22-8-2016 Gedruckt am 28-03-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/16926

WIFO Studie

Österreich im Wandel der Digitalisierung

Das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) hat im Auftrag des Telekom-Unternehmens A1 eine umfassende Studie zur Digitalisierung in Österreich erstellt. Sie untersucht den Einfluss der Digitalisierung auf das Land unter den Gesichtspunkten von vier Wirkungskanälen: "Automatisierung und Arbeitswelt", "Telekommunikation und Wertschöpfungsketten", "Neue Chancen für Wachstum und Beschäftigung" sowie "Steigender Wettbewerb zwischen Standorten".

Rudolf Felser

A1 - APA-Fotoservice - Juhasz

 Der schwer zu fassende, aber gerade in letzter Zeit häufig in den Mund genommene, Oberbegriff "Digitalisierung" erfasst immer mehr Bereiche der Produktion von Gütern und Dienstleistungen ebenso wie das Alltagsverhalten der Bevölkerung. Das technologische Fundament und Rückgrat bilden zweifelsohne die Breitbandnetze, über welche die Informationen gejagt werden. Margarete Schramböck, als CEO von A1 mit dem Thema gut vertraut, erläutert: "A1 hat als Telekommunikations- und IT-Unternehmen Verantwortung für den Standort Österreich, denn die Digitalisierung Österreichs ist ein wichtiger Wettbewerbsfaktor. Unsere Investitionen in den Netzausbau und Internetzugang stärken die Lebensadern der Wirtschaft, sie helfen dem Standort Österreich wieder vorne mitspielen zu können und treiben die Digitalisierung im Land voran."
 
Aufgrund von euphorischen Erwartungen in neue technische Möglichkeiten – ebenso wie der Angst davor – werden die kurzfristigen Auswirkungen des technologischen Wandels jedoch häufig überschätzt und die langfristigen Wirkungen unterschätzt. Dennoch ist klar, dass sich aufgrund der Digitalisierung die gesamte Arbeitswelt noch mehr verändern wird, als sie das ohnehin schon getan hat. WIFO-Chef Karl Aiginger meint dazu: "Die Digitalisierung verändert das Arbeitsleben. Sie bringt neue soziale Herausforderungen und kann umgekehrt helfen, langfristige gesellschaftliche Probleme zu lösen und die Wohlfahrt zu erhöhen. Diese Veränderungen werden zwar kräftig sein, finden aber nicht abrupt von heute auf morgen statt und sind daher auch gestaltbar." Michael Peneder, WIFO-Experte für Industrieökonomie und Innovation sowie gemeinsam mit Julia Bock-Schappelwein, Matthias Firgo, Oliver Fritz und Gerhard Streicher Autor der Studie, ergänzt: "Ein Beispiel ist der Wandel im Arbeitsleben von Routine-Tätigkeiten hin zu mehr analytischem und interaktivem Arbeiten. Dieser führt dazu, dass die Unternehmen neue und größere Anforderungen an die Qualifikation und Kompetenzen der Arbeitskräfte stellen und fordert gleichzeitig das Bildungssystem, diese auf die Veränderungen vorzubereiten."
 

Die wichtigsten Ergebnisse

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie hat die WIFO im Rahmen des Executive Summary in zehn Punkten zusammengefasst.
  1. Durch die Digitalisierung werden bestehende Berufe in der Regel nicht obsolet, aber es verschieben sich Arbeitsinhalte von Routine zu Nicht-Routine Tätigkeiten. Berufe mit vornehmlich analytischen und interaktiven Tätigkeiten stellen dabei höhere Ansprüche an die Kompetenzen und formale Qualifikation der Beschäftigten.
  2. Eine Polarisierung der Beschäftigung zu Lasten der Arbeitskräfte mit mittlerer Qualifikation zeichnet sich in Österreich bisher nicht ab. Ein wahrscheinlicher Grund dafür ist die gute Differenzierung der mittleren Ausbildung.
  3. Weiter unter Druck geraten dagegen manuelle Routine-Tätigkeiten (Tertiärisierung). Diese werden vorwiegend von formal gering qualifizierten Arbeitskräften geleistet, für die in der Folge ein weiterer Rückgang der Beschäftigung zu erwarten ist.
  4. Die zunehmende Digitalisierung rückt die Telekommunikation immer weiter ins Zentrum der Wertschöpfungskette. Sie ist ihr technologisches Rückgrat und Nervensystem. Ihre Entwicklung strahlt sowohl über die eigene Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen als auch durch intermediäre Dienstleistungen für andere Branchen auf zahlreiche Wirtschaftsbereiche aus.
  5. Der Strukturwandel in der Telekommunikation war in den vergangenen Jahrzehnten enorm. Technologischer Wandel und die Öffnung der Märkte führten zu einem deutlichen Rückgang der relativen Preise. Nach turbulenten Jahren gab es seit 2010 einen Trend zur Konsolidierung mit steigenden Preisen. In internationalen Preisvergleichen der OECD schneidet Österreich aber weiterhin gut ab. 
  6. Ein Vergleich von Kennzahlen zum Grad der Digitalisierung mit den Pro-Kopf Einkommen sowie anderen Indikatoren der Wettbewerbsfähigkeit (z.B. Arbeitsproduktivität, Humankapital) zeigt, dass die Digitalisierung ein unabdingbarer Bestandteil leistungsfähiger Wirtschaftssysteme ist.
  7. Umso schwerer wiegt, dass Österreich im internationalen Vergleich bei der Digitalisierung im Rückstand liegt und gemessen am Pro-Kopf Einkommen nur unterdurchschnittliche Werte aufweist. Besonders großer Nachholbedarf besteht bei der Modernisierung von Netzen für die "Schnelle Breitbandkommunikation".
  8. Im Vergleich zwischen den Branchen weist die Telekommunikation eine überdurchschnittlich hohe Investitionsquote auf. Dies trotz deutlicher Rückgänge seit 1995, die zum Teil ebenfalls auf die günstige Preisentwicklung der wichtigsten Investitionsgüter zurückzuführen sind. Im internationalen Vergleich liegt Österreich bei den Investitionen des Sektors je Einwohner aber zurück.
  9. Zusätzliche Investitionen im Umfang von einer Milliarde Euro ergeben Effekte von bis zu 1,2 Milliarden Euro an verbundener Wertschöpfung und eine Auslastung für 14.700 Beschäftigte. Die Effekte sind im Rahmen realistischer Investitionssummen skalierbar und können auf die Größenordnung einer konkreten Initiative angepasst werden.
  10. Langfristig noch bedeutender sind die strukturellen Effekte. Ökonometrische Schätzungen ergeben, dass der Anstieg des Beschäftigungsanteils IKT-intensiver Sektoren um einen Prozentpunkt ceteris paribus mit einem zusätzlichen regionalen Beschäftigungswachstums von 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte einhergeht.
 
Die gesamte Studie kann von der WIFO-Webseite als 138-seitiges PDF kostenlos heruntergeladen werden.