Welche Potentiale gibt es für Betriebe in einer reduzierten Lagerhaltung und schnelleren Durchlaufzeiten?
Grundsätzlich sollten Unternehmen aus ihrer Unternehmensstrategie heraus eine Supply-Chain-Strategie ableiten, die Klarheit darüber schafft, welche Kundenmärkte bedient werden sollen, welche Anforderungen diese Märkte an die Verfügbarkeit haben und wie hoch dementsprechend die Lieferbereitschaft aus einem Bestand heraus sein sollte.
Es gilt, zwischen einem hohen Bestand, der damit einhergehenden Lieferfähigkeit und den daraus resultierenden Kosten der Kapitalbindung abzuwägen. Kann beispielsweise mit einem Kunden frühzeitig eine Mengenplanung erarbeitet werden, fallen die Bestände niedriger aus.
Weidmüller liefert einen Großteil seines Sortiments in sehr kurzfristig disponierende Kundenmärkte, die teilweise stark schwankende Bedarfe aufweisen. Die Potentiale liegen daher für Weidmüller eindeutig in der Vermeidung von falschen Beständen und nicht in der reduzierten Lagerhaltung von sich drehenden Beständen. Eine reduzierte Lagerhaltung stellt insofern kein allgemeingültiges Ziel an sich dar.
Welche Möglichkeiten der Kostenminimierung durch Bestandsreduzierung/-optimierung mit Hilfe von produktiven IT-Lösungen gibt es grundsätzlich?
Die Herausforderung an die Supply Chain ist, immer mehr Produkte und Varianten richtig zu takten und über alle Beschaffungs- und Fertigungsstufen bereitzustellen. Weidmüller bietet seinen Kunden weltweit 40.000 Fertigprodukte an und benötigt dazu noch einmal ebenso viele Produktnummern für Rohwaren und Vorprodukte. Eine Bestandsführung ohne entsprechende IT-Lösungen ist nicht mehr denkbar.
Die operative Bestandsdisposition erfolgt dabei im ERP-System des Unternehmens. Im Rahmen von Kostenoptimierungsmaßnahmen rund um die Bestände haben wir in den letzten Jahren aber auch mehr und mehr IT-Lösungen eingeführt, die neben der operativen Ebene eine taktische Betrachtung erlauben. Mit Hilfe dieser Tools können Fragen nach den Bestandsverläufen sowie nach deren richtiger Positionierung und Dimensionierung simuliert werden. Die Analyseergbenisse dienen dann als wichtige Entscheidungsgrundlage.
Wie lässt sich generell die Materialdisposition mit Hilfe der IT optimieren?
Vor der Optimierung durch die IT steht auch in diesem Fall die Klärung der entsprechenden Dispositionsstrategie im Unternehmen. Aus der strategischen Ausrichtung ergibt sich die Entscheidung zur Anwendung eines prognosegestützten oder eines verbrauchsgestützten Verfahrens.
Mit einer geeigneten Parametrisierung der eingesetzten Systeme können große Teile der dispositiven Prozesse automatisiert und in Routinen abgearbeitet werden. Die Disposition führt Kontrollfunktionen aus und kann sich auf wichtige Stör- oder Ausnahmefälle konzentrieren. Auch beim Monitoring von sogenannten "Events" kann die IT wertvolle Unterstützung liefern und die Disposition frühzeitig auf Prozessabweichungen oder potentiell zu erwartende Bestandsengpässe hinweisen.
Neben den internen Schnittstellen zu den eigenen Fertigungen müssen Lieferanten und Kunden in die Disposition integriert werden. Mit Konsignationsbeständen werden beispielsweise operative Prozesse vereinfacht, die jedoch mit Hilfe der IT transparent gemacht werden müssen, um die richtigen Bestellimpulse auszulösen. Unabdingbar ist mittlerweile der standardisierte Datenaustausch über EDI über die Lieferketten hinweg.
Welche Geschäftsprozesse müssen wie reibungslos ineinander greifen (Entwicklung, Produktion, Vertrieb, After Sales).
Die Prozesse bei Weidmüller lassen sich über die Metapher eines Orchesters erklären. Die Supply Chain ist die Melodie, die erst dann als stimmige und erfolgreiche Performance beim Publikum - dem Kunden - ankommt, wenn alle Bereiche bei Weidmüller wie Musiker in einem Orchester miteinander in Einklang sind. Gemeinsam wird vereinbart, welches Stück mit welcher Partitur und mit welcher Interpretation gespielt werden soll.
Wie kann man Durchlaufzeiten- und Reichweitenanalysen im Prozess möglichst optimal gestalten?
In der operativen Disposition müssen mit allen beteiligten Bereichen klare Ziele hinsichtlich der geforderten Durchlaufzeiten und Reichweiten vereinbart sein. Diese werden aus den übergeordneten Vorgaben heruntergebrochen und es gilt, sie für die Disposition nachvollziehbar und erreichbar zu gestalten. Gleichzeitig müssen der Disposition die Hebel zur Einflussnahme transparent sein und zur Verfügung stehen.
Durchlaufzeiten- und Reichweitenanalysen sind taktische Kennzahlen, deren Frequenz auf die Wirkungszyklen abgestimmt sein muss. Eine tägliche Analyse ist dabei nicht zielführend, solange die Bestandshöhen nicht tagesgenau angepasst werden können. In der Praxis hat sich für eine Reichweitenbetrachtung ein wöchentlicher bis monatlicher Zyklus etabliert, während die Durchlaufzeiten typischerweise monatlich betrachtet werden.
Dabei ist es empfehlenswert, die Bestände der verschiedenen Fertigungsstufen nicht nur pauschal zu betrachten. Die taktische Bestandsanalyse ist eher am Produkt orientiert. Bei Weidmüller wird sie beispielsweise in Abhängigkeit vom Status in einer ABC-Klassifizierung bzw. vom Reifegrad im Produktlebenszyklus bei Übergängen in andere Kategorien oder der Veränderung von Dispositionsparametern vorgenommen.
Gibt es sinnvolle relevante KPIs für Bestandsoptimierungen aus Sicht von Weidmüller?
Die führende Kennzahl ist bei Weidmüller die DIO (Days Inventory Outstanding), die den Umsatz und die Bestandshöhe in Verhältnis zueinander setzt und sich gut für das Benchmarking mit anderen Unternehmen eignet. Explizite KPIs zur Bestandsoptimierung sind darüber hinaus auf Artikelebene die "Lagerverweildauer ohne Bewegung" sowie Kennzahlen zu "Überreichweiten" und "Stock Outs", nicht lieferbaren Artikeln.
Weidmüller entwickelt, produziert und vertreibt weltweit Produkte der elektrischen Verbindungstechnik und der Elektronik. Im Geschäftsjahr 2009 erzielte Weidmüller einen Umsatz von 401 Mio. Euro. Das Unternehmen beschäftigt weltweit 3.400 Mitarbeiter.




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Mag. Dominik Troger gehört seit 1992 zum MONITOR-Team. Er begann als News-Redakteur und betreute viele Jahre die MONITOR Weiterbildungsbeilage "Job Training". Seit dem Jahre 2000 war er als Chef vom Dienst tätig, mit Dezember 2009 übernahm er die Chefredaktion. 