Innovations- und Produktzyklen sowie der Markt bewegen sich immer schneller. Wie sollen Produzenten darauf reagieren? Und wie können Mechanical Execution Systems (MES), dabei helfen?
Was wir im Zuge der langen Krise gesehen haben, ist, dass Fabrikanten wieder zurück zu ihrer Basis gehen - also zur Produktion. In den letzten Jahren vor der Krise lag die Priorität vor allem darin, Fabriken in Billiglohnländer zu verlagern, um die Produktionskosten zu senken und sich mehr auf die Organisation zu konzentrieren.
Die Krise zeigt nun, dass viele hierbei zu weit gegangen sind und zum Teil versucht man die Produktionskompetenz wieder heim zu holen. Mechanical Execution Systems helfen jedenfalls dabei, die Produktion effizienter und die Prozesse transparenter zu machen. Das Interesse an MES ist in letzter Zeit sehr stark gestiegen.
MES soll ja auch echtes Realtime-Business ermöglichen?
Das ist ein sehr wichtiger Punkt. In der heutigen Welt muss alles schneller und noch schneller gehen. Bislang besteht noch oft eine kommunikative Unterbrechung zwischen den Fabriken und dem Rest des Unternehmens. Das wurde durch den Trend zur Auslagerung der Produktion in Niedriglohnländer noch verstärkt und hat oft zu einem Mangel an Transparenz und zu einer Diskontinuität der Prozesse zwischen den Fabriken und dem restlichen Unternehmen geführt. Nun geht der Trend von der reinen Kostenreduktion wieder stärker hin zu den Kundenbedürfnissen.
MES ermöglicht dabei, die Verbindung herzustellen und echtes Real-time-Business zu betreiben. Den Wettbewerb mit Herstellern aus Ländern wie China können europäische Produzenten sicher nicht auf der Kostenseite gewinnen. Kundenzufriedenheit, schnelles Service und besser Qualitätskontrolle durch eine Produktion im eigenen Land haben deshalb nun wieder einen höheren Stellenwert.
Um die Kundenwünsche schnell zu erfüllen ist die Verbindung zwischen MES und den ERP-Systemen essentiell. Und ebenso die Verknüpfung der meist unterschiedlichen MES-Systeme in den weltweit angesiedelten Fabriken. Nur so kann dem Kunden ein Service-Level - mit einer möglichst kurzen Zeit von der Bestellung bis zur Auslieferung - garantiert werden.
Reicht es nun einfach, MES mit dem ERP-System zu verbinden?
Es geht hier freilich auch um die Prozesse. Ein wichtiges Thema ist, die Fabriken zu harmonisieren. Viele Unternehmen sind durch Akquisitionen gewachsen. Da besteht in allen Bereichen ein hoher Konsolidierungsbedarf. Ein zweiter Schritt ist dann die Erhöhung der Transparenz, um in Echtzeit zu sehen, was wirklich in den Fabriken passiert. Dazu gibt es einen stark wachsenden Bereich in der IT, der sich Manufacturing Intelligence nennt und ein Teil von MES ist. Das hat aber nichts mit Business Intelligence zu tun. Es geht hier nicht um Finanzen, es geht um die Möglichkeit, einen Blick von den Bürotürmen aus auf das wirkliche Geschehen in Fabriken zu erlangen. Der dritte Schritt ist die Integration all dieser IT-Systeme.
Und funktioniert dies auch?
Hier ist sicher noch einiges Umdenken gefragt. Der CEO hat sich bislang wenig für Dinge auf der Fabrikationsebene interessiert. MES muss als wichtiges strategisches System im Unternehmen - wie etwa PLM - verankert werden. Es muss auch mit den anderen Systemen wie ERP oder dem Supply Chain Management verbunden werden. Bislang waren Fabriken nicht wirklich ein Teil der Supply Chain, was eigentlich ziemlich verrückt ist. Fabriken sind die Knoten dieses Netzwerks. Wichtig ist die Vernetzung auch mit dem PLM-System, es ja auch um die Kreation von Produkten.
Wird es künftig ein IT-System für alles geben?
Die ausführenden Prozesse von der Manufacturing Execution bis zum Order Management und Fullfillment sollten jedenfalls miteinander verbunden sein. Das gibt es aber erst sehr selten. Ja, es ist sehr wichtig, dass all diese Elemente zu einem einheitlichen Prozess verschmelzen.
In welchen Branchen sind solche MES-integrierten Lösungen schon vorhanden?
In Wirklichkeit in keiner. Dies alles ist noch ziemlich neu. Es gibt noch sehr viel traditionelles Denken in den Industrien. Die Prozessindustrie ist eher weit von der Verbindung von MES mit ERP-Systemen entfernt, während in der diskreten Fertigung, beispielsweise im Automotive-Sektor, schon mehr Wert auf eine Integration der Systeme gelegt wird.
Wie wird sich der MES-Markt entwickeln?
Es einer der sich am raschesten entwickelten Märkte, der auch schon ziemlich groß ist. Es gibt hier drei Typen von Anbietern: die Automatisationsspezialisten, die ERP-Anbieter und kleinere, ganz auf MES spezialisierte Unternehmen. Für Industrieunternehmen ist es da wirklich nicht leicht, die passende MES-Lösung zu finden, da es stark auf die aktuellen Anforderungen und die bestehende Systeme ankommt. Wir versuchen deshalb "Maps" anzubieten, damit die passende Lösung für die oft sehr unterschiedlichen Anforderungen gefunden werden können.




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Mag. Christoph Weiss, i2s consulting, Leiter Büro Österreich: Magister und Textil-Fachingenieur. Führungserfahrung als IT-Leiter im Bereich technischer Grosshandel. Mehrfach Linien- verantwortlicher für ERP-Einführungen. Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Technikum Wien. Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft für Datenverarbeitung (ADV) 