Gerade eben hat das amerikanische Analystenhaus EMA die "Top Ten Trends in Business Intelligence and Analytics for 2011" in einer Advisory Note zusammengefasst (s. Kasten). Geht man danach, so steht der Bereich Business Intelligence (BI) erstens vor einem Umbruch, sowohl was Technologie als auch Nutzerschaft angeht und ist damit zweitens ein lohnendes Geschäft für Anbieter und Berater - für große, mittlere und sogar kleinere Unternehmen. Grund genug, eine BI-Expertenrunde bei SAP Österreich zu versammeln, um über den praktischen Nutzen von BI, aber auch Trends und Entwicklungen zu diskutieren.

„Wir sehen, dass immer mehr daran gedacht wird, das Thema Social Media und BI zu verheiraten.” Mag. Herbert Brauneis, Plaut Gruppe
Unterschiedliche BI-Sichtweisen
Business Intelligence, das kann vieles bedeuten. Während die einen stolz auf ihr ERP-System, oft auch die Nutzung von Excel und daraus resultierende Reports sind, sehen andere BI viel breiter. In einem Satz gesagt: Es geht darum, alle Informationen im Unternehmen intelligent so zu nutzen, um besser zu agieren zu können.
"Wir sehen BI als Instrument, um den Mitarbeitern Informationen zur Verfügung zu stellen", brachte es Markus Menzel, Sales Manager beim weltweiten Open Source-BI-Anbieter Jaspersoft, auf den Punkt. "Wir stellen die Open Source-Technologie den Kunden zur Verfügung, damit er selbst daraus machen kann, was er will", sagte Menzel. Die Kunst bestehe darin, dass so einfach zu tun, dass es tatsächlich jeder benutzen kann. "Das Tool und Werkzeug wird wie etwa Office benutzt, dann ergibt sich ein Mehrwert für die jeweilige Aufgabe oder Organisation", erklärte Menzel.
Die gleiche Strategie vertritt auch Cubeware: "Wir bieten BI-Lösungen für den Mittelstand und für Fachbereiche in Konzernen, unser Fokus liegt dabei auf Einfachheit für so viele Anwender wie möglich", so Markus Sümmchen, Leiter der Produktentwicklung bei dem deutschen Unternehmen, das nun seit 14 Jahren am Markt ist.

„Wir haben nicht nur Excel, sondern auch die Collaboration-Plattform Sharepoint im Portfolio.” Dr. Georg Droschl, Microsoft Österreich
Allerdings habe sich das Selbstverständnis des Anwenders sicher verändert, gab Georg Droschl, BI-Experte bei Microsoft Österreich, zu bedenken. Stichwort Self Service BI: "Der Anwender entscheidet, was er verwendet und ob und wie er Tools verändert, um Entscheidungen zu treffen - unser Ansatz ist daher Self Service BI, gemanagt durch die IT-Abteilung", betonte Droschl.
Eine Strategie, die auch die deutsche pmOne vertritt. "Wir sind ein BI- und Performance-Management-Unternehmen, wir unterstützen Self Service BI, Infrastruktur, auch klassisch im Finanzbereich - dort schlägt sich die Brücke zum Corporate Performance Management, wo es um Prozesse im Controlling geht, Dinge wie Unternehmens- und Finanzplanung, Konzern-Bilanz-Konsolidierung - da gibt es noch viele Detailbereiche", erklärte pmOne Vorstand Gert Fahrnberger. pmOne wurde 2007 gegründet, hat derzeit rund 130 Mitarbeiter im deutschsprachigen Raum und setzt auf Microsoft Technologie: 2010 wurde pmOne "Microsoft Country Partner of the Year". Außerdem vertritt pmOne Targetik, einen italienischen BI-Hersteller.
BI-Beratung lohnt sich
Das große Interesse an BI-Lösungen freut auch die heimischen BI-Berater. Gute Beratung erfordert auf alle Fälle eine intensive Zusammenarbeit mit den Unternehmen, denn der Berater muss die Unternehmensprozesse kennen und verstehen lernen. "Ganz wesentlich ist es, die Bedürfnisse des Kunden, aber auch die unterschiedlichen Benutzergruppen zu erkennen. Allerdings denke ich, dass die Usability noch stärker als bisher in den Vordergrund zu stellen ist", richtete Herbert Brauneis, seit Anfang August Marketing-Chef der Plaut-Gruppe, einen eindeutigen Appell an die BI-Hersteller. Plaut ist zwar auf SAP-Projekte spezialisiert, hat aber seit kurzem auch eine Partnerschaft mit dem börsenotierten BI-Shootingstars QlikTech geschlossen. (s. Interview mit Wolfgang Kobek, S. ...). Im ersten Halbjahr 2011 konnte Plaut seinen Umsatz um 16 % steigern.
"Wir wollen weniger missionieren, sondern den Kunden fragen, was er unter BI versteht", verdeutlichte Bernd-Logar, verantwortlich für den SAP- und BI-Sektor beim Beratungshaus Cirquent, seine Zugangsweise. "Eine Betriebsdatenbank auf einer SQL-DB entwickelt, ist auch BI, hat aber wenig mit einer ERP-BI-Lösung, auch SAP basierend, zu tun. Und diesen breiten Ansatz versuchen wir, mit den Kunden zu diskutieren", berichtete Logar aus seinen Erfahrungen mit Unternehmen. Seit Herbst 2008 gehört Cirquent (1971 als Softlab gegründet) zu 72,9% der NTT Data, einer Tochtergesellschaft der NTT aus Japan, und zu 25,1% der BMW Gruppe. Cirquent hat aktuell rund 1.500 Mitarbeiter.Die Bedeutung von BI werde jedenfalls noch stark zunehmen, "es wird ein Instrument werden, das der Entscheidungsträger täglich brauchen wird", prognostizierte Univ.-Prof. A Min Tjoa vom Institut für Software Technologie und Interaktive Systeme der TU Wien. Das sei aber auch mit großen Herausforderungen für die IT-Abteilung verbunden, einerseits wegen der großen Datenmengen, andererseits wegen der drohenden Security-Gefährdung, etwa durch die Nutzung von Daten-Sticks.
Massiver BI-Umbruch
"Wenn man sich die aktuellen Trends wie Mobile und Social Media ansieht, ist BI heute noch viel weiter. Das ist ziemlich massiv, was da soeben passiert", verdeutlichte Christian Langmayr, DACH-Marketingmanager von Microstrategy die derzeitige Entwicklung. Er nannte vier Trends: 1. Social Media, 2. Cloud, diese beiden seien erst im Kommen, während 3. Big Data und 4. Mobile bereits voll im Gange seien. Vor allem "dieses Ding (zeigt sein iPad) hat alles auf den Kopf gestellt. Heuer auf unser Kundenkonferenz im Juli gab es niemanden mehr ohne". Auch kleinere Unternehmen hätten durch BI verbesserte Marktchancen. "Sie sind damit einfach schneller an ihren Daten dran, sie müssen künftig auch schneller dran sein. Mit BI bekommen Unternehmer über den gesamten Prozessbereich eine ganz andere Möglichkeit, auf ihr Unternehmen einzugehen. Gerade KMU brauchen diese Produktivitätsvorteile, um gegen die Großen zu gewinnen", sagte Langmayr.

„2013 wird sich mehr als ein Drittel der Unternehmen mit Social Media Analytics auseinandersetzen.” Dietmar Kotras, SAS
Größte Bedeutung hat aber die Geschwindigkeit. "Ein Timelag von drei Monaten, bis dem Management alle Infos vorliegen, das ist tödlich. Unser Learning daraus: Manager brauchen Realtime-data, wir setzen daher auf die In-Memory-Technologie", erklärte SAP-Chef Muther. Dabei werden die Daten direkt im Hauptspeicher analysiert. Ein großes Thema sei dabei allerdings die Datenqualität. Ohne aktuelle Daten und entsprechende Datenspeicherung seien keine Auswertungen möglich.
Einstiegshürden meistern

„Wir gehen über klassische interne Prozessauswertung weit hinaus - und das ist erst der Anfang.” Christian Langmayr, Microstrategy Deutschland
"BI wird erwachsen, in der Vergangenheit ging es um Berichtswesen aus dem Controlling heraus. Heute habe ich Back Office, Mid Office, Front Office-Funktionen, die sich alle mit BI auseinandersetzen - egal ob Risk Management, regulatorische Vorgaben oder Kampagnenemanagement in Telcos. Das heißt, die Breite von BI nimmt einfach unglaublich zu, und damit auch der Reifegrad", betonte SAS-Chef Kotras.
BI ist auch sehr viel operativer geworden. "Etwa, wenn man ein Ticket bei einem Airline-Portal online bucht. Die Preisfindung ist im Grunde BI und erfolgt realtime", hatte Gert Fahrnberger von pmOne ein Beispiel parat. Und er brachte gleich noch eines: "Auch der Bankangestellte, der den Kunden am Schirm hat und sieht, welche Produkte er jetzt aufgrund der Kunden-Historie anbieten könnte - auch da steckt BI dahinter."
Wie brauchbar ist Excel?

„Wir wollen weniger missionieren, sondern den Kunden fragen, was er unter BI versteht.” Bernd Logar, Cirquent
"Wir haben ja nicht nur Excel, sondern auch die Collaboration-Plattform Sharepoint im Portfolio", beeilte sich Microsoft-Experte Georg Droschl hinzuzufügen. Außerdem besteht auch über Excel Zugang zu den Daten. "Im Rahmen von Office 2010 gibt es eine Technologie, die heißt Power Pivot, die in der einfachsten Variante kostenlos zur Verfügung steht", so Droschl. Microsoft verfolgt diese Strategie konsequent, für den 10. November ist die Vorstellung der kommenden Version des Microsoft SQL Server "Denali" in Wien geplant. Dort wird die aktuelle Business Intelligence Technologie von Microsoft inklusive dem neuen Front-end für Business User "Crescent" vorgestellt. Die Teilnahme ist kostenlos und auch per Web Cast möglich."
Die Kunden-Perspektive
Zwei Trends sieht Open Source-Vertreter Markus Menzel von Jaspersoft bei den Kunden: "Für existierende BI-Lösungen gilt: Die Unternehmen überdenken gerade ihre BI-Strategie. Was wurde getan, was erreicht, oder gibt es gar eine bessere Lösung? Bei Unternehmen, die sich jetzt für BI entscheiden, merken wir: Sie gehen weitaus differenzierter an das Thema heran". Der Konsument ist mündig geworden und weiß genau, was er will, auch was er dafür bezahlen will. "Was die Infrastuktur angeht, da ist der Bereich ETL im Augenblick enorm am Rotieren, da gibt es auch dezidiert darauf spezialisierte Anbieter", fügte Menzel hinzu. Extract, Transform, Load (ETL) ist ein Prozess, der Daten aus mehreren auch unterschiedlich strukturierten Datenquellen in einer Zieldatenbank vereinigt.

„Unternehmen, die sich jetzt für BI entscheiden, gehen weitaus differenzierter an das Thema heran.” Marcus Oliver Menzel, Jaspersoft
"Wir sehen einen ganz klaren Trend zur Standardisierung beim Kunden, im SAP- und BI-Markt", sagte SAP-Chef Muther. Derzeit gebe es in den Unternehmen zu viele Daten, oft "Datenfriedhöfe" und zu viele Reports. "Ich glaube, weniger ist mehr, eine IT-Abteilung muss mit der Fachabteilung intensiv diskutieren, welche Reports überhaupt benötigt werden", so Muther. Zur Standardisierung gehört noch ein weiterer Trend. "Es geht in Richtung Enterprise BI und weg von Abteilungslösungen", schloss Gert Fahrnberger von pmOne an.
"Es braucht jedenfalls Top-Management-Unterstützung, diese Transparenz, die BI mit sich bringt, sich auch zu wagen, sich am Anfang erst mal auch auf Kennzahlen zu einigen", beschrieb Christian Langmayr von Microstrategy den Kulturwandel und großen Schritt in Richtung "gläsernes" Unternehmen. Das bringe aber auch eine Gefahr mit sich, denn der Bereich Information Design sei "noch unterbelichtet". Es gehe darum, ein gemeinsames Verständnis zu schaffen, wie Information dargestellt wird. "Man hat nichts davon, wenn eine Abteilung sich viel besser darstellt, indem sie etwa eine Skala abschneidet", warnte Fahrnberger.
Sicht erweitern

„Für uns ist wichtig, dass wir eine Gesamtlösung anbieten können.” Dr. Andreas Muther, SAP Österreich
"BI ist nicht nur Reporting, sondern vor allem auch Analytics. Wenn etwa Mc Donalds in einer bestimmten Region für eine bestimmte Zielgruppe ein oder mehr Produkte um 10 % reduziert - das ist echte Analytics", hatte Prof. Tjoa ein praktisches Beispiel parat. Da sei allerdings auch die Ausbildung gefordert. "Was sagt ein neuronales Netz aus, was sagt eine Clusteranalyse, was heißt überhaupt Signifikanz", gab Tjoa Einblick in die universitäre Lehre. Wichtig sei es auch die wirtschaftliche Seite zu verstehen, um dann richtig interpretieren zu können.
"Ich glaube nicht, dass eine BI-Strategie notwendig ist", provozierte SAS-Chef Kotras und hatte dazu auch ein Beispiel: "Ein Telco-Unternehmen hat aus einen CRM-Ansatz heraus entschieden, wir wollen Kampagnen-Management machen, wir wollen Multi-Channel bespielen. Jetzt sind sie so weit, dass sie sagen: Ich möchte den Customer Lifetime Value wissen und bestmöglich bespielen. Das heißt, für Unternehmen ist es eine Kunden-Strategie - und nicht BI-Strategie", betonte Kotras. Nachsatz: Dahinter stecke aber natürlich eine BI-Lösung.
Social Media und BI

„Wir erleben derzeit den größten Technologiewandel seit 15 Jahren, mit In-Memory, mit Cloud, mit Mobile.” Dipl.-Inf. (FH) Markus Sümmchen, Cubeware
Beispiel Textil-Mode-Einkäufer eines großen Textilherstellers: "Er hat über sein Tablet vor Ort immer die aktuellen Daten parat und sieht auch sofort, wie reagiert meine Facebook-Community auf bestimmte Angebote, die ich gerade vorgestellt habe", beschrieb Christian Langmayr die neuen Möglichkeiten. "Der Einkäufer ist damit ganz dicht an seiner Zielgruppe dran und kann sofort reagieren und Entscheidungen etwa an Lieferanten weitergeben. Wir gehen damit über klassische interne Prozessauswertung weit hinaus - und das ist erst der Anfang", prognostizierte der Microstrategy-Manager.

„BI wird ein Instrument werden, das der Entscheidungsträger täglich brauchen wird.” Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. A Min Tjoa, TU Wien
Das amerikanische Beratungshaus EMA hat im Juli zehn Top-BI-Trends formuliert.
- Mobile BI - Einbindung von iPhone, iPad und Co.
- Advanced Analytics: Detaillierte Vorhersage Modelle zur Analyse werden immer mehr in die BI-Software integriert
- Fusionen: traditionelle SW-Anbieter kaufen Geschäftsbereiche zu
- BI greift um sich: Immer mehr Menschen im Unternehmen nutzen BI und wollen immer mehr Analysen haben
- Forderung nach mehr Collobaration durch die Google Generation und Social Media Integration
- Cloud Computing: Der Cloud-Trend setzt sich fort
- Daten-Explosion
- Mittelstand und BI: SaaS und OpenSource sind gute Chancen auch für KMUs, auch große Anbieter sollten laut EMA nicht auf den KMU-Markt verzichten.
- Open Source BI: EMA erwartet ein historisch gutes Geschäftsjahr für Open Source Anbieter. Angebotspalette wurde stark erweitert, aus Tools wurden ganze integrierte Plattformen.
- Einschneidende Ereignisse: Google steht nach Ansicht von EMA in den Startlöchern für ein eigenes BI-Angebot
Dr. Georg Droschl, Product Marketing Manager BI, Microsoft Österreich
Gert Fahrnberger, MBA, Mitglied des Vorstands, pmOne
Dietmar Kotras, Country Manager, SAS
Dipl.-Kfm. Christian Langmayr, Director Marketing DACH, Microstrategy Deutschland
Bernd Logar, Vice President, SAP & BI, Cirquent
Marcus Oliver Menzel, Country Manager Sales, Central & Eastern Europe, Jaspersoft
Dr. Andreas Muther, Geschäftsführer SAP Österreich
Dipl.-Inf. (FH) Markus Sümmchen, Leiter Produktentwicklung, Cubeware
Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. A Min Tjoa, Institut für Software Technologie und Interaktive Systeme, TU Wien





1/2012
8/2011
7/2011


Alexander Hackl ist freier Journalist in Wien. Er ist Absolvent des Master- Programms „Qualitätsjournalismus“ an der Donau-Universität Krems und spezialisiert auf Technologiethemen. Seit drei Jahren ist er als Autor für den MONITOR und das Wirtschaftsmagazin FORMAT tätig. Das Hauptaugenmerk in seiner Arbeit liegt auf Informations- technologie im Kontext gesellschaftlich-wirtschaftlicher Zusammenhänge. 