16-7-2010 | Aus MONITOR 6/2010 Gedruckt am 17-04-2014 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/13060
Thema: Infrastruktur

Desktop Virtualisierung:

Die Zügel locker lassen?

Die Umstellung auf Windows 7 und der Vormarsch von Cloud Computing könnten die Verbreitung von Desktop Virtualisierung vorantreiben. Abseits strenger Einheitlichkeit blüht dabei ein neuer Trend: Bring Your Own Computer.

Alexandra Riegler

Cisco Cius - mit Docking Station (Bild: Cisco)

Thin Clients könnten demnächst richtig dünn werden. Geht es nach Ciscos Plänen für den Tablet-PC Cius, dann soll das flache Stück Hardware, das 2011 auf den Markt kommt, in Zukunft zu einer Art Universalgerät in Unternehmen werden. Der Schlüssel zur Anwendungsvielfalt ist Virtualisierungssoftware, die bereits am Gerät installiert ist - Verhandlungen mit Citrix, VMware und Wyse sollen laut einem Bericht im US-Magazin Forbes bereits im Gang sein.

Über eine Docking-Station würde aus dem Cius dann im Handumdrehen ein Desktop-Computer, während sich im mobilen Einsatz - etwa im Rahmen von Meetings - E-Mails checken und Videokonferenzen führen ließen. Letztere gehören für virtuelle Desktops nicht zum Standardrepertoire, zumal Multimedia oft nach mehr Bandbreite und Rechenleistung verlangt, als Netzwerk und Thin Clients bereitstellen. Cisco löst dies, indem VoIP- und Videoapplikationen lokal ausgeführt werden. Damit kommunizieren die Endgeräte direkt miteinander, der Umweg über einen Server wird ausgespart.

Nach der Einschätzung von Marktbeobachtern dürfte Desktop Virtualisierung demnächst einen kräftigen Beliebtheitsschub erhalten. Trotzdem das Thema seit längerem gehypt wird, gingen die Analysten von Gartner im letzten Jahr noch davon aus, dass in Europa erst ein Fünftel der digitalen Arbeitslast virtualisiert wird. Der Grund für die in Zukunft verstärkte Nachfrage wird im vorsichtigen wirtschaftlichen Aufschwung gesehen, der Unternehmen wieder langfristiger planen lässt. Nachhaltige Produktivitätssteigerung ist dabei ein wichtiger Aspekt, oftmals stehen aber einfache Überlegungen, wie etwa Kosteneinsparungen beim Umstieg auf Windows 7 im Vordergrund. Auch die zunehmende Nutzung von Cloud-Lösungen treibt das Interesse an Virtualisierung voran.

Sicher, billig, effizient

Cisco Cius - ohne Docking Station (Bild: Cisco)

Nur wenige Unternehmen verlassen sich beim Einsatz von Desktop Virtualisierung auf eine Methode. Zu unterschiedlich ist zumeist die unternehmensinterne Softwarelandschaft, zu ausgeprägt sind die Vor- und Nachteile der verschiedenen Systeme.

Gemein ist allen Konzepten, dass Betriebssystem und Applikationen über einen sogenannten Hypervisor auf einer Virtual Machine laufen. Das bedeutet Kosteneinsparungen beim Betrieb, weil die Arbeitsplatz-PCs nur einen Teil der Leistung verrichten und daher nicht mit der neuesten Hardware bestückt sein müssen. Aus der Sicht von Systemadminstratoren bedeutet Virtualisierung vor allem bessere Überschaubarkeit und zentrale Steuerung. Damit wird das Management der Desktops nicht nur billiger, sondern auch sicherer. Die Verwundbarkeit von Unternehmen durch eigenmächtig von Usern installierter Software wird weitgehend ausgeschlossen. Sicherheitsupdates lassen sich rascher durchführen und damit befindet sich die gesamte Infrastruktur schneller am neuesten Stand.

Dennoch scheinen sich Experten uneins, ob sich Desktop Virtualisierung immer bezahlt macht. Was durch zentrales Management eingespart wird, so die Kritik, geht auf der anderen Seite oft bei satterer Bandbreite, Lizenzkosten für die Virtualisierungssoftware und den Ausbau der Serverlandschaft darauf.

Gemeinsam mit den Ausgaben für die Benutzerlizenzen, etwa bei Dedicated Virtual Desktops, würde sich das Ganze unterm Strich nicht mehr vom Modell dezentraler Clients unterscheiden.

Die Abhängigkeit vom Netzwerk bedingt, dass Computer brach liegen, sollte es zu einem Netzausfall kommen. Und schließlich sind da noch die Benutzer, die sich vor den Kopf gestoßen fühlen, weil sie auf ihrem Computer plötzlich so gar nichts mehr personalisieren können. Doch neue Lösungen versuchen hier Abhilfe zu schaffen. So bewegt sich der Trend dahin, jedem Benutzer seinen eigenen, "privaten" Desktop zu garantieren. Administratoren werden indes mit umfangreichen Management- und Automatisierungsfunktionen an Bord geholt, die teilweise auch plattformübergreifend funktionieren.

Ein Konzept, viele Varianten

„Laptops als ,letzte Meile‘, wenn es darum geht, die Vorteile von Desktop-Virtualisierung im ganzen Unternehmen zu nützen.” Mark Templeton, Citrix

Bei den sogenannten Remote Virtual Applications spielt sich alles im Browser ab. Je nach Variante arbeitet das Client-System an der Ausführung der Software mit oder es werden nur Mausklicks und Tastatureingaben übertragen. Entscheidender Vorteil des Konzepts ist, dass durch die Konzentration auf den Browser weder die Art der Hardware beim Benutzer eine Rolle spielt, noch welche Software dort sonst noch läuft.

Im Vergleich dazu läuft beim Terminal Service ein Image des Betriebssystems am Server, das sich alle Benutzer teilen. Der Client muss außer der Übertragung der Eingaben kaum Arbeit leisten, was diese klassische Lösung kostengünstig macht. Ebenso ist der Kontrollfaktor von Seiten der IT-Abteilung hoch, gleichzeitig wird damit aber die Flexibilität der Benutzer eingeschränkt, zumal sich diese immerhin alles teilen. Außerdem kommt nicht jede Software mit diesem "shared mode" zurecht und es kommt zu Beschränkungen bei grafikintensiven Anwendungen.

Mehr Unabhängigkeit der Benutzer bieten da schon Dedicated Virtual Desktops. Dabei hängen nicht alle Mitarbeiter an einem System, wodurch bei einem Absturz auch nicht alle betroffen sind. Auf Verwaltungsseite bedeuten die Lösungen bessere Managementmöglichkeiten, so lassen sich virtuelle Maschinen etwa im Betrieb migrieren. Das Ganze kann allerdings seinen Preis haben, weil jeder Benutzer seinen eigenen Speicher benötigt. Überdies werden höhere Bandbreite und eventuell auch höhere Kosten für Lizenzen fällig.

Eigener Speicher und CPU für jeden Nutzer wird bei der dynamischen Virtual Desktop-Umgebung nicht benötigt. Die Desktops werden nach Bedarf zusammengestellt und müssen nicht auf Vorrat bestehen bleiben. Unternehmen können sich damit auf wachsende oder fluktuierende Mitarbeiterzahlen, aber auch -anforderungen einstellen. Die Benutzer bekommen also einen persönlichen Desktop - Einstellungen bleiben erhalten - während sich die Systemressourcen am Server optimiert verwalten lassen.

Bring Your Own Computer

So ziemlich das genaue Gegenteil des ursprünglichen Ziels von Desktop Virtualisierung - Standardisierung, zentrale Verwaltung - scheint sich hinter dem Trend "Bring your own computer" (bring deinen eigenen Computer mit - BYOC) zu verbergen, wenngleich nur auf den ersten Blick. Laut Punima Padmanabhan, Vizepräsidentin beim Startup MokaFive, sei es schlicht eine Tatsache, dass immer mehr Leute eigene Smartphones, Laptops und Netbooks anstelle von Firmengeräten verwenden würden. Entsprechend müsste auf die Entwicklung reagiert werden. Als Lösung bietet MokaFive ein System namens LivePC an, bei dem sich Mitarbeiter den virtuellen Desktop auf ihr Endgerät laden. LivePC bietet netzunabhängigen Offline-Zugang und funktioniert sowohl in Windows- als auch MacOS-Umgebungen.

Nach der Übernahme von Sentillion, einem Softwareanbieter für den Gesundheitsbereich, hat auch Microsoft ein BYOC-Produkt im Rennen. vThere ermöglicht es, "unmanaged" Hardware über eine sichere Umgebung Zugang zu Unternehmensdaten- und -systemen zu verschaffen. Über den selben Kanal können Systemadministratoren schließlich auch Sicherheitsregeln und Updates durchsetzen. Damit haben sie trotz einer potenziell bunten Hardwarelandschaft alles fest im Griff.

Neu am Markt

Open Source-Anbieter Red Hat unterstützt mit der Version 2.2 seiner Lösung Enterprise Virtualization nunmehr auch Desktop Virtualisierung. Zum Einsatz kommt dabei unter anderem die Technologie SPICE (Simple Protocol for Independent Computing Environments), die Videoübertragung in High Definition-Qualität ermöglichen soll. Sein Enterprise Virtualization-Paket ist nach Angaben von Red Hat beispielsweise in den Rechenzentren des schwedischen Videoanbieters Voddler und bei dem in Sri Lanka ansässigen Telko Etisalat in Verwendung. Unterstützte Plattformen: Windows, Linux.

Oracle bietet unterdessen eine aufgefrischte Kombination aus seiner Software Virtual Desktop Infrastructure und Suns Thin Client Sun Ray an. Zu den Neuerungen zählen Windows 7-Kompatibilität und die Unterstützung größerer Displays. Plattformen: Windows, Linux, Solaris.

Dem Trend "Bring Your Own Computer" entspricht Citrix Systems mit XenClient, einer Lösung, die im Mai auf der Hauskonferenz "Citrix Synergy 2010" präsentiert wurde. Auf Wunsch lassen sich damit auch mehrere virtuelle Desktops auf einem Notebook-Computer unterbringen. CEO und Präsident Mark Templeton bezeichnet Laptops als "letzte Meile", wenn es darum geht, die Vorteile von Desktop Virtualisierung im ganzen Unternehmen auszubreiten. XenClient basiert auf derselben Virtualisierungstechnologie wie Citrix XenServer.

 

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