10-12-2015 Gedruckt am 25-06-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/16628

SAP-Berater: Ihre Chancen, ihre Gehälter

SAP-Arbeitsmarkt in Österreich

Wenig überraschend: In Zeiten der Digitalisierung und des Internet of Things ist der Einsatz von SAP-Software zur Geschäftssteuerung in Österreich weiter auf dem Vormarsch. Gemeinsam ist aber den langjährigen Bestandskunden, den Neukunden und den vielen in Österreich tätigen SAP-Beratungsfirmen, dass sie Fachpersonal suchen.

Screenshot: www.biber-associates.de

Denn irgendjemand, muss ja die Systeme einrichten (Customizing) und auf Dauer pflegen (Maintenance). Der Kampf um diese Talente ist hart und findet in allen Regionen des Landes und allen Branchen statt – nicht zuletzt in Produktionsunternehmen, Handel, Finanzinstitutionen, Chemie- und Energie-Unternehmen.
 
Wen genau suchen die Unternehmen? Entsprechend der mittelständischen Prägung der österreichischen Wirtschaft macht SAP auch rund 80 Prozent seines Umsatzes mit Mittelstandskunden. Daher ist hierzulande eher nicht eine extrem zugespitzte Spezialisierung gefragt. Lieber wird es gesehen, wenn Kandidaten Berührungspunkte zu drei bis fünf Modulen oder SAP-Technologien haben. Erfahrung mit SAP-Kernthemen wie FI (Financial Accounting), CO (Controlling), SD (Sales and Distribution), MM (Materials Management), WM (Warehouse Management), PP (Production Planning and Control), BW (Business Information Warehouse) sowie mit Personalwirtschaftsmodulen sind weiter stark nachgefragt; ebenfalls hilfreich sind ABAP-Programmierkenntnisse.
 
HANA, die SAP In-Memory Datenbank, wird von vielen SAP-Anwenderunternehmen als wichtiges Zukunftsthema gesehen. Aber praktische HANA-Kenntnisse sind noch sehr selten und werden bei Einstellungen noch nicht vorausgesetzt. Dagegen ist bereits heute die Fähigkeit wichtig, Cloud-Lösungen zu implementieren. Gerade in der SAP-Welt ermöglichen Cloud-Lösungen kleineren österreichischen Unternehmen, maßgeschneiderte Werkzeuge zur Prozessoptimierung einzusetzen, die früher Großunternehmen vorbehalten waren.

Prozesse im Fokus

Das wichtigste Kriterium bei der Personalauswahl sind und bleiben die Prozesskenntnisse. Die SAP-Software ist zwar komplex, die Aufgaben eines Beraters gehen aber weit über deren Bedienung hinaus. Sie konzentrieren sich, oft branchenspezifisch, auf Unternehmensabläufe. Der Job besteht darin, zwischen den zwei Welten der IT- und der Fachabteilung, wie zum Beispiel der Personal- oder Buchhaltungsabteilung, zu übersetzen. SAP-Berater müssen Prozesse verstehen, diese grafisch dokumentieren und Ideen entwickeln, sie zu verbessern. Dabei ist es letztlich egal, ob es um die Auslieferung eines Produkts, den Umgang mit einer Beschwerde, die Erstellung einer Rechnung oder die Bearbeitung eines Urlaubsantrags geht. Dass sie dies können, belegen SAP-Berater am besten, indem sie einige Jahre in einem renommierten SAP-Beratungshaus gearbeitet haben.

Ein Pool von nur rund 5.000 Personen

Der umworbene Pool angestandenen SAP-Beratern ist überschaubar und dürfte in Österreich rund 5.000 Personen umfassen. Das Problem für die suchenden Unternehmen: Nahezu alle sind bereits in befriedigenden Positionen mit weit überdurchschnittlichen Gehältern und guten Arbeitsbedingungen beschäftigt. Auf der anderen Seite haben die SAP-Berater einen extrem fordernden Job. Sie vergessen daher oft, dass sie nicht nur an ihren Projekten arbeiten sollten, sondern auch an ihrer eigenen Karriere.
 
Um ihre Laufbahnlangfristig in ihrem Sinne zu gestalten, sollte ein SAP-Berater alle vier bis sieben Jahre über eine berufliche Veränderung nachdenken. Qualifizierte SAP-Berater mit mindestens zwei Jahren praktischer Erfahrung, könnten jederzeit den Job wechseln. Ein Wechsel nach weniger als zwei Jahren ist aber langfristig nicht empfehlenswert. Weil SAP-Projekte sich oft über mehrere Jahre ziehen, erweckt ein kurzer Zwischenstopp in einem Unternehmen den Eindruck, man hätte die Projekte nicht ausreichend begleitet.
 
Wer seine Fühler auf dem SAP-Arbeitsmarkt ausstreckt, sollte entscheidungsbereit sein und sich nicht von der Menge an Stellen irritieren lassen. Es ist vielmehr ratsam seine eigenen Bedürfnisse schriftlich festzuhalten und daraufhin die Angebote schnell auf zwei bis drei Unternehmen einzugrenzen. Man kann durchaus daran arbeiten, mehrere Angebote gleichzeitig zu erhalten. Trotzdem ist zu bedenken, wie klein der SAP-Arbeitsmarkt ist, wenn man ihn nach Regionen, Branchen und der Kombination von gesuchten Qualifikationen aufschlüsselt.

Wer pokert, kann verlieren

Es empfiehlt sich, mit klaren, realistischen Vorstellungen in die Bewerbungen zu gehen und nicht zu pokern. Deutlich überzogene Forderungen sorgen oft für schlechte Stimmung im Bewerbungsprozess. Sie können nicht nur den Traumjob kosten, sondern sich in der kleinen SAP-Szene auch herumsprechen. Gerade wenn man mit erfahrenen Personalberatern zusammenarbeitet, sind viele Faktoren von vornherein zu berücksichtigen. Dann ist das erste Angebot vielleicht nicht das „erstbeste“, sondern bereits das Beste, das es derzeit gibt.
 
Ohnehin ist vor allem in den ersten Berufsjahren eine hohe Flexibilität wichtig: Reisebereitschaft, Umzugsbereitschaft, Offenheit für neue Themen und Aufgaben sind die besten Voraussetzung für eine spannende SAP-Karriere. Man darf nicht glauben, Unternehmen seien in ihrer Verzweiflung besonders kompromissbereit, wenn es um solche Fragen geht. Es ist eher umgekehrt: Unternehmen sind bereit, sehr gut zu zahlen und sehr gute Konditionen zu bieten, wenn sie Kandidaten finden, die in jeder Hinsicht passen. Auch aus diesem Grund zählen Ausbildungen wenig. Sie beweisen einfach nicht die Fähigkeit, im stressigen Arbeitsalltag Ergebnisse zu erzielen. Wer dennoch mit Fortbildungen punkten will, sollte sich auf HANA konzentrieren. Das ist derzeit der einzige Bereich im SAP-Arbeitsmarkt, in dem Aus- und Weiterbildungen Anerkennung finden.
 
Und wie können österreichische Unternehmen, die SAP-Berater suchen, heute diese Leute für sich gewinnen? Neben guten Konditionen und einem guten Arbeitgeber-Image müssen sie in ständigem Austausch mit Firmen und Bewerbern stehen. Viel läuft über die persönliche Schiene, Kontakte sind wichtig. Man muss sich kennen oder in Österreich bekannte Vermittler nutzen, um die richtigen Leute in die richtige Firma zu bringen. In Einzelfällen ist es eine Option, aus den östlichen Nachbarländern Ungarn, Slowenien und Slowakei Experten mit guten Deutschkenntnissen anzuwerben.

Erfahrene Berater erreichen bis zu 120.000 Euro/Jahr

Die Gehälter sind in den letzten Jahren weiter gestiegen. Customizing wird 20 bis 30 Prozent besser vergütet als die Tätigkeit als ABAP-Programmierer. Die Gehälter liegen derzeit für Neueinstellungen bei bis zu 90.000 Euro brutto für einen Inhouse-SAP-Job. Berater mit Bereitschaft zur Reisetätigkeit erreichen nach wenigen Berufsjahren um die 100.000 Euro.Sehr gute und erfahrene Berater, die uneingeschränkt reisebereit sind, können in Beratungshäusern auf bis 120.000 Euro Jahresgehalt kommen. Der Vorteil in Österreich hinsichtlich der Reisetätigkeit: Die Projekte ballen sich sehr stark im Raum Wien, so dass auch reisebereite Berater mit Wohnsitz in Wien oft lange Perioden haben, in denen sie die Nächte zu Hause verbringen können. Wer allerdings nicht direkt in Wien lebt und arbeitet, profitiert von den niedrigeren Lebenshaltungskosten außerhalb der Hauptstadt, denn ein Lohngefälle innerhalb Österreichs gibt es nicht. Da die für SAP-Systeme verantwortlichen Teams wachsen, sind auch Teamleiter gesucht. Auf dieser Ebene sind, je nach Teamgröße, 100.000 bis 135.000 Euro Jahresgehalt realistisch.
 
Wer seine SAP-Karriere in die Hand nimmt, kann in Österreich spannende Arbeitsinhalte, ein gutes Arbeitsklima und ein Spitzengehalt sehr gut miteinander verbinden. Und dies dürfte nach gegenwärtiger Marktlage auch auf Jahre hinaus so bleiben.
 
 
Der Autor 
 
Helmut Wieser,
Geschäftsführer der Thomas Biber & Partner Österreich GmbH