Wenn Sie auf die letzten fünf Jahre zurückblicken, was waren für Sie Meilensteine bei Softnet Austria?
Zunächst muss ich sagen, dass Softnet I (genauer das Programm K-net Softnet Austria) ausgelaufen ist, wir haben da sieben Projekte abgewickelt. Mit 2010 haben wir dann Softnet II als "K-Projekt" im Rahmen von COMET (Competence Centres for Excellent Technologies) gestartet, und da führen wir nun fünf Projekte durch. COMET wird vom Innovationsministerium (bmvit) und vom Wirtschaftsministerium (bmwfj) finanziell getragen und durch die Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) abgewickelt. Wir haben für Softnet II insgesamt 3,4 Mio. Euro an Projektvolumen zur Verfügung. Das bedeutet allerdings leider eine Kürzung, bei Softnet I haben wir gut doppelt so viel Projektvolumen platziert.
Was ist die Zielsetzung bei Softnet und können Sie mir exemplarisch etwas über die Softnet-Projekte erzählen?
Softnet ist ein Kompetenznetzwerk für angewandte Forschung im Bereich Software Engineering, wobei Forscher von Universitäten und Unternehmen kooperieren. Die Projekte werden neben der FFG auch noch von der steirischen Wirtschaftsförderung (SFG) und dem Zentrum für Innovation und Technologie (ZIT) des Wiener Wirtschaftsförderungsfonds unterstützt.
Es geht uns darum, Methoden und Techniken im Software Engineering zu entwickeln und davon ausgehend Prototypen für die Pilotierung mit den Unternehmen. Ein Projekt bei Softnet I war etwa eine Kooperation von Kapsch CarrierCom mit der Uni Wien und der TU Graz, wobei es darum ging, einen VoIP-Server zu testen. Die Grazer entwickelten dabei funktionale Tests, während an der Uni Wien die Performance untersucht wurde. Tatsächlich konnte schließlich eine Qualitätsverbesserung des VoIP-Servers erzielt werden.
In einem anderen Projekt wurde von der damaligen Siemens PSE (heute Siemens IT Solutions and Services) gemeinsam mit der TU Graz und dem Software Center Hagenberg eine Toolerweiterung zum Testen von Software entwickelt. Auch dieses Projekt hat einen "realen" Abschluss erzielt: Die Erweiterung wird tatsächlich heute im Support Center Test bei Siemens eingesetzt.
Das sind zwei sehr große Unternehmen, haben auch Klein- und Mittelbetriebe (KMU) die Möglichkeit zur Teilnahme?
Ja, etwa hat die Tiroler Softwareschmiede Arctis gemeinsam mit Forschern der Uni Innsbruck den Modellierungsprozess untersucht. Hintergrund des Projekts: In den letzten Jahren haben verschiedene Modellierungssprachen, allen voran die UML (Unified Modelling Language) Eingang in die Software-Entwicklung gefunden. Im Zuge des Projekts ging es daher um die Schaffung eines konzeptuellen Frameworks und die Entwicklung eines Prototyps, der die Definition und Operationalisierung von Metriken auf Basis von UML erlaubt.
In einem anderen Projekt forscht die Wiener SW-Firma Ximes gemeinsam mit der TU Wien und der TU Graz nach Wegen zur Zeitoptimierung innerhalb von Unternehmen. Dabei spielt der große Bereich Anwender-Programmierung (End-User Programming) eine bedeutende Rolle. Der User soll künftig mehr und mehr selbst in der Lage sein, die Software entsprechend seiner Bedürfnisse zu modifizieren. Wichtig ist auch die Schaffung eines "vernünftigen" User Interfaces. Dieses Projekt wird jetzt bei Softnet II auch weitergeführt. Im Moment geht es darum, die entwickelten Methoden der End-User-Programmierung auch in Hinblick auf End-User Testing zu verbessern.
Was ist eigentlich Ihre Motivation für Softnet Austria?
Es ist bemerkenswert, was für ein breites Feld Software-Entwicklung und Qualitätssicherung ist. Wir haben auch keinen Branchen-Fokus und sind offen für alle Fragestellungen im Bereich der Software-Qualitätssicherung. Es ist etwa spannend zu sehen, dass Testingenieure aus der Automatisierungstechnik einen völlig anderen Zugang als Tester aus Banken oder dem Versicherungsbereich haben. Der Zugang zum Test ist eine Sache, die Integration bzw. Entwicklung eines realen Piloten dann eine echte Herausforderung, auch weil neben dem technischen Aspekt kulturelle und organisatorische Herausforderungen zu bewältigen sind.
Was ist bei Softnet II jetzt die größte Herausforderung?
Prinzipiell geht es darum, die bei Softnet I entwickelten Prototypen methodisch zu integrieren, um sie im industriellen Kontext einsetzen zu können. Wir sind aber insgesamt inhaltlich viel breiter aufgestellt. Spannend finde ich im Moment auch ein Projekt, indem wir ein Dashboard für Software Entwicklung umsetzen. Entwickler haben oft eine andere Sicht als Testmanager. Daher werden auch unterschiedliche Views für die verschiedenen Personen benötigt. Das Dashboard zeigt auch, dass wir in der Software-Entwicklung immer mehr in das Feld des empirischen Software Engineerings vorstoßen. Wir werden dieses Dashboard auch für weitere Forschungsaktivitäten im Bereich der Software-Empirie einsetzen.
Abschließend gefragt: Glauben Sie, hat Softwar-Entwicklung made in Austria gegenüber der internationalen Konkurrenz überhaupt eine Chance?
Ja, Software-Entwicklung hat in Österreich definitiv Zukunft. Die IT-Durchdringung der Unternehmen wird auch immer stärker, allein der Bereich Software Maintainance und Wartung daher immer wichtiger. Auch die Qualitätsanforderungen sind deutlich gestiegen. Es geht bei uns weniger um Codierungsarbeit, sondern mehr um Analyse.
Software muss prinzipiell sehr flexibel sein, da die Anforderungen steigen und sich immer rascher ändern. Ein tolles Beispiel, dass SW Entwicklung made in Austria funktioniert ist zum Beispiel die Firma Ranorex in Graz, Spezialist für Testautomatisierung von graphischen Benutzerschnittstellen.
Ist SW Entwicklung nach wie vor eine männliche Domäne, oder gibt es bei Softnet auch Frauen?
Ich freue mich, dass wir eine Reihe von Forscherinnen haben. Ich glaube auch, im Vergleich zu Maschinenbau oder Elektrotechnik gibt es bei den IT-Studiengängen mehr Mädchen. Und wenn es um den IT-Nachwuchs geht, denke ich, muss noch ein Imagewandel stattfinden. IT-Leute sitzen nicht mehr im letzten Eck und verwalten kryptische Codes. Heute ist ein IT-Experte viel mehr gefordert, er muss auch Kommunikationsfähigkeit und Branchenverständnis besitzen und die Bedürfnisse der Leute verstehen. Das können nur gut ausgebildete Leute.
Universitäten / Akademische Partner: Uni Wien, TU Wien, TU Graz, Uni Innsbruck, SW Competence Center Hagenberg (SCCH), Center of Usability Research and Engineering (CURE),
Unternehmen: Siemens IT Solutions and Services, Kapsch CarrierCom AG, Cirquent GmbH, A1 Telekom Austria, Saillabs GmbH, SystemOne GmbH, Ximes GmbH, Cicero Consulting GmbH, AVL List GmbH, Arctis GmbH, Foon GmbH, Kapsch TrafficCom AG, Kämmer GmbH, Ranorex GmbH




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8/2011
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Dr. Eric Scherer ist Geschäftsführer des anbieterunabhängigen Beratungs- und Marktforschungsunternehmens i2s. Er gilt als einer der führenden ERP-Experten und ist Initiator der ERP-Zufriedenheitsstudie. 