22-6-2010 | Aus MONITOR 5/2010 Gedruckt am 24-10-2014 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/12929
Strategien

Semantic Web

Österreich im Semantik-Fieber

Semantic Web? War da nicht schon mal was? Hat sich das nicht schon wieder überholt? Aber nein! Semantic Web kommt endlich aus der akademischen Ecke heraus, wird praxisorientiert und gewinnt derzeit richtig an Fahrt - und Österreich spielt ganz vorne mit.

Dunja Koelwel

Bild: stock.xchng

Ungelöste Aufgaben kommen immer wieder und seit es Informationstechnologien gibt, sollen Computer uns bei unserer Arbeit unterstützen. Dazu müssen IT-Systeme die Nutzer, ihre Aufgaben und Themen verstehen - also die Logik der Aufgaben in ihrem verhalten und ihren Informationsangeboten widerspiegeln.

"Bei hochstrukturierten Routinearbeiten sind ERP-Systeme und spezialisierte Anwendungen sehr weit gekommen. Wissensarbeit lässt sich dagegen nicht einfach auf einen Prozessablauf reduzieren, die Bandbreite des benötigten Wissens ist viel größer, dementsprechend gibt es noch sehr große Defizite in der Unterstützung von wissensintensiven, schwach strukturierten Tätigkeiten", so Klaus Reichenberger, Geschäftsführer Business Development bei Intelligent Views, einem Anbieter für semantische Technologien.

Markus Linder, Geschäftsführender Gesellschafter bei Smart Information Systems GmbH: „Semantische Technologien sind keine Zukunftsmusik mehr, sondern schon heute im Einsatz, etwa bei Online-Produktberatern.” (Bild: Smart Information Systems)

Semantische Technologien adressieren dieses Problem direkt im Kern: Wissen wird nicht mehr vorab durch programmieren, sondern im Betrieb durch den Fachanwender eingebracht. Aber semantische Technologien erfordern ein Umdenken, deswegen ist Semantik, wie es ein Gartner-Analyst ausdrückt, ein "Slow moving field". Die geringen Ausbeute und hohe Komplexität akademischer Ansätze führte nämlich vor ein paar Jahren zu einer gewissen Enttäuschung, neue Dynamik kommt jetzt durch eine pragmatische Herangehensweise und erfolgreiche Projekte in Unternehmen herein.

Was ist eigentlich Semantic Web?

Das Semantische Web (englisch Semantic Web) ist eine Erweiterung des World Wide Web. Während das WWW eine Möglichkeit darstellt, alle Daten der Welt miteinander zu vernetzen, zeigt das Semantic Web einen Weg auf, um die Informationen der Welt auf der Ebene ihrer Bedeutung miteinander zu verknüpfen.

Ziel ist es, die strukturierten Daten in einer Form aufzubereiten, welche es Computern ermöglicht, weltweit alle Daten miteinander zu verknüpfen und als Ganzes zu verarbeiten, ähnlich der Abfrage einer globalen Datenbank. Zudem erlaubt ein Semantisches Web Computern, aus den vielen Informationen der weltweiten Daten Wissen herzuleiten und neues Wissen zu generieren. Ursprünge des Semantischen Web liegen auch im Forschungsgebiet der Künstlichen Intelligenz.

Web 2.0 und Web 3.0.

Klaus Reichenberger, Geschäftführer Business Development bei Intelligent Views GmbH: „Die geringe Ausbeute und hohe Komplexität akademischer Ansätze führte vor einigen Jahren zu einer gewissen Enttäuschung - neue Dynamik kommt jetzt durch eine pragmatische Herangehensweise und erfolgreiche Projekte in Unternehmen herein.” (Bild: Intelligent Views)

Das Semantische Web wird oftmals mit dem Web 2.0 in Zusammenhang gebracht. Während ersteres aber das Ziel hat, die Qualität vorhandener Informationen auf semantischer Ebene (Semantische Interoperabilität) zu verbessern, also technologiebezogen ist, beschreibt das letztere gesellschaftliche Massenphänomene wie Folksonomy, User Generated Content oder Crowdsourcing.

Eine Zusammenführung der Technologie des Semantischen Webs mit sozialen Ansätzen des Web 2.0 wird auch als "Social Semantic Web" oder als "Web 3.0" bezeichnet.

Status Quo

"Die derzeitigen Missverständnisse rund um semantische Technologie lassen sich zu einem Gesamtbild zusammenfassen: Viele sehen Semantik als etwas, was schlaue Ingenieure im Labor entwickeln, bis es dann irgendwann im Internet auftaucht und vollautomatisch Probleme löst, von denen wir bis daher noch nicht wussten, dass wir sie hatten - zum Beispiel die Verwaltung von Geschäftsprozessen in virtuellen unternehmen", so Klaus Reichenberger von Intelligent Views. Dass sich an diesem Bild derzeit etwas ändert, liegt zum Großteil an der Vorarbeit der Universitäten.

Zum Beispiel hat INiTS, der Universitäre Gründerservice Wien, über deren Start-Up-Unternehmen Kontakt zur Technischen Universität Wien, der Uni Wien, der Technischen Universität Graz und der Universität Innsbruck. An allen Standorten findet Forschung und Lehre zum Thema Semantic Web und Semantische Technologien statt. "Außerdem gibt es seit einigen Jahren eine spezielle Förderschiene, das FIT-IT Programm Semantic Systems, das Universität und Unternehmen gleichermaßen fördert", so Markus Linder, Geschäftsführender Gesellschafter bei Smart Information Systems, das einen Produktberater für Online-Shops, basierend auf semantischen Technologien, entwickelt hat.

"So kommt es auch, dass semantische Technologien mittlerweile sowohl in etablierten Unternehmen, hier vor allem bei der Suche, als auch bei Start-Ups zu Hause sind", erklärt Lukas Eysank von INiTS. "Als Schlüsselunternehmen und Forschungseinrichtungen in Österreich sind etwa das KnowCenter in Graz und die Semantic Web Company in Wien oder die Firma HKS zu nennen", so Klaus Reichenberger. Und Lukas Eysank von INiTS nennt dann auch gleich unternehmerische Erfolgsmodelle: "Ein Unternehmen, das sich etwa mit semantischen Technologien beschäftigt und unseren Inkubator erfolgreich verlassen hat, ist etwa Smart Information Systems. Außerdem wären weiters beispielhaft auch punkt.at für Suchservices, Seekdate für Datenintegration, m2n.at und Lixto für die Extration von Semantik und eben Smart Information Systems zu nennen."

Anwendende Unternehmen sind etwa die Firmen Wienerberger und Egger & Engel. Semantik hilft hier beispielsweise, eine Kundenanfrage zu beantworten, einem technischen Fehler in einem Produkt auf die Spur zu kommen oder in einem großen Unternehmen einen Ansprechpartner für Exportvorschriften mit dem Nahen Osten zu finden. Das kann dann beispielsweise beim bereits erwähnten Produktberater so aussehen, dass Kunden, etwa in Online-Shops wie Otto.de, natürlichsprachliche Anfragen stellen: "Ich suche eine gelbe Hose in Größe 38 ohne Taschen." Diese werden dann via Semantik in den Produktkatalog ‚übersetzt'.

Klaus Reichenberger: "Damit Semantik uns bei den Themen unseres Arbeitsalltags helfen kann, genügt es in Wirklichkeit auch nicht, dass sich Entwickler tolle Algorithmen ausdenken. Wir müssen selber aktiv werden und semantische Lösungen inhaltlich mitgestalten." Das ist seiner Auffassung nach auch nicht besonders schwierig, da niemand Logikformalismen oder die Formate (OWL, RDF-S, RIF etc.) verstehen müsse. Mit ein paar Grundsätzen, etwa dem Zusammenhalten von Informationen, und diese nicht redundant anlegen, sondern verknüpfen, könne man sich 80 % des Nutzens, den Semantik bieten kann, erschließen, meint Reichenberger.

Der deutschsprachige Raum, Deutschland, Österreich und die Schweiz, aber ganz besonders Österreich, haben interessanterweise hier eine Vorreiterrolle. Das hat unter anderem mit einer gewissen Forschungstradition zu tun. Die Fraunhofer Gesellschaft, aus der sich beispielsweise Intelligent Views vor über zehn Jahren ausgegründet hat, beschäftigt sich etwa seit den 80-iger Jahren mit Semantischen Technologien. "Die spannende Frage ist aber, wie lange werden diese Länder ihre Vorreiterrolle behalten? In den letzten zwei Jahren haben wir einen ausgenommen starken Anstieg der Aktivitäten in den USA registriert", so Klaus Reichenberger, Intelligent Views.

Lukas Eysank, Marketing & PR INiTS Universitärer Gründerservice Wien GmbH: „Vor einigen Jahren wurde bei Semantik nur von Technologien gesprochen, heute reden wir von Anwendungen.” (Bild: INiTS)

Denn im Bereich Semantischer Technologien sind öffentliche Stellen wichtig - die USA, Großbritannien und Australien führen hier gerade das Feld mit so genannten "Data-gov Initiativen an. "Dabei werden bereits öffentliche Daten (Budget, Volkszählungszahlen) auch als Open Linked Data zur Verfügung gestellt. Die Standardisierungsorganisation des Semantic Web, das World Wide Web Consortium (W3C), hat hier eine Initiative begonnen, um öffentliche Daten verfügbar zu machen. Jeder Bürger kann dadurch etwa Einsicht in die Arbeit ihrer Regierungen nehmen. In Österreich formiert sich gerade eine Gruppe, die sich diesem Thema annehmen will", so Lukas Eysank von INiTS.

Zukunft & Zeitrahmen

Semantische Technologien haben eine lange Vergangenheit und rücken heute ins Rampenlicht. "Der Einsatz wird kontinuierlich ansteigen, das ist ein Trend der fortgesetzt wird. In Österreich sind wir mit mehreren Startups und sinnvollen Fördermaßnahmen ausgestattet, ich sehe hier eine positive Zukunft", meint dazu Lukas Eysank.

Für Markus Linder von Smart Information System steht diese Zukunft auch schon ganz dicht davor: "Wir wollen die semantisch unterstützte Suche, die bis dato vor allem in geschlossenen Unternehmensumgebungen stattfindet, auf das gesamte Web übertragen. Wir haben hier auch schon einen Prototypen entwickelt, der intern bereits funktioniert." Nach Ansicht von Lukas Eysank ergeben sich auch Chancen für Investoren. "Wir haben in Österreich den Vorteil der kurzen Distanzen - die Unternehmen kennen sich und kooperieren, das ist definitiv ein Standortvorteil gegenüber größeren Ländern. Wer jetzt in ein Start-Up investiert hat vielleicht Chancen, beim ‚nächsten Google' dabei zu sein."

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