Was sind derzeit zentrale Fragestellungen in Ihrem Forschungsgebiet?
Wir beschäftigen uns mit der grundlegenden Frage der Situationserkennung und Situationsvorhersage. Nehmen Sie als Beispiel unsere intelligente Multimediabrille (2009 mit dem Landesinnovationspreis ausgezeichnet) SPECTACLES, ein High Tech Sensor-, Display-, Computer- und Kommunikationssystem in Form einer modischen Funktionsbrille.
Ein miniaturisiertes Anzeigesystem auf der Innenseite der Brille, unmittelbar beim Auge, zeigt beispielsweise als Sportbrille genützt, einem Radfahrer seine Herzfrequenz und als Navigationssystem den Weg. Als Touristenbrille eingesetzt, werden dem Betrachter die Sehenswürdigkeiten, die er gerade vor sich hat, erklärt. Als Rettungsbrille kann dem Feuerwehrmann gezeigt werden, wo sich noch Menschen in Gefahr befinden. Als OP-Brille werden beispielsweise dem Chirurgen die Atmungsaktivität und der Blutsauerstoffgehalt des Patienten gezeigt.
Technische Sensoren erkennen automatisch den Aufenthaltsort, Zeit und Datum, Blickrichtung, Beschleunigung, Helligkeit, Temperatur, Lautstärke. Alle Faktoren zusammen führen insgesamt zu einer Abbildung der Situation in internen Datenstrukturen. Wir verknüpfen diese mit den Intentionen des Benutzers und können so "intelligente" Lösungen, genau zur Situation passend, anbieten.
Welche Forschungsprojekte haben Sie gerade laufen?
Seit Beginn meiner Tätigkeit an der Universität Linz vor zehn Jahren verantworte ich Projekteinwerbungen von insgesamt ca. 7,2 Mio. €. Gegenwärtig sind wir an fünf EU-Grundlagenforschungsprojekten beteiligt. Mit der zunehmenden Verbreitung von Pervasive Computing Systemen wird zunehmend auch das Wirkprinzip solcher Systeme nicht mehr nur auf den einzelnen, sondern auch auf besonders große kollektive Systeme, sogenannte, sozio-technischen Systeme interessant.
Unser FET EU-Projekt "SOCIONICAL" beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen ("Feed-back Loops") zwischen Mensch und "persönlicher" Pervasive Computing Technologie - aber auf der Ebene großer Kollektive betrachtet. Im FET EU-Projekt SAPERE (Eternaly Adaptive Service Ecosystems) werden völlig neue Architekturen für vernetzte, kleine und kleinste versteckte Computersysteme entwickelt, die nach dem Vorbild von in der Natur beobachtbaren Ökosystemen funktionieren. Das FET EU-Projekt OPPORTUNITY versucht Situations- und Aktivitätserkennung durch die spontane Vernetzung ad hoc verfügbarer Sensoren zu sogenannten "Ensembles" zu realisieren.
Die EU-Projekte HC2 ("Human Computer Confluence Research in Action") und PANORAMA untersuchen die Entwicklung von symbiotischen Beziehungen zwischen Menschen und Computersystemen, und sollen Aufschluss über neue Formen von Wahrnehmung, Empfindung, Orientierung und Interaktion in einem "informatisierten Alltag" entwickeln. Auf "nationaler Ebene" setzen wir unsere Situations-, Aktivitäts- und Aufmerksamkeitserkennungsmethoden in Kooperationen mit Industrie und Wirtschaft beispielsweise im Bereich Energieeffizienz und Energiesparlösungen ein (Projekt "PowerSaver"), oder zur Entwicklung neuer Werbetechnologien (Projekt DISPLAYS).
Wie sehen Sie die Entwicklung an Ihrem Institut?
Wir haben derzeit rund 15 Mitarbeiter und durchschnittlich drei neue Dissertanten pro Jahr. Mein aktuelles Engagement in der Forschung umfasst jene Aspekte vernetzter eingebetteter Systeme, die sich mit der Frage des Self-Management und der Self-Organisation spontan vernetzter, interagierender, autonomer Objekte, sogenannter "digitaler Artefakte" beschäftigt. Im Bereich der anwendungsorientierten Forschung liegt der Fokus bei kooperativen Displaysystemen, bei der Entwicklung von autonomen, kontextsensitive Systemen etwa für Siemens und Energieeffizienz (Patente im Bereich Energiesparen auf Basis impliziter Interaktion, Energie AG, Siemens).
Jetzt im Oktober starten zwei neue EU Projekte. Das sind für uns zwei neue Herausforderungen. Erstens mathematische Verfahren zur Verhaltensmustererkennung und zweitens große Service-Ensembles eingebetteter Systeme.
Was würden Sie sich von der Wissenschaftsministerin Beatrix Karl wünschen?
Leistungsvereinbarungen mit Garantien. Feste ("krisensichere") Zusicherungen mit Planungssicherheit für jeweils fünf Jahre, dafür rigorose Leistungsfeststellung und persönliche Verantwortung von Erfolg und Misserfolg.




1/2012
8/2011
7/2011


bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen, war nach dem Studium der Wirtschafts- wissenschaften, Organisation und Informatik zunächst mehrere Jahre als Gruppen- und Projektleiter an einem Institut für angewandte Informatik beschäftigt. Heute ist er in vielfältiger Form als freiberuflicher Management- und Organisationsberater sowie in der Weiterbildung tätig. Schwerpunktmäßig geht es dabei um die Einführung, Entwicklung und Beratung für den praxisgerechten Computereinsatz. 