8-9-2016 Gedruckt am 25-03-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/16950

Vorteile von quelloffenem ERP

Entscheidung für Open Source ist strategisch

Wolfgang Taferner ist Gründer und Geschäftsführer der WT-IO-IT GMBH. Das Unternehmen ist offizieller Partner des Open-Source-ERP-Projektes Odoo SA. Im Interview mit monitor.at spricht er über die Vorteile von Open-Source-ERP-Systemen im Allgemeinen und Odoo im Besonderen, den Aufwand bei der Implementierung und die damit verbundenen Kosten.

Rudolf Felser

(c) Rudolf Felser

 "Mich persönlich interessiert die Verzahnung von Wirtschaft und IT-Systemen. Mir ist wichtig, dass ein System möglichst leicht bedienbar und zu erlernen ist, und den User in den Mittelpunkt stellt und vor allem einem Unternehmen Zeit und Kosten spart", so Taferner, der zu den Top 100 Contributoren von Odoo (früher OpenERP) zählt, im Gespräch mit monitor.at
 
Welche Vorteile haben Open-Source-ERP-Systeme im Allgemeinen für kleinere Unternehmen, verglichen mit den proprietären Systemen der anderen Hersteller?
Wolfgang Taferner: Die Entscheidung für eine Open-Source-Lösung ist eine strategische Entscheidung: Will man Open Source oder will man nichts bis wenig mit der Gestaltung der Software zu tun haben. Proprietäre Systeme sind zumeist geschlossen und weniger flexibel, dafür hat man aber auch immer einen vermeintlich klar definierten Schuldigen, wenn Probleme auftauchen - was den Risiko- und Investitionsaufschlag massiv erhöht und breite Entwicklung erschwert. Man muss als Unternehmen eine gewisse Eigenverantwortung entwickeln, hat dafür aber auch große Selbstbestimmtheit. Open Source Software ist sehr flexibel, man kann sie leichter an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Bei herkömmlichen Systemen gibt es weniger Anpassungsmöglichkeiten, eigene Module kosten teilweise ein Vermögen und neue Funktionen einzubinden ist oft nur für große Kunden möglich.
 

Wolfgang Taferner (c) privat

Wie sieht die Nachfrage aus? Welche Kunden kommen zu Ihnen?
Es kommen immer mehr, weil Odoo immer größer und bekannter wird. Es gibt über 600 Odoo-Partner weltweit, die davon profitieren. Zu uns kommen aktuell eher kleinere Unternehmen oder einzelne Abteilungen. Unser größtes Projekt bisher war die Abbildung des österreichischen Abfallwirtschaftssystems. 2015 wurde der österreichische Abfallmarkt auch im großen Haushaltsbereich liberalisiert. Die ARA hatte hier zuvor das Monopol – die verwendet übrigens Microsoft mit relativ hohen Betriebskosten. Wir haben für unseren Kunden Reclay UFH GmbH das österreichische Abfallwirtschaftssystem abgebildet. Dabei geht es unter anderem um über 10.000 Rechnungen (vorwiegend Eingangsrechnungen von Systempartnern) pro Jahr, die gemeinsam mit fast 750.000 Wiegescheinen abgeglichen und zwecks Rückverfolgbarkeit und Lagerhaltung abgebildet werden. Die gesammelten Mengen müssen in weiterer Folge gemäß den gesetzlichen Vorgaben durch das System einer Verwertung zugeführt werden. Mit Odoo wurde in relativ kurzer Zeit die Voraussetzung dafür geschaffen, um das sehr effizient zu managen.
 
Was ist wichtig bei der Umsetzung von Open-Source-Projekten gemeinsam mit dem Kunden?
Meiner Erfahrung nach sind kurze Kommunikationswege sehr wichtig. Bei meinen Kunden habe ich Key-User, die mit mir in engem Kontakt stehen. Projekte sind besonders erfolgreich, wenn die Kommunikationswege kurz sind und das Knowhow gut verteilt ist. Ich versuche mit meinen Kunden möglichst lean zu arbeiten, das große Ganze herunter zu brechen und Schritt für Schritt vorzugehen. Das ist mit Open-Source-Lösungen und meinem Geschäftsmodell einfacher und führt regelmäßig zum Erfolg. Odoo besteht aus vielen Modulen, und man kann ganz klein beginnen. Zum Beispiel anfangs nur den Verkaufsprozess und dann in weiteren Schritten die Lagerhaltung, die Buchhaltung und all das welches zu einem kompletten ERP System dazu gehört.
Viele Unternehmen sind in älteren Systemen gefangen. Da gab es einmal ein großes Investment, und darin sind sie gefangen. Wenn jemand bereit ist, hier einen neuen Weg zu gehen, agiler zu sein, dann ist er genau richtig bei Open Source und bei Odoo.
Ich verstehe mich als Enabler und versuche Unternehmen zu helfen, ihre Anforderungen mit Odoo zu erfüllen und die Vorteile von Open Source mitzunehmen. Odoo ist ideal, um mit einem Unternehmen mitzuwachsen.
 
Mit welchem Aufwand bei der Implementierung bzw. mit welchem finanziellen Aufwand muss man bei Odoo ungefähr rechnen?
Grundsätzlich gibt es zwei Varianten: Für die meisten kleinen Unternehmen reicht Odoo "out of the box" ohne große Anpassungen. Da kann man für die Einführung im ersten Jahr mit Kosten zwischen 5.000 und 10.000 Euro rechnen, je nach Unternehmensgröße. Die jährlichen Kosten belaufen sich dann in weiterer Folge mit Enterprise Contract und Migration (es gibt jährlich ein Release mit zahlreichen neuen Standardverbesserungen) auf mindesten 3.600 Euro. Davon sind ein Teil die Enterprise Contract Kosten, direkt zwischen dem Publisher in Belgien und dem Unternehmen, sowie die Kosten für die Zusammenarbeit mit dem Partner.
Etwas anderes sind Projekte für Kunden mit höheren Ansprüchen und größerem Anpassungsbedarf, die zwischen 20.000 und 30.000 Euro beginnen. Dabei geht es dann um die Abbildung von Nicht-Standard-Anforderungen und eigenen Geschäftsmodellen – also wenn die Bedürfnisse stärker von den Standards von Odoo abweichen bzw. noch gar nicht implementiert sind, aber es ist in jedem Fall anzuraten hier Schritt für Schritt an die Sache heranzugehen. Viele kleine Unternehmen lassen sich von hohen Summen abschrecken, wobei man auch mit kleinen Investitionen schon sehr viel erreichen kann und oft wird dann weniger Anpassung benötigt als anfänglich vom Kunden formuliert (je nach Erwartungshaltung und Wissen um solche Systeme).
 
Gibt es heutzutage noch Zweifel bei den Kunden an der Zuverlässigkeit eines Open-Source-Systems?
Ich bin mir sicher, dass es diese Ressentiments auf Entscheider-Ebene teilweise noch gibt. Eigentlich sollte es aber umgekehrt sein: Open Source ist besonders sicher, denn je mehr Leute sich mit einer Software beschäftigen und sie benutzen, desto sicherer, unabhängiger und zuverlässiger wird die Software. Wenn der Code offen ist, kann sich jeder damit beschäftigen. Dadurch werden Fehler bzw. Bugs extrem schnell gefunden. Es geht um ein gesundes Ökosystem der Open Source Software, welches durch die Teilnehmer gestaltet wird. Das Ökosystem entscheidet, ob Open Source Software bestehen kann oder nicht.
 
ZUR PERSON:
Mag. Wolfgang Taferner ist seit 1999 als Entwickler und IT Projektmanager aktiv. Vor seinem Schritt ins Unternehmertum im Jahre 2010 war er für T-Mobile Austria und Gentics Software im Mobilfunk- und Web- bzw. CMS Bereich tätig und studierte Internationale Betriebswirtschaft mit den Schwerpunkten Internationale Finanzierung und Wirtschaftsinformatik an der Wirtschaftsuniversität Wien mit Auslandssemester am Campus der University of Illinois, Urbana-Champaign. Die WT-IO-IT GMBH (We Trust in Open IT) gründete er 2015. Das Unternehmen ist offizieller Partner von Odoo SA, Taferner selbst gehört zu den Top 100 Contributoren (von mittlerweile über 490 weltweit) vom Kern des internationalen Open-Source-ERP-Projektes, mit dem er sich seit ungefähr sieben Jahren beschäftigt und Kunden betreut.