22-6-2010 | Aus MONITOR 5/2010 Gedruckt am 26-06-2016 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/12931
Strategien

Interview mit Peter Parycek, Donau Universität Krems

Open Data - Open Economy?

Über die Vorteile von offenem Umgang mit Daten für die Wirtschaft.

Carl-Markus Piswanger

Daten sind der Stoff aus dem die Träume sind - wieder einmal? In den kurzen Jahren des ersten Internet-Booms war das Sammeln von Daten wesentlicher Bestandteil, oft aber auch einziges Element der Dotcom-Businesspläne. Die Realität rückte bekanntlich den Markt zurecht. Über Jahre war über Daten wenig zu hören, die Dienstleistung stand wieder im Vordergrund. Erst mit dem Social-Web wurde dieses Businesssegment wieder interessant.

Von Facebook liest man in den Medien über deren weitreichenden Verwertungspläne mit den gespeicherten Benutzerdaten, aber auch Twitter wird es nicht verabsäumen können, nachhaltig aus ihren Daten Vermögen zu bilden: zu gering ist noch, trotz phänomenalen Anstiegs der Userzahlen, ein nachhaltiges Geschäftsmodell bedient. Das ist die eine Seite, die Information, die in die Unternehmen fließt.

Die andere Seite ist die Information, die von den Unternehmen kommt. Diese ist derzeit noch sehr stark der Werbung und diversen Kommunikationsstrategien unterworfen, vielleicht mit ein bisschen Video zur Auffrischung. Zumindest steigen die Ausgaben für Online-Marketing, moderat aber doch. Über dem Rest liegt aber meist das "große Firmengeheimnis", um in einem "Big Bang" die Innovation des Jahres der ganzen Welt zu eröffnen.

Noch viel zu selten wird der potentiellen Kundschaft schon vor diesem Moment in die Entwicklungen Einsicht gewährt, wird sie in Strategiebildungen involviert oder in die Meinungsbildung einbezogen; geschweige denn, dass eine wohlgeneigte oder kritische Community in Kernprozesse, wie zum Beispiel der Produktgestaltung, Aufnahme findet.

Feedback ist erwünscht, Feedforward eher nicht. Auch das Internet und seine vielfältigen technischen Möglichkeiten haben hier bis dato zu keinem Durchbruch geführt. Das ist ein scharfes Downgrading der Innovationsprozesse in Firmen, das ist klar. Dabei stehen sehr gewichtige Player in vorderster Reihe, vor allem in hart umkämpften und zentralisierenden Märkten. Beispiele sind auch in der IT zu finden, wie z.B. Google und Apple, die eine eher rigide Informationspolitik betreiben, sowohl was die Produkte betrifft, als auch über das Unternehmen selbst.

"Open Data" als Alternative

Aber es gilt Kraft und Gegenkraft. Ein neues Phänomen steht gegen das Prinzip der Abgeschlossenheit. Interessant ist, dass es sich um eine Internet-Innovation handelt, die aus Politik und Verwaltung heraus entstanden ist. Sie nennt sich "Open Government" und ein Hauptbestandteil darin ist "Open Data" - der transparente Umgang mit und die technische Aufbereitung von Daten. Präsident Obamas erste Amtshandlung im Jahr 2009 war die Etablierung der "Open Government Initiative" (www.whitehouse.gov/open) und diese wird auch mit Leben gefüllt.

Die Basis für die neue Gangart wurde bereits 1966 gelegt, im "Freedom of Information Act" (abgekürzt FOIA: http://de.wikipedia.org/wiki/FOIA). Großbritannien folgte und engagierte kürzlich sogar Tim Berners Lee, damit die staatliche Datentransparenz einen Aufbruch erleben soll, auch andere europäische Länder schalten gerade in den zweiten Gang. Der Staat hat aber andere Mechanismen zu befolgen als die Wirtschaft. Er hat keine Konkurrenz, eine moderne Wirtschaft würde ohne sie nicht funktionieren.

Betrachtet man aber die Argumente, die über Open Government kommuniziert werden, klingen diese wie den modernen Wirtschaftswissenschaften entnommen: Höhere Innovationskraft, schnellere und kostengünstigere Entwicklung von Systemen durch Netzwerktätigkeit oder auch Transparenz und "Good-Governance" werden hier oft genannt. Da müssten sich doch auch Vorteile für die Wirtschaft erzielen lassen oder überwiegt die Scheu, der mögliche Schaden an der Marke oder ein Verlust des Innovationsvorsprungs?

Ein Beispiel

Ein rezentes Beispiel, entnommen einem Tweed von Prof. Dr. Andrea Back vom Institut für Informationsmanagement der Universität St. Gallen in der Schweiz (http://twitter.com/ABack/status/13297318169), stellt die amerikanische Rechtsanwaltskanzlei "Malleson Stephen Jaques" dar, welche sich dazu entschlossen hat, das Potential von "Open Data" für sich zu nutzen.

Die Kanzlei veröffentlicht ihre Stundensätze und den genauen Zeitaufwand für alle ihre Services. Das bietet natürlich auf der einen Seite gute Chancen für Mitbewerber für Vergleiche, hat aber den Vorteil, dass durch die gewonnene Transparenz eine Vertrauensbasis zwischen der Agentur, den Partnern und natürlich den Kunden aufgebaut wird.

Ziehen wir die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko als Beispiel heran: Hätte British Petrol durch Transparenz aller verfügbaren Daten - vielleicht sogar in internettechnisch standardisierter Form und in Echtzeit offen publiziert - es hätte in der Krise vielleicht Vorteile generieren können und sich dadurch sogar schwere Vorwürfe der fehlenden Transparenz ersparen und den Imageschaden verkleinern können. Eventuell wäre auch durch die Verfügbarkeit der Daten eine Gruppe von interessierten Personen oder Organisationen aufgesprungen und hätte wertvolle Informationen an das Unternehmen zurückgespielt - und zwar weltweit. Vielleicht wäre dann der Katastrophenschutz einfacher und schneller zu organisieren gewesen, oder es hätten neue Krisenszenarien entwickelt werden können - und, und, und...

Kann "Open Data" also Vorteile für Unternehmen generieren? Welche Potentiale sind hier zu sehen oder liegen wir nur einem Seitenstrang des allgemeinen "Web 2.0-Hypes" auf? Dazu hat MONITOR einen Experten befragt, der sich mit diesem Thema seit Beginn an beschäftigte. Lesen Sie das nebenstehende Interview mit Mag. Dr. Peter Parycek, Zentrumsleiter an der Donau Universität Krems.


Paradigmenwechsel durch "Social Web"

Mag. Dr. Peter Parycek, Zentrumsleiter an der Donau Universität Krems, erläutert im MONITOR-Interview die Philosphie und Ökonomie von "Open Data".




 

"Open Data" hört man derzeit sehr oft. Was versteht man genau darunter?

"Open Data" kommt aus dem "Open-Government". Die Prinzipien sind eng verknüpft mit Begriffen wie Offenheit und Öffentlichkeit, Informationsbereitstellung und -verteilung, Informationssuche und -findung - und diese Begriffe führen zur Frage: Wo sind die Daten? Verwaltungen von heute, wie beispielsweise die Bundesverwaltung der USA, der Bundesstaat Massachusetts, die Städte San Francisco, New York und Boston, oder auch Großbritannien, Australien und Neuseeland bieten eine Fülle offizieller Rohdaten an. Um für die Öffentlichkeit von Bedeutung zu sein, müssen diese Daten vollständig, aktuell, maschinell verarbeitbar, in einem offenen Format, gratis und unter Anwendung einer Lizenz zur Verfügung gestellt werden.

Offene Schnittstellen sind genauso wichtig wie die offenen Daten selbst. So genannte Mashup-Sites, wie sie bereits in den USA, Großbritannien oder Australien existieren, verwenden Schnittstellen, um dahinter liegende Datenquellen direkt einzubinden und damit technische Interoperabilität heterogener Systeme zu überbrücken. Daten über technische Schnittstellen anzubieten hat den Vorteil, dass diese direkt aus dem Back-End-System der anbietenden Verwaltungseinheit produziert werden können, somit garantiert aktuell und konsistent sind. Abhängig von der Ausdruckskraft der verwendeten Schnittstellentechnologie können auch semantische Meta-Daten ausgetauscht und grafisch dargestellt werden. Sehr komplexe Daten, die ein hohes Maß an Hintergrundwissen zur Interpretation erfordern, können über vorgefertigte Funktionen erklärbar zugänglich gemacht werden.

Sehen Sie "Open Data" als ein weiteres Web2.0-Phänomen oder wird sich daraus eine eigene Entwicklungslinie ergeben?

Es ist vor allem eine Paradigmenwechsel. Durch die technischen Möglichkeiten wird gegenwärtig ein gesellschaftlicher Wandel eingeleitet beziehungsweise fortgeführt, gesellschaftliche Grundwerte verändern sich. Die Frage lautet daher nicht mehr, wie sich diese in ein digitales Zeitalter nahtlos übertragen lassen, sondern vielmehr, ob durch technische Möglichkeiten ein gesellschaftlicher Wandel eingeleitet wird, der vorherrschende Strukturen und Hierarchiebeziehungen in Frage stellt und sich in den veränderten Strukturen des "Social Web" widerspiegelt.

Die Frage, die sich in ethischer Hinsicht stellt, ist, wie die Gesellschaft die Grenzen dieser Effekte definieren kann. Hier wird eine Diskussion um - auch interkulturell bedingte - Wertesysteme angeregt, die Frage nach Transparenz und Informationszugang ist eng mit Kultur einer Gesellschaft verknüpft. Hemmend sind insbesondere die Angst vor Kontrollverlusten und Machtabgabe. Mit zunehmender Selbstorganisation der Gesellschaft diffundiert die Macht jedoch in diese hinein, was zu einer Fragmentierung von Machtverhältnissen führt (auch innerhalb der Gesellschaft). Erst die Abgabe von Kontrolle im Hinblick auf Informationsfreigabe ermöglicht direkte Partizipationsprozesse und vermittelt das Gefühl der Einflussnahme von BürgerInnen, Communities und institutionellen AkteurInnen. Das gilt übrigens für die Wirtschaft wie die Verwaltung gleichermaßen, die Prinzipien wachsen zusammen.

"Open Data" für die Wirtschaft - ist das für Sie denkbar oder sind zu viele Widersprüche darin?

"Open Data" bietet für die Wirtschaft unterschiedliche Potentiale. Einerseits können Unternehmen auf der Basis von offenen Daten neue Applikationen entwickeln oder offene Datensätze für die Marktforschung heranziehen. Mit jedem veröffentlichten Datensatz steigen die Potentiale der Nutzung - da ja nicht nur die singuläre Nutzung betrachtet werden darf, sondern gerade in der Kombination von verschiedenen Datensätzen unterschiedlicher Herkunft die Innovationspotentiale liegen.

Die zentrale Frage für zukünftig erfolgreiche Unternehmen ist, was halte ich zurück und in welchen Bereichen öffne ich mein Unternehmen, um Innovation von Außen zu ermöglichen. Dies kann bis zur Freigabe von Patenten oder Programmcodes gehen, wie an zahlreichen erfolgreichen Beispielen zu sehen ist.

Philips hat beispielsweise eine gewisse Anzahl von Patenten freigegeben und in weiterer Folge beobachtet, ob sich ein Markt etabliert. Bei Erfolg ist Philips wieder in den Markt eingestiegen und hat Beratungsleistung verkauft. Selbst in mittleren Unternehmen finden sich Daten, die nicht verwendet werden, weil sich zum Beispiel der Fokus des Unternehmens verschoben hat, die Forschung nicht mehr finanziert werden konnte, dergleichen.

Selbst Apple hat sich von einem anfänglich geschlossenen System des iPhones zu einer "offeneren" aber auch kontrollierten Plattform weiterentwickelt; der Durchbruch des iPhones ist auf die Apps zurückzuführen - von den 200.000 Apps sind nur neun von Apple selbst entwickelt worden. Sie konzentrieren sich ausschließlich auf die Weiterentwickelung der Hardware und des Betriebssystems. In der Zwischenzeit ist der schnellst wachsende Mitbewerber auf einem offenerem System - Android - und Marktprognosen folgend werden Android-basierte Mobiltelefone noch dieses Jahr Apple vom zweitem Platz nach Blackberry verdrängen.

Unternehmen wie Proctore&Gamble, und damit ein Unternehmen nicht aus der IT-Branche, haben bis zu einem Drittel der Forschung auf externe Plattformen und Unternehmen ausgelagert. Dazu müssen aber natürlich interne Forschungsdaten zugänglich gemacht werden. Eine der erfolgreichen Forschungsplattformen dazu ist "Innocentive", auf welcher über 200.000 ForscherInnen ihre Forschungsexpertise darstellen, wodurch Problem und Lösung (Angebot und Nachfrage) optimiert wird. Unternehmen müssen daher zukünftig eine Ausgewogenheit von geschlossen, offen, gesteuert und anarchisch (ungesteuert) finden. Das ist von Branche, Unternehmenskultur und Geschäftsmodell abhängig. Geschlossene Systeme werden aber zukünftig aufgrund der geringeren Innovationsgeschwindigkeit leichter vom Markt entschwinden.

Welches Beispiel von "Open Data" aus der Wirtschaft spricht sie besonders an?

Ein mir sehr wichtiges Beispiel für Innovation aus "Open Data" und Crowdsourcing ist eines bereits aus dem Jahr 2000, sehr früh also. Das amerikanische Unternehmen Goldcorp hatte damals einen Wettbewerb ausgeschrieben, mit einem Preisgeld von 575.000 Dollar. Die Grundlage war die Öffnung und Weitergabe von unternehmenssensiblen Daten.

Bei diesem Wettbewerb formierten sich überraschend heterogene Teams: Studenten, Berater, Mathematiker oder auch Mitglieder des Militärs. Das Ergebnis war die Formulierung von 101 Zielen, von denen immerhin 50% vorher noch nicht bekannt waren. Die Steigerung des Unternehmenswerts von 100 Mio. auf 9 Mrd. Dollar wurde damals nicht zuletzt auf die innovative Form der Ideeneinholung und Innovationsgewinnung zurückgeführt.