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Serie: IT-Forschung in Österreich

Hilda Tellioglu - "Nicht immer nörgeln, wie arm die Frauen sind"

Hilda Tellioglu ist assoziierte Professorin am Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung der TU Wien und zudem stv. Studiendekanin für Wirtschaftsinformatik.

Die Armenierin Hilda Tellioglu, studierte Informatik an der TU Wien: Sie ist sehr engagiert, wenn es um „Frauen und IT” und die Rolle der Wirtschaftsinformatik geht. Ihr Beispiel zeigt, dass Frauen in der Informatik gute Berufschancen haben. (Foto: privat)

Sie wurde in Istanbul geboren und besuchte dort die "St. Georg Austrian High School". Danach wechselte Hilda Tellioglu an die TU Wien, um dort Informatik zu studieren. Die Armenierin mit österreichischer Staatsbürgerschaft ist assoziierte Professorin am Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung der TU Wien und zudem stv. Studiendekanin für Wirtschaftsinformatik

Warum haben Sie eigentlich Informatik studiert?

Es hat mich einfach interessiert. Mir war es immer wichtig, Sachen zu verstehen und nicht auswendig zu lernen. Ich habe mich immer für logische Zusammenhänge interessiert, da war ich schon im Gymnasium sehr gut. Außerdem hab ich mir gedacht, ich studiere etwas, wo man gut verdienen kann.

Sie sind auch sehr in Sachen "Frauen und IT" engagiert, und Mitglied des Frauen-Arbeitskreises der österreichischen Computergesellschaft. Was ist Ihre Motivation für dieses Engagement?

Mir geht es vor allem ums Netzwerken. Dabei möchte ich eine Plattform aufbauen, aber eigentlich nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer. Wichtig ist, nicht immer nur zu nörgeln, wie arm die Frauen sind und wie schlecht es ihnen geht, sondern etwas zu tun. Die Plattform bietet uns die Möglichkeit, voneinander zu lernen, aber auch Unterstützung anzubieten, im Moment sind etwa 160 bis 170 Personen mit dabei.

Sie haben erst letztes Jahr ein Interview für das Buch "Frauen im Netzwerk der IKT" gegeben, wie kam es dazu?

Ich denke, ich wurde ausgewählt, weil ich einen etwas anderen Zugang zur Informatik habe. Ich finde, Frauen sollen alle Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten haben. Aber nicht, weil die Frauen jetzt so arm sind, sondern die Frauen müssen sich schon auch dafür interessieren. Zwingen kann man die Leute schließlich nicht. Ich habe ein Projekt gemeinsam mit der Frauenberatung Zwettl gemacht. Wir haben dabei versucht, arbeitslose Frauen in 18 Monaten zu IT-Systemadministratorinnen auszubilden. Das geht, aber nur wenn sich jemand dafür wirklich interessiert. Bei einigen Frauen hat sich herausgestellt, dass sie einfach nicht dafür geeignet waren. Das zeigt: Wir können jetzt nicht hergehen und sagen: wir brauchen so und so viel Frauen in der IKT, sondern die Frauen müssen sich schon wirklich dafür interessieren.

Aber an der TU Wien studieren noch immer herzlich wenig Frauen Informatik...

Ja leider. Aber wir haben dafür bei den BewerberInnen für Professuren und teilweise auch bei den Professuren selbst einen hohen Anteil an Frauen mit Migrationshintergrund. Die meisten kommen aus Ländern wie Slowenien, Ungarn, Rumänien oder Bulgarien, und diese Frauen sind ausgezeichnet ausgebildet.

Wieso sind uns die östlichen Ländern da voraus?

Es gibt inzwischen Untersuchungen darüber, dass der Anteil der Technik-Studierenden, unabhängig vom Geschlecht, eng mit der ökonomischen Situation zusammenhängt. Das bedeutet tatsächlich: Eine schlechte wirtschaftliche Lage führt zu einer höheren Technikerinnenquote.

Welche Eigenschaften bringen Frauen mit, die gut für die IKT-Branche sind?

Wenn wir mal unsere Studierenden betrachten, sind Frauen besonders gut in den Bereichen Design von User Interfaces und Usability. Sie verstehen viel davon und vor allem interessieren sie sich sehr dafür, Frontendsysteme zu entwerfen und zu entwickeln. Männer sind dafür besser in den Algorithmen, wollen aber meist mit den Usern wenig bis kaum Kontakt haben. In der Kombination dieser zwei Talente wird das Optimum erreicht.

Zurück zu Ihnen persönlich: An welchen Forschungsprojekten arbeiten Sie zurzeit?

Derzeit habe ich ein EU Projekt unter dem Titel TRICE im Laufen. TRICE steht für Teaching, Research and Innovation in Computing Education. Insgesamt geht es im Projekt darum, Verbindungen zwischen Training, Forschung und Innovation zu finden und zu schaffen. Einerseits ist die Lehre ja forschungsgeleitet, andererseits auch von der Industrie bestimmt. Wichtig ist die Transparenz, aber auch die Kunst, wie man welche Verbindungen schafft.

Im Projekt "KommTUI" beschäftigen wir uns mit den Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten alter Leute. Ziel ist die Entwicklung eines lauffähigen Prototypen zur Unterstützung von sozialer Kommunikation und Interaktion älterer Menschen mittels partizipativer und kreativer Designmethoden. KommTUI beschäftigt sich damit, inwieweit alte Leute Kommunikationssysteme mit "Tangible User Interface" intuitiv bedienen können. Es ist leider so, dass viele ältere Leute kaum oder wenn, dann nur wenig Computer-Kenntnisse besitzen. Der ständige Hardware-Wechsel und viele Benutzeroberflächen überfordern zudem oft alte Menschen.

Da Sie gerade die ständige Veränderung angesprochen haben, welche Trends sehen Sie denn aktuell in der Informatik?

Die Informatik entwickelt sich rasant. Vieles im Leben passiert schon Internet-basiert. Und wir wissen noch gar nicht, was die Vernetzung alles möglich machen wird. Allein durch Cloud Computing hat die IKT eine ganz andere Dimension bekommen. Die Unternehmen verändern sich durch diese Entwicklung auch rasant. Das bietet wiederum ein spannendes Betätigungsfeld für Wirtschaftsinformatik. Die Frage ist auch: Was bringt letztlich die Virtualisierung und Globalisierung?

Sie sind ja seit 2008 auch stv. Studiendekanin für Wirtschaftsinformatik, welche Entwicklung sehen Sie da?

Spannend ist natürlich, dass Unternehmen, ja sogar KMUs, in vielen Projekten mitmachen können. Sie können quasi "andocken", egal wo sie sich befinden. Die Produktion von Gütern passiert irgendwo auf der Welt. Die Wertschöpfungsketten werden immer länger, komplexer, aber machbarer. Damit entstehen virtuelle Unternehmen, diverse neuen Formen der Kooperationen. Das ist genau das, womit sich die Wirtschaftsinformatik beschäftigt.

Und wie sieht Ihre Arbeit als Vizestudiendekanin aus, gibt es Veränderungen?

Ja, wir sind gerade dabei, die Studienpläne umzustellen. Da heißt es gut planen, denn sie gelten dann für die nächsten drei bis fünf Jahre. Da geht es um Themen wie Change Management, Unternehmens-Ethik, ERP, Innovation, aber auch soziale Netzwerke oder Medieninformatik.

Abschließend gefragt: Sie sind verheiratet und haben ein Kind. Wie schaffen Sie Karriere mit Kind? Bleibt Ihnen noch Zeit für Hobbys?

Ohne meinen Mann wäre das nicht möglich. Unser Sohn wird bald neun Jahre alt. Ich bringe ihn in der Früh zur Schule, mein Mann holt ihn dann ab und verbringt viel Zeit mit ihm. Unsere Freizeit ist am Wochenende, da sind wir am liebsten an der frischen Luft. Wir gehen gern wandern und Rad fahren.

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