22-6-2010 | Aus MONITOR 5/2010 Gedruckt am 28-11-2014 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/12939
Thema: Business Software

Outsourcing

Neue Mode? Die ERP-Lösung außer Haus

Outsourcing ist in Zeiten der Wirtschaftskrise, wo intern Kosten gespart werden müssen, Top-Thema. Sogar unternehmenskritische Bereiche wie ERP kommen dafür immer mehr in Frage. MONITOR beleuchtet den Markt und zeigt fünf Lösungen - von SAP bei Wienerberger bis proalpha bei Kioto Clear Energy.

Christine Wahlmüller

Rechenzentrum des SAP-Outsourcing-Spezialisten T-Systems (Bild: T-Systems)

Mit dem Outsourcing ist es so eine Sache: Einerseits wollen viele Unternehmer "Nicht-Kernkompetenzen" auslagern, andererseits gibt man damit auch Know-how aus dem Haus. Was also tun? - Eines ist klar: Jedes Outsourcing verlangt absolutes Vertrauen in den Partner, der künftig die gewünschte Arbeitsleistung für das Unternehmen erbringt. Besonders heikel ist Outsourcing da, wo es explizit um hochsensible Unternehmensdaten geht - wie etwa im großen Bereich des Enterprise Resource Planning (ERP). Noch dazu, wo in Zeiten wie diesen immer höhere Anforderungen an "integrierte ERP-Systeme" gestellt werden.

Gerade aber in Zeiten wie diesen, wo auch Cloud Computing und Software as a Service (SaaS) von Anbietern und Analysten zum Megatrend stilisiert werden, liegt es nahe, dass auch ERP-Systeme outgesourct werden könnten. "Zurzeit bremsen die Entwicklungskosten der Anbieter und Sicherheits- und Datenschutzbedenken der Anwender die Marktentwicklung. Aber SaaS-ERP wird weiter wachsen, doch die Komplexität der integrierten ERP-Suites wird Großunternehmen davon abhalten, komplett auf SaaS zu setzen", prognostiziert Frank Naujoks, Forschungsleiter beim Consulter i2s, und Initiator der ERP-Zufriedenheitsstudie (vgl. Monitor 10a/2009).

Eine Frage der Definition

SaaS beschreibt ein Modell der Softwareverteilung, das als Dienstleistung basierend auf Internettechniken bereitgestellt, betreut und betrieben wird. Outsourcing, bei dem ein Unternehmen vertraglich genau definierte Bereiche abseits seiner Kernkompetenzen an einen Dienstleister auslagert, kann SaaS-Technologien einsetzen.

SaaS kann aber auch ein Insourcing bedeuten und zwar dann, wenn ein externer SaaS-Dienstleister am Standort und in den Räumlichkeiten des Unternehmens eingesetzt wird. Das kann beispielsweise eine Maßnahme aus Sicherheitsgründen sein, wenn ein Unternehmen seine sensiblen Daten nicht außer Haus geben möchte. Das große Plus einer SaaS-Lösung sind die überschaubaren (Miet-)Kosten sowie die Flexibilität, sofern es sich um eine On-Demand-Lösung (Nutzung flexibel je nach Bedarf) handelt.

Für Outsourcing spricht die nach wie vor wirtschaftlich angespannte Situation der Unternehmen. Umfragen etwa von Aberdeen haben allerdings ergeben, dass ein Großteil der Unternehmer, vor allem im mittelständischen Bereich, mit veralteten ERP-Systemen arbeitet. Veränderte Markt- und Kundenanforderungen können damit genauso wenig berücksichtigt werden wie die moderne Abwicklung von Geschäftsprozessen (möglichst standardisiert, durchgängig, weitgehend automatisiert).

Unter diesen Voraussetzungen werden viele Unternehmen ihr ERP-System modernisieren müssen, sei es durch ein Upgrade oder einen Softwarewechsel. Mehr und mehr Softwareanbieter offerieren ihre Lösungen in einem Software-as-a-Service-Modell (SaaS). Anwender beziehen dabei die gemietete Softwareleistungen via Internet und müssen sich selbst nicht mehr um Implementierung und Betrieb der Software kümmern. Dieses Modell könnte in naher Zukunft auch im ERP-Bereich an Attraktivität gewinnen. Gegen das SaaS-Modell sprechen vor allem Sicherheitsbedenken sowie die Furcht vor eingeschränkter Verfügbarkeit (z.B. wegen Netzausfall).

Ende des Lizenzgeschäfts?

Der Trend in Richtung SaaS und On-Demand-Lösungen wirft darüber hinaus die Frage auf, inwieweit das klassische Lizenz-Wartungsmodell überhaupt noch Zukunft hat. Die Debatte rund um die Erhöhung der Wartungsgebühren durch SAP hat das Thema aktuell ins Blickfeld gerückt und zunehmend wird hinterfragt, welche Art von Wartungssupport überhaupt notwendig ist.

Vor allem hat der Marktführer SAP auch eine SaaS-ERP-Lösung auf den Markt gebracht. Auf der diesjährigen Messe Sapphire im Mai hat SAP eine Neuversion der SaaS-ERP-Lösung "Business byDesign" angekündigt, die explizit auf Klein- und Mittelbetriebe abzielt. "Business byDesign" wurde erstmals 2007 auf einem Event in New York der Öffentlichkeit vorgestellt.

Aber SAP "fängt" im Outsourcing-Markt auch die Großunternehmen ein, zum Beispiel über die Partnerschaft mit T-Systems. Der renommierte Ziegelhersteller Wienerberger etwa hat im vergangenen Jahr seinen SAP-Outsourcing-Vertrag mit T-Systems für fünf Jahre weiterverlängert. Seit 2006 bezieht Wienerberger seine SAP-Anwendungen mit dem so genannten Dynamic Services Modell nach Bedarf.

"Wir haben mit T-Systems definierte Vorlaufzeiten und Behaltefristen vereinbart, sodass wir die benötigten Zusatzressourcen rasch bekommen und wieder zurückgeben können, wenn wir sie nicht mehr brauchen. Wienerberger konzentriert sich darauf, die Geschäftsprozesse bestmöglich zu unterstützen und lagert standardisierte IT-Aufgaben wie den Betrieb des SAP-Systems aus", erklärt DI Gernot Zeman, Leiter der Konzern-IT-Infrastruktur bei Wienerberger. Das neue Modell verschafft Wienerberger hohe Flexibilität und reduziert Kosten. "Durch das Outsourcing senken wir den Stromverbrauch unseres IT-Betriebs um rund 70 %. Das spart nicht nur Kosten, sondern hilft auch der Umwelt", freut sich Zeman.

Andere SAP-T-Systems Großkunden in Deutschland, die die Cloud Computing-Idee für sich nutzen, sind der Mutterkonzern, die Deutsche Telekom, daneben auch Philips, Shell und Linde. Sie alle betreiben ihre SAP-Systeme nicht mehr selbst, sondern beziehen Speicherplatz, Bandbreite, Rechner- oder Applikationskapazitäten je nach Bedarf aus den Rechenzentren von T-Systems.

"Der vorherrschende Kostendruck ist sicher einer der Haupttreiber für Outsourcing, denn Outsourcing wird als Möglichkeit gesehen, die Kosten variabel zu gestalten beziehungsweise signifikant zu reduzieren. Im Jahr 2009 hatten wir 30 % mehr Outsourcing-Anfragen als im Jahr davor. Dieser Trend wird auch in diesem Jahr anhalten", glaubt Georg Obermeier, CEO von T-Systems Österreich. Er will T-Systems noch stärker als SAP-Full Service Provider - vornehmlich für Großkunden - positionieren.

Zurück zu SAP selbst: Beim Mittelstands-Produkt "Business byDesign" will SAP das Vertriebspartnernetz weiter ausbauen. Die Partner sollen künftig das Produkt nicht nur verkaufen, sondern auch zusätzlich kundenadäquat weiterentwickeln dürfen.

SaaS mit Dynamics NAV

"Wir bieten die beiden ERP Produkte Dynamics AX sowie Dynamics NAV sowohl für die Implementierung im Kundenunternehmen als auch für Hosting an", sagt Dorette Dülsner, Leiterin Business Solutions bei Microsoft Österreich. Der Vertrieb erfolgt über Partner.

Dynamics NAV richtet sich insbesondere an kleinere und mittelgroße Unternehmen. 2009 hat sich etwa der Reinigungsspezialist Cleanworxx entschlossen, eine professionelle ERP-Lösung einzuführen. Die Wahl fiel auf Microsoft Dynamics NAV als SaaS-Lösung. Abgewickelt und implementiert wurde die Lösung vom Microsoft Partner Navax.

Schwerpunkte von Cleanworxx sind bei der neuen ERP-Lösung Finanzbuchhaltung und Auftragsabwicklung (Angebotslegung, Bestellerfassung, Verrrechnung). "Wir haben mit der Auslagerung der ERP-Lösung eindeutig Kosten eingespart, die Einführung der Lösung erfolgte sehr rasch", ist Petra Berczkovics von Cleanworxx zufrieden. Seit Ende 2009 ist die neue ERP-Lösung bereits im Einsatz.

 

Infor noch klassisch

"SaaS ist eine gute Wahl, wenn Lösungen schnell bereitstehen müssen, es um Standard-Probleme geht oder Informationen flexibel und ortsunabhängig abgerufen werden sollen", meint Thomas Jensen, Geschäftsführer für Zentral und Osteuropa bei Infor. "Vor allem die Bereiche CRM und SCM haben hier eine echte Vorreiterrolle. Inzwischen erhalten wir aber auch immer wieder Anfragen im Bereich ERP", so Jensen. Bislang wurden allerdings eher "klassische" Lösungen, vor allem in Deutschland, realisiert.

"Das Rückgrat für dieses Wachstum ist unter anderem unsere Infor ERP LN-Lösung", betont Michael Hartl, Leiter Organisation und Change Management beim Reisemobilhersteller Carthago. Das Unternehmen produziert heute an drei verschiedenen Standorten, einer davon eröffnete jüngst in Slowenien. Ende 2009 wurde auch die Serviceabteilung an das ERP-System angebunden, um die Wartungs- und Garantieabwicklung zu verbessern. Künftig sollen auch die Händler Kundenbestellungen direkt an Carthago senden können, die dann in Infor ERP LN automatisch verarbeitet werden.

KMU-Markt in Bewegung

Der Markt für KMUs (Klein- und Mittelbetriebe) ist heiß umkämpft. Viele kleine Anbieter mischen hier mit und erreichen, meist durch lokale Kenntnis und gute Betreuung, bei ihrer Kundschaft hohe Zufriedenheitswerte. Genau diese Charakteristik trifft etwa auf die Lösungen Proalpha und Orlando zu. Outsourcing steckt hier aber noch in den Kinderschuhen. Das Solar-Energieunternehmen Kioto Clear Energy in Klagenfurt etwa hat sich für eine gehostete ERP-Lösung von proalpha entschieden. Der Server für den Betrieb der ERP-Lösung wird von der Telekom Austria betrieben.

"Vor allem kleinere und mittlere Unternehmen sind verstärkt auf der Suche nach integrierten Lösungen, die sie bei der Abwicklung ihrer Geschäftsprozesse unterstützen", ist proalpha Geschäftsführer Helmuth Rath optimistisch bezüglich der ERP-Marktentwicklung. Outsourcing ist laut Rath bei den KMU allerdings kaum mehr als ein Rand-Thema: "Hier gibt es noch zu viele Unsicherheiten und Unwägbarkeiten". Neben einem guten Produkt setzt Rath auf "exzellente Unterstützung im Rahmen der Einführung, so dass wir auch sehr stark in die Ausbildung unserer Mitarbeiter investieren werden, um den hohen Level in der Beratungsqualität sicherzustellen."

Wer wenig IT-Kapazität oder Know-how besitzt, für den könnte die ERP-Lösung Orlando eine Alternative sein. "Durch eine wartungsfreie Datenbank und ein ressourcenschonendes Datenmodell ist Orlando auch für Unternehmen geeignet, die über kein eigenes EDV-Personal verfügen", betont Decom-Geschäftsführer Kurt Demberger. Orlando kann intern, auch im gemeinsamen Betrieb an mehreren Standorten, aber ebenso im outgesourcten Betrieb im externen Rechenzentrum genutzt werden. Die modulartige Lösung ist ein Gemeinschaftsprodukt der drei IT-Firmen BOS, CPS und Decom.

Eine Besonderheit ist das kleinunternehmerfreundliche Lizenz-Schema: Oftmals wird ein Basispreis für die Grundfunktionalität verlangt, jedes Extra ist mit einem Aufpreis verbunden. "Bei Orlando gibt es immer die volle Funktionalität, die Lizenzgebühr ist nach dem Transaktionsaufkommen gestaffelt", betont Demberger. Zu den Orlando-Kunden (allerdings alle klassisch vor Ort implementiert) zählen etwa STI Steyr Trucks, Neuhauser Verkehrstechnik sowie das Solarunternehmen SOLution.

Fazit: Outsourcing wird im KMU-ERP-Markt künftig dann ein Thema sein, wenn Sicherheit und Preis "passen". Hier gibt es für die Anbieter noch einiges zu tun. Bei Großunternehmen ist Outsourcing eine Philosophie-Frage.

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