Unternehmen stehen heute unter großem Druck, Kosten zu senken und gleichzeitig die Innovationskraft, den Kundenservice und das Reaktionsvermögen zu verbessern. Reduzierte Lagerhaltung und schnellere Durchlaufzeiten sind dazu bedeutende Stellschrauben.
"Eine wirtschaftlich sinnvolle Bestandsreduzierung erreicht man aber nicht dadurch, dass man einfach weniger Waren auf Vorrat produziert", erläutert Markus Meißner, Mitglied der Geschäftsleitung und Head of Product Development der AEB GmbH.
Nachhaltige Prozesse sind notwendig

„Spezialisierte Software bietet viele Ansatzpunkte, um die intelligente Bestandsoptimierung zu unterstützen.” - Dr. Maren Martens, Axxom Software AG
Ein besonderes Augenmerk liege dabei auf den operativen Wiederbeschaffungszeiten einerseits, und den notwendigen oder zugesicherten Servicelevels in der Kundenbelieferung andererseits, skizziert der Experte die zentralen Anforderungen.
Die gerade in der Fertigungsindustrie Branchen üblichen Kennzahlen wie Durchlaufzeit, Anlageneffizienz, Lieferservicegrad und Umschlagshäufigkeit stehen meist im Fokus der Optimierungsvorhaben, die von Zulieferern über Verlader und Abnehmer bis hin zu den Logistikdienstleistern reichen.
"Wichtig ist dabei ein durchgängiger Warenfluss zwischen Lieferant, Spediteur, Produktionswerk, Verteilzentrum und Kunde", sagt Andreas Jackel, Berater für Geschäftsprozessmanagementlösungen beim Unternehmen All for One Midmarket AG. Gefragt sind zum einen erprobte und individuell angepasste Standardlösungen.
Diese lassen sich laut Jackel etwa am Beispiel von SAP mit den Werkzeugen Transport Load Builder (TLB) sowie Transport Planning/Versandsteuerung (TP/VS) erfolgreich planen und aktualisieren. "Das ERP-System übernimmt dann die Aufträge und setzt diese in einem voll integrierten Mengen- und Wertefluss im Abgleich mit den vorhandenen Ressourcen und Geschäftspartnern um."
Außerdem erleichtere der Einsatz von Standards wie SAP SCM die geschäftsprozessseitige Einbindung. "Generell ist es wichtig, so wenig wie möglich Medienbrüche zwischen innerbetrieblichen wie überbetrieblichen Abläufen zu schaffen und beide Welten eng miteinander zu erzahnen", regt der Experte an.
Spezialisierte Software hilft
Welche erweiterten Möglichkeiten der Kostenminimierung durch Bestandsreduzierung und -optimierung mit Hilfe von produktiven IT-Lösungen bestehen, das skizziert Dr. Maren Martens, Leiterin Optimization & Consulting, Axxom Software AG: "Spezialisierte Software bietet viele Ansatzpunkte, um die oben beschriebene intelligente Bestandsoptimierung zu unterstützen - von Bedarfsprognosen mit Trend-, Saison-, Ausreißer- und Strukturbrucherkennung, über die Berechnung optimierter Sicherheitsbestände, bis hin zur Beschaffungslogistik auf Lieferantenebene."
Ein Aspekt, der bei der Bestandsoptimierung jedoch von den Betrieben oftmals vernachlässigt werde, sei die strategische Allokation und Optimierung der Warenbestände im Produktions- und Distributionsnetzwerk. "Schließlich ist es entscheidend, nicht nur die richtige Menge an Beständen vorrätig zu haben, sondern diese auch an den richtigen Standorten im Unternehmensnetzwerk zu lagern", so Martens weiter.
Das Unternehmen offeriert seinen Kunden als dazu passenden Lösungsbaustein die Softwarelösung ORion-PI Value Network Optimization, um eine möglichst optimale Bestandsallokation zu ermitteln und bei gegebenen Service-Anforderungen die Gesamtkosten zu minimieren.
Erfolgreiche Erfahrungen aus der unternehmerischen Praxis kann bereits das Fraunhofer IML vorweisen, das nach eigenen Angaben in diversen Projekten eine Bestandsreduzierung von bis zu 20 % und eine Durchlaufzeitreduzierung von bis zu 60 % habe realisieren können. Der Markt biete einige sehr gute IT-Lösungen im Bereich der Bestandsoptimierung, sagt Logistikexperte Achim Schmidt vom IML.
"In der Regel verfügen solche Systeme über ein Analysemodul, durch das mögliche Potenziale ausgewiesen werden können und über ein Optimierungsmodul, welches die nachhaltige Umsetzung der Potenziale unterstützt." Dabei werden produktbezogen geeignete Dispositionsverfahren und die Dispositionsparameter vorgeschlagen, zum Teil ausgehend von übergreifenden Absatzprognosen.
Hohe Komplexität

„Insgesamt werden die verwendeten Methoden und Algorithmen immer realitätsnäher, aber dadurch auch komplexer.” - Achim Schmidt, Fraunhofer IML
Wie sich die Materialdisposition mit Hilfe von IT-Lösungen in einem möglichst praxisnahen Ansatz punktgenau optimieren lässt, beschreibt Achim Schmidt so: Angesichts der Produkt- und Variantenvielfalt, mit denen sich viele Unternehmen aktuell auseinandersetzten, sei eine Materialdisposition ohne IT-Unterstützung kaum denkbar.
Gerade für den Bereich gut prognostizierbarer Artikel bedeute die Unterstützung durch ein Dispositionstool eine enorme Entlastung für die Disponenten, die dadurch in der Lage seien, sich auf die kritischen Teile zu konzentrieren. "Bei nicht unüblichen Sortimenten von bis zu 10.000 und mehr Artikeln ist eine manuelle Disposition kostenseitig nicht mehr darstellbar", fasst der Experte vom Fraunhofer IML zusammen.
Relevante Kennzahlen (KPIs) für Bestandsoptimierungen
Kennzahlen wie Durchlaufzeit, Anlageneffizienz, Lieferservicegrad und Umschlagshäufigkeit stehen unverändert im Fokus der Optimierungsvorhaben.
Zunehmend spielen jedoch auch Kennzahlen aus der Lieferantenbewertung eine Rolle, zum Beispiel Liefertreue im Sinne Mengen- und Termintreue, oder "Delivery Performance". Der Einbezug solcher KPIs unterstreicht die Rückkopplungsnotwendigkeit mit den Kunden beim Thema Bestandsoptimierung.
Messen und Bewerten sind notwendige Voraussetzungen für die Optimierung von Beständen. Deshalb spielt das Bestandscontrolling eine große Rolle und die Kennzahlen und Kennzahlensysteme sind wichtige Steuerungsinstrumente. Die für das Bestandsmanagement relevanten Kennzahlen lassen sich in Spitzen- und Analysekennzahlen unterteilen. Zu den Spitzenkennzahlen gehören z.B. die Lieferbereitschaft, der Sicherheitsbestand oder die Lagerreichweite. Die Bestandsstruktur, Anteil der Vorräte am Umsatz oder die Durchschnittswerte zu einer Lagerdauer gehören hingegen zur Gruppe der Analysekennzahlen.
Generell lassen sich Bestände und Bestandsoptimierungen mit vielen KPIs überwachen. Eine Messgröße, die in zahlreichen Unternehmen heute im Einsatz ist, ist die Bestandsreichweite. Diese beschreibt, wie lange das Lager für die Erzielung des Umsatzes reichen würde, wenn keine neue Nachversorgung kommt und die Lagerstruktur richtig ist. Ergänzt werden sollte dieser Parameter auf jeden Fall durch die Betrachtung der Liefertreue, um Kunden und damit Umsatz nicht durch "Out-of-Stock-Situationen" (Regallücken) zu verlieren.




1/2012
8/2011
7/2011


Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. 