4-9-2015 Gedruckt am 25-06-2017 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/16529

Zukunft hängt von der Digitalisierung ab

Europa hechelt hinterher

Im Rahmen einer Breakout Session in Alpbach diskutierten hochkarätige Vertreter der europäischen Wirtschaft und Politik, wie Europa als IT-Standort gegenüber den USA und Asien ins Hintertreffen geraten konnte und was getan werden muss, um diese wirtschaftsfeindliche Situation überwinden zu können.

V.l.n.r.: Robert Madelin, Senior Innovationsberater bei der Europäischen Kommission, Yvonne Hofstetter, IT-Unternehmerin, Helmut Fallmann, Co-Vorstand der Fabasoft AG, Europa-Parlamentarierin Viviane Reding, Harald Schöning, Sprecher des deutschen Software-Clusters und Moderator Gerald Reischl. Foto: Fabasoft/ Die Fotografen - Charly Lair

Im Vergleich zu den USA und Asien ist Europas digitale Ökonomie merklich abgefallen. Als Gegeninstrumentarium forderte Europa-Parlamentarierin Viviane Reding in Alpbach eine flächendeckende Versorgung mit schnellem Internet, insbesondere für Dienstleistungen wie etwa im Bereich Gesundheit und Bildung. „Packen wir´s an!“, so Reding. „Ungleichheit darf nicht weiter Raum fassen. Jeder Europäer muss sich in der digitalen Welt zu Recht finden können, um von den Vorteilen dieser Technologien zu profitieren. Der Erfolg Europas im 21. Jahrhundert hängt davon ab.“
 
Auch Robert Madelin, seines Zeichens Senior Innovationsberater bei der Europäischen Kommission, leitet Chancen und Gefahren für die soziale Gerechtigkeit von der Digitalisierung ab. Digitale Werkzeuge seien ein großartiger Ausgleich gesellschaftlicher Unterschiede, da damit die Eigenkompetenz gesteigert und ein besserer Überblick bezüglich Verhalten und Bedürfnisse des Einzelnen und seiner Umwelt gewonnen werden kann. „Kollektives Bewusstsein hilft den lokalen Communities dabei, Probleme zu lösen und Chancen zu ergreifen“, sagte Madelin und hinterfragte gleichzeitig den Grad der digitalen Verbreitung: „Wie können wir sicherstellen, dass jeder Bürger digital eingebunden und die schon bestehende soziale Kluft im Zuge der Digitalisierung nicht noch vertieft wird?“
 
Fakt ist: Die Digitalisierung wird von den USA beherrscht. Aber wie konnten sie die digitale Führung übernehmen? Dazu Yvonne Hofstetter, IT-Unternehmerin und Buchautorin: „Die Antwort gibt uns die amerikanische Regierung selbst: Die USA wollen ihre militärische und technologische Überlegenheit sichern. Dazu gehören die Elitenförderung und astronomische Investitionen in digitale Technologien. Europa muss seinen eigenen Weg in die digitale Ära finden, den Weg, der die europäischen Standards von Menschenwürde und sozialer Marktwirtschaft auch in der digitalen Zukunft wahrt.“
 
 „Digitale Unternehmen fordern mit ihren datenbasierten, hochskalierbaren Geschäftsmodellen Europas etablierte Anbieter heraus – und das quer durch alle Branchen“, so Harald Schöning, Sprecher des deutschen Software-Clusters und Forschungschef der Software AG. „Europa kann seine digitale Souveränität nur dann wahren, wenn es gelingt, den Digitalen Binnenmarkt, einen innovationsfreundlichen Datenschutz sowie eine länder- und branchenübergreifende Cluster-Politik zu etablieren! Wirtschaft und Politik stehen hier gemeinsam in der Verantwortung“.
 
Ganz ähnlich sieht dies Helmut Fallmann, Co-Vorstand der Fabasoft AG, der in der sozialen und industriellen Ungleichheit ein Versagen der europäischen Digitalpolitik erkennt. „Gleichheit entsteht durch IT-Eliten, die unserer Gesellschaft den Weg in die Zukunft ebnen. Ich rege die Bildung einer europäischen IT-Stiftung an, um IT-Intelligenz in Europa aufzubauen und marktfähige Zukunftslösungen zu entwickeln“, so Helmut Fallmanns Vision. „Mit dieser Herangehensweise soll eine europäische Wertschöpfungskette begründet werden, die nicht sofort von globalen Investoren strategisch weggekauft werden kann.“