Im Zuge des WBF-Expertenforums 2010 setzten sich österreichische und internationale ExpertInnen der unterschiedlichsten Fachdisziplinen mit insgesamt 129 Studien auseinander, die zwischen Februar 2009 und Jänner 2010 weltweit publiziert wurden. In die Prüfung miteinbezogen wurden auch sämtliche – bisher veröffentlichte – Teilergebnisse der Interphone Studie.
Nach eingehender Prüfung der Studienlage sowie intensiver Diskussion kamen die ExpertInnen einstimmig zu dem Ergebnis, dass nach aktuellem Stand zwar vereinzelte Effekte durch den Mobilfunk beschrieben wurden, eine Gesundheitsgefährdung jedoch bisher nicht – wissenschaftlich schlüssig – nachgewiesen werden konnte.
Demnach bezeichnet sich eine zunehmende Zahl von Menschen als überempfindlich gegenüber hochfrequenten elektromagnetischen Feldern; diese Überempfindlichkeit kann in Laborexperimenten nicht bestätigt werden. Störungen der Befindlichkeit durch hochfrequente elektromagnetische Felder der Mobilfunkeinrichtungen können nach heutigem Kenntnisstand ausgeschlossen werden.
Die wissenschaftliche Erforschung möglicher Auswirkungen von Mobilfunktelefonen (und auch Mobilfunkbasisstationen) auf kognitive Fähigkeiten ist bislang zu keinen schlüssigen Ergebnissen gekommen. Die Mehrheit der vorhandenen Studien deutet darauf hin, dass es durch die genannten Expositionsarten zu keinen Beeinträchtigungen kognitiver Funktionen kommt.
Es gibt Hinweise, dass spezifische Funktionen unter Expositionsbedingungen verändert werden (z.B. Verkürzung der Reaktionszeit). Eine naturwissenschaftliche Erklärung für diese Ergebnisse liegt derzeit nicht vor.
Die aktuelle Datenlage zeigt für einzelne Parameter (EEG, ERP, EP, Blut-Hirn-Schranke, PET, rCBF) unterschiedliche Veränderungen unter/nach Exposition, die entweder keine physiologische Relevanz haben oder nicht interpretierbar sind. Eine Relevanz für die Gesundheit konnte bisher nicht nachgewiesen werden.
Eine einzige vorliegende Studie zeigte in-vitro bei reduzierten Probentemperaturen (21 Grad) eine signifikante Verminderung der Spermienvitalität und –motilität durch Befeldung mit hochfrequenten elektromagnetischen Feldern (1800 MHz) vergleichbar mit jenen des Mobiltelefons.
Univ.-Prof. Dr. Christian Wolf, Leiter der Arbeitsmedizinischen Ambulanzen an der Wiener Universitätsklinik für Innere Medizin II und Stellvertretender Vorsitzender des WBF, betont in diesem Zusammenhang: „Aus unserer Sicht ist die Studie kein Grund zur Besorgnis – dafür sprechen folgende Umstände: 1. wurden die Untersuchungen im Reagenzglas durchgeführt, 2. bei Bedingungen weit unter der natürlichen Körpertemperatur des Menschen und 3. handelt es sich um eine Studie, die für sich allein nicht wissenschaftlich aussagekräftig ist und die überdies in anderen Studien nicht in diesem Ausmaß bestätigt wurde. Es besteht die Möglichkeit, dass thermische Effekte für die beschriebenen Wirkungen verantwortlich zeichnen.“
Der Inhalt der vorgelegten Studien erlaubt auch keine eindeutige Aussage über Gefährlichkeit oder Ungefährlichkeit einer Exposition (Schwierigkeiten und Probleme bei der Identifikation und Quantifizierung der Risikofaktoren) gegenüber Mobiltelefonie in Bezug auf das Risiko für Hirntumore, Leukämie, M. Alzheimer und Brustkrebs. Insbesondere für eine Aussage bezüglich eines karzinogenen Effektes ist die Beobachtungs- (Expositions-) Zeit noch zu kurz.
Offene Fragen bestehen weiterhin zu folgenden Aspekten:
- Grundlagenforschung zu Mechanismen und Modellen
- Studien zu möglichen Langzeiteffekten bei Kindern und Erwachsenen
- Weitere dosimetrische Untersuchungen zur Energieaufnahme im menschlichen Körper.
Grundsätzlich wird ein umsichtiger Umgang bei der Verwendung neuer Technologien gefordert.



1/2012
8/2011
7/2011


Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. 