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Neue Top Level Domains

Jetzt oder nie - Strategie gefragt

Vom 12. Januar bis 12. April 2012 kann man sich für neue Top Level Domains bewerben. Für größere Unternehmen bedeutet das vor ­allem eine Auseinandersetzung mit ihrer Markenrechtstrategie.


Ab 12. Januar 2012 gibt es die Möglichkeit, sich für neue Top Level Domains bei der Internet-Verwaltung ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) zu bewerben. Wohlgemerkt zu bewerben, nicht zu registrieren! In Fachkreisen gilt dies nicht als kleine Sensation, sondern eher als riesengroße. Doch warum? 

Top Level Domains (TLD) bilden die oberste Stufe einer Internet-Adresse. Grundsätzlich unterscheidet man zwei Kategorien: 22 generische TLDs (gTLDs) wie .com, .org, .net oder .info sowie etwa 250 country code TLDs (ccTLDs) wie .at oder .eu. Mit der Einführung neuer generischer TLDs (new gTLDs) will die ICANN nun zusätzliche Auswahlmöglichkeiten für Verbraucher schaffen. Die Erweiterung des Namensraums betrifft also ausschließlich gTLDs; die Kategorie der ccTLDs bleibt hiervon unberührt. Die neuen Endungen treten damit neben Endungen wie .at oder .fr und erweitern so das Angebot und die Auswahl an Top Level Domains. 

Welche new gTLDs werden eingeführt? 

„Eine Top-­Level-­Domain kann die Kommunikation eines Unternehmens nachhaltig verändern.“ Markus ­Eggensperger united-domains AG

Die Spekulationen reichen von mehreren Dutzend bis zu Tausenden neuen Top Level Domains. Doch wie viele und vor allem welche neuen Domain-Endungen eingeführt werden, ist derzeit noch offen. Aus diesem Grund ist eine Registrierung von Domain-Namen unterhalb einer neuen Domain-Endung bei der Nic.at voraussichtlich erst ab Anfang 2013 möglich. Allerdings haben bisher bereits über 100 Initiativen öffentlich angekündigt, sich bei ICANN um eine neue Domain-Endung bewerben zu wollen, beispielsweise für .africa (Afrika), .and (Andalusien), .arab (Arabische Staaten), .athens (Athen), .bank (Banken), .board (Snowboards) oder .cal (Kalender). 

„Eine dezidiert österreichische Initiative wie etwa .atomic oder .wien ist uns derzeit aber noch nicht bekannt. Eine Auflistung aller uns bekannter Initiativen findet sich unter www.newdomains.org/de”, so ­Markus Eggensperger, Vorstand des Starnberger ­Registrars united-domains. Fachleute wie er unterteilen die Initiativen grob in vier Gruppen: 

  • geographische Endungen, die Städte und/oder Regionen bezeichnen, wie .nyc, oder .florida
  • Community-Endungen wie .eus (Baskenland) oder .one (Aktivismus im Internet)
  • generische Endungen wie .bank, .love, 
  • .music oder .web
  • Marken-Endungen wie .canon, oder 
  • .deloitte

Wer kann sich bewerben?

Eine Teilnahme am Bewerbungsverfahren um eine „new gTLD” steht grundsätzlich jeder öffentlichen oder privaten Organisation weltweit offen. In einem rund 350 Seiten starken Bewerberhandbuch hat ICANN allerdings Regeln für die Einführung aufgestellt, die jeder Interessent einhalten muss und die auch nicht ganz billig ist - die allgemeine Bewerbungsgebühr liegt bei etwa 185.000 US-Dollar. Markus Eggensperger von united-domains meint hierzu, dass sich jedes Unternehmen, für das rund 500.000 Euro einer mittleren Marketingkampagne entspricht, durchaus über eine Domainstrategie mit eigener TLD Gedanken machen sollte. 

Was bedeutet das für Unternehmen?

Nehmen wir an, Sie haben ein größeres Unternehmen und finden diese Aufregung um Domain-Endungen gelinde gesagt etwas ­albern. Sie beschließen daher, erst mal abzuwarten und zu beobachten, ob sich die Konkurrenz um eine eigene TLD bewirbt. Dann kann man ja immer noch reagieren, und außerdem haben Sie eine gute Rechtsabteilung um markenrechtliche oder namensrechtliche Unverschämtheiten abzufangen. Der 12. April als letzter Tag des ersten Bewerbungsfensters verstreicht, und Sie sind immer noch gelassen. Doch am 13. April sehen Sie in der Früh eine E-Mail und lesen, dass sich fast die gesamte Konkurrenz bei der ICANN beworben hat. Chance vorbei, denn auch wenn die ICANN angekündigt, weitere Bewerbungsrunden folgen zu lassen - wann diese sein werden, steht in den Sternen. Und die gewünschte Endung ist auch vermutlich längst in den Händen des Mitbewerbs oder eines Schurken, der sich die ­Wunschendung dann (noch teurer) bezahlen lässt. Wer sich hier nur auf seine Markenrechte verlässt, der ist vermutlich bald verlassen, denn kein Jurist kann ­garantieren, dass nicht in irgendeinem Winkel der Welt eine Marke existiert, die den eigenen Rechten entgegensteht.

Und der Teufel steckt im Detail: Es genügt für die ICANN auch eine frisch eingetragene Marke in Timbuktu. Dass dies keine Hirngespinste oder Verschwörungstheorien sind, zeigt ein Blick in die Strategie-Abteilungen großer ­Unternehmen. So äußert sich ­beispielsweise Hermes Europe verhalten, dass das Thema Domain-­Strategie „auf der Agenda” sei und dass das Unternehmen sich vorbereite. In welcher Form man sich engagieren werde, könne derzeit aber noch nicht final beantwortet werden. 

Doch united-domains-Vorstand Eggensperger geht davon aus, dass die Entscheidung großer Unternehmen für eine eigene Domain (beispielsweise und rein fiktiv etwa .riedel oder .swarovski) die Kommunikation der Unternehmen nachhaltig verändern und auch im stillen Kämmerlein schon konkretisiert wird. 

Wo kann ich die neuen ­Domains registrieren?

Von der Verwaltung einer „new gTLD” durch die Registry streng zu trennen ist die Registrierung der neuen Internet-Adressen für Endkunden unterhalb einer neuen Domain-Endung. Ist die Einführung einer neuen Domain-Endung erfolgreich abgeschlossen, übernehmen diese Aufgabe in der Regel wie gewohnt die Domain-Registrare (sogenanntes Registry-Registrar-Konzept); sie verkaufen also die Domain-Namen unterhalb einer neuen Endung direkt an ihre (End-)Kunden. Eine Registrierung direkt bei ICANN oder einer Registry ist dagegen in der Regel ausgeschlossen.

Ab wann kann die ­Öffentlichkeit die neuen Domains ­registrieren?

Knapp sechs Jahre hat es gedauert, bis die Internet-Verwaltung ICANN grünes Licht für die Einführung neuer Domain-Endungen gegeben hat. Bis zur Registrierung der ersten Domain-Namen werden jedoch noch einige Monate vergehen. Laut ICANN-Fahrplan öffnet sich am 12. Januar 2012 erstmals drei Monate lang, also bis 12. April 2012, das Zeitfenster, innerhalb dessen ICANN Bewerbungen entgegen nimmt. Im Anschluss veröffentlicht ICANN alle eingegangenen Bewerbungen und beginnt mit der eigentlichen Prüfung, ob die Voraussetzungen des Applicant Guidebook erfüllt sind. Für das Prüfverfahren rechnet ICANN mit einer Dauer von mindestens weiteren neun Monaten. Kommt es zu Komplikationen, so kann die Prüfung aber auch 20 Monate oder länger dauern. Klappt alles wie geplant, können voraussichtlich Anfang 2013 die ersten neuen Domain-Namen registriert werden.

Was werden die neuen Domains kosten?

Die Gebühren für die Registrierung eines Domain-­Namens unterhalb einer neu eingeführten Domain-Endung werden sich von TLD zu TLD unterscheiden. Eine festgeschriebene, einheitliche Registrierungsgebühr gibt es somit nicht; jeder Betreiber einer neuen Domain-Endung ist bei der Festlegung der Gebühren grundsätzlich frei. Bei generischen Endungen wie .web oder .site dürften sie sich allerdings in einer ­Größenordnung von 20- bis 70 Euro pro Jahr und ­Domain bewegen. 

Kann ich meine Wunsch-Domain schon jetzt ­vorbestellen?

Solange ICANN nicht entschieden hat, welche neue Domain-Endung eingeführt wird, kann kein Registrar verbindliche Registrierungen entgegennehmen. Zu empfehlen ist es jedoch, Angebote zur kostenlosen und unverbindlichen Vorbestellung von Wunsch-­Domains zu nutzen. Unmittelbar mit Beginn der ­Registrierung versucht dann der Registrar, die ­gewünschte Domain automatisiert zur Anmeldung zu bringen. Die Vorbestellung ist in der Regel mit einer Gebühr verbunden, die nur dann fällig wird, wenn die Registrierung der Wunsch-Domain zugunsten des Kunden tatsächlich erfolgt. Auf diese Weise stellt der Kunde auch sicher, dass er nicht versehentlich ­Anmeldefristen versäumt.

 

Weiterführende Informationen

Aktuelle Informationen rund um das nTLD-Programm von ICANN: www.icann.org/en/topics/new-gtld-program.htm

Konferenz zum Thema am 26./27. 09. 2011 in München: www.newdomains.org

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MONITOR-Autoren
Christian Henner-Fehr

Christian Henner-Fehr schreibt als freier Autor für den MONITOR und arbeitet als Trainer und Berater in den Bereichen Projektmanagement und Kommunikation. Sein Interesse gilt dem Web 2.0 und den Einsatzmöglichkeiten von Social Media in Organisationen und Unternehmen. ..mehr..

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