23-9-2011 Gedruckt am 18-12-2014 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/14114

Interview mit Alexander Prosser, WU Wien

„Wirtschaftsinformatik ist BWL 2.0“

Bereits seit 1994 verwendet Alexander Prosser, Professor an der Wiener Wirtschaftsuni, SAP-Systeme zur Unterstützung bei der betriebswirtschaftlichen Ausbildung mit Schwerpunkt auf Produktion, Materialwirtschaft, Controlling, Projektmanagement und Data Warehouse. MONITOR sprach mit dem BWL-Experten über Entwicklungen, Trends und Neuerungen in der BWL-Ausbildung, Blickrichtung ERP und BI.

Christine Wahlmüller

„Künftig haben wir kein horizontales Nebeneinander von ERP hier und BI dort und dazwischen Schnittstellen, sondern eine vertikale Schichtung und ein gemeinsames System.“ Alexander Prosser, WU Wien (Bild: WU Wien)

Seit 1994 verwenden Sie SAP in der BWL-Ausbildung, was sehen Sie seither an Entwicklungen und Veränderungen?

Es war anfangs sicher keine selbstverständliche Entscheidung, eine Software bzw. SAP in der Ausbildung einzusetzen. Wir haben 1994 sehr klein mit zwei Lehrveranstaltungen (LV) begonnen. Der große Schub kam dann im Jahr 2000, da wurde auch die Unterrichtssprache auf Englisch umgestellt und die Ausbildung selbst zertifiziert. Englisch ist heute selbstverständlich, bei der Bakk-Ausbildung gibt es derzeit zwei LV, beim Master nach einer Einführung dann zwei Vertiefungsrichtungen, Business Intelligence (BI) und Supply Chain Management (SCM), und da je zwei aufbauende LV.

Wie sehen Erfahrungen bzw. Akzeptanz bei den Studierenden aus?

Wir haben ja eine webbasierte LV-Anmeldung, nach fünf Sekunden sind üblicherweise alle diese LV ausgebucht, ich glaube, das sagt alles. Dieses Studienjahr war es besonders schlimm, wir hatten doppelt so viele Anmeldungen wie Plätze. Ich habe daher im Juli im Zuge des Studienbeschleunigungsprogramms nochmals eine Schiene mit zwei Lehrveranstaltungen abgehalten, um so die Warteliste abzuarbeiten.

Ist generell an eine Erweiterung des Angebots gedacht?

Das wäre schön, aber wir sind ressourcenmäßig absolut an der Grenze. Ich bin froh, wenn wir das derzeitige Angebot überhaupt schaffen. Wir haben Glück, dass wir unsere Infrastruktur, vor allem die Hardware, unterstützt durch einen Sonderfonds des Bundes für Infrastruktur erneuern konnten. Die Software bekommen wir Gott sei Dank geschenkt. Wenn es mehr Geld und Personal gibt, könnten wir natürlich noch viel schneller und besser ausbilden.

Werden die Trendthemen wie etwas Mobility, Cloud Computing auch an der Uni vermittelt?

Ja sicher, wenn auch nicht alles bei uns. Mobility etwa, wird an einem anderen Lehrstuhl, bei Frau Prof. Spiekermann, angeboten. Wir sind auf Produktionsmanagement spezialisiert. Generell ist es so, dass BWL-Studierende immer mehr IT-Wissen erwerben müssen. Auch die Grenzen zur Wirtschaftsinformatik werden fließend, anders gesagt: Wirtschaftsinformatik ist BWL 2.0. Das bedeutet, die Disziplinen nähern sich immer mehr an. Auch bei Produktionsmanagement komme ich um die IT nicht herum. Studenten müssen daher beide Richtungen beherrschen: Einerseits die Prozesse kennen, etwa: Was heißt Produktionsplanung und andrerseits: Wie setze ich die Prozesse in IT um? Das hat aber mit HW- und SW-Kenntnissen, geschweige denn Programmieren, nichts zu tun. Eine gute BWL-Ausbildung muss theoretische Grundlagen und Methoden und die praktische Ausbildung vermitteln.

Nun sind die Unis eher für die theoretische Seite bekannt, glauben Sie, wird auch genug Praxis vermittelt?

Jeder Student arbeitet von Anfang an mit einem SAP-System, etwa für Fragen wie Materialwirtschaft oder wie plane ich die Supply Chain. Wichtig ist auch, dass die Leute die kausalen Zusammenhänge begreifen, das heißt was bedeutet es, wenn eine Arbeitsstunde in einer Kostenstelle und damit die entsprechenden Schritte in den Fertigungsaufträgen teurer werden. Am Ende wird das Produkt natürlich teurer.

Vermitteln Sie auch BI-Wissen?

Ja, das ist ja eine Vertiefungsschiene bei unserem Master-Programm. Hier geht es einerseits um die technische Planung und Modellierungsmethoden, wie Informationssysteme geplant werden können und zweitens um die Modellierung mehrdimensionaler Daten. Man könnte auch sagen: Wie plant man ein Datawarehouse (DWH) und seine organisatorische, betriebswirtschaftliche Einbettung. Die Studenten müssen dabei ganz konkret auch lernen, Maßzahlen zu definieren, etwa für die Erstellung eines DWH für eine internationale Holding Company mit 20 Unternehmen weltweit. Dabei bemerken sie, dass allein die Kennzahl-Definition alles andere als einfach ist.

Gibt es in der Zukunft aus Ihrer Sicht ein Zusammenwachsen von ERP und BI?

Natürlich. Es kommt immer mehr zum Zusammenwachsen. BI wird in transaktionale Systeme integriert. Das heißt, wir haben kein horizontales Nebeneinander von ERP hier und BI dort und dazwischen Schnittstellen, sondern künftig eine vertikale Schichtung und ein gemeinsames System. Die nächste Generation lebt zudem von extrem performanten Hauptspeicher-Datenbanken. Um Ihnen einen Richtwert zu geben: Es geht um das Durchsuchen von 100 Mrd. Datensätzen in weniger als einer Minute. Es wird also möglich sein, BI vom Beleg weg und nicht über vordefinierte Zwischenaggregate zu machen.

Wie sieht Ihre Vision aus, wie werden ERP und BI in rund fünf Jahren aussehen?

Dazu muss ich einen Rückblick machen. Die erste ERP-Generation hat sich mainframebasiert auf die Abbildung der Kernprozesse konzentriert, in den 90-er Jahren ging es darum, die Kernprozesse schon mehr im Detail abzubilden und auf Client-Server-Systeme zu bringen. Bei der dritten Generation ab etwa dem Jahr 2000 gab es ein Kern-ERP-System, quasi als Sonne in der Mitte, und darum herum einen Kranz von Zusatz-Systemen wie BI, CRM, SCM oder E-Procurement. Bei der vierten Generation, die die nächsten zehn Jahre bestimmen wird, geht es um eine Integration aller Satelliten-Module in das ERP-System, wie gesagt in einer Vertikal-Struktur.

Letzte Frage: Glauben Sie ist dafür das Bewusstsein bei den Unternehmen schon vorhanden?

Ich denke, viele Unternehmen haben erkannt, welche Bedeutung ERP und BI für sie haben. Wo das Bewusstsein noch fehlt, ist bei der Datenqualität.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch!

www.wu.ac.at/erp

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