." (c) timeline – Rudi Handl

Ähnlich, wenn auch in gewissen Grenzen, sieht das Markus Neumayr: "Ich glaube, dass es in den nächsten fünf Jahren keine Systeme geben wird, bei denen der Fachabteilungs-Mitarbeiter selbst seine Prozessketten deklariert. Wir haben heute ein dynamisches Workflow-Design in unserer Software, das es dem Implementierungsmitarbeiter oder einem hochqualifizierten IT-Mitarbeiter ermöglicht, diese Prozessketten zu deklarieren und gleichzeitig die Steuerung des ERP zu übernehmen. Ich glaube aber nicht, dass jeder Mitarbeiter plötzlich die Prozessketten des Unternehmens steuert. Man braucht dafür Prozessverständnis. Das ist Wissen, das man sich über viele Jahre aneignen muss."
 
Dennoch sehen alle Teilnehmer der Diskussionsrunde große Veränderungen auf den ERP-Markt zukommen. Die Nachfrage – oder besser der Druck – geht heute stark von den Anwendern aus. "Die heute 35-jährigen oder jüngeren Unternehmensnachfolger haben andere Ansprüche. Ich glaube, dass keiner von uns an diesem Tisch eine Ahnung hat, wie ein modernes Unternehmen morgen aussieht. Wir werden von unseren Kunden lernen; und je flexibler unsere Systeme sind und die Menschen, die unsere Systeme umsetzen – also die Systemdesigner und Programmierer –, desto eher werden wir am Markt Erfolg haben", ist Werner Hehenwarter überzeugt.
 
Für diesen Erfolg sind aber weniger die Technologien wesentlich. Laut Michael Schober gibt es für eine ERP-Entscheidung, die man als Unternehmen lange Jahre nicht bereut, vor allem einen wesentlichen Anhaltspunkt: "Die wichtige strategische Entscheidung ist, ob ich einen Partner habe, der mich auf dieser Reise begleiten kann und der mit mir Innovationen umsetzen kann. Das ist viel wichtiger als Funktionalitäten. Ist es ein System, das agil ist, das weiterentwickelt wird und das es auch langfristig am Markt noch geben wird?" Das muss kein großer Anbieter sein, gibt es laut dem Branchenkenner doch auch viele kleine Anbieter, die ihre Kunden über Jahre begleiten.
 

Mobilität ist nicht abgehakt 

Ganz außer Acht lässt aber auch Schober die Technologie-Fragen nicht: "Klar ist Mobilität heute ein Thema, Offenheit, Schnittstellen, Benutzerschnittstellen, Schnittstellen in jeder Richtung. Die Offenheit der Systeme, Daten aus anderen Quellen anzunehmen und dafür zu sorgen, dass sie re­dundanzfrei über die Prozesskette abgebildet werden, das ist die Kernherausforderung für die langfristige Zukunft. Wie auch immer die Dinger heißen werden – heute heißen sie eben ERP." Auch wenn man meinen möchte, das Thema Mobilität wäre im ERP-Umfeld längst abgehakt – dem ist nicht so. Es steht weiterhin auf der Agenda, ein Patentrezept ist offenbar noch nicht gefunden. "Der normale Anwender nutzt Apps, verwendet seine mobilen Devices, und die will er natürlich auch in der ERP-Landschaft einsetzen. Der Markt geht derzeit weg von der Idee, dass ein ERP-System alle Funktionsbereiche eines Unternehmens abdecken muss, hin zu Systemen, die mehrere Apps beziehungsweise Applikationen zusammenfassen", schildert Oliver Krizek.
 
Doch bei aller Liebe zu Apps und Mobilität gibt es auch Grenzen, wie Markus Neumayr erläutert: "Kein Mensch würde einen Produktionsauftrag auf einem Handy durchschleusen. Das macht einfach keinen Sinn. Eine Lagerdispositionskette macht am Handy auch keinen Sinn. Ich glaube nicht, dass das der Weg der Zukunft ist. Es gibt gewisse Informationen, die braucht man da draußen. Andere nicht."
 

Markus Neumayr – Ramsauer & Stürmer: "Kein Mensch würde einen Produktionsauftrag auf einem Handy durchschleusen. Das macht einfach keinen Sinn." (c) timeline – Rudi Handl

Dennoch erwarten sich die Anwender vernünftige Mobility-Konzepte, werden heute aber oft enttäuscht, wie Michael Schober berichtet: "Wir haben in unserer Zufriedenheitsstudie vor zwei Jahren den neuen Punkt Mobility hinzugefügt. Zuvor war immer Reporting/Berichtswesen das Schlusslicht bei der Zufriedenheit der ERP-Anwender. Seitdem ist es Mobility. Die Kunden erwarten mobile Lösungen, die die Prozessketten dort erleichtern, wo es geht."
 

Industrie 4.0 und ERP

Ein weiteres Zukunftsfeld für ERP-Software ist das Hype-Thema Industrie 4.0. Doch was soll man unter diesem Begriff verstehen? "Ich würde das Thema Industrie 4.0 gerne aus der reinen Technik-Ecke herausholen und als das sehen, was die Digitalisierung für die produzierenden Unternehmen bedeutet. Ich habe mit IT die Möglichkeit, neue Geschäftsprozesse und neue Wertschöpfungsketten nutzbar zu machen. In diesem Umfeld spielen ERP-Systeme eine ganz entscheidende Rolle. Es geht darum, wie ich für diese neuen Produkte, die ent­stehen, die Supply Chain optimiere, die Serviceprozesse gestalte, wie ich meine Kunden anspreche. Alles das ist die Subsumierung des Themas Industrie 4.0 – was die Digitalisierung mit produzierenden Unternehmen macht. Da steht ERP im Zentrum des Geschehens", fasst Günter Cerwenka zusammen.
 

Günter Cerwenka – Atos: "Es geht hauptsächlich darum, neue Prozesse und Wertschöpfungsmodelle zu entwickeln." (c) timeline – Rudi Handl

 
Der Blick von Markus Neumayr auf das Schlagwort ist eher technischer Natur: "Für uns ist es wesentlich, im Produktionsbereich mehr Informationen aus den Maschinen herauszubekommen. Die Maschinen sind heute intelligenter und geben Informationen über den genauen Materialverbrauch und die genauen Zeitansätze an die Produktionsstruktur zurück, um schneller zu reagieren und mehr Information zu haben. Das verstehe ich derzeit unter Begriffen wie Industrie 4.0 und Automatisierung. Das ist es, was wir heute versuchen, in unseren Projekten umzusetzen."
 
Mancher Politiker bekommt beim Schlagwort Industrie 4.0 leuchtende Augen. Godelef Kühl bremst diese Euphorie etwas: "Es geht darum, dass man eine Standardisierung in einer Welt schafft, in der keine Standards vorhanden sind. Die Fortschritte sind nicht gerade ermutigend. Man träumt davon, dass in einer Produktionskette Daten über Standorte hinweg ausgetauscht werden. Diese Vision von Industrie 4.0 sehe ich nicht innerhalb der nächsten fünf Jahre erreichbar."
 
Cerwenka hat als Integrator noch einen Tipp für die ERP­Hersteller: "Es wäre gerade für Hersteller von ERP-Systemen eine Möglichkeit, eine Plattform für IoT-Integrationen – die wirklich ein Problem sind – zu bieten, die zumindest die Kommunikation zwischen diesen Systemen leichter macht."
 
Zum Abschluss wirft Werner Hehenwarter in diesem Zusammenhang noch eine Frage in den Raum: "Die Komplexität wird immer höher, die Anzahl der Menschen, die diese Komplexität begreifen, bleibt gleich. Das liegt auch an der Bildungspolitik. Wie geht es da weiter?" Darauf eine Antwort zu finden, bedarf es wohl mehr als einen Round Table.