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Strategien

Serie: IT-Forschung in Österreich

"Management ist nichts anderes als angewandte Mathematik"

Vor 22 Jahren gründete er den heute renommierten Softwarepark Hagenberg (SWP) und machte Oberösterreich damit Schritt für Schritt zu einer IT-Hochburg. Heute ist Mathematik-Professor Bruno Buchberger, 68, nach wie vor SWP-Leiter und sprüht vor Elan. Der vierfache Vater wurde im vergangenen Jahr verdient zum "Österreicher des Jahres" in der Kategorie Forschung gewählt.

O.Univ.Prof. Dr.phil. Dr.h.c.mult. Bruno Buchberger (Foto: privat)

Wie kam es eigentlich zur Gründung des Software Park Hagenberg?

Das war ein Gespräch mit dem damaligen Landeshauptmann Ratzenböck. Er hat mich gebeten, für eine Region, die in der Krise ist und mit der ich eigentlich nichts zu tun hatte, etwas zu tun. "Ich kann hier zwar keine Schuhfabrik herbringen, aber ich werde mir etwas überlegen", habe ich gesagt.

Es war am Anfang also eine rein persönliche Sache, wo mir klar war: Ich mache etwas für mein Heimatland. Ich habe dann innerhalb von 14 Tagen ein schriftliches Konzept erstellt, nach dem ich heute noch vorgehe. Wichtig ist es, von oben nach unten zu handeln: Also zuerst Forschung, dann Ausbildung, dann Wirtschaft, das heißt Unternehmensgründung und -ansiedlung und damit Motor für die Bevölkerung der Region, damit Gastwirte, Lehrer, Kindergärtnerinnen usw. Arbeit haben. Anfangs bin ich mit 25 Leuten von der Linzer Uni hierher nach Hagenberg gezogen.

Wie ging es nach der Gründung weiter, was waren für Sie wichtige "Stationen" und warum ist Hagenberg so erfolgreich?

Ich habe mir gedacht, in zwei bis drei Jahren habe ich das auf Schiene gebracht, und dann widme ich mich wieder meiner Forschung, aber es ist schwer, da wieder auszusteigen. Dann wären es vermutlich nur 200 Leute geworden statt aktuell rund 2.500. Ich glaube der Grundstein unseres Erfolgs ist, dass ich von der Grundlagen-Forschung ausgegangen bin und wir in Hagenberg alles unter einem Dach unter Leitung eines Universitätsprofessors vereinen: Forschung, Ausbildung und Wirtschaft.

Es gibt 25 Techno-Zentren in Oberösterreich, aber keines ist so erfolgreich wie Hagenberg. Noch einmal gesagt: Die Nabe des Rades ist die Forschung, auch wenn die Grundlagen-Forschung personell zahlenmäßig bescheiden dasteht, da arbeiten etwa rund hundert Leute. Fakt ist: Wir sind international vorwiegend wegen der Forschung berühmt. Wichtig ist auch die Flexibilität, sich laufend auf neue Entwicklungen einzustellen.

Ihre Energie ist bewundernswert, aber Sie sind schon 68 Jahre, haben Sie auch schon über Ihre Nachfolge nachgedacht?

Softwarepark Hagenberg: Luftaufnahme (Foto: SWP Hagenberg )

Ja, ich will mich im Laufe der nächsten zwei bis drei Jahre zurückziehen und "nur" noch Grundlagen-Forschung machen, aber nur dann, wenn ich über die Fortführung des Softwareparks sicher sein kann. Es wird eine eigene Professur ausgeschrieben werden, da bewerben sich dann voraussichtlich etwa 30 bis 40 Leute. Ich habe auch schon einige Leute im Auge, von denen ich weiß, dass sie die Aufgabe machen wollen und können.

Zurück zum Softwarepark selbst. Was ist denn Ihrer Meinung nach ein "Erfolgsknackpunkt"?

Eine Idee muss Kraft haben, was folgt ist Knochenarbeit. Das hat für mich über 20 Jahre tägliche Offenheit für Menschen, Anliegen, Ideen und Entwicklungen bedeutet. Wichtig ist es auch etwas zu erfinden, auf Schiene zu bringen und dann loszulassen.

Ich lese auch täglich die Regionalzeitungen und hole mir da auch Ideen. Wenn ich lese: Da hat ein Oberösterreicher eine Firma im Silicon Valley gegründet, dann frage ich mich, warum nicht bei uns in Hagenberg? So haben wir heute statt einem elf Forschungsinstitute, wir haben Uni- und FH-Lehre, wir haben ein International Masters Programm eingerichtet und neu ein International Incubator Programm gegründet.

Wie sieht das Incubator Programm aus?

Das Incubator Programm habe ich vor zwei Jahren initiiert. Es geht darum, Firmengründungen aus dem IT-Bereich im Softwarepark Hagenberg finanziell zu unterstützen. Die Raiffeisenlandesbank OÖ. hat dazu 3 Mio. Euro an Beteiligungskapital bereitgestellt, Unterstützung kommt auch vom Land OÖ mit rund 1 Mio. Euro für den Betrieb des Incubators. Ansprechpartner und operativ verantwortlich ist der bereits 2001 gegründete Inkubator tech2b.

Die Auswahlkriterien sind sehr streng, wir hatten rund 20 Kandidaten und ich freue mich, dass es jetzt zwei Firmen geschafft haben, isiQiri (www.isiqiri.com, Entwicklung von Sensorsystemen) sowie FL3XX (www.fl3xx.com, Software zum autonomen Management von Flugbetrieben). Es sind derzeit schon weitere zehn bis fünfzehn in Bearbeitung, ich hoffe daher, dass wir bald weitere zwei bis drei Firmen fixieren können. Wir werden jetzt auch eine große Marketing-Kampagne in Deutschland und den USA starten. Außerdem bin ich auf der Suche nach neuen Investoren in Österreich und im Ausland und da schon mit einigen im Gespräch.

Und wie sieht es mit den weiteren Plänen für den Softwarepark konkret aus?

Der größte Wahnsinn war es ja, mit Hagenberg einen Standort praktisch ohne Infrastruktur zu haben. Heute brauchen wir für 2.500 Leute einfach Einrichtungen wie Gaststätten, Kino, Disco, Sportanlagen oder ein Hotel. Ich hoffe, wir haben heuer noch Baubeginn für eine Sporthalle, da bin ich mit dem Land Oberösterreich im Gespräch. Außerdem wird heuer mit der Renovierung des Schlosses, das das RISC (Research Institute for Symbolic Computation ) beherbergt, begonnen.

Nächstes Jahr soll es dann auch ein neues Gebäude für die FH geben. Auch für den Bau eines Hotels führe ich Verhandlungen. Die Schwierigkeit da ist der Betreiber. Fachlich ist die Entwicklung einfacher, weil da sind wir gut unterwegs. Wir haben erst vor wenigen Wochen das Christian Doppler-Institut für Cloud Computing genehmigt bekommen. Auch in Zukunft möchte ich jedes Jahr ein bis zwei neue Institute initiieren.

Wie sind Sie mit der Entwicklung der FH zufrieden?

Im Moment haben wir noch alle Studiengänge voll, ich führe das auch auf unseren guten Ruf und unseren Spitzenplatz in Rankings zurück. Aber der Rückgang in den IT-Studiengängen ist dramatisch, die Österreicher haben auch viel zu wenig Kinder. Die meisten jungen Leute wählen Modefächer.

Daher brauchen wir internationale Studenten und haben vor vier Jahren deshalb ein Internationales Master-Programm gestartet, da wird alles in Englisch unterrichtet. Ich bin auch dabei, Geld von Firmen aufzutreiben, um gute Studenten für ihre Masterarbeit zu uns nach Hagenberg zu holen. Ich werbe dafür weltweit an Unis, die ich kenne, damit sie uns hochbegabte Studenten schicken. Die Hoffnung ist, dass davon ein gewisser Prozentsatz nach dem Studium dann auch in Österreich bleibt.

Warum funktioniert in Oberösterreich so eine gute Symbiose zwischen Uni und FH?

Ich habe damals vorgeschlagen, eine FH-Fakultät für IT in Hagenberg aus der Johannes Kepler Uni heraus zu entwickeln, in Ergänzung zu den damaligen Plänen einer FH in Wels. Die FH für IT wurde von mir dann von meinem Institut aus (RISC) gegründet, und meine RISC-Doktorratsstudenten waren die ersten FH-Professoren.

Bei so viel Elan stellt sich die Frage: Wie schaffen Sie das alles?

Locker. Die Basis ist die Grundlagen-Forschung. Ich bin ja selbst Professor für Computer-Mathematik und darin geübt, komplexe Probleme mit möglichst geringem Aufwand zu lösen. Management ist nichts anderes als angewandte Mathematik, gutes Management begründet sich auch auf Hausverstand und Enthusiasmus.

Wichtig ist für mich auch Meditation, eigentlich das genaue Gegenteil von Mathematik. Das bedeutet, am wichtigsten ist der Abschaltknopf, denn die Stille ist eine wesentliche Erfahrung. Viele Leute denken aber immer nur ans Einschalten...

Letzte Frage: Welche Trends sehen Sie in der IT derzeit?

Für mich läuft alles in Richtung Automatisieren: in Wissenschaft, Technologie, Wirtschaft, Gesellschaft. Aber heute auch: Automatisierung des intellektuellen Prozesses selbst, beim "Erschließen" von neuem, verstecktem Wissen "zwischen den Zeilen" und beim systematischen wissenschaftlich-technischen Erfinden. In der Hardware geht es um immer feinere Ebenen der Natur ("Natureware"), wie z. B. die optische, die DNA-, die Quanten-Ebene, um im 21. Jahrhundert das immer gleichbleibende Prinzip des "universellen" Computers, wohl die genialste Erfindung des 20. Jahrhunderts, in immer neuen Technologien zu realisieren.

www.softwarepark-hagenberg.com

www.tech2b.at

www.risc.uni-linz.ac.at

Geschichte Softwarepark Hagenberg

1989: Einzug vom RISC in das renovierte Schloss Hagenberg mit Mitteln des Landes Oberösterreich

1990: Ansiedlung der ersten Firmen und des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW). Hauptinvestor ist die Raiffeisenlandesbank OÖ.

1993: Beginn des ersten FH-Studiengangs "Software Engineering" und Ansiedlung des Forschungsinstituts FLLL (Fuzzy Logic Laboratorium Linz).

1996: Beginn des zweiten FH-Studiengangs "Medientechnik und -design".

1998: Haus 1-3 des Studentenheims wird eröffnet.

1999: Initiierung des SCCH (Software Competence Center Hagenberg) und Start des FH-Studiengangs "Software Engineering für Medizin".

2000: Beginn der FH-Studiengänge "Computer- und Mediensicherheit", "Software Engineering für Business und Finanz" sowie "Hardware/Software Systems Engineering".

2002: Fertigstellung des neuen Bürogebäudes "IT-Center" sowie Initiierung des Bundesoberstufen-Realgymnasiums (BORG)für Kommunikation.

2003: Ansiedlung der UAR (Upper Austrian Research, Forschungsabteilung für Medizin-Informatik). Studentenheim-Erweiterung (Haus 6 und 7).

2006: 12 Firmenansiedlungen und 150 neue Arbeitsplätze.

2009: Einrichtung einer stündlichen Schnellbus-Verbindung: SWP Hagenberg - Uni Linz und Start des International Incubator Hagenberg.

2011: Über 2.500 Menschen arbeiten und lernen im SWP Hagenberg - an der Erweiterung wird gearbeitet.

O.Univ.Prof. Dr.phil. Dr.h.c.mult. Bruno Buchberger
Professor für Computer-Mathematik an der Johannes Kepler Universität Linz seit 1974. International bekannt durch seine Methode der "Gröbner-Basen" zur Lösung beliebiger nicht-linearer Gleichungssysteme, die er 1965 im Alter von 23 Jahren erfand. Diese Methode ist inzwischen weltweit millionenfach in allen mathematischen Software-Systemen installiert und hat Anwendungen in allen Bereichen der Naturwissenschaft und Technik.

1989 gründete Buchberger den Softwarepark Hagenberg, ein Spin-off seines 1987 gegründeten Forschungsinstituts RISC (Research Institute for Symbolic Computation), mit inzwischen über 2.500 Mitarbeitern und Studenten, 11 Forschungsinstituten, über 20 akademischen Studiengängen und über 50 Firmen.

Buchberger ist Mitglied der Academia Europaea (London) und wurde durch den renommierten ACM Award "Theory and Practice" (San Francisco 2008), den bisher nur drei Europäer erhielten, sowie durch drei Ehrendoktorate ausländischer Universitäten ausgezeichnet. 2010 war er "Österreicher des Jahres" in der Kategorie Forschung (Die Presse).

 

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MONITOR-Autoren
Alexander Hackl

Alexander Hackl ist freier Journalist in Wien. Er ist Absolvent des Master- Programms „Qualitätsjournalismus“ an der Donau-Universität Krems und spezialisiert auf Technologiethemen. Seit drei Jahren ist er als Autor für den MONITOR und das Wirtschaftsmagazin FORMAT tätig. Das Hauptaugenmerk in seiner Arbeit liegt auf Informations- technologie im Kontext gesellschaftlich-wirtschaftlicher Zusammenhänge. ..mehr..

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