Im Jahr 2015 wird die Hälfte der Bevölkerung Europas in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Xing zu finden sein, so die Prognose der Experten. Wo viele Menschen sind, dort ist der Markt, dort sind auch viele Interessenten bzw. Kunden zu finden. Kein Wunder also, dass viele Unternehmen hier großes Potenzial orten. Genauso fürchten aber viele die lauernden Gefahren in der öffentlichen und direkten Kommunikation mit dem Kunden.
Was also tun? Hier hilft es, im Unternehmen Richtlinien auszuarbeiten, eine Art Leitfaden, an dem sich Mitarbeiter beim Umgang mit sozialen Netzen orientieren können. Das dient nicht nur dem Schutz der Firma und deren Geheimnisse, sondern auch dem der betroffenen Mitarbeiter.
Bevor solche Richtlinien jedoch innerhalb eines Unternehmens verankert werden, ist es wichtig, sich über die Positionierung Gedanken zu machen. % hat Ihnen eine Liste an Fragen zusammengestellt, die hierfür hilfreich sein kann. Und um die rechtliche, die sozio-ökonomische und die organisatorische Sicht genauer zu beleuchten, haben wir drei Social-Media-Experten konsultiert.
Die rechtliche Sicht

MONITOR im Gespräch mit Mag. Árpád Geréd, Partner bei Brandstätter Rechtsanwälte, Experte für IT- und Internetrecht, Informations- und Kommunikations- recht.
MONITOR im Gespräch mit Mag. Árpád Geréd, Partner bei Brandstätter Rechtsanwälte, Experte für IT- und Internetrecht, Informations- und Kommunikationsrecht.
MONITOR: Recht vs. Freiheit, Chancen vs. Risiken – wie findet man eine Balance bei der Erstellung von Richtlinien für den Umgang mit sozialen Medien?
Das Problem bei der Balance ist weniger diese zu finden, als vielmehr sich bewusst zu sein, dass man überhaupt eine solche finden sollte. Hier hängt sehr viel von der Unternehmenskultur und davon ab, wie viel Kontrolle man meint haben zu müssen. Entscheidend ist auch, ob das Unternehmen als solches oder die entscheidungsbefugten Personen, beruflich oder privat, soziale Medien aktiv nutzen, also auch Inhalte ins Netz stellen, anstatt diese nur zu konsumieren. Je weniger Erfahrung mit sozialen Medien bestehen, desto eher werden das Unternehmen bzw. die Entscheidungsträger mit Ablehnung und möglichst weitflächigen Einschränkungen oder Verboten reagieren. Ist der Wunsch nach Balance vorhanden, sollte eine Analyse erfolgen, welche Informationen gar nicht oder nur von bestimmten Personen veröffentlicht werden dürfen.
Ferner sollte auch zwischen Medien oder Angeboten unterschieden werden. Beispielsweise kann es durchaus sinnvoll sein, Mitarbeitern zu untersagen, in ihrem privaten Blog offenzulegen, wo sie angestellt sind. Auch bei Facebook wäre das wohl nicht von vornherein unsinnig. Die Nennung des Unternehmens in beruflichen Netzwerken zu unterbinden würde hingegen dem Sinn der Nutzung solcher Netzwerke zuwiderlaufen (was Unternehmen aber nicht von solchen Vorschriften abhält).
Im Ergebnis gilt, dass die Balance nur dann gewährleistet ist, wenn man sich mit der Erstellung von Social- Media-Guidelines die notwendige Zeit lässt, die Erfordernisse und möglichen Fälle genau analysiert und möglichst feinkörnige Regelungen trifft.
Wo liegen derzeit die Schwerpunkte? Haben die rechtlichen Fragestellungen mehr Gewicht als die sozialen?
Der derzeitige Schwerpunkt liegt eindeutig beim Experimentieren. Unternehmen beginnen, soziale Medien verstärkt zu nutzen und sammeln Erfahrungen. Diese fließen natürlich auch in die Social-Media-Guidelines ein, zumindest beeinflussen sie aber die Art, wie sie praktisch gelebt werden.
Davon abgesehen, stehen rechtliche und kommunikative Aspekte derzeit im Vordergrund, wobei beide oft vermischt werden, etwa bei der Frage, was Mitarbeiter kommunizieren sollen oder dürfen. Ob man derartige Vermischungen eher als Rechts- oder Kommunikationsthema auffasst, liegt im Auge des betrachtenden Unternehmens.
Soziale Aspekte stehen derzeit nicht im Vordergrund und stellen, wenn man von Marketing-Aspekten absieht, im Allgemeinen auch kein oder kein relevantes Thema von Social- Media-Guidelines dar. Gerade dies wird sich aber in Zukunft mit Sicherheit ändern, allein schon aufgrund der wachsenden Bedeutung sozialer Medien im privaten und beruflichen Umfeld.
Welche Erfahrungen sind aus der derzeitigen Rechtsprechung abzuleiten? Ist das Thema bereits im rechtlichen „Alltag“ angekommen?
Soziale Medien haben bereits ihren Einzug in die österreichische Rechtsprechung gehalten, noch nicht jedoch im Zusammenhang mit Social-Media-Guidelines. Es wird sich weisen, ob die Anpassung von Social- Media-Guidelines oder zumindest die Art, wie sie gelebt werden, mit den Erwartungen von Mitarbeitern Schritt halten kann, oder ob irgendwann ein Gericht wird entscheiden müssen. Aus der Erfahrung heraus vermute ich, dass auch österreichische Gerichte sich früher oder später mit diesem Thema werden befassen müssen.
Welche rechtlichen Grundlagen sind grundsätzlich zu beachten?
Der rechtliche Bereich, in dem Social-Media-Guidelines das größte Konfliktpotenzial entfalten, ist das Arbeitsrecht und insbesondere die Frage, wie weit der Arbeitgeber den Mitarbeitern Vorschriften machen kann, die auch private Lebensbereiche berühren. Der zweite große potenzielle Konfliktherd sind die Persönlichkeitsrechte, die durch entsprechende Vorschriften berührt sein könnten.
Die sozio-ökonomische Sicht

MONITOR im Gespräch mit der Social-Media-Expertin Mag. Judith Denkmayr, Geschäfts- führerin von Digital Affairs und Verfasserin des Social Media Reports 2011
MONITOR im Gespräch mit der Social-Media-Expertin Mag. Judith Denkmayr, Geschäftsführerin von Digital Affairs und Verfasserin des Social Media Reports 2011 :
MONITOR: Welche Chancen sehen Sie in Österreich für KMU bei einer Integration von Social Media in den geschäftlichen Kontext?
Social Media ist ein sogenannter Owned- Media-Kanal. Das heißt, KMU haben dadurch einen neuen Kanal, über welchen sie mit ihren Interessensgruppen in Kontakt bleiben und auch über ihre Produkte und Dienstleistungen sprechen können. Dieser bedarf zwar der Betreuung, kostet aber nicht pro Schaltung, wie z. B. Werbung. Zudem stufen die Internet-User Social Media als vertrauensvolle Quelle für Information ein. Es kann also auch die Markenbekanntheit und Markenbindung gesteigert werden.
Welches Feedback erhalten Sie einerseits von Mitarbeitern und andererseits vom Management von Unternehmen, die Social Media in den Arbeitsalltag integriert haben?
Das ist sehr abhängig von den jeweiligen Unternehmen und Branchen. Je besser in einem Unternehmen die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit funktioniert und je transparenter Vorgänge und Kommunikation im Unternehmen sind, desto mehr Freude haben die Mitarbeiter auch an dem direkten Feedback, das sie nun von ihrer Interessensgruppe bekommen.
Auf welche sozialen Aspekte hat ein Unternehmen bei der Erstellung von Social-Media-Guidelines besonders einzugehen?
Eine Guideline im Unternehmen sollte immer mit Vertretern aus den Reihen der Mitarbeiter gemeinsam erstellt werden. Damit ist bestenfalls gewährleistet, dass sie für die Mitarbeiter inhaltlich relevant, verständlich und umsetzbar ist. Die Guideline soll anleiten und nicht nur Verbote aussprechen. Außerdem: Mitarbeiter waren und sind immer auch schon Interessenten eines Unternehmens gewesen. Es gibt keinen Grund, sich nun vor ihnen zu fürchten, wenn sie im Social Web aktiv werden.
Wo stehen KMU in Österreich im internationalen Vergleich im Umgang mit Social Media? Wovon können wir lernen?
In KMU ist Social Media noch nicht so richtig angekommen. Noch verfügen die meisten Unternehmen über keine Social-Media- Guideline, die Verantwortlichkeit für den Bereich liegt oft ausschließlich bei Marketing oder Customer Care, und das Potenzial der Infrastruktur, die Social Media bietet, wird noch nicht voll ausgeschöpft. Social Media ermöglicht Kommunikation, Information und Organisation - also viel mehr als z. B. nur Gewinnspiele. Die Unternehmen beginnen aber schon, das zu erkennen.
Die organisatorische Sicht

MONITOR im Gespräch mit Dr. Gerhard Laga, Leiter des E-Center der Wirtschafts- kammer Österreich.
MONITOR im Gespräch mit Dr. Gerhard Laga, Leiter des E-Center der Wirtschaftskammer Österreich.
MONITOR: Was waren für die WKO die Beweggründe, Guidelines und ein Beratungstool für Social Media zu entwerfen?
Aus unseren regelmäßigen Mitgliederbefragungen haben wir das explosionsartige Interesse am Thema Social Media bereits Anfang 2010 ablesen können. Eine genauere Befragung zeigte uns dann rasch die Defizite der meisten Unternehmen auf: Sie sind zwar in Social Media vertreten, haben aber keine Ziele für deren Tätigkeiten definiert und die Mitarbeiter nicht ausreichend über die berufliche Verwendung informiert. Daher lag es auf der Hand, unseren Mitgliedern Hilfestellung in diesen Bereichen anzubieten.
Welche Einflussfaktoren waren maßgebend für den Entwurf der Guidelines und des Beratungstools - persönliche Erfahrungen, Referenzen?
Aus der Durchsicht von verschiedenen nationalen und internationalen Guidelines und den bei uns eintreffenden Fragen der Mitglieder haben wir die wesentlichsten Punkte extrahiert und daraus einen vor allem für kleine Unternehmen anwendbaren Leitfaden produziert.
Wie ist das Feedback? Werden die Guidelines und das Tool angenommen?
Die Guidelines wurden erstmals im Oktober 2010 vorgestellt, und das Interesse war bereits damals groß. Im Februar 2011 veröffentlichten wir die zweite Version, und dabei wurden wir vom medialen Interesse noch weiter positiv überrascht. Mittlerweile sind unsere Guidelines ein Selbstläufer geworden und werden von verschiedensten Medien und Interessensgruppen und vor allem Unternehmen aufgegriffen.