Zukünftig wird sich Sustainability Performance Management als operatives Werkzeug zur Verbesserung der Nachhaltigkeitsleistung direkt im Tagesgeschäft der Unternehmen etablieren, "und zwar vollkommen integriert in konventionelle Controllingprozesse", glaubt Christian Campagna, Leiter des Bereichs CFO-Services bei der Unternehmensberatung Accenture.
Der Spezialist für nachhaltiges Unternehmensmanagement Rudolf X. Ruter sieht die Verantwortlichkeit nachhaltige Kennzahlen zu definieren in erster Linie bei der Chefetage. Es handelt sich um ein sensibles Metier, das unternehmerische Interessen und die Bedürfnisse von Gesellschaft und Ökologie auszubalancieren hat.
Heute leitet der frühere Unternehmensberater Ruter den Arbeitskreis Nachhaltiges Unternehmensmanagement bei der Schmalenbach-Gesellschaft (www.schmalenbach.org). "Die Strategieabteilung trägt in der Regel die Verantwortung über den Nachhaltigkeitsbericht, aber der Finanzvorstand proklamiert gleichzeitig die Oberregie über die Kennzahlen", gibt der Nachhaltigkeitsspezialist zu bedenken.
Der Experte plädiert generell dafür, das CO2-Berichtssystem stärker von der Umweltabteilung direkt in die Hände der Finanzabteilung zu verlagern. "Die Qualität der Kennzahlen muss drastisch steigen", sagt Ruter, bestätigt aber gleichzeitig, dass es das eine Kennzahlensystem als Blaupause für jedes x-beliebige Unternehmen nicht geben könne.
Denn auch die Reduktion von hunderten Kennzahlen zu einem Gesamtkunstwerk - etwa mit einem Dutzend heraus destillierter Schlüsselfaktoren (KPI's) - stelle letztlich keine Garantie für eine konsistente Gesamtstrategie dar. Denn während das eine Unternehmen sich bei den Umweltkennzahlen auf die CO2-Emissionen konzentriere, richte ein anderes das Augenmerk auf die Stickstoffoxide (NOx).
"Das Beispiel der Kinderarbeit bei der weltweiten Handyproduktion hat uns die Grenzen universell gültiger Ansätze aufgezeigt", so der Experte weiter. Die Wahl der richtigen Kennzahlen hänge deshalb entscheidend von der Geschäftsausrichtung des Unternehmens ab, bestätigt auch Christian Campagna. Für ein Unternehmen der Fischindustrie ziehe dies folglich anders lautende branchenspezifische Anforderungen nach sich als bei einem Papierproduzenten oder einem Maschinen- und Anlagenbauer.
Relevant neben branchen- und unternehmensspezifischen Kennzahlen sind folglich auch KPIs mit einer gewissen Allgemeinbedeutung. "An erster Stelle stehen hier die Treibhausgasemissionen", bilanziert Campagna. Für ein petrochemisches Unternehmen wäre dies beispielsweise die Kennzahl "tCO2e / tonne production". Denn bei dieser Kennzahl hätten Entwicklungen fast immer eine unmittelbare Auswirkung auf die Finanzplanung.
Der erfolgreiche Schritt liegt nicht zuletzt in der Umsetzung mit Hilfe von leistungsfähiger Monitoring- und Analysesoftware begründet. Als Grundlage zur Erfassung dient häufig das "GHG Protocol", ein durch die Greenhouse Gas Protocol Initiative entwickelter Standard zur Erfassung von Treibhausgasen. "Dieser teilt die Emissionen in drei Gruppen ein, je nach Quelle und Prozesszuordnung der Emissionen", skizziert Peter Nolden, bei der Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft für den Bereich Climate Change and Sustainability Service verantwortlich.
Der Nachhaltigkeitsexperte hält jedoch auch diese konzeptionelle Hürde für überwindbar. Lediglich jene Emissionen, die mit indirekten Aktivitäten des Unternehmens zusammenhingen, und deren Quelle nicht zum Unternehmen gehöre, oder die sich nicht unmittelbar kontrollieren ließen, etwa infolge zugekaufter Dienstleistungen, seien für Unternehmen schwieriger zu erfassen. Bei der Auswahl der Softwaretools greifen Anwender zum einen auf Drittanwendungen zurück. "Andere wiederum entwerfen eigene unternehmensspezifische Erfassungssysteme", fasst Nolden zusammen.
Wie die Umsetzung in der Industrie erfolgreich gelingen kann, skizziert Thomas Odenwald, Chief Technology Officer beim Nachhaltigkeitsspezialisten PE International. Eine systematische Datenerfassung zur Berechnung des Carbon Footprints setze auf bereits vorhandenen Systemen und Softwarelösung auf. "Die PE Software etwa vernetzt Nutzer und Systeme an verschiedenen Standorten und in verschiedenen Abteilungen, indem sie die Daten gleichzeitig effizient in den CAD-, PLM- und ERP-Systemen integriert."
Praxischeck: So gelingt die Umsetzung des grünen Fußabdrucks im Unternehmen
Als wesentlicher Treiber zum "going green" für börsennotierte Unternehmen gilt der Umstand, sich verstärkt mit gesetzlichen Anforderungen und Umweltauflagen auseinanderzusetzen. Aber auch bei den Mittelständlern fordern Rating-Organisationen und Investoren ihren Tribut. Fachabteilungen und Finanzvorstände sollten deshalb intensiv kooperieren. Die Sisyphusarbeit besteht darin, den individuellen CO2-Fußabdruck mit Hilfe von leistungsfähiger Software zu implementieren und rasch an neue Anforderungen anzupassen.
"In the Cloud", also direkt im Netz betriebene und aktualisierte Anwendungen, tragen maßgeblich dazu bei, flexibel auf neue Parameter zu reagieren. Des Weiteren sinken die Einführungskosten und laufenden Budgets im Vergleich zum längeren Softwarezyklus gegenüber stationären Lösungen. Dies gilt erst recht für von den Unternehmen erstellte CO2-Bilanzen und das dafür erforderliche Berichtswesen.
Ein halbes Jahr bis zur Einführung einer neuen Lösung wäre gerade aus Sicht der Finanzabteilung eine kleine Ewigkeit. Ohnehin liegt die Sisyphusarbeit in der Detaillierung von relevanten Kennzahlensystemen anhand von leistungsfähiger Software. Denn der Carbon Footprint steht für das Treibhauspotenzial eines Produktes oder einer Dienstleistung entlang dem gesamten Lebenszyklus (cradle-to-grave). "Zahlreiche Unternehmen haben mittlerweile Nachhaltigkeitsabteilungen gegründet und stellen sich die Frage, mit welchen Tools sich eine größtmögliche Transparenz herstellen lässt", sagt Manfred Heil, Geschäftsführer beim Nachhaltigkeitsspezialisten WeSustain (www.wesustain.com).

„Das GHG Protocol teilt die Emissionen in drei Gruppen ein, je nach Quelle und Prozesszuordnung der Emissionen.” Peter Nolden, Ernst & Young GmbH
Zu den großen Anbietern im IT-Umfeld gehört auch der deutsche Softwarespezialist SAP selbst, der etwa mit SAP BusinessObjects Sustainability Performance Management oder dem SAP Carbon Impact konkrete Werkzeuge anbietet, mit deren Hilfe das Management via Dashboard-Funktionen einen kompletten Überblick über definierte Faktoren für das nachhaltige Wirtschaften einschließlich der Steuerungsfunktionen gewinnen kann.
Die systematische Erfassung von relevanten Umweltdaten, zur Ermittlung und dem Monitoring von KPIs, bis hin zum individuellen CO2-Fingerabdruck, ist somit prinzipiell heute schon in Reichweite. Ein zentrales Auswahlkriterium liegt in der flexiblen Anpassung durch eine webbasierte Software zur Datenerfassung.
Ob die Initialzündung der Unternehmen zum grünen CO2-Fußabdruck mit einem freiwilligen Bekenntnis erfolgt oder nicht, eine leistungsfähige Informationstechnologie hat sich der Herausforderung zu stellen, neben den konventionellen möglichst auch alle CO2- bzw. umweltrelevanten Kennzahlen abzubilden. Dazu kann es jedoch keine vollständig optimierte Bewertungsmethodik geben, da jedes Modell immer subjektive weiche Werturteile und Bewertungsfaktoren enthält.
Keine "Datengräber" produzieren

„Eine systematische Datenerfassung zur Berechnung des Carbon Footprints setzt auf bereits vorhandenen Systemen und Softwarelösungen auf.” Thomas Odenwald, CTO PE International
Denn zum passgenauen Design und der Implementierung einer Softwaresuite zur Erfassung des individuellen CO2-Fußabdrucks bedarf es spezifischen Fachwissens, das sowohl intern aufgebaut werden muss, als von kompetenten Dienstleistern bezogen werden kann. Dabei lautet die Vorgabe, unübersichtliche "Datenberge" zu vermeiden, anhand derer sich weder die Datenqualität noch -aktualität ausreichend sicherstellen lässt.
Das Augenmerk sollte bei den IT-Entscheidern deshalb in enger Abstimmung mit den Fachabteilungen darauf ausgerichtet sein, welche Informationen für ein bestimmtes Unternehmen in der jeweiligen Branche für die gesamte Wertschöpfungskette strategisch relevant sind. Erst wenn dies klar ist, lässt sich danach das Informations- und Berichtssystem systematisch auf die Ziele und Rahmenbedingungen ausrichten.
www.globalreporting.org - Die Global Reporting Initiative (GRI) entwickelt Richtlinien für die Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten von Großunternehmen, kleineren und mittleren Unternehmen (KMU), Regierungen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Auch wenn es noch keine einheitlichen Standards gibt, so sind die von der GRI entwickelten Berichterstattungskriterien mittlerweile zur weltweit anerkannten Richtschnur heran gereift.
www.aknu.org - Arbeitskreis Nachhaltige Unternehmensführung in der Schmalenbach-Gesellschaft für Betriebswirtschaft e.V.
www.ioew.de - Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW)
www.ranking-nachhaltigkeitsberichte.de - Das IÖW/Future-Ranking der Nachhaltigkeitsberichte
Als CO2-Fingerabdruck beschreiben Experten den von einem Individuum, Unternehmen, Produkt oder einer Organisation verursachten Ausstoß an CO2-Emissionen. Der Footprint stellt somit die berechnete Menge des Äquivalenzgewichts an Kohlendioxid (CO2) und anderen Treibhausgasen dar, das durch den Energieverbrauch in Verbindung mit einem Prozess einschließlich aller relevanten vor- und nachgelagerter Prozesse entsteht und in die Atmosphäre gelangt. Der CO2-Footprint wird dabei in Kohlendioxid-Einheiten angegeben.
Informationstechnische Unterstützung bei der Durchführung von Ökobilanzen bieten Softwaresysteme wie z. B. Gabi (Anbieter: PE INTERNATIONAL, kostenpflichtiges Tool, www.gabi-software.com), Umberto (Anbieter: ifu, kostenpflichtiges Tool, www.umberto.de) Simapro (Anbieter: pre consult / ifu, kostenpflichtiges Tool, www.simapro.de) und TEAM (Anbieter: PricewaterhouseCoopers / Ecobilan, kostenpflichtiges Tool, www.ecobilan.com).
Die zuvor genannten Softwaresysteme können im Regelfall auch auf "interne" Datenbanken mit Referenzprozessen und Informationen über verwendbare Materialien bzw. Stoffe zurückgreifen. In Frage kommen dazu aber auch externe Datenbanken wie z. B. ecoinvent (Anbieter: ecoinvent Zentrum, kostenpflichtige Datenbank, www.ecoinvent.ch), Probas (Anbieter: Umweltbundesamt, kostenlose Datenbank, www.umweltbundesamt.de) und Gemis (Anbieter: Ökoinstitut, kostenlose Datenbank, www.oeko.de).
Außerdem bieten diverse IT-Anbieter spezielle Lösungspakete an. Diese erfassen meist punktuelle Schnittstellen, etwa indem sie gezielt das Energiemanagement erfassen. So offeriert Anbieter Indat www.indat.net einen Anlagen-Explorer, mit dem sich Energieflüsse wie Strom, Wärme und Emissionen bilanzieren lassen. Berechnete Energiekosten lassen sich so einzelnen Anlagen zuordnen, um Einsparpotenziale zu erfassen.




1/2012
8/2011
7/2011


bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen, war nach dem Studium der Wirtschafts- wissenschaften, Organisation und Informatik zunächst mehrere Jahre als Gruppen- und Projektleiter an einem Institut für angewandte Informatik beschäftigt. Heute ist er in vielfältiger Form als freiberuflicher Management- und Organisationsberater sowie in der Weiterbildung tätig. Schwerpunktmäßig geht es dabei um die Einführung, Entwicklung und Beratung für den praxisgerechten Computereinsatz. 