13-9-2016 Gedruckt am 25-03-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/16953

Interview mit Werner Hehenwarter

"Open Source lebt von den Personen"

Werner Hehenwarter ist Gründer und Geschäftsführer der Softwarefirma HELIUM V IT Solutions. Die von seinem Unternehmen entwickelte ERP-/PPS-Software für KMU ist seit 2010 als Open Source unter der AGPL lizenziert. Im Interview mit monitor.at spricht er über die Vorteile von Open-Source-ERP-Systemen, wichtige Punkte bei der Umsetzung von Open-Source-Projekten gemeinsam mit dem Kunden - und warum er Zweifel an dem Open-Source-Gedanken auch ein wenig verstehen kann.

Rudolf Felser

Werner Hehenwarter, Geschäftsführer HELIUM V (c) wildbild, Sandra Stojkov

 Welche Vorteile haben Open-Source-ERP-Systeme im Allgemeinen für kleinere Unternehmen, verglichen mit den proprietären Systemen der anderen Hersteller? 
Werner Hehenwarter: Für uns ist Software ein gedankliches Gut, dass durch die Vernetzung vieler Menschen gemeinsam weiterentwickelt wird. Open Source ist oft eine ideelle Entscheidung. Quelloffene Programme sind Teil einer weltweiten Bewegung für die Freiheiten der Nutzer. Zum Beispiel wenn Sie ein Startup-Unternehmen betreiben, das einen jungen und onlineaffinen Nutzerkreis anspricht, ist Open Source Software die passendere Lösung. Das Unternehmen geht dann quasi mit gutem Beispiel voran – ein Aspekt der durchaus zur Imagepflege genutzt werden kann. 
Durch die Zurverfügungstellung als Open Source geben wir unseren Anwendern die Sicherheit, dass alle Berechnungen bzw. Verfahren offengelegt sind. Open Source bedeutet für uns das Vertrauen der Kunden in den Softwarehersteller zu gewinnen. Derzeit ist es in weiten Bereichen so, dass versucht wird, die Kunden zu knebeln, mit Verträgen ein Leben lang an sich zu binden. HELIUM V sieht Kunden und Hersteller jedoch als gleichberechtigte Partner, die an einem Strang ziehen. Einzelne Programmbausteine und Funktionen werden in enger Zusammenarbeit mit Anwendern aus unterschiedlichen Bereichen und Branchen umgesetzt. 
HELIUM V ist im Univention App Center vertreten und auf github verfügbar. Besonders für Partner stellt Open Source Software vielfältige Möglichkeiten zur Verfügung.  Bei Bedarf können zum Beispiel auch verschiedenen Schnittstellen genutzt werden, um für Kunden zum Beispiel eigene Applikationen oder Schnittstellen zu Fremdsystemen zu entwickeln. 
 
Wie sieht die Nachfrage aus? Welche Kunden kommen zu Ihnen? 
Unsere Kunden sind KMU aus dem DACH-Raum. Schwerpunkte haben sich in den Branchen Elektronik, Elektrotechnik, Metallverarbeitung, Metallbearbeitung, Maschinenbau und Anlagenbau herauskristallisiert. Doch wir bieten auch Branchenlösungen für Catering, Großküchen, Kosmetik und Lebensmittel an. Ausschlaggebend ist oft die Ausrichtung auf Produktion und deren Abbildung in der Software. 
Prioritäten können wir auch im Bereich der Zeiterfassung erkennen, je härter der Wettbewerb wird, umso klarer muss man die Kosten und so auch den Zeiteinsatz der eigenen Mitarbeiter kennen. Die Schlagworte Flexibilität, Kostentransparenz, Agilität und Wertschöpfung beschreiben die großen Herausforderungen. Unternehmen müssen heute vermehrt flexibel auf Kundenwünsche reagieren, agil in Entwicklung und Fertigung agieren und trotzdem die Transparenz über Kosten und Erträge sicherstellen.
Immer wieder kontaktieren uns EPU / KMU die zwar wissen, dass sie eigentlich die Prozesse in der IT erfassen sollen, oft aber den eigenen Prozess nicht genau definieren können oder einfach so im Tagesgeschäft stecken, dass dieser Teil auf der Strecke bleibt. Also auch oft "grüne Wiese" oder Umsteiger, da das bestehende System bereits viele Jahre auf dem "Buckel" hat und einfach den Anforderungen nicht mehr entspricht. 
Neuerdings stärker werden Startups, die gleich von Beginn mit einem System und dabei aber auch mit wenig Risiko starten wollen. Hier haben wir reagiert und bieten eigene Betreuungs- und Softwarepakete für Neugründer, Umgründer oder Nachfolge an. 
 
Was ist wichtig bei der Umsetzung von Open-Source-Projekten gemeinsam mit dem Kunden?
Besonders erfolgreich verlaufen Projekte, die von beiden Seiten eine klare Ausrichtung auf das gemeinsame Ziel verfolgen. Wenn Kunden die eigenen Abläufe kennen und diese abbilden wollen,   so ist das der Idealfall. Aber auch das gemeinsame Herausarbeiten und gegenseitige Verstehen der Unternehmensstrukturen und -kulturen macht unseren Arbeitsalltag spannend. 
Ein wenig hängt es von der Branche ab, was aber alle gemeinsam haben beziehungsweise brauchen ist eine gute Vorbereitung und Prozesse festlegen – möglichst schriftlich. Das grenzt schon ein wenig an Betriebsberatung. Einfach eine App runterladen und starten ist in den wenigsten Fällen zu empfehlen. Und dann natürlich eine rasche Umsetzung um schnell erste Ergebnisse erzielen zu können – Stammdatenerfassung, Angebote, Aufträge und Rechnung – damit der Unternehmer sofort mit dem System abrechnen kann und alle seine Daten und schon kleinere Auswertungen im "Kasten" hat. Der Rest folgt automatisch – Artikelverwaltung, Zeiterfassung, Reporting.
Wichtig für jede Zusammenarbeit mit Kunden und Partnern ist für uns bei HELIUM V, dass die Arbeit und Kommunikation auf Augenhöhe erfolgt. Das gemeinsame Ziel muss immer sein, die Anforderungen und Abläufe des Kunden optimal abzubilden. Wir haben in den vergangenen mehr als 15 Jahren viele erfolgreiche Projekte abgewickelt, jede einzelne Person und somit jedes Unternehmen profitiert von der Erfahrung und dem großen Pool aus Best-Practice-Beispielen. Mit jedem neuen Unternehmen wächst dieses Wissen gemeinsam weiter und trägt zur Weiterentwicklung der Open Source Software HELIUM V bei. 
 
Mit welchem Aufwand bei der Implementierung bzw. mit welchem finanziellen Aufwand muss man bei HELIUM V ungefähr rechnen? 
Neben der Entscheidung für welches Paket oder welche Branchenlösung, richten sich die Aufwände auch stark nach den Auftraggebenden – Kunden bzw. Interessenten. Wie schon erwähnt: Wenn ein Unternehmen schon weiß, welche Abläufe abgewickelt werden sollen, wird es schneller gehen, als wenn man gemeinsam den Weg erarbeitet. Je nach Hintergrundwissen richtet sich auch der Schulungsaufwand, IT-affine und/oder ERP-erfahrene Mitarbeiter werden schneller sein.
Wir haben jedoch zum Beispiel die Basisschulung zur Anwendung von HELIUM V online gestellt, hier kann jeder sich vorbereiten. Der übliche Ablauf ist, dass diese Videos am eigenen System erarbeitet werden und man danach mit einem Berater offene Fragen am "lebenden System" löst. Für die Installation selbst veranschlagen wir einen Werktag, je nachdem ob es sich um eigene Hardware handelt, oder diese auch bei HELIUM V als Paket erworben wird.
Erleichtert wird der Einstieg dadurch, dass bei HELIUM V ca. 400 Auswertungen fix und fertig mit ausgeliefert werden. Wenn Sie sich für die Open-Source-Version entschieden, so werden anfallende Kosten über den Subskriptionsvertrag abgewickelt. Wenn die Entscheidung für die Enterprise-Version gefallen ist, so finden Sie Preise und Branchenpakete auf unserer Website
 
Gibt es heutzutage noch Zweifel bei den Kunden an der Zuverlässigkeit eines Open-Source-Systems?
Ja, weil Open Source immer noch das "Mäntelchen" Freeware und Bastlersoftware umhängen hat. Hier fehlt es teilweise einfach noch an Aufklärung. Selbstverständlich gibt es auch Zweifler was die Sicherheit der Daten betrifft – da Open Source oft mit Cloud in einem Atemzug genannt wird. 
Auch wir sind der Meinung, dass Open Source von den Personen lebt. Wenn ein noch so großes Projekt mit Community den Kunden im Regen stehen lässt, auf Fragen nicht eingeht, so verstehen auch wir, dass man dieses Risiko nicht eingehen will.
Diesen Zweifeln entgegen steht jedoch unser Ansatz, dass wir direkte Unterstützung vom Hersteller anbieten. Die Software HELIUM V wird in Eugendorf bei Salzburg weiterentwickelt, Kunden erreichen uns persönlich bei Fragen per E-Mail und Anruf. Wir bieten mit der Open-Source-Schiene eine Alternative zum klassischen ERP. Jeder kann es probieren und sich - das Know-how vorausgesetzt - am Code zu schaffen machen. APIs sind frei zugänglich. Und für alle, die nicht den Weg der Subskription wählen wollen, bieten wir zusätzlich eine Enterprise-Version an. So kann jeder die für das Unternehmen passende Entscheidung treffen.
 
 
Zur Person 
Werner Hehenwarter ist Gründer der Softwarefirma HELIUM V IT Solutions. Der Weg zur Gründung führte Ihn von der Elektrotechnik HTL über Positionen als Fertigungsleiter, Elektronik Entwicklung und Hardware Entwicklungsleiter in Österreich und Deutschland. 1984 entwickelte er erste ERP Module und gründete 1999 die HELIUM V IT Solutions GmbH (anfänglicher Firmenname Logistik GmbH).
2006 wurde das fünfte große Release der ERP Software HELIUM V auf der Systems vorgestellt. Seit 2010 ist HELIUM V als Open Source unter der AGPL lizenziert und seit 2014 auch vollständig auf GitHub verfügbar.