Soviel vorweg: Der Markt für Business Intelligence bleibt laut den Analysten von Gartner einer der am schnellsten wachsenden Softwaremärkte weltweit - trotz oder vielleicht gerade wegen der in vielen Regionen schleppenden Wirtschaftsentwicklung. "Ein Zeichen für die strategische Wichtigkeit von BI", so der Schluss von Gartner. Die einschlägigen Softwarelösungen wandeln sich zusehends von Informationsbeschaffungssystemen zu zentralen Entscheidungsplattformen im Unternehmen - für Gartner ein Hauptgrund für das 10 %-ige Wachstum, das dem BI-Markt 2011 vorhergesagt wird.
Einen weiteren Trend sehen die Gartner-Experten in einer Art Googleisierung von BI. So einfach wie eine Internet-Suchmaschine sollen Reporting- und Analysewerkzeuge werden - die Fragestellung in den Suchschlitz eingeben und in Sekundenschnelle ist die individuelle Auswertung da. "Selbstbedienungs-BI" wird das bei Gartner genannt: "BI-Werkzeuge müssen einfach sein, sie müssen mobil sein und sie müssen Spaß machen."
Die rasant wachsende Generation iPhone/iPad unter den Business-Usern diktiert die neuen Ansprüche. Ein dritter wesentlicher Trend lässt sich unter dem Begriff "Speed" subsumieren: Der Trend zu In-Memory-Technologien, die die Informationen - ohne Umweg über Data-Warehouses und die Erstellung komplexer Datenmodelle - aus den operativen Systemen direkt in den Arbeitsspeicher zur Schnellanalyse holen, werde in Zukunft "eine große Menge wertvoller, neuer BI-Anwendungen" möglich machen, ist man bei Gartner überzeugt.
Die Metamorphose von BI
In den nächsten drei bis vier Jahren wird sich BI gravierend wandeln, lautet das Fazit des Gartner Business Intelligence Summit, der Anfang Februar in London stattgefunden hat. Gartner-Vizepräsident und BI-Experte Andi Bitterer erläutert im Gespräch mit dem Monitor den prognostizierten Shift: "Bisher war BI fast ausschließlich von der IT-Abteilung angetrieben. Dort wurden Data Warehouses gebaut, Reporting- und ETL-Tools implementiert. Die End-User wurden zwar nach ihren Bedürfnissen gefragt, aber die Kollaboration zwischen Business und IT war meistens schleppend. Aufgrund der Entwicklung benutzerfreundlicher, einfach zu installierender Reporting- und Dashboarding-Tools nehmen die Business-User das Thema BI jetzt immer mehr selbst in die Hände."
Statt auf die "träge" IT zu warten, kaufen also die Manager in den Fachabteilungen selbst die Tools ihrer Wahl und benutzen sie unabhängig vom IT-Support. Ein zweischneidiges Schwert, räumt Bitterer ein: "Die Gesamtkosten von BI werden dadurch nach oben getrieben, die Integrität von Daten leidet, und nach und nach bildet sich eine Schatten-IT."
Ein weiterer Treiber der Veränderung: Immer mehr analytische Verfahren sind in operationale Anwendungen integriert, sodass der End-User die BI-Komponenten direkt im Kontext des Prozesses benutzt, ohne den Umweg über externe BI-Plattformen. Auch BI-Software als Service, die als Komponente von Anwendungen vertrieben wird, werde in den Unternehmen immer öfter eingesetzt, stellt Bitterer fest.
Trendthema Mobile BI
In London erhellten die Gartner-Analysten die bevorstehende BI-Metamorphose mit mehreren Thesen - überraschend exakte Forecasts gleich inklusive. Bitterer kommentiert für den MONITOR die recht mutigen Vorhersagen.
2013 werden 33 % aller BI-Funktionalitäten über Handheld-Devices konsumiert werden, lautet die erste These. Ab 2012 werden Anbieter und Kundenorganisationen auch dezidierte mobile Analyseapplikationen für spezifische Anwendungsfelder entwickeln. Ob das auch den Anwenderkreis von BI signifikant vergrößern wird?
"Bisher ist mobiles BI im Hinblick auf tatsächliche Implementierungen noch in den Kinderschuhen", gibt Bitterer zu. "Es hat noch einen starken Coolness-Faktor, mit einem iPad herumzulaufen, insbesondere im Management. Aber im Großen und Ganzen warten die Firmen noch auf den konkreten Business Case, bevor sie mit beiden Beinen in das Thema Mobile BI hineinspringen. Es gibt Prognosen, nach denen mobile Mitarbeiter im Direktverkauf beim Kundenbesuch, Ärzte auf Stationen, LKW-Fahrer unterwegs, Produktmanager im Kaufhaus oder Operations Manager am Flughafen nur noch mit Tablets unterwegs sein werden, um zur Entscheidungsfindung vor Ort direkten Zugriff auf Informationen zu erhalten. Der typische Schreibtischtäter als BI-Benutzer wird aber wohl noch lange auf einen schicken Tablet warten müssen."
Die zweite These betrifft die schon erwähnten technologischen Umwälzungen: 2014 werden 30 % aller analytischen Applikationen In-Memory-Techniken nutzen um Skalierbarkeit und Rechengeschwindigkeit zu steigern. Ebenso werden 30 % der Analysewerkzeuge über integrierte Vorhersagefähigkeiten verfügen.
Ist also Datawarehousing bald schon ein alter Hut? "Das Data Warehouse wird durch In-Memory sicher nicht überflüssig", bremst Bitterer. "Aber die Art, wie die Architektur aussieht, könnte sich radikal ändern. Zurzeit sind In-Memory Appliances noch mehr als Sidekick zum Data Warehouse positioniert, um in erster Linie die Query-Performance zu steigern. Dies geschieht durch wesentlich kürzere Zugriffszeiten von RAM gegenüber Harddisk. Allerdings ist man da in puncto Skalierbarkeit und Kosten noch weit von dem entfernt, was ein klassisches Data Warehouse leistet. Durch Konzepte wie spaltenorientierte Datenbank-Systeme und starke Kompression werden In-Memory-Technologien allerdings mittelfristig auch in Data Warehouse-Domänen eindringen, besonders bei kleinen bis mittelgroßen Installationen."




1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. 