Als Philipp Reisner vor 11 Jahren auf der Suche nach einem Thema für seine Diplomarbeit war, konnte der junge Informatikstudent an der TU Wien höchstens ahnen, dass er dabei war, das ganz große Ding zu drehen. Eigentlich wollte er lediglich ein Mittel gegen die andauernden Ausfälle des TU-Mailservers erfinden.
Dieser sollte in einen hochverfügbaren Cluster mit zwei Knoten umgewandelt werden. In einem solchen Setup kann ein Rechner prinzipiell die Aufgaben des anderen übernehmen, sollte dieser ausfallen. Damit das funktioniert, müssen beide Clusterknoten aber zu jedem Zeitpunkt über den gleichen Datensatz verfügen. Und das ging damals nur mit SAN-Lösungen etablierter Hardwarehersteller, die für die TU schlicht unerschwinglich waren.
Philipp Reisner erdachte eine Lösung auf Softwarebasis: Wenn es auf beiden Maschinen ein Stück Software gibt, das den Abgleich der aktuellsten Daten mit dem jeweiligen Clusterpartner über eine vorhandene Netzwerkverbindung übernimmt - quasi ein RAID-1 über TCP/IP - ließe sich das Problem ohne teure Zusatzhardware lösen. Die Idee zu DRBD war geboren, und Reisners Diplomarbeit enthielt eine Codebase, die zumindest bewies, dass das erfundene Prinzip funktioniert.
Reisner setzte bewusst auf Linux: Zum einen hatte Linux Ende der Neunziger schon fast zehn Jahre Entwicklungszeit auf dem Buckel, zum anderen waren die Quellen für das Betriebssystem frei verfügbar. IBM schickte sich gerade an, Linux endgültig zum Durchbruch auf dem Servermarkt zu verhelfen. Genügend Gründe also, dem Pinguin eine Chance zu geben.
Durchschlagender Erfolg
So wie sich die Erfolgsgeschichte von Linux entwickelte, verbreitete sich auch DRBD immer weiter. 2001 gründete Philipp Reisner zusammen mit ein paar Kollegen die Linbit Information Technologies GmbH, die fortan die Rahmenbedingungen für die weitere Entwicklung von DRBD bestimmte. DRBD stand erstmals in einer Geschichte auf professionellen Beinen. Und die Technik hatte Potential. Schon kurz nach der Veröffentlichung der ersten Zeilen des DRBD-Quelltextes erreichten Philipp Reisner Patches und Verbesserungsvorschläge von Entwicklern aus aller Welt - dieser Effekt hält bis heute an. Linbit wuchs kontinuierlich, wurde zum Systemhaus und etablierte sich auf dem noch jungen Markt der Linux-Dienstleistungen.
DRBD liegt mittlerweile in Version 8.3.7 vor und hat als eines der ganz wenigen Softwareprodukte aus Österreich weltweite Verbreitung erlangt. Überall vertrauen IT-Entscheider und Systemadministratoren ihre Daten der freien und offenen Replikationslösung an, die mitten in Wien (Meidling) entwickelt wird. Den offiziellen Ritterschlag erhielt das Produkt, als Linux-Erfinder Linus-Torvalds DRBD offiziell in den Linux-Kern 2.6.33 aufnahm.Und Linbit ruht sich auf den Lorbeeren nicht aus.
Die Pflege von Heartbeat
2008 gründete das Linbit-Team die Linbit HA-Solutions GmbH, in deren Hände alle Teilaspekte des Linbit-Geschäfts gelangten, die mit DRBD zu tun haben. Dazu gehört die Entwicklung von DRBD genauso wie das Anbieten von Support-Verträgen, Consulting und Schulungen rund um das Thema Linux und Hochverfügbarkeit. Die Gründung einer Tochterfirma in den Vereinigten Staaten war ein weiterer Meilenstein in der Linbit-Geschichte. Über Partnerschaften mit anderen prominenten Unternehmen ist Linbit auch im Asiatischen Raum - insbesondere in Japan - vertreten.
Dass man das Thema Hochverfügbarkeit mit viel Sicherheit und Leidenschaft angeht, zeigt die Übernahme der Pflege des Cluster-Managers Heartbeat. Linbit adoptierte das verwaiste Heartbeat-Projekt Anfang 2010 und hauchte ihm neues Leben ein. Thematisch passen DRBD und Heartbeat wunderbar zusammen - beide Projekte sind integrale Bestandteile von umfassenden Hochverfügbarkeitslösungen für Linux. Weiterhin beteiligt Linbit sich an anderen Projekten in diesem Umkreis: Dazu gehört zum Beispiel Pacemaker, der aufsteigende Stern am Horizont der Clustermanager für Linux.
Der Autor Martin Gerhard Loschwitz ist Technical Consultant bei Linbit




1/2012
8/2011
7/2011


bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen, war nach dem Studium der Wirtschafts- wissenschaften, Organisation und Informatik zunächst mehrere Jahre als Gruppen- und Projektleiter an einem Institut für angewandte Informatik beschäftigt. Heute ist er in vielfältiger Form als freiberuflicher Management- und Organisationsberater sowie in der Weiterbildung tätig. Schwerpunktmäßig geht es dabei um die Einführung, Entwicklung und Beratung für den praxisgerechten Computereinsatz. 